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Gesetzlose Gentechnik?

Die Agro-Gentechnik macht Bio-Herstellern das Leben schon jetzt schwer. Und es könnte noch härter kommen.

Ein Mann mit Brille vor grauem Hintergrund
Leo Frühschütz

Testen, testen, testen. Damit konnte sich die Bio-Branche bisher gut vor gentechnisch veränderten Pflanzen schützen. Doch diese Strategie könnte schon bald nicht mehr funktionieren ...

Warum Bio auf Gentechnik verzichtet

Als vor gut 25 Jahren die ersten gentechnisch veränderten (gv) Pflanzen auf den Markt kamen, musste die Bio-Branche aufwendige Sicherungssysteme aufbauen. Nur so konnte sie verhindern, dass gv-Sojabohnen, gv-Mais oder andere gv-Pflanzen ihre Produkte verunreinigten. Bio-Landwirte und Verarbeiter verzichten komplett auf gentechnisch veränderte Zutaten. Denn der menschliche Eingriff in das Erbgut von Lebewesen widerspricht den Prinzipien des Öko-Landbaus und kann Risiken bergen.

Das Testen von Futtermitteln, Honig & Co. kostet viel Geld, macht die Produkte teurer und schafft doch keine hundertprozentige Sicherheit. Gelegentlich finden sich in Bio-Lebensmitteln Spuren von Verunreinigungen. Bis 0,1 Prozent werden sie auch in der Bio-Branche toleriert.

Taifun: „Eigenes Saatgut“

Mann mit Bart in weißem Hemd

„Gentechnikfreiheit beginnt mit dem Saatgut. Deshalb hat Taifun mit der Uni Hohenheim eigene Sorten entwickelt, die mit dem hiesigen Klima zurechtkommen und gute Eiweißqualität für den Tofu liefern. Wir lassen das Saatgut anbauen, kontrollieren es und verteilen es an über 100 Vertragslandwirte. Nach der Ernte lassen wir von jeder Anlieferung Proben ziehen und untersuchen Stichproben davon. Nur selten finden wir Spuren von Verunreinigungen. Hundertprozentig lassen sie sich auch mit der besten Qualitätssicherung nicht vermeiden. Wird das Gentechnikrecht aufgeweicht, wächst für Bio-Landwirte und Verarbeiter das Risiko einer Kontamination. Das ist kontraproduktiv, wenn man wie die EU-Kommission mehr Bio will.“

Valentin Jäger, Qualitätsmanager bei Taifun

So ist Gentechnik in der EU geregelt

Die Gentechnik-Verordnungen der EU erlauben gentechnisch veränderte Lebensmittel, verlangen aber ein Zulassungsverfahren. Dieses gilt weltweit als streng, auch wenn es Kritikern nicht strikt genug ist. Für jeden zugelassenen gentechnisch veränderten Organismus (GVO) muss dessen Hersteller Referenzmaterial liefern, damit Überwachungslabore Nachweisverfahren entwickeln können. Zudem müssen GVO und damit hergestellte Produkte gekennzeichnet werden, damit Konsumenten, Landwirte und Hersteller zwischen Produkten mit und ohne Gentechnik wählen können.

So sind die neuen Gentechniken geregelt

Diese Verordnungen gelten auch für neue gentechnische Verfahren wie Crispr/Cas. Das hat der Europäische Gerichtshof 2018 entschieden. Aus Vorsorgegründen, weil sie nicht sicher genug seien, und um die Wahlfreiheit zu erhalten.

Das sollen Crispr/Cas & Co. leisten

Mit den neuen Verfahren lassen sich gezielt einzelne Gene im Erbgut verändern. Das erlaubt tiefe Eingriffe in die Pflanze, die mit der alten Gentechnik nicht möglich waren. Molekularbiologen und Gentech-Konzerne schwärmen von Pflanzen, die resistent gegen Krankheiten wären und dadurch Pestizide einsparen würden. Andere Pflanzen könnten die durch den Klimawandel zunehmenden Dürren überstehen oder mehr gesunde Nährstoffe enthalten. Dabei seien die neuen Verfahren ebenso sicher wie die herkömmliche Züchtung, aber viel schneller, behaupten ihre Befürworter.

Sonnentracht: „Jede Charge untersuchen“

Frau mit Brill in weißer Bluse

„Bienen sammeln Nektar und Pollen. In Honig aus Südamerika finden sich immer wieder Pollen von gentechnisch verändertem (gv) Soja, das dort in großem Stil angebaut wird. Unsere Lieferanten in Mexiko und im südlichen Brasilien wirtschaften in großen Naturreservaten, da ist das Risiko eines Eintrags sehr gering. Dennoch lassen wir jede Charge unserer Honige aus Übersee auf mögliche gv-Pollen untersuchen. Auch von den EU-Honigen nehmen wir gelegentlich Stichproben, weil etwa in Rumänien das Risiko von illegalem gv-Soja-Anbau besteht. Doch die beste Qualitätssicherung ist das Hinfahren. Je besser man weiß, woher das Produkt kommt und je besser die Beziehung zu den Imkern, desto sicherer ist die Qualität.“

Karin Lang, Geschäftsführerin Sonnentracht

Das plant die EU-Kommission

Die EU-Kommission hat sich diese Argumente zu eigen gemacht und setzt auf die neue Gentechnik. Wie die Befürworter der Technik befürchtet sie, dass die Zulassungsverfahren zu lange dauern könnten und dass die Menschen als Gentechnik gekennzeichnete Produkte ablehnen würden. Deshalb will die Kommission diese Verfahren aus dem Gentechnikrecht herausnehmen.

Einen Fahrplan für das Vorhaben hat sie schon vorgestellt: Sie will im zweiten Quartal 2022 eine öffentliche Konsultation starten und im zweiten Quartal 2023 ihren Verordnungsvorschlag vorlegen. Dem müssten dann die Mitgliedsstaaten und das EU-Parlament zustimmen.

Warum die neuen Gentechniken Bio gefährden

Bioland-Präsident Jan Plagge sieht durch die Pläne der EU-Kommission die Bio-Landwirtschaft in Gefahr: „Bio-Bauern, -Hersteller und Händler von Bio-Lebensmitteln brauchen Kennzeichnung und Wahlfreiheit, um Verbraucherinnen und Verbrauchern weiterhin Lebensmittel ohne Gentechnik anbieten zu können.“ Denn wenn bei Gurken, Tomaten oder Äpfeln nicht mehr bekannt ist, ob jemand ihr Erbgut verändert hat, können solche Pflanzen auch in den Bio-Anbau gelangen. Zudem würden Verunreinigungen zunehmen und wären kaum nachzuweisen, da die nötigen Analyseverfahren fehlen. Kurz: Die Bio-Branche könnte ihr Versprechen, ohne Gentechnik zu wirtschaften, kaum noch einhalten.

Gesellschaft für ökologische Tierernährung: „Schnelltest bei jedem Lkw“

Mann mit Brille und dunklem Jaket

„Das meiste Futter für deutsche Bio-Tiere kommt von unseren Bio-Futter- und Ölmühlen. Die Sojabohnen in den Rationen für Bio-Schweine und Bio-Geflügel liefern häufig Betriebe in Osteuropa, die von Naturland und Bioland kontrolliert werden. Wir können die Bohnen bis auf die Betriebe rückverfolgen, die zudem regelmäßig besucht werden. Trotzdem wird jede 25-Tonnen-Lkw-Fuhre, die in den Mühlen ankommt, mit einem Schnelltest auf gv-Soja gecheckt. Nach acht Fuhren schicken die Mühlen zusätzlich eine Mischprobe ins Labor. Wir prüfen auch bei jedem Lkw, welche Ware er die letzten drei Fuhren gefahren hat. War konventionelles Soja dabei, geht sofort eine Probe ins Labor und die Ware in Quarantäne.“

Dirk Vollertsen, Geschäftsführer der Gesellschaft für ökologische Tierernährung (Goete e.V.)

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