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Fischfang heizt das Klima auf

Grundschleppnetze fischen nicht nur die Meere leer, sie wirbeln auch den Meeresboden auf. Das klingt harmlos, hat aber schlimme Folgen fĂŒr das Klima.

28.07.2021 vonLeo FrĂŒhschĂŒtz

Grundschleppnetze fischen nicht nur die Meere leer, sie wirbeln auch den Meeresboden auf. Das klingt harmlos, hat aber schlimme Folgen fĂŒr das Klima.

Krabben, Scholle, Steinbutt, Seelachs und Kabeljau werden gerne gegessen. Das hat nicht nur fĂŒr die FischbestĂ€nde katastrophale Folgen. Das Problem: Krabben, Scholle & Co. leben auf dem Meeresboden oder schwimmen knapp darĂŒber. Um sie zu fangen, verwendet man Grundschleppnetze. Diese werden von den Fangschiffen, sogenannten Trawlern, ausgesetzt. Gewichte ziehen ein solches Netz in die Tiefe, zwei tonnenschwere Scherbretter halten es offen und hinterlassen bis zu 30 Zentimeter tiefe Pflugspuren im Boden. Die Rollen an der Unterseite des Netzes lassen es leichter ĂŒber den Grund gleiten, scheuchen Fische am Boden auf und treiben sie ins Netz. „Die Ökosysteme werden umgepflĂŒgt und zerstört, das ist eine Katastrophe“, sagt Greenpeace-Meeresexperte Thilo Maack. Gleichzeitig landet bei dieser Fischereimethode besonders viel Beifang im Netz, also Fische und Pflanzen, die der Fischer gar nicht will. Sie werden noch auf hoher See tot ĂŒber Bord geworfen.

Die Ökosysteme werden umgepflĂŒgt und zerstört, das ist eine Katastrophe.

Thilo Maack, Greenpeace-Meeresexperte

Wie Schleppnetze das Klima schÀdigen

Seit Jahren kĂ€mpfen deshalb Greenpeace und andere Organisationen gegen diese Fangmethode. Dabei haben sie jetzt ein weiteres Argument auf ihrer Seite. Der Fischfang mit Grundschleppnetzen setzt weltweit jedes Jahr doppelt so viel klimaschĂ€dliches Kohlendioxid (CO2) frei wie in Deutschland ausgestoßen wird. Insgesamt 1,5 Milliarden Tonnen. Ausgerechnet haben das Meeres- und Klimawissenschaftler aus den USA in einer im MĂ€rz veröffentlichten Studie. „Meeresböden sind der grĂ¶ĂŸte Speicher an organischem Kohlenstoff auf unserem Planeten und entscheidend fĂŒr dessen langfristige Fixierung“, heißt es in der Arbeit. Denn alles, was an lebenden Organismen im Wasser stirbt, sinkt auf den Meeresboden und bleibt dort – und diese Organismen bestehen, wie wir Menschen auch, vor allem aus Kohlenstoffverbindungen.

Auch manche kleine Schiffe wie Fischkutter arbeiten mit Grundschleppnetzen.

WĂŒhlen Schleppnetze diesen kohlenstoffreichen Boden auf, stĂŒrzen sich Algen und andere Mikroorganismen auf den jetzt fein verteilten Staub, der ihnen als NĂ€hrstoff serviert wird. Sie verdauen die Kohlenstoffverbindungen und stoßen CO2 aus. Dessen Konzentration im Wasser erhöht sich, weshalb das Meer weniger CO2 aus der AtmosphĂ€re aufnehmen kann. Das ist fatal, denn die Ozeane ziehen etwa 27 Prozent des menschgemachten CO2 aus der Luft. Ohne diesen Entzug wĂŒrde die globale Temperatur noch viel rascher steigen. „Besonders stark ist die CO2-Freisetzung in flachen KĂŒstengewĂ€ssern in 50 bis 100 Metern Tiefe“, erklĂ€rt der Meeresbiologe Rainer Froese vom Geomar Helmholtz-Zentrum fĂŒr Meeresforschung in Kiel. Denn in dieser Tiefe gebe es noch Licht und dieses beschleunigt die Kohlenstoffverdauung.

Grundschleppnetze zerstören Korallen

In der Tiefsee dagegen, die ebenfalls mit Grundschleppnetzen befischt wird, gibt es kein Licht. Hier lĂ€uft dieser Prozess sehr viel langsamer ab – und damit auch die CO2-Freisetzung. „Doch hier zerstören die Netze unwiederbringlich extrem empfindliche Ökosysteme wie Tiefseekorallen“, warnt Froese. Der Meeresbiologe Ă€rgert sich, dass diese Umweltzerstörung weltweit auch noch subventioniert wird. „In Deutschland etwa zahlen Fischer wie Landwirte keine Mineralölsteuer fĂŒr ihren Diesel.“ Ohne diese Subvention wĂŒrde sich das sehr energieaufwĂ€ndige Fischen mit Grundschleppnetzen nicht mehr rentieren, ist sich Froese sicher. Denn fĂŒr jedes Kilogramm gefangener Garnelen verbraucht ein Trawler nach Zahlen der WelternĂ€hrungsorganisation FAO mehr als einen Liter Diesel.

Fischfang geht auch nachhaltig – wir verraten euch, auf welche Siegel ihr euch verlassen könnt.

Fisch-Labels: eine Übersicht

Wie kann Fischfang klimafreundlicher werden?

Seine Kollegen aus den USA empfehlen in ihrer Studie Meeresschutzgebiete auszuweisen und in diesen die Fischerei zu verbieten. Ihren Berechnungen zufolge wĂŒrde es genĂŒgen, 3,6 Prozent der weltweiten MeeresflĂ€che unter Schutz zu stellen, um die Kohlendioxidfreisetzung durch Fischfang um 90 Prozent zu verringern. Allerdings wĂ€ren das ausgesuchte FlĂ€chen insbesondere entlang der chinesischen KĂŒste und der europĂ€ischen AtlantikkĂŒste. Denn dort lagert viel Kohlenstoff in den Sedimenten und die angrenzenden Staaten verfĂŒgen ĂŒber große Trawlerflotten, die den Boden durchpflĂŒgen. Doch es ist wenig wahrscheinlich, dass diese Staaten die Fischerei so stark einschrĂ€nken.

Ist Aquakultur die Lösung?

  • Von den knapp 180 Millionen Tonnen Fisch, die laut WelternĂ€hrungsorganisation FAO weltweit gefangen und gezĂŒchtet werden, stammt gut die HĂ€lfte aus Aquakultur, also aus Zuchtteichen an Land oder aus KĂ€figen im Meer.
  • Die VerhĂ€ltnisse in diesen Anlagen gleichen denen der Massentierhaltung. Deshalb entstanden eigene Richtlinien fĂŒr Bio-Fischzucht, die den Tieren mehr Platz geben und naturnahe Teiche statt kahler Betonbecken verlangen.
  • Futter fĂŒr die Fische: Raubfische wie Lachs und Forelle brauchen zum Wachsen tierisches Eiweiß; Allesfresser wie Pangasius und Tilapia bekommen es meist auch, damit sie schneller Gewicht zulegen. Die Proteine stammen zumeist aus dem industriellen Fang von Kleinfischen wie Sardellen, die zu Fischmehl und -öl verarbeitet werden. 2018 waren das laut FAO 22 Millionen Tonnen.
  • FĂŒr Bio-Fische gilt, dass deren Fischration aus nachhaltigem Fang oder der Verarbeitung von FischabfĂ€llen stammen muss.
  • UneingeschrĂ€nkt sei nur Karpfen zu empfehlen, schreibt Greenpeace. Denn der stammt aus Deutschland und kommt mit pflanzlichem Futter aus.

Warum Wissenschaftler Schutzgebiete fĂŒr Fische fordern

Meeresschutzgebiete können noch viel mehr. Sie schĂŒtzen die Vielfalt der Arten und sorgen dafĂŒr, dass FischbestĂ€nde sich erholen. Von MangrovenwĂ€ldern und Seegraswiesen weiß man, dass sie die „Kinderstube“ vieler Fischarten sind. Auch diese Effekte haben die Wissenschaftler in der Studie berechnet und geeignete Gebiete fĂŒr solche SchutzrĂ€ume benannt. Sie kamen dabei zu einem paradox anmutenden Ergebnis: WĂŒrde ein Drittel der MeeresflĂ€che unter Schutz gestellt, könnten Fischereiflotten in den verbleibenden zwei Dritteln sogar ein Zehntel mehr Fisch fangen als bisher auf der gesamten FlĂ€che – ohne die BestĂ€nde zu gefĂ€hrden.

Die meisten vorgeschlagenen Schutzgebiete liegen in der 200-Meilen-Zone vor der KĂŒste. Dieser 370 Kilometer große Bereich wird auch „Ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ)“ genannt, weil dem angrenzenden KĂŒstenstaat das alleinige Recht zur wirtschaftlichen Nutzung einschließlich des Fischfangs zusteht. Das heißt, die Nationalstaaten mĂŒssten große Bereiche ihres Meeresgebietes aus der Nutzung nehmen und dort die Fischerei und die Ausbeutung von Rohstoffen verbieten. „Nur so lassen sich Arten, LebensrĂ€ume und die Gesundheit der Ozeane erhalten“, betont Greenpeace-Experte Thilo Maack.

Warum Deutschland kein gutes Beispiel ist

Wie wenig das funktioniert, zeigt das Beispiel Deutschland. Die Bundesregierung hat 30 Prozent der MeeresflĂ€chen in der AWZ unter Schutz gestellt – aber Rohstoffabbau, Fischerei und andere Eingriffe weiterhin erlaubt. Das Ergebnis sind ĂŒberfischte BestĂ€nde, zerstörte Riffe und SandbĂ€nke sowie verpulverte Subventionen.

ErnÀhrung: Leinsaat statt Hering?

Fisch gilt als gesund, weil er die langkettigen Omega-3-FettsĂ€uren EPA und DHA enthĂ€lt, die Herz und Kreislauf stĂ€rken. Die Deutsche Gesellschaft fĂŒr ErnĂ€hrung empfiehlt deshalb ein- bis zweimal die Woche Fisch zu essen, insgesamt 220 Gramm. Um das zu erreichen, mĂŒssten die Deutschen ihren Fischkonsum verdoppeln – und das geben die Meere nicht mehr her. Denn ein Drittel der BestĂ€nde weltweit sind ĂŒberfischt, schreibt die WelternĂ€hrungsorganisation FAO. Die meisten anderen werden bereits bis an die Grenze ihrer LeistungsfĂ€higkeit ausgebeutet. Meeresforscher warnen seit Jahren vor einem Kollaps. Deshalb sollte bei uns weniger Fisch auf den Tisch. Pflanzliche Öle etwa Leinöl, Walnussöl oder Hanföl liefern Alpha-LinolensĂ€ure (ALA), aus der unser Körper EPA und DHA herstellen kann.

Das können Verbraucher tun

Solange die Politik nicht entschlossen handelt, kommt es auf die Verbraucherinnen und Verbraucher an. Ein bisschen Einfluss haben sie, denn sie könnten Fisch, der nicht nachhaltig gefischt wurde, in TiefkĂŒhltruhe und KĂŒhlregal liegen lassen. Hilfe dabei gibt der Fischratgeber der Umweltschutzorganisation WWF. Der Bio-Anbauverband Naturland und die Organisation Friend of the Sea etwa schließen fĂŒr die von ihnen zertifizierten Fischereien Grundschleppnetze aus. Auch die Sortimentsrichtlinien des Bundesverbandes fĂŒr Naturkost Naturwaren (BNN) verbieten diese Fangtechnik. Sie gelten fĂŒr Bio-LĂ€den, die dem Branchenverband angehören.

Erlaubt sind Grundschleppnetze allerdings beim wohl bekanntesten Zertifizierer fĂŒr nachhaltige Fischerei, dem Marine Stewardship Council (MSC). „FĂŒr bodennah lebende Fische wie Kabeljau oder Seelachs gibt es aktuell keine alternativen Fangmethoden, die genauso effektiv und selektiv fischen“, erklĂ€rt MSC-Managerin Vivien Kudelka auf der Webseite der Organisation und fĂŒgt hinzu: „Der weitaus grĂ¶ĂŸte Teil des Meeresfisches auf dem deutschen Markt kommt heute aus Grundschleppnetzfischereien.“ Deshalb erlaube der MSC diese Fangtechnik und sorge mit Auflagen wie grĂ¶ĂŸeren Maschen oder Gebietskartierungen dafĂŒr, dass deren UmweltschĂ€den verringert wĂŒrden. FĂŒr den Meeresbiologen Rainer Froese sind das „kosmetische Verbesserungen, doch am Grundproblem dieser Fangtechnik Ă€ndert das nichts.“

Mehr zum Thema

  • Der WWF gibt Hilfe fĂŒr den nachhaltigen Fisch-Einkauf.
  • Daten und Fakten ĂŒber unseren Umgang mit dem Ozean stehen im Meeresatlas 2017.
  • Hier geht's zum Helmholtz-Zentrum fĂŒr Ozeanforschung in Kiel
  • „The End of the Line“ Britischer Doku-Film ĂŒber eine Welt ohne Fisch
  • „Seaspiracy“ – Doku ĂŒber den weltweiten Fischfang und seine negativen Auswirkungen

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