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Kann Gentechnik nachhaltig sein?

Die neuen Gentechniken könnten den Hunger besiegen und den Einsatz von Pestiziden reduzieren, versprechen Gentechnik-Konzerne. Doch es sind Zweifel angebracht.

27.08.2020 vonLeo Frühschütz

Die neuen Gentechniken könnten den Hunger besiegen und den Einsatz von Pestiziden reduzieren, versprechen Gentechnik-Konzerne. Doch es sind Zweifel angebracht.

In der schönen neuen Gentechnik-Welt wachsen Pflanzen, die resistent sind gegen Viren und Pilze. Sie kommen mit Hitze, Trockenheit sowie salzigen Böden zurecht und enthalten mehr Nährstoffe, gesündere Fettsäuren oder weniger Allergene als ihre Vorgänger. Diese Welt malen Gentechnik-Forscher, Agrarkonzerne und ihre Lobby-Organisationen in bunten Farben an die Wand. Sie verfolgen damit ein klares Ziel: Die neuen Gentechniken wie die Gen-Schere Crispr/Cas als nachhaltig verkaufen und so salonfähig machen. Ihr Problem: Der Europäische Gerichtshof hat im Juli 2018 entschieden, dass auch Produkte der neuen Gentechnik nach dem EU-Gentechnikrecht zugelassen werden müssen. Das aber möchten die Konzerne nicht. Sie drängen auf eine Änderung der Zulassungsregeln, damit neue Gentechnikpflanzen schneller auf den Markt kommen können, ohne aufwendige Sicherheitsprüfung und ohne jede Kennzeichnung. Doch wie nachhaltig ist Gentechnik wirklich?

„Gentechnik als angebliche Lösung für Klimakrise, mehr Nachhaltigkeit und weniger Pestizide ist ein altes, aber haltloses Heilsversprechen derjenigen, die gentechnisch veränderte Pflanzen verkaufen wollen“, sagt Alexander Hissting. Der Geschäftsführer des Verbandes Lebensmittel ohne Gentechnik erinnert damit an die Versprechungen, mit denen Monsanto & Co. vor 25 Jahren die ersten gentechnisch veränderten Pflanzen auf den Markt brachten.

Eines der Versprechen lautete, mit Gentechnik den Pestizideinsatz zu verringern. Tatsächlich setzten die Landwirte kurzfristig weniger Spritzgifte ein, als sie erstmals glyphosatresistente Sojabohnen anbauten oder Bt-Mais und Bt-Baumwolle, die Schädlingsgifte produzierten. Doch dann stieg die Pestizidmenge auf den Gentechnikäckern rasant an. Denn immer mehr Unkräuter und Schadinsekten wurden resistent und die Landwirte bekämpften sie mit verstärkten Giftduschen. Für die USA hat das der Agrarökonom Charles Benbrook von der Washington State University in mehreren Untersuchungen schon vor Jahren nachgewiesen. Anfang 2020 erschien eine Studie, die den Anbau gentechnisch veränderter Bt-Baumwolle in Indien bilanzierte. Ihr Ergebnis: mehr Kunstdünger, mehr Insektizide und keine besseren Ernten. Einer ihrer Autoren war K. R. Kranthi, der als früherer Direktor des indischen Baumwoll-Instituts lange Bt-Baumwolle propagiert hatte.

Ein weiteres Versprechen: Gentechnik hilft gegen den Welthunger. Doch bisher sind die wichtigsten gentechnisch veränderten (gv) Pflanzen Soja, Mais, Raps und Baumwolle. Davon ist lediglich Mais ein Grundnahrungsmittel. Soja dient in erster Linie als Viehfutter und blockiert damit Ackerflächen, auf denen pflanzliche Lebensmittel wachsen könnten. Zudem hat die rasante Ausbreitung von gv-Soja in Südamerika die Landkonflikte dort massiv verschärft. Mehrere Studien zeigen auch, dass gv-Pflanzen Kleinbauern abhängiger vom Markt machten, weil sie mehr Geld für Saatgut, Dünger und Pestizide ausgeben mussten. Als völliger Flop erwies sich die einzige bisher mit Gentechnik entwickelte dürretolerante gv-Pflanze, der Mais MON 87460 von Monsanto. Die ansonsten gentechnikaffine südafrikanische Regierung lehnte 2019 dessen Zulassung ab. Ihre Begründung: Der Gentech-Mais bringe den Landwirten keinen zusätzlichen Nutzen. Längst widerlegt ist auch die Behauptung, gv-Pflanzen brächten höhere Erträge. Christof Potthof, der für das Gen-ethische Netzwerk die Agro-Gentechnik lange begleitet hat, zieht ein ernüchterndes Fazit: „Gemessen an dem Hype, der um diese Technik gemacht wird, und den Ressourcen, die investiert wurden, sind die Ergebnisse mehr als übersichtlich.“ Wieso sollte sich das ändern, wenn dieselben Akteure nun mit neuen gentechnischen Verfahren arbeiten?

Gentechnik-Befürworter sagen, dass mit der neuen Gentechnik, weil sie einfacher zu handhaben sei, auch kleine Züchter zum Zug kämen. Doch längst haben sich die großen Gentechnik-Konzerne Lizenzen für die neuen Gentechniken gesichert, kaufen kleine Labore und Know-how ein und sichern ihre Entwicklungen mit Patenten ab. „Über die Patente wird der Einfluss der großen Saatgutkonzerne weiter wachsen“, ist sich Christoph Then, Geschäftsführer von Testbiotech, sicher. Die Erfahrung zeige, „dass sich kleine und mittelständische Züchter in einer von Patenten geprägten Züchtungslandschaft nicht durchsetzen können.“

Flotte Technik? Mit der neuen Gentechnik lassen sich schneller Pflanzen züchten, ist ein weiteres Argument der Befürworter. Die heutigen Technologien seien zu langsam, um Nutzpflanzen an den Klimawandel anzupassen. Doch so schnell sind die neuen Techniken nicht. Der Aufsatz, mit dem die neue Gen-Schere Crispr/Cas vorgestellt wurde, erschien bereits vor acht Jahren. Seither sind zahlreiche Versuche mit Pflanzen gemacht worden. Von einer Marktreife sind diese jedoch noch weit entfernt. In der stärker regulierten EU gab es 2019 und 2020 nur eine Handvoll Freisetzungsversuche mit Crispr-Pflanzen, die zumeist der Grundlagenforschung dienten. Doch auch in den USA, wo Versuche mit Crispr-Pflanzen meist ohne Regulierung stattfinden dürfen, werden die längst angekündigten ersten Crispr-Pflanzen höchstens auf kleinen Versuchsflächen angebaut.

Die klassische Züchtung ist da längst weiter. Es gibt Kartoffeln, die mit salzigen Böden zurechtkommen, trockentolerante Maissorten oder pilzresistente Weizensorten. Eine von ihnen ist der steinbrandresistente Aristaro, ein biologisch-dynamischer Backweizen, gezüchtet am Dottenfelder Hof bei Frankfurt. Der ist nicht nur gentechfrei, sondern auch angepasst an die speziellen Bedingungen des Bio-Landbaus. Neu entwickelt haben Bio-Züchter zudem Populationssorten. Das sind Mischungen besonders guter Pflanzen verschiedener Einzelsorten, also eine Art All-Star-Team. Diese Populationen erhöhen die Biodiversität auf dem Acker, liefern stabile Erträge, haben eine hohe Widerstandskraft und passen sich gut an örtliche Bedingungen an. Denn sie können von den Landwirten – anders als Hybridpflanzen – jedes Jahr wieder ausgesät werden.

Die Landwirte wieder in die Züchtung einzubinden und mehr mit lokal angepassten Sorten zu arbeiten, ist eines der Standbeine der sogenannten Agrarökologie. Ein weiteres ist der Öko-Landbau, weil er ohne synthetische Pestizide und Dünger auskommt und Humus aufbaut. Schon vor 12 Jahren haben über 400 Landwirtschaftsexperten im Weltagrarbericht dargelegt, dass agrarökologische Systeme der wichtigste Baustein sind, die Landwirtschaft an den Klimawandel anzupassen und die Welternährung zu sichern. Doch in der Politik hat sich seither wenig getan. „Die Agrarökologie ist ein ganzheitlicher Ansatz, der das ganze System ändert“, erklärt Friedhelm von Mering, Gentech-Experte beim Bio-Dachverband BÖLW: Das sei kompliziert, weil man an vielen Stellschrauben drehen müsse. „Deshalb hoffen die politisch Verantwortlichen lieber auf eine Wundertechnologie, die die große Lösung bringt, ohne dass sie das System ändern müssen“, so Mering.

Genau das könne die neue Gentechnik, wenn man sie nur ließe, argumentieren ihre Befürworter und fordern eine Änderung des Gentechnik-Rechts. Bei Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner stoßen sie damit auf offene Ohren. In ihrer im Dezember 2019 vorgestellten Ackerbaustrategie schwärmt sie vom „Einsatz neuer molekularbiologischer Züchtungstechniken“, mit denen sich Pflanzen an den Klimawandel anpassen ließen. Auch die EU-Kommission schrieb in ihrer neuen Landwirtschaftsstrategie ‚Farm to Fork’, dass „innovative Techniken der Biotechnologie“ die Landwirtschaft nachhaltiger machen könnten. Von den Risiken reden weder die Ministerin noch die Kommission gerne. Dabei zeigen immer mehr Studien, dass die Crispr/Cas-Technik zu unerwarteten Nebenwirkungen führen kann. So fanden Heidelberger Forscher heraus, dass manche stillgelegten Gene weiterhin Eiweiße produzierten. Ein Teil dieser Proteine war zudem verändert. Ob sich die Konzerne durchsetzen und die Zulassungsregeln für neue Gentechniken geändert werden, ist noch offen. Bis April 2021 will die EU-Kommission ein erstes Papier dazu vorlegen und damit Position beziehen.

In der Schweiz hat die dortige Ethik-Kommission der Politik klar gesagt, wie sie Chancen und Risiken der neuen Gentechnik abwägen soll: „Die Zulassung dieser Technologien und der entsprechenden Produkte ist aus ethischer Sicht an ein relativ anforderungsreiches Verfahren gebunden“, schrieben sie in ihr Gutachten. Das gelte auch, wenn die Technologie nötig erscheine, die anstehenden globalen Herausforderungen meistern zu können. Es gebe ethisch gesehen keinen plausiblen Grund, der politischen Forderung nach „einer rascheren Zulassung von innovativen Produkten mit erheblichem Schadenspotenzial“ nachzukommen.

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