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Umwelt

Ist der Wald noch zu retten ?

Wälder helfen uns im Kampf gegen den Klimawandel. Doch im Moment brauchen sie selbst Hilfe.

01.07.2020 vonMichael Billig

Wälder helfen uns im Kampf gegen den Klimawandel. Doch im Moment brauchen sie selbst Hilfe.

Mehr als 30 000 Bäume sollten am Wurmberg im Harz gepflanzt werden. Drei Wochen waren dafür eingeplant, Unterkünfte schon organisiert. Fast 300 freiwillige Helfer wurden erwartet. Doch dann kam die Coronakrise und der Verein „Bergwaldprojekt“, der das sogenannte Pflanzcamp mit den Landesforsten Niedersachsen organisiert hat, musste Absagen verschicken. Es soll jetzt im Herbst nachgeholt werden. Da wird es noch immer genug zu tun geben.

Trockenheit, Sturm und Borkenkäfer schwächen den Wald

Denn der Wald, für den die Jungbäume bestimmt sind, hat erhebliche Verluste erlitten. Er besteht wie viele Wälder in Deutschland überwiegend aus Fichten. Den Flachwurzlern setzte erst ein Sturm, dann anhaltende Trockenheit zu. Geschwächt wie sie waren, gab ihnen der Borkenkäfer schließlich den Rest. 80 Hektar Wurmberger Wald wurden deshalb abgeholzt. Im Kampf gegen den Klimawandel stehen diese Bestände nicht mehr zur Verfügung, denn sie können kein Kohlendioxid mehr aufnehmen.

Doch nicht nur den Bäumen im Harz geht es schlecht. Mindestens 245 000 Hektar Wald sind in Folge der Dürrejahre 2018 und 2019 in Deutschland abgestorben. Erstmals seit dem Baumsterben in den 1980ern gingen Bestände wieder „flächenhaft“ verloren, berichtet die Wissenschaftlerin Nicole Wellbrock vom Thünen-Institut für Waldökosysteme. Am stärksten betroffen sei die Fichte. Aber auch ein Laubbaum wie die Buche, bisher weniger auffällig, sei von Hitze- und Trockenstress gezeichnet. Der Kronenzustand habe sich bei allen Baumarten verschlechtert, das heißt, dass die Bäume weniger Blätter bilden. Ihre Kronen lichten von Jahr zu Jahr mehr aus, ein deutliches Zeichen für das Leiden des Waldes. Und: Das Absterben geht vermutlich noch weiter. „Schädigungen offenbaren sich meist erst mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung“, sagt Forscherin Wellbrock.

Borkenkäfer sind ein großes Problem. Sie befallen besonders gerne Fichten.

Waldbrände setzen Kohlendioxid frei

Große Schäden richtete auch Feuer an. 2018 zählte die Bundesregierung exakt 1708 Waldbrände in Deutschland. Das waren mehr als drei Mal so viele wie im Jahr zuvor. 2019 musste Mecklenburg-Vorpommern den größten Waldbrand seiner Geschichte bekämpfen. In diesem Jahr wurde bereits im April in einigen Regionen der Republik die höchste Warnstufe ausgerufen. Die ersten Wälder standen auch schon in Flammen und das CO2 , das sie über Jahre und Jahrzehnte gespeichert hatten, wurde in kurzer Zeit freigesetzt.

Bäume schützen das Klima - Zahlen und Fakten

  • Im weltweiten Vergleich ist der deutsche Wald mit 11,4 Millionen Hektar eher klein. Rund um den Globus sind 2,8 Milliarden Hektar Land bewaldet. Mit viel Luft nach oben, wie Forscher der ETH Zürich in einer Studie von 2019 errechnet haben.
  • Die Forscher halten eine Aufforstung auf einer Fläche von insgesamt 0,9 Milliarden Hektar, ein Gebiet so groß wie die USA, für möglich.
  • Laut ihrer Rechnung könnten diese Wälder dann 205 Milliarden Tonnen Kohlenstoff aufnehmen, was zwei Drittel der menschengemachten CO2 -Emissionen entspreche.
  • Die Forscher verraten auch, wo eine Aufforstung am besten möglich sei: in Russland, USA, Kanada, Australien, Brasilien und China.
  • Im deutschen Wald sind 1,23 Milliarden Tonnen Kohlenstoff gebunden. Das Potenzial ist sicherlich auch hier noch nicht ausgeschöpft.

Bäume brauchen dringend Regen und Totholz

Was die Wälder also dringend brauchen, ist Regen. Seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881 hat sich die mittlere jährliche Niederschlagsmenge in Deutschland zwar um rund zehn Prozent erhöht. Doch 2018 war mit 583,3 Litern pro Quadratmeter das vierttrockenste Jahr in dieser langen Zeitspanne. Nur 1959, 1921 und 1911 gab es weniger Niederschlag. Mit 735 Litern fiel 2019 wieder etwas mehr Regen, aber offensichtlich nicht genug. „Es kann Jahre dauern, bis das Defizit aus 2018 und 2019 ausgeglichen ist“, sagt der Biologe und Waldforscher Pierre Ibisch von der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE).

Umso mehr ist der Wald auf seine Reserven angewiesen. Davon gibt es normalerweise reichlich. Der Waldboden ist ein riesiger Wasserspeicher. Mit seinen feinen Gängen, Hohlräumen und Poren wirkt er wie ein Schwamm. Abgestorbene Stämme oder Äste, die zu Boden stürzen und sich dort langsam zersetzen, können sich mit Wasser vollsaugen. Das bedeutet aber auch: Mit jedem Kubikmeter Holz, den die Forstwirtschaft aus dem Wald holt, trocknet sie ihn ein stückweit aus. Auch deswegen plädiert Waldbiologe Ibisch dafür, absterbende Bäume stehen und totes Holz liegen zu lassen. „Sie können Bäumen in ihrer Nachbarschaft helfen, zu überleben“, sagt der Wissenschaftler, der die betroffenen Flächen der natürlichen Sukzession, der Aufforstung durch die Natur, überlassen würde. „Standortgerechte Bäume können sich entwickeln und neuer Humus kann sich bilden“, sagt Ibisch. All das trage zur Wasserspeicherung im Wald und nicht zuletzt zu seiner Abkühlung bei.

In einem Forst ist Totholz aber etwas, das im Weg liegt. Hier zählt freie Fahrt für Erntemaschinen. Wirtschaftswege zerschneiden den Wald und reißen Lücken in sein Kronendach, durch die dann die Hitze einfällt. „In offenen Kiefernplantagen sind die maximalen Temperaturen im Schnitt acht Grad höher als in einem biomassereichen Buchenwald“, berichtet Ibisch von eigenen Messungen in Brandenburg. Stark genutzte Wälder seien anfälliger für Trockenstress, Schädlingsbefall und Waldbrände.

Industrie: heiß auf Holz

Die Sägeindustrie ist jedoch geradezu heiß auf Fichte und Kiefer. In Deutschland werden jährlich rund 120 Millionen Kubikmeter Holz verbraucht. Rund die Hälfte wird stofflich genutzt, etwa zur Herstellung von Möbeln, Papier, Verpackungen und Zellstoffen. Wegen ihrer technischen Eigenschaften sind in diesen Bereichen Nadelhölzer so begehrt. Die andere Hälfte, 60 bis 70 Millionen Kubikmeter, wird verfeuert. Auch ohne Waldbrände. Der größte Teil ist Altholz, etwa aus Gebäudeabrissen und Sperrmüllsammlungen, das in Kraftwerken verheizt wird. Rund 16 Millionen Kubikmeter aber sind Scheitholz, das in Öfen und Kaminen von Privathaushalten landet. Dieses Holz stammt direkt aus dem Wald – größtenteils von Laubbäumen. Also ausgerechnet von den Baumarten, die für die Zukunft des Waldes stehen und nun auch unter den Dürren schwächeln.

Das hilft dem gestressten Wald

Doch was hilft nun dem von Dürre und Stürmen gestressten Wald? Als Patentrezept für die Rettung gilt sein Umbau: weniger Nadelholz, mehr Laubbäume. „Wir brauchen klimaanpassungsfähige, naturnahe und nachhaltig bewirtschaftete Mischwälder“, sagte Bundeswaldministerin Julia Klöckner (CDU) beim Nationalen Waldgipfel vor gut einem Jahr. Von den 11,4 Millionen Hektar Wald in Deutschland besteht knapp die Hälfte aus Misch- und reinem Laubwald. Fichten und Kiefern sind aber weiterhin die dominanten Arten und werden noch immer angebaut. Ob sich das wirklich ändern wird? Es sind Zweifel angebracht, denn der wissenschaftliche Beirat, der die Regierung in Waldfragen berät, empfahl noch 2016 in einem Gutachten, den Anteil von Nadelbäumen zu erhöhen. In Wurmberg jedenfalls sollen auf den Kahlflächen Bergahorn und Buchen gepflanzt werden. Vor rund 300 Jahren hatte man damit begonnen, sie durch schnellwachsende Fichten zu ersetzen. Der Bergbau, der in der Region boomte, verlangte danach. Und der Wald musste liefern. Heute besinnt man sich auf heimische Arten.

Der BUND fordert eine ökologische Kehrtwende im Umgang mit Deutschlands Wäldern. Der Wald müsse dringend schonender bewirtschaftet werden. Auch Forschungs- und Förderinstitutionen vertreten diese Position. In einem Hintergrundpapier der HNEE, der Naturwald Akademie in Lübeck und der Deutschen Umweltstiftung, das Ende März veröffentlicht wurde, wird ein düsteres Zukunftsszenario gezeichnet: „Es besteht das Risiko, dass die Forstwirtschaft durch ungeeignete waldbauliche Strategien und zu starke Holznutzung dazu beiträgt, dass die Wälder zur Quelle von Treibhausgasen werden.“ Der deutsche Wald als

CO2 -Schleuder? Eine bedrückende Vorstellung.

Waldbiologe Ibisch von der HNEE sieht auch den Verbraucher in der Pflicht: „Wir sollten unseren Holzkonsum überdenken.“ Etwa den Papierverbrauch senken, auf kurzlebige Holzprodukte verzichten, weniger Holz verheizen. Der Forscher ist überzeugt: „Wir müssen den Druck vom Wald nehmen, wenn wir ihn schützen wollen.“

„Der Wald braucht eine Verschnaufpause“

Was hilft dem Wald? Wir sprachen mit Nicola Uhde, Expertin für Waldpolitik beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

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