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Mode

Mein Kleiderschrank-Projekt

Weniger Kleidung besitzen und endlich etwas zum Anziehen haben? Klingt paradox, funktioniert aber – wenn man seinen eigenen Stil gefunden hat. Ein Selbstversuch.

19.12.2017 vonMonika Herbst

Ist das peinlich! Ich habe in meinem Kleiderschrank eine original verpackte Nylon-Strumpfhose gefunden, auf der noch ein D-Mark-Preis steht. Der Euro wurde vor 16 Jahren eingeführt. Seitdem hoffe ich also, dass der Anlass kommen wird, zu dem ich diese Strumpfhose tragen werde. Eins steht fest: Ich muss dringend meinen Kleiderschrank ausmisten. Ich gehe die Teile durch und überlege, ob ich sie noch tragen will.

Dummerweise beantworte ich diese Frage fast immer mit „ja“ und lege den kratzenden Pulli und die zu eng gewordene Hose wieder zurück. Kleidung auszurangieren, die noch gut ist, kann ich nur schwer mit meinem Umweltgewissen vereinbaren. Wenn ich einkaufen gehe, dann meist in einem kleinen Öko-Fair-Fashion-Laden in meiner Stadt. Oft nehme ich dort spontan mit, was mir gefällt, ohne wirklich darüber nachzudenken, ob es zu meinen vorhandenen Kleidungsstücken passt. Das Ergebnis: ein voller Schrank mit vielen schönen Einzelteilen – und nie etwas zum Anziehen. Das ist weder nachhaltig noch praktisch.

Mit Wasserfarben könnt ihr einen Farbkreis ganz einfach selbst erstellen.

Überzeugt davon, dass es Wichtigeres gibt, habe ich mich mit Mode- und Stilfragen nie intensiv beschäftigt. Die Folge: Von einem eigenen Stil bin ich etwa so weit entfernt, wie Pippi Langstrumpf vom Chanel-Kostüm. Und so bleibt es oft bei einer langweiligen und wenig befriedigenden Jeans-Pulli-Kombi. Da ich als Freiberuflerin Zuhause arbeite, sieht das ja niemand. Bei offiziellen Terminen oder Abendveranstaltungen bin ich allerdings ziemlich aufgeschmissen. Dabei besitze ich durchaus auch Blazer, Stoffhosen oder Röcke, aber ich kann sie nicht so kombinieren, dass ich mich darin wohlfühle. Dass es nicht trivial ist, sich schön zu kleiden und dass man sich wirklich damit beschäftigen muss, wird mir klar, als ich durch Zufall auf das Buch „Das Kleiderschrank-Projekt“ der Psychologin und Mode-Bloggerin Anuschka Rees stoße.

Die Leserinnen sollen mit ihrer Hilfe ihren eigenen Stil finden und fortan immer gut angezogen sein. Das Besondere: Es soll mit deutlich weniger Kleidung als vorher funktionieren. Das möchte ich auch! Warum das so ist, wird mir klar, als ich in genanntem Kleiderschrank-Buch auf das Kapitel mit den Farben stoße. Die Autorin empfiehlt, ein Farbkonzept zu erstellen. Dies sei ein elementarer Bestandteil des eigenen Stils und sorge dafür, dass man die einzelnen Stücke gut kombinieren könne. Aber welche Farben soll ich nehmen? Ich liebbäugle ebenfalls mit Blau und mit Petrol, meinen Lieblingsfarben bei Kleidung. Aber sonst? Was passt dazu?

Aha-Erlebnis mit Primärfarben

Im Internet stoße ich auf das Prinzip des Farbkreises. Aus den drei Primärfarben Rot, Gelb und Blau entstehen durch mehrfaches Mischen insgesamt zwölf verschiedene Farben, die in einem Kreis angeordnet werden. Welche Farben miteinander harmonieren, ist in der Kunst und der Mode ähnlich. Wer starke Kontraste möchte, wählt gegenüberliegende Farben wie Lila und Gelb oder Rosa und Hellgrün. Gut funktionieren auch Farben, die nebeneinander liegen, wie Blau, Petrol und Grün.

Mein erstes Aha-Erlebnis: Durch den Farbkreis inspiriert, probiere ich eine Petrol-Grün-Kombi, zwei Shirts übereinander – und bin begeistert vom Ergebnis.Für ein vollständiges Farbkonzept brauche ich neben meinen Hauptfarben Blau und Petrol, die der Mittelpunkt der Outfits sein werden, noch Akzent- und neutrale Farben. Die neutralen Farben sollen zu allem passen. Bei mir könnte es zum Beispiel Weiß, Hellgrau und Denim sein. Fehlen noch die Akzentfarben, ohne die ein Outfit schnell langweilig wird, wie ich lerne. Gut geeignet seien diese vor allem für Accessoires und „Statement-Teile“ (wieder so ein Modebegriff. Gemeint sind auffällige Teile, die für Abwechslung in der Garderobe sorgen). Wieder ein Aha-Erlebnis: Dank der Akzentfarben kann ich knallige Accessoires wählen, die trotzdem zu allem passen.

Schick oder praktisch?

Auch wenn es einfach klingt: Der Weg zum eigenen Farbkonzept war lang und arbeitsintensiv. Erst sollte ich jeden Tag mein Outfit fotografieren, um herauszufinden, was ich gerne trage, was mir gut steht und was ich noch optimieren kann. Im nächsten Schritt geht es darum, Outfits zu sammeln, die ich gut finde. In Modemagazinen, -blogs oder einfach auf der Straße. Dabei sind nicht nur die Farben wichtig, sondern auch die Materialien wie Baumwolle, Seide oder Leder und die Schnitte, wie der A-linienförmige oder der eng anliegende Rock. Oft ist die Kleidung schick – passt aber nicht wirklich in mein Leben. Ich mag zum Beispiel Marlenehosen. Da ich viel mit dem Fahrrad unterwegs bin, kann ich sie nicht anziehen, da sie dafür zu weit geschnitten sind. Ich erinnere mich an eine Verkäuferin, die auf den Einwand mit dem Fahrrad leicht pikiert bemerkte, dass die Frauen heutzutage immer praktisch und bequem angezogen sein wollten und keinen Wert mehr auf Schick legten.

Schick oder praktisch? Ich finde, es muss beides sein. Auch Autorin Rees sieht das so und schreibt, dass man in jedem Outfit gehen, laufen und tanzen können sollte. Und da kommen die Outfit-Formeln ins Spiel. Das sind Kombinationen, die man gerne trägt und mit verschiedenen Kleidungsstücken umsetzen kann. Das kann zum Beispiel die ausgestellte Jeans zur ärmellosen Bluse und zur Strickjacke sein oder der Bleistiftrock zu Strickpulli und Blazer. Als ich im Internet und in Modebüchern nach für mich passenden Outfit-Formeln stöbere, bin ich schnell genervt. Überall heißt es: „x Teile, die man diese Saison tragen muss.“ Schon klar, die Modeindustrie lebt von Trends. Zum Glück weiß ich die Autorin des Kleiderschrank-Projekts an meiner Seite, die klar macht, dass guter Stil auch ganz ohne Trends funktioniert. Also halte ich mich lieber an meine Fotosammlung. Am Ende habe ich mir zwei Outfit-Formeln überlegt: ein Kleid, das oberhalb des Knies endet, zu Strickjacke und Stiefeln. Die zweite Formel: eine enge Hose mit einem langen, engen Shirt und einem kürzeren, weiteren Oberteil. Lagenlook. Das kurze Kleid und die enge Hose sind ideal fürs Fahrradfahren, genauso wie der klassische Kurzmantel, den ich gerne darüber tragen möchte.

Nur behalten, was glücklich macht

Vor dem Einkauf folgt noch eine letzte große Hürde: das Aussortieren. Das fällt mir wirklich schwer. Autorin Rees bestätigt, dass das ganz normal sei. Schließlich müssten wir uns in dem Moment, indem wir etwas aussortieren, auch eingestehen, dass es ein Fehlkauf gewesen sei oder dass wir in die Hose nie wieder reinpassten. Ich wappne mich für mein Projekt, in dem ich mir Mantra-artig vorsage, dass ich nur die Kleidungsstücke behalten will, die ich gerne trage und die mich glücklich machen. Alles, was nervt oder nicht passt, kommt weg und damit alle Teile, die zu eng sind, kratzen, ausgeleiert, löchrig oder verblichen sind. Kleidungsstücke, die nicht zu meinem neuen Stil passen, kommen auf einen extra Stapel: Trennung auf Probe.

Die Sachen, die noch gut sind, bringe ich zum Charity-Shop. Dort werden die schönsten Stücke verkauft und mit dem Erlös Hilfsprojekte finanziert. Das ist deutlich nachhaltiger – und sinnvoller – als sie länger ungetragen im Schrank zu lassen.Auch wenn der eigene Stil nicht über Nacht kommt und mein Kleiderschrank durchaus noch minimalistischer sein könnte, hat sich in wenigen Wochen viel verändert: Ich habe neue Accessoires gekauft, einen Schal und einen Gürtel, beides korallfarben, und bin begeistert, dass sie zu allen Kleidungsstücken passen und die Outfits nicht nur deutlich interessanter, sondern auch weiblicher machen.

Das Einkaufen ist nach der vielen Vorarbeit ein Kinderspiel. Oder vielmehr: das Nicht-Einkaufen. Versuchungen wie Sonderangebote lassen mich kalt, kratzende Wolljacken oder zu kurze Hosen hänge ich sofort zurück, egal wie sehr die Verkäuferin versucht, sie schönzureden. Ab jetzt dürfen nur noch wenige ausgewählte Lieblingsteile in meinen Schrank. Das ist gut für mich – und für die Umwelt.

In sechs Schritten zum reduzierten Kleiderschrank

  1. Dokumentation: Fotografieren Sie zwei Wochen lang täglich Ihr Outfit.
  2. Inspiration: Halten Sie in Modezeitschriften und Blogs oder auf der Straße nach schönen Outfits Ausschau, die sie fotografieren und auf Ihrem Rechner ablegen. Schauen Sie, welche Materialien, Schnitte und Farben sich wiederholen.
  3. Farbkonzept: Wählen Sie mindestens zwei Haupt-, drei Akzent- und eine neutrale Farbe aus, die Sie gut miteinander kombinieren können.
  4. Outfit-Formeln: Entscheiden Sie sich für zwei bis vier Kombination, die Ihrem Stil entsprechen. Beispiel für eine Outfit-Formel: Enge Jeans plus Tunika plus Ankle-Boots.
  5. Aussortieren: Holen Sie alle Kleidungsstücke aus dem Schrank. Zurück dürfen nur die, die beim Tragen wirklich Freude machen. Wenn Sie unsicher sind, fragen Sie eine Freundin oder machen Sie ein Foto, um sich von außen zu betrachten.
  6. Einkaufen: Kaufen Sie nur fehlende oder zu ersetzende Teile. Achten Sie auf gute Qualität, Öko-Mode und Vintage-Stücke. Grundregel: Neue Kleidungsstücke müssen zu mindestens drei vorhandenen passen.

Mehr zum Thema

Webseiten und Blogs

  • Inspiration für Outfit-Formeln und mehr gibt es in den sehr lesenswerten Blogs www.recklessly-restless.com und (auf Englisch) bei der Autorin des Kleiderschrank-Projekts www.anuschkarees.com
  • www.fairwertung.de
    Wichtig beim Aussortieren gebrauchter Kleidung: Oft täuschen Sammler gemeinnützige Ziele vor, wollen in Wahrheit aber nur Geld verdienen. Informationen dazu und gemeinnützige Sammlungen in der Nähe

Bücher

  • Heike Holdinghausen: Dreimal anziehen, weg damit: Was ist der wirkliche Preis für T-Shirts, Jeans und Co?
    Taschenbuch: 224 Seiten, Westend Verlag
  • Anuschka Rees: Das Kleiderschrank-Projekt: Systematisch zum eigenen Stil und zu bewusstem Modekonsum
    Gebundene Ausgabe: 272 Seiten, DuMont Verlag

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