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Sorgenkind Vitamin D

GESUNDHEIT In der dunklen Jahreszeit raten Ärzte gerne zu Vitamin-D-Tabletten. Teilweise hoch dosiert. Doch sind sie wirklich nötig?
30.10.2015

GESUNDHEIT In der dunklen Jahreszeit raten Ärzte gerne zu Vitamin-D-Tabletten. Teilweise hoch dosiert. Doch sind sie wirklich nötig? // Annette Sabersky

Im Radio hatte Anne Holz gehört, dass viele Menschen im Winter einen Vitamin-D-Mangel haben und deshalb Präparate einnehmen sollen. Grund dafür sei das Sonnenlicht, dessen Intensität hierzulande in den Wintermonaten nicht ausreicht, um via Haut genügend Vitamin D zu bilden. Anne Holz, die als Außenhandelskauffrau bei einem Obstimporteur arbeitet, viel drinnen sitzt und zur Arbeit meist mit dem Bus fährt, ist beunruhigt. Sie macht einen Termin beim Hausarzt. Der bestätigt, dass mehr als die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland ungenügend mit Vitamin D versorgt sei. Er rät zur Blutuntersuchung.

Wichtig für die Knochen

Anders als andere Vitamine wird Vitamin D nicht hauptsächlich übers Essen aufgenommen, sondern Großteils mit Hilfe der UV-Strahlung über die Haut gebildet. Das Vitamin sorgt dafür, dass der Knochenstoff Kalzium vom Darm ins Blut gelangt und zu den Knochen transportiert wird. Dort wird er eingebaut und sorgt für Festigkeit. Steht dem Körper ständig zu wenig Vitamin D zur Verfügung, kann eine Knochenerweichung (Osteomalazie) oder der Abbau der Knochensubstanz (Osteoporose) die Folge sein. Vitamin D ist aber auch in Organen zu finden und dort an Stoffwechselprozessen beteiligt.

In der Nahrung kommt Vitamin D nur in geringen Mengen vor. Fette Fische wie Lachs, Hering, Makrele, Eigelb und Lebertran enthalten ein bisschen Vitamin D, ebenso Pfifferlinge und Champignons aus dem Freiland, Avocados, Hefe sowie mit dem Vitamin angereicherte Margarine.

Vitamin-D-Spiegel im Blut messen lassen

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat einen „Schätzwert“ für die Aufnahme von Vitamin D über die Nahrung festgelegt. Der Bedarf kann nur geschätzt werden, weil es individuell sehr verschieden ist, wie viel Vitamin D über die Sonne gebildet wird. Die Zeit, die wir draußen verbringen, spielt eine Rolle, aber auch die Hautfarbe und das Alter. Menschen mit dunkler Haut bilden weniger Vitamin D als die mit heller Haut und bei älteren Menschen lässt die Vitamin-D-Bildung nach. Die DGE rät Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen, Senioren, Schwangeren und Stillenden zu täglich 20 Mikrogramm Vitamin D. Säuglinge sollten ab dem ersten Lebenstag täglich zehn Mikrogramm erhalten – ein Jahr lang.

Als Anne Holz einige Tage später das Ergebnis erhält, ist sie verunsichert. Ihr Blutwert – gemessen wird die Verbindung 25-Hydroxy-Vitamin D – ist grenzwertig. Der Wert liegt bei knapp 18 Nanogramm pro Milliliter (ng/ml). Erst ab etwa 20 ng/ml sei sie ausreichend versorgt, erklärt ihr Arzt und rät: „Nehmen Sie besser was ein.“

„Aus heutiger medizinischer Sicht sind Vitamin-D-Gaben nur dann sinnvoll, wenn bei einem Menschen weitere Risikofaktoren oder eine Osteoporose vorliegen“, erklärt jedoch Professor Matthias Weber, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Bei älteren Menschen etwa, die auch sturzgefährdeter sind und nur selten ins Freie kommen, oder bei verminderter Knochendichte. Die Gesellschaft hält zwar auch den Blutwert von 20
bis 30 Nanogramm pro Milliliter für günstig, um die Knochen gesund zu erhalten, ein eindeutiger Mangel, der behandelt werden muss, bestehe jedoch erst bei stark erniedrigten Werten.

Wer in sonnenreichen Monaten täglich etwa 20 Minuten bei Tageslicht nach draußen geht, kann seine Vitamin- D-Speicher für die Wintermonate ausreichend auffüllen, rät Professor Weber. Dabei sollten Gesicht, Hände und Arme unbedeckt sein. Auch im Winter sei es ratsam ins Freie zu gehen, selbst wenn die Vitamin-D-Bildung da nur sehr verhalten ist. Kommen noch regelmäßig Pilze, Avocados und fettreicher Fisch auf den Teller, ist schon viel erreicht.

Anne Holz wird ein Präparat mit 20 000 Internationalen Einheiten (IE) Vitamin D verschrieben. Einmal in der Woche soll sie es einnehmen. Die Menge entspricht umgerechnet 500 Mikrogramm Vitamin D oder 71 Mikrogramm am Tag – also fast viermal so viel wie die DGE empfiehlt. Schon ab einer Dosis von täglich mehr als 100 Mikrogramm, so das Bundesinstitut für Risikobewertung BfR, kann es zu Nierenverkalkung, Übelkeit und Erbrechen kommen. Solche Wirkungen werden aber nur durch Präparate erreicht, nicht durchs Sonnenlicht.

Diabetes durch Vitamin-D-Mangel?

Patienten Vitamin-D-Präparate zu empfehlen sei „gerade etwas in Mode“, beobachtet Professor Matthias Weber, der auch Leiter der Abteilung Endokrinologie und Stoffwechsel an der Uniklinik Mainz ist. Grund seien sogenannte Beobachtungsstudien, die nahelegen, dass niedrige Vitamin-D-Spiegel nicht nur für die Knochen schlecht sind, sondern auch mit einem erhöhten Risiko für Krebs, Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen und Multiple Sklerose einhergehen. Zum Beispiel hatte man beobachtet, dass Frauen in sonnenreichen Ländern seltener an bestimmten Krebsarten erkranken.

Doch die bisher vorliegenden, einen ursächlichen Zusammenhang beweisenden Interventionsstudien – hierbei erhält ein Teil der Probanden Präparate, ein anderer nicht – bestätigten keine über die Knochengesundheit hinaus- gehenden Vorzüge von Vitamin-D-Tabletten. „Gute Nahrungsmittel und ein gesunder Lebensstil sind nicht einfach durch Pillen zu ersetzen“, so Weber.

Anne Holz hat sich entschlossen erst einmal keine Präparate einzunehmen. Sie will öfters mit dem Rad zur Arbeit fahren und in der Mittagspause ins Freie gehen. Außerdem gibt es bei ihr jetzt öfters Pilze mit fettem Fisch. Im nächsten Winter will sie aber wieder ihren Vitamin-D-Spiegel messen lassen.

NAHRUNGSERGÄNZUNG: Vitamin D aus der Natur

(Foto: fotolia/snyggg.de)

‣ Neben synthetischen Präparaten gibt es zahlreiche auf Basis natürlicher Zutaten. Das Vitamin D darin stammt z.B. aus Hefe, Pilzen, Gerstengras oder Lanolin (Wollfett).

‣ Die Präparate sind unterschiedlich dosiert. Deshalb unbedingt den Beipackzettel lesen. Zur Einordnung: Das Bundesinstitut für Risikoforschung empfiehlt fünf Mikrogramm als zulässige Tagesdosis in Nahrungsergänzungsmitteln.

‣ Bio, vegetarisch, vegan? Ein Blick aufs Etikett verrät, ob tierische Bestandteile enthalten sind und ob ein Produkt bio-zertifiziert ist.

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