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Interview

Volker Quaschning: „Geld für Energiewende ist da!“

Bei strahlendem Sonnenschein und viel zu warm für Januar erklärt der Wissenschaftler Volker Quaschning im Gespräch, was beim Klimaschutz alles besser und schneller laufen müsste.

23.04.2020 vonOliver Scheiner

Professor Volker Quaschning, Mitbegründer der Scientists for Future, fordert einen schnellen Umstieg auf Wind- und Solarkraft.

Volker Quaschning bezeichnet den Campus der Hochschule für Technik und Wirtschaft als den schönsten in Berlin. Wir treffen uns in der Mensa. Die Sonne strahlt durch die bodentiefen Fenster hinein, die Spree glitzert. Was den schönen Campus betrifft, hat er schon einmal recht.

Die Bundesregierung hat beim Klimapaket nachgebessert. Das alte fanden Sie „zum Kotzen“. Was halten Sie von der neuen Version?

Auch die neue Version des Klimaschutzpakets wird nicht dazu führen, dass wir unsere Ziele einhalten. Die Enttäuschung ist nach wie vor groß, wenn man weiß, dass der CO₂-Preis in Ländern wie Schweden oder der Schweiz bei 100 Euro pro Tonne liegt, während wir bei einem Einstiegspreis von 25 Euro herumdümpeln. Das ist viel zu wenig.

Der Wissenschaftler erklärt in dem Video, warum mit dem Klimaschutzpaket eine Chance vertan wurde, einen sinnvollen Beitrag zum Stoppen der Klimakrise zu leisten.

Wie wird sich der CO₂-Preis in unserem Alltag bemerkbar machen?

Die Heizkosten werden sich um zehn Prozent erhöhen. Das wird für sozial Schwächere eventuell zum Problem. Darüber müssen wir uns Gedanken machen. Im Verkehrsbereich wird der CO₂-Preis hingegen überhaupt keine Wirkung entfalten. Fünf bis sechs Cent Aufschlag pro Liter Sprit entspricht gerade einmal den Schwankungen, die sie tagsüber an der Zapfsäule haben.

Was wäre anstelle einer pauschalen CO₂-Bepreisung sinnvoll?

Wir brauchen begleitende Maßnahmen zum Beispiel in der Landwirtschaft. Wenn wir Treibhausgase wie Methan und Lachgas signifikant reduzieren wollen, müssen wir aufhören, so viel Fleisch zu essen. Da könnte zum Beispiel eine Steuer auf Fleisch helfen. Beim Verkehr hingegen würde man selbst mit einem CO₂-Preis von 180 Euro pro Tonne, wie Fridays for Future fordert, nicht automatisch klimaneutral werden. Besserverdienende würden ihr Auto trotzdem nicht stehenlassen. Hier braucht es einen rechtlichen Rahmen.

Warum zögert die Regierung hier?

Die Regierung fährt nur auf Sicht und beschließt lediglich Maßnahmen, die auf maximal zwei Jahre angelegt sind. Beim Klima braucht man aber einen langfristigen Plan.

Was schlagen Sie vor?

Der öffentliche Nahverkehr sollte so schnell wie möglich ausgebaut und die Anzahl der Autos reduziert werden. Stellen Sie sich bei nass-kaltem Winterwetter an eine Hauptverkehrsstraße und schnuppern Sie mal. Das stinkt, ist laut, dreckig und schadet der Gesundheit. Das könnte anders sein: ruhig, sauber und wir hätten wieder mehr Platz, um uns zu bewegen. Außerdem verhindern zu große Abstände für Windräder, dass genügend Anlagen aufgestellt werden können, um auf Kohlekraft zu verzichten. Solche Fehlentscheidungen müssen später kostspielig korrigiert werden. Wir brauchen ein Gesamtpaket und müssen die Geschwindigkeit bei der Energiewende mindestens um den Faktor fünf erhöhen.

Wie müsste die Energieversorgung von morgen aussehen?

Gut gemischt: Einerseits Off-Shore-Windparks in der Nordsee. Deren Leistung ist jeweils mit der von Atomkraftwerken vergleichbar. Die werden aber nicht reichen, um ganz Deutschland mit Energie zu versorgen. Deshalb brauchen wir auch kleine dezentrale Wind- und Solareinheiten. Man könnte in Berlin auf zig tausenden Dächern sofort Solarzellen aufstellen. Für die großen Windparks hingegen müssen noch einzelne Trassen gebaut werden ...

... über die heftig gestritten wird …

… was ich total daneben finde. Wir müssen erst die Wind- und Solarenergie ausbauen und können uns danach um den Ausbau der Leitungen kümmern.

Wer soll das alles bezahlen?

Das Geld ist da. Wir geben in Deutschland etwa 70 Milliarden Euro pro Jahr für den Import von Erdöl aus. Das Geld erzeugt im Gegensatz zu Solar- und Windenergie keine Wertschöpfung mehr bei uns. Wenn immer behauptet wird, es fielen Arbeitsplätze durch die Energiewende weg: Das Gegenteil ist der Fall. Es entstehen neue zukunftssichere Arbeitsplätze. Windkraft- und Solaranlagen müssen schließlich aufgebaut und gewartet werden. Natürlich kostet das. Wir müssen Öl- und Gasheizungen aus den Häusern herausreißen, Verbrennungsmotoren verteuern und vieles mehr. Es lohnt sich aber, denn etliche Studien sagen, dass uns ein Weiter-so mehr kosten würde. Der Weg mit den erneuerbaren Energien ist preiswerter.

Zur Person

Volker Quaschning ist Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, wo er im Fachgebiet Regenerative Energiesysteme lehrt und forscht. Der promovierte Elektrotechniker engagiert sich seit vielen Jahren für einen effektiven Klimaschutz. Zuletzt hat er sich vor allem über seinen Youtube-Kanal immer wieder kritisch über die Bemühungen von Politik und Wirtschaft beim Klimaschutz geäußert. Quaschning ist Mitinitiator der Scientists-for-Future-Bewegung und hat zahlreiche Bücher zu den Themen Umwelt- und Klimaschutz veröffentlicht.

www.volker-quaschning.de

Bewegen sich die Energiekonzerne bei den Erneuerbaren mittlerweile?

Vor ein paar Jahren galt es in den Konzernzentralen noch als unmöglich, zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umzustellen. Der ehemalige RWE-Chef Jürgen Großmann hat mal gesagt, dass die Förderung von Solarenergie so sinnvoll sei wie Ananas züchten in Alaska. Heute wirbt derselbe Konzern mit dem Slogan „Die neue RWE. Wir haben ein Ziel: Klimaneutral bis 2040.“

Ist das glaubwürdig?

Ein durchdachtes Konzept gibt es nicht. Stattdessen nutzen die Konzerne weiterhin ihren politischen Einfluss, um kleine dezentrale Energieversorger aus dem Markt zu drängen. Sie spielen auf Zeit und lassen sich den Kohleausstieg versilbern.

Wie schützen Sie privat das Klima?

Seit letztem Jahr fliege ich nicht mehr. Reisen, auch berufliche, nach Übersee sind damit passé. Wir haben ein Auto, einen Hybrid, der aber im Laufe dieses Jahres durch ein Elektrofahrzeug ersetzt wird. Seit Jahresanfang essen wir nur noch vegan. Das hat unsere Tochter angeregt und wir sind mitgezogen, was mir nicht allzu schwer gefallen ist, weil ich mich seit über 30 Jahren vegetarisch ernähre.

Sind wir überhaupt noch zu retten?

Ja sicher – solange es noch einen technologisch gangbaren Weg gibt. Es ist wie bei einem Frontalaufprall mit dem Auto. Wenn ich mit 200 Stundenkilometern gegen eine Wand krache, sind die Überlebenschancen ziemlich gering. Je früher ich abbremse, desto höher meine Überlebenschancen.

Und wo stehen wir da?

Wir werden die Mauer treffen. Wenn wir aber zügig die richtigen Maßnahmen ergreifen, kommen wir mit leichten Blessuren davon. Wenn wir noch zehn Jahre warten, wird der Aufprall tödlich sein.

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