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Umwelt

Was Pandemien verhindern kann

Eine Pandemie wie Corona kann wieder ausbrechen, warnen Experten. Denn es gibt eine Krise hinter der Coronakrise. Dabei geht es um Wälder, Tiere und unsere Art zu leben.

12.07.2020 vonThomas Krumenacker

Eine Pandemie wie Corona kann wieder ausbrechen, warnen Experten. Denn es gibt eine Krise hinter der Coronakrise. Dabei geht es um Wälder, Tiere und unsere Art zu leben.

Warnungen hat es frühzeitig gegeben. Schon vor mehr als 15 Jahren spielten Wissenschaftler im Auftrag der EU-Kommission die Folgen verschiedener Katastrophenszenarien durch. Was passiert, wenn der Golfstrom durch den Klimawandel abbricht? Was, wenn der ungebremste Verbrauch fossiler Brennstoffe die Energie knapp werden und die Ölpreise explodieren lässt? Und was wären die Folgen der weltweiten Ausbreitung einer Infektionskrankheit – einer Pandemie? Ergebnis der Planspiele: Klimawandel oder Ölpreisschock stürzen die Welt in eine Krise. Eine Pandemie kann sie in die Katastrophe führen. Die Experten hielten zur Vorsorge einer Pandemie auch Empfehlungen bereit. Die lassen sich auf einen kurzen Nenner bringen: mehr Naturschutz! Die Bewahrung der biologischen Vielfalt müsse national und international ganz oben auf die Tagesordnung, um tödlichen Pandemien vorzubeugen, mahnten die Forscher.

Doch wie hängen Umweltzerstörung und Pandemien zusammen? Der Schlüsselbegriff zum Verständnis lautet „Zoonosen“: Krankheiten und Infektionen, die zwischen Mensch und Tier übertragbar sind. Das kann durch Bakterien, Parasiten und Pilze geschehen – oder eben durch Viren wie dem neuartigen Corona-Virus SARS-CoV-2.

Menschen kommen Wildtieren zu nahe

Zoonosen sind ein ernstes Problem: 60 Prozent aller bekannten Infektionskrankheiten haben einen tierischen Ursprung. Von den neu auftretenden Infektionskrankheiten sind es sogar 75 Prozent. Der allergrößte Teil gelangt über Wildtiere zum Menschen. Diesen Weg nahm wohl auch das neuartige Coronavirus, das seinen Ursprung nach bisherigem Stand der Forschung wahrscheinlich in einer Hufeisenfledermaus oder einem Marderhund hat und möglicherweise über ein anderes Tier als sogenanntem Zwischenwirt auf den Menschen übertragen wurde. Und hier kommen Umweltzerstörung sowie die Ausbeutung der Natur durch den Handel mit Wildtieren ins Spiel. Voraussetzung für eine Übertragung der Erreger von Tieren auf Menschen sind Nähe und Kontakt. Beides wird durch das immer stärkere Vordringen der Menschen in unberührte Lebensräume erst ermöglicht.

Zoonosen – gefährliche Erreger

Zoonosen sind Krankheiten und Infektionen, die auf natürliche Weise zwischen Menschen und Wirbeltieren übertragen werden. Sie können durch verschiedene Erreger entstehen:

  • Salmonellen, Borreliose und EHEC etwa werden durch Bakterien ausgelöst, Infektionskrankheiten wie Toxoplasmose oder Trichinose haben Parasiten wie Fadenwürmer als Urheber.
  • Auch Pilze und Prionen (infektiöse Eiweißpartikel) können Krankheitserreger sein, beispielsweise des Rinderwahnsinns BSE.
  • Die neben Bakterien bekanntesten zoonotischen Krankheitserreger sind Viren. Sie sind verantwortlich für Infektionskrankheiten wie Tollwut, Vogelgrippe und FSME bis hin zu HIV, Ebola und nun COVID-19.
  • Auf die 13 wichtigsten Zoonosen entfallen weltweit 2,2 Millionen Todesfälle und 2,4 Milliarden Erkrankungen.

(Quelle: Friedrich-Löffler-Institut)

Nun haben sich Mensch und Viren in den Jahrtausenden der Evolution vielfach miteinander arrangiert, täglich kommen wir mit Viren in Kontakt, an die sich der Körper angepasst hat. „Zoonosen entstehen erst, wenn neue Erreger auftreten, an die das Immunsystem nicht angepasst ist“, erläuterte die Evolutionsbiologin Simone Sommer von der Universität Ulm kürzlich in einer Experten-Anhörung des Bundestags. Durch die vom Menschen gestörten Ökosysteme kämen Arten in Kontakt, die sich unter natürlichen Bedingungen niemals begegnet wären. Als Beispiel für solche Störungen nennt sie die Rodung von Regenwald für Monokulturen, auf denen Soja, Ölpalmen oder Zuckerrohr angebaut werden.

Die Zerstörung der Umwelt durch Abholzen, Bergbau sowie die massive Ausdehnung der Landwirtschaft gelten als Ausgangspunkte von Pandemien.

Pandemien vorbeugen: Vielfalt schützen statt Wälder abholzen

Führende Experten des Weltbiodiversitätsrates IPBES sprechen in einer gemeinsamen Erklärung sogar von „geradezu perfekten Bedingungen“, die der Mensch geschaffen habe, dass Krankheitserreger von der Tierwelt auf den Menschen übergreifen. Als Ursachen führen sie unter anderem das ungebremste Abholzen von Wäldern, die unkontrollierte Ausdehnung der Landwirtschaft sowie den Bergbau an. Das Problem werde sich weiter zuspitzen, wenn nicht mit mehr Schutz der verbliebenen biologischen Vielfalt gegengesteuert werde, warnt Josef Settele, einer der Autoren und Professor am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle. „Wir reduzieren die Barrieren zwischen dem Menschen und den Wirtstieren, in denen solche Viren natürlicherweise zirkulieren“, sagt er. „Wir können damit rechnen, dass es weitere Erreger mit zum Teil noch gravierenderen Auswirkungen geben wird, denn die große Mehrheit an Krankheitserregern harrt noch der Entdeckung.“

Experte warnt vor Wildtiermärkten

Auch der Biologe Joachim Spangenberg sieht die anhaltende Zerstörung von Ökosystemen als Einfallstor für Viren und andere Mikroorganismen. Der Vize-Präsident des Sustainable Research Institute (Seri) in Köln verweist aber auf ein weiteres Problem: „Noch höher ist die Wahrscheinlichkeit aber da, wo Wildtiere und Menschen in großer Dichte zusammenkommen.“ Ideale Bedingungen bieten deshalb Vieh- und Wildtiermärkte. Auf solchen Märkten wurden auch in China bis zum Ausbruch der Pandemie Millionen Tiere unterschiedlichster Art und Herkunft auf engstem Raum und unter katastrophalen hygienischen Bedingungen zum menschlichen Verzehr gehandelt. Auch das Corona-Virus wurde erstmals auf einem solchen Markt in der chinesischen Millionenstadt Wuhan nachgewiesen. Mittlerweile hat China alle Märkte auf unbestimmte Zeit geschlossen.

Auf Wildtiermärkten geht es eng zu, wodurch die Ausbreitung von Viren begünstigt wird.

Brennpunkt Massentierhaltung

Doch das Problem der Tierhaltung auf engstem Raum ist nicht auf China begrenzt. Es gilt genauso für die hierzulande praktizierte Massentierhaltung, die Tierkrankheiten nur mit der Verabreichung von Antibiotika in großen Mengen unterdrücken kann – mit möglichen schwerwiegenden Gesundheitsfolgen für den Menschen. So ergab eine Stichproben-Kontrolle von Germanwatch bei Hähnchenfleisch aus Discountern im vergangenen Jahr, dass mehr als jede zweite Probe (56 Prozent) mit antibiotikaresistenten Erregern belastet war. Jede fünfte Probe wies sogar mehrere dieser Erreger auf. Und mehr als jede dritte Probe war mit Resistenzen gegen sogenannte Reserveantibiotika kontaminiert, also jener Spezialantibiotika, die kranken Menschen helfen sollen, wenn andere Antibiotika nicht mehr anschlagen. Hähnchenproben aus Hofschlachtungen wiesen dagegen fast keine, Öko-Hähnchen aus handwerklicher Schlachtung überhaupt keine resistenten Erreger auf.

Gefahr durch exotische Haustiere

Eine weitere Form der Ausbeutung der Natur mit gefährlichen Folgen für die Artenvielfalt und die Gesundheit der Menschen ist der Handel mit Wildtieren. Deutschland ist nach einer gerade veröffentlichten Studie der Organisation Pro Wildlife für das Bundesumweltministerium einer der Hauptabsatzmärkte für exotische Haustiere. Und damit lauert in manchem deutschen Wohnzimmer eine bisher unterschätzte Gefahr, glauben Experten. „Wir wissen überhaupt nicht, welche Erreger sie mitbringen“, warnte die Virologin Isabella Eckerle in einer Analyse für den Umweltausschuss des Bundestags. Klar sei, dass darunter auch welche seien, die für Menschen gefährlich werden könnten, sagte die Professorin am Zentrum für neuartige Viruserkrankungen der Uniklinik Genf. Wie Isabella Eckerle sprechen sich zahlreiche Experten aus Gründen des Arten- und Gesundheitsschutzes für ein umfassendes Importverbot für Wildtiere aus. „Ich glaube, dass wir mit dem Import von Wildtieren eine Büchse der Pandora öffnen“, warnt Eckerle.

Virenexport: Experten halten den Handel mit wilden Tieren wie Bunthörnchen für sehr riskant.

Politik denkt über mehr Naturschutz nach

Mittlerweile stößt die Forderung nach einem stärkeren Engagement für den Naturschutz in Teilen der Bundesregierung auf Zustimmung. Bundesumweltministerin Svenja Schulze erklärte, die Naturzerstörung sei die Krise hinter der Corona-Krise. Deshalb müsse international mehr Geld für den Schutz der biologischen Vielfalt aufgebracht werden. Innerhalb der Bundesregierung wird erwogen, die deutschen Zusagen dafür beim bevorstehenden Weltbiodiversitätsgipfel zu verdoppeln. Auch mit Blick auf den Handel mit exotischen Wildtieren kündigte die SPD-Politikerin Überprüfungen der bestehenden Bestimmungen mit dem Ziel an, die Nachfrage hierzulande zu senken.

Etwas länger brauchte das Bundeslandwirtschaftsministerium von Julia Klöckner (CDU). Ein direkter Zusammenhang zwischen Naturschutz und Pandemien wurde dort zunächst als Spekulation bezeichnet und sogar aus einer Stellungnahme der Bundesregierung gestrichen, wie das Online-Naturmagazin „Die Flugbegleiter“ berichtete. Später erklärte das Ministerium dann aber, dass es wichtig sei, den weltweiten Wissensstand zum Zusammenhang zwischen Naturschutz und der Zunahme neuer Infektionskrankheiten zu erweitern.

„Biologische Vielfalt ist ein Bollwerk gegen Pandemien“

Welche Rolle spielt der Naturschutz im Kampf gegen Pandemien? Wir sprachen mit dem Ökologen Dr. Arnulf Köhncke dem Leiter des Fachbereichs Artenschutz beim WWF Deutschland.

Zum Interview

Links zum Weiterklicken

www.campact.de

Hier kann man den Appell „Rettet den Amazonas“ unterzeichnen.

www.de-ipbes.de

Die deutsche Koordinierungsstelle des Weltbiodiversitätsrats (ipbes) informiert über Biodiversität und Epidemien.

www.prowildlife.de

Infos zu Wildtierhandel, Pandemien und Naturschutz.

www.riffreporter.de

Informationen von Umwelt- und Wissenschaftsjournalisten zu Corona, Pandemie und Biodiversität, ausgezeichnet von der UN-Dekade zur Biologischen Vielfalt.

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