Mode

Lyocell/Tencel: Wie nachhaltig ist Mode aus Bäumen?

Aus hartem Holz wird ein weiches Yoga-Top: Lyocell gehört zu einer neuen Textil-Generation, die als besonders umweltfreundlich gilt. Wie nachhaltig ist das Material tatsächlich?

Der Stoff fühlt sich leicht an, fast seidig glatt und weich – ein angenehmes Top für den Yoga-Kurs. Auf dem Etikett steht 100 Prozent Tencel Lyocell. Nur was ist eigentlich Lyocell?

Was ist Lyocell bzw. Tencel?

Naturfaser oder Synthetik? Die Antwort lautet: beides. Lyocell wird aus Holzfasern hergestellt, aber mit Hilfe chemischer Substanzen verarbeitet. Deshalb bezeichnet man den Stoff als halbsynthetisch und er zählt trotz Holzbasis nicht zu den Naturfasern. Doch was kann der Stoff, welche Eigenschaften hat das Material und wie ökologisch ist der Modetrend?

Aus Lyocell entstehen luftige Kleider und Blusen genauso wie Sportbekleidung und Unterwäsche, pflegeleichte Reisekleidung oder Jeans. Kleidung aus Lyocell absorbiert laut Herstellern Feuchtigkeit, ist atmungsaktiv, kühlt, gilt als hautfreundlich, trocknet schnell und wird deswegen sogar gelegentlich als antibakteriell gelobt. Gut für Bügel-Faule: Das knitterarme Lyocell muss kaum geglättet werden und wenn, dann lässt sich der Stoff gut bügeln. Kleidungsstücke, die zu 100 Prozent aus Lyocell bestehen, sind jedoch sensibel und vertragen gegebenenfalls keine Waschmaschinenwäsche, es empfiehlt sich, diese Textilien mit der Hand zu waschen.

Der Stoff ohne Zumischung von anderen Materialien – also 100 Prozent Lyocell – ist biologisch abbaubar und lässt sich nachweislich auch kompostieren. In der Praxis landet er zwar meist im Müll oder in der Altkleidersammlung. Sicher ist aber: Lyocell setzt kein Mikroplastik frei, weil es kein Plastik enthält.

Hersteller für Lyocell Kleidung

Bei diesen Herstellern findet ihr nachhaltige Kleidung aus oder mit Lyocell:

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Ist Lyocell besser als Viskose?

Textilien aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz gibt es schon seit über hundert Jahren. Bis zur Entwicklung von Lyocell war es jedoch ein langer Weg: Die erste Generation, Viskose, wird heute noch produziert und entsteht aus einem natürlichen Pflanzenstoff: Die Cellulose wird mit Hilfe von Natronlauge und Schwefelkohlenstoff aus Holzschnipseln gelöst und im Anschluss mithilfe von Schwefelsäure chemisch verändert, sodass sich eine zähe Flüssigkeit bildet, die durch Düsen gepresst wird. Dabei entstehen Cellulosefasern, die zu Viskosefäden versponnen werden. Die am Herstellungsprozess beteiligte Chemikalie Schwefelsäure ist ein Risikostoff: stark ätzend und giftig für Wasserlebewesen. Außerdem fallen giftige Zwischenprodukte ab. Und die gesamte Textil-Produktion schluckt viel Energie.

Lyocell gehört zur Enkelgeneration der Viskose: Die Qualität des Stoffs ist robuster und deutlich umweltverträglicher als sein Vorgänger. Die Holzbasis von Lyocell sind schnellwachsender Eukalyptus, Buche und Fichte, gelegentlich auch Eiche, Bambus oder Birke. Das eingesetzte organische Lösungsmittel, N-Methylmorpholin-N-oxid, ist sehr viel weniger giftig als Schwefelsäure, wird in einem nahezu vollständig geschlossenen Kreislaufprozess aufgefangen und zu 99,5 Prozent wiederverwendet. Trotzdem ist die Herstellung von Lyocell-Fasern in der Modebranche nach wie vor ein energieintensiver Prozess.

Wie nachhaltig ist der Modetrend?

Gerne wird Lyocell in Sachen Umweltverträglichkeit mit Kleidung aus Baumwolle verglichen. Der Durst von Baumwolle muss im Anbau mit reichlich künstlicher Bewässerung gelöscht werden, Holz hingegen benötigt in der Regel keine zusätzlichen Wassergaben, mit Ausnahme von Eukalyptus. Dieser hat aber eine deutlich höhere Faserausbeute als Baumwolle, ergibt also mehr T-Shirts pro Quadratmeter Anbaufläche.

Das Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg hat unter anderem Baumwolle und Lyocell auf ihre CO2-, Flächen- und Wasserfußabdrücke analysiert, von der Rohstoffgewinnung bis zur Entsorgung. Fazit: Schaut man sich diese Fußabdrücke an, sind Cellulose-Regeneratfasern wie Lyocell ökologischer als Baumwolle. Und wer Baumwolle mag, sollte in jedem Fall auf Kleidungsstücke aus Bio-Baumwolle setzen.

Die österreichische Lenzing AG produziert Lyocell unter dem Markennamen Tencel und ist damit der bekannteste Hersteller – aber es gibt auch andere Lyocell-Produzenten. Lenzing betont, man verwende Holz, das ausschließlich aus nachhaltiger Forstwirtschaft stammt, unter anderem zertifiziert nach dem Forest Stewardship Council FSC.

Welchen Siegeln kann man vertrauen?

Nachhaltigkeits-Siegel

Lyocell gilt als umweltfreundlich, kann aber mit den Siegeln GOTS und IVN Best nicht ausgezeichnet werden. Denn diese gelten nur für Naturtextilien und der halbsynthetische Stoff Lyocell gehört nicht dazu.

GOTS

Für eine Zertifizierung mit dem Global Organic Textile Standard (GOTS) gilt ein Mindestanteil von 70 Prozent Bio-Naturfasern.

IVN Best

Die sozialen und ökologischen Standards beim Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft (IVN) verlangen einen Stoff aus 100 Prozent ökologisch zertifizierten Naturfasern.

Oeko-Tex Made in Green

Dieses Siegel attestiert eine Produktion in umweltfreundlicher, sozialverantwortlicher und sicherer Umgebung. Neben Naturfasern sind auch Recycling- und Mischgewebe zugelassen.

Lyocell aus Bakterien

Im März fand die Zellulosefaser-Konferenz des Nova-Instituts statt, eine Organisation, die sich mit Unterstützung des Bundesministeriums für Umwelt & Naturschutz für ebendiesen einsetzt. Dort zeichnete man die besten Neuentwicklungen aus und den ersten Platz vergaben die Teilnehmer an die Entwicklung von Nullarbor, das ist baumfreies Lyocell. Es basiert auf Cellulose, die mit Hilfe von Bakterien in einem Fermentierungsprozess aus industriellen und landwirtschaftlichen organischen Abfällen produziert wird. Auch sogenanntes Refibra-Lyocell steht in den Startlöchern – eine Kombination aus Holz-Cellulose mit Cellulose aus Baumwoll-Stoffresten, also Abfallprodukten aus der Kleidungsproduktion.

Kleidung aus umweltfreundlicheren Materialien wie Lyocell zu kaufen ist ein erster Schritt in Richtung nachhaltige Mode und Slow Fashion. Besser noch wäre es allerdings, insgesamt weniger Kleidung zu kaufen, Second Hand zu wählen oder zu tauschen.

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