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Kolumne

Das große Getümmel

Was nimmt man sich vor für ein Jahr, das sich nicht planen lässt? Unser Kolumnist Fred Grimm fragt sich, wie wir den Kampf für eine bessere Welt ohne Demonstrationen und Kongresse organisieren können.

01.01.2021 vonFred Grimm

Was nimmt man sich vor für ein Jahr, das sich nicht planen lässt? Unser Kolumnist Fred Grimm fragt sich, wie wir den Kampf für eine bessere Welt ohne Demonstrationen und Kongresse organisieren können.

Weihnachtsmärkte, die Feiertage im Familienkreis, Silvester – für viele steht der Jahresausklang normalerweise im Zeichen des großen Getümmels: geprägt durch festliche Mahlzeiten, Besuche, Begegnungen, Reisen. Für Menschen, die alleine sind, fühlt sich diese Zeit dagegen noch einsamer an als sonst. Die Feiertage sind auch die Zeit der Sorgentelefone und der großen Traurigkeit. Im vergangenen Jahr sind beide Extreme enger aneinandergerückt. Auf einmal wurde es um uns alle ziemlich einsam, und jetzt kommt mit dem Januar auch noch die wirklich stille, dunkle Zeit, in der nicht mal mehr die Weihnachtslichter leuchten.

Was nimmt man sich vor für ein Jahr, das sich kaum planen lässt? Vor allem, wenn es nicht um Familie, Freunde oder um die beruflichen Wege geht? Der Kampf für eine bessere Welt, die solidarische Gemeinschaft, wie sie sich bei Demonstrationen oder Kongressen erleben lässt, findet in diesen Wochen auf andere, kompliziertere Weise statt. Normalerweise wären in diesem Januar in Berlin wieder Zehntausende auf die Straße gegangen, um anlässlich der Grünen Woche, dem jährlichen Branchentreffen der „Aggro-Industrie“, die überfällige Wende einzufordern: Das Ende einer hochsubventionierten Form der Landschaftsvernichtung und Zerstörung der Artenvielfalt, das Aus für eine Form der Tierhaltung, die Verachtung gegenüber den Mitgeschöpfen mit pervertiertem Renditestreben paart.

Waren wir wirklich laut genug?

Fred Grimm

Es wäre schön gewesen, hätte man sich auf der „Wir haben es satt“-Demo Gehör verschaffen können, denn es ist viel zu still um eine Branche geworden, die jährlich 20 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung einbringt, aber der Gesellschaft Umweltkosten in Höhe von mindestens 100 Milliarden aufdrückt. Das jedenfalls ergab eine Studie der Boston Consulting Group. Erst im Oktober einigten sich die Landwirtschaftsministerinnen und -minister der EU-Staaten darauf, dass dieses System auch in den kommenden Jahren nicht angetastet werden soll, also weiterhin beispielsweise Versicherungskonzerne, Rüstungs- oder Möbelunternehmen als spekulierende Landbesitzer Subventionen in Millionenhöhe erhalten, während sich die Investitionen in die Weiterentwicklung der Bio-Landwirtschaft wie gewohnt im mikroskopischen Bereich bewegen.

Vielleicht ist diese dunkle, stille Zeit ja die beste, um all diese Zusammenhänge und Zahlen noch einmal in Ruhe zu studieren und die vergangenen Proteste zu diesem Thema zu hinterfragen. Haben wir die richtigen Ideen entwickelt? Sind unsere politischen Freunde zu schnell zufrieden gewesen? Wissen und Kreativität gedeihen in der ruhigen Zeit besonders gut. Nutzen wir diesen Monat und tanken wir Kraft und Klugheit für die vielen Kämpfe, die auf uns warten. Das große Getümmel kommt schneller zurück als man es sich gerade vorstellen kann.

Fred Grimm

Der Hamburger Fred Grimm schreibt seit 2009 auf der letzten Seite von Schrot&Korn seine Kolumne über gute grüne Vorsätze – und das, was dazwischenkommt. Als Kolumnist sucht er nach dem Schönen im Schlimmen und den besten Wegen hin zu einer besseren Welt. Er freut sich über die rege Resonanz der Leser und darüber, dass er als Stadtmensch auf ein Auto verzichten kann.

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