Kosmetik

Kollagen: Wie gut ist es wirklich?

Die Eiweißverbindung steckt als Wirkstoff in Cremes und Drinks für glatte Haut. Wirkt sie?

Ein Mann mit Brille vor grauem Hintergrund
Leo Frühschütz

Ohne Kollagen würden wir aussehen wie Vogelscheuchen: Gerippe, an denen alles herumhängt und im Wind flattert. Denn erst Kollagen formt den Menschen, strafft seine Haut, macht Bänder und Sehnen reißfest und Gelenke beweglich. Die Eiweißverbindung kommt in unserem Körper in 28 Varianten vor, je nachdem, welche Eigenschaften gefragt sind. Insgesamt sind rund ein Drittel der Proteine des menschlichen Körpers Kollagene.

Was steckt im Kollagen?

Alle Proteine bestehen aus einzelnen Aminosäuren. Beim Kollagen sind Glycin, Prolin, Hydroxyprolin und Lysin die wichtigsten. Sie verbinden sich zu längeren Ketten, von denen sich immer drei zu einem lang gestreckten Kollagenmolekül verschlingen. Mehrere dieser Moleküle ketten sich dann zu einer winzigen Faser zusammen, der Kollagenfibrille. Aus mehreren Fibrillen bildet sich eine Kollagenfaser. Das Bindegewebe unserer Haut, die Lederhaut, besteht aus einem scherengitterförmigen Netz von Kollagenfasern und dehnbaren Elastinfasern. Es strafft die Haut und versorgt sie von innen mit Feuchtigkeit, da Kollagen sehr viel Wasser binden kann.

Wie entstehen Falten?

Doch das Kollagen in unserer Haut bildet sich mit der Zeit zurück. Zusätzlich werden die Kollagenfasern von freien Radikalen angeknabbert, die sich verstärkt durch Rauchen, Alkohol und UV-Strahlung bilden (siehe Interview am Ende des Artikels). Folge: Mit zunehmendem Alter entstehen Falten.

Helfen Creme oder Nahrungsergänzung dem Körper?

Dagegen hilft Kollagen – sagen zahlreiche Anbieter von Cremes und Schönheits-Drinks. Doch sind solche Aussagen mit Vorsicht zu genießen: Kollagenmoleküle in einer Creme sind so groß, dass sie an der Hautoberfläche bleiben und dort einen Film bilden. Dabei lagern sie Wasser ein, was die Haut befeuchtet und polstert. Ein Effekt, den auch andere Feuchtmacher wie Glycerin oder Hyaluronsäure haben. Doch dem alternden Kollagennetz unserer Haut hilft eine solche Creme nicht. In manchen Rezepturen steckt Kollagenhydrolysat. Dafür wurde das Kollagen in kleine Bruchstücke, die Peptide, zerlegt. Doch auch sie sind meist zu groß, um bis in die Lederhaut einzudringen. Auch Kollagendrinks bestehen aus solchen Peptiden.

Wie kommt das Kollagen in die Creme?

Doch wie kommt Kollagen überhaupt in die Creme? Es wird wie die verwandte Gelatine vorwiegend aus den Knorpeln und Sehnen von Schweinen und Rindern oder den Gräten von Fischen gewonnen. Da in der Naturkosmetik keine Stoffe von toten Wirbeltieren verwendet werden dürfen, scheiden diese Rohstoffe für die Hersteller aus. Die Alternative ist ein aus Quallen gewonnenes Kollagen, wie es Oceanwell mit entwickelt hat und in seinen Produkten einsetzt. „Es bildet eine Art Schutzschild auf der Haut, verringert den sogenannten transepidermalen Wasserverlust und bindet außerordentlich viel Feuchtigkeit“, beschreibt das Unternehmen die Wirkung.

Ob Naturkosmetik immer vegan ist? Lest es hier:

7 Fakten über vegane Kosmetik

Kann Kollagen vegan sein?

Ein veganes oder Phytokollagen gibt es nicht, auch wenn sich dieser Begriff in manchen Rezepturen findet. Dabei handelt es sich um gelierende Algenbestandteile, die Feuchtigkeit gut halten, aber keine Eiweiße sind, sondern langkettige Zuckermoleküle. Oder das Produkt enthält typische Kollageneiweiße, die aus pflanzlichen Rohstoffen gewonnen wurden, etwa das „vegane Kollagen“ von Börlind. Doch es bleibt offen, ob diese Bausteine auf der Haut mehr bewirken als nur Feuchtigkeit zu binden.

Verzichtet Naturkosmetik auf Kollagen?

Die meisten Naturkosmetik-Hersteller haben kein Kollagen in ihren Rezepturen. Einige verweisen jedoch auf pflanzliche Extrakte, die die Kollagenbildung anregen oder Kollagen schützen sollen. Lavera etwa setzt auf die Wurzel des echten Eibisch. „Das Malvengewächs hemmt das kollagenabbauende Enzym“, erklärt Pressesprecherin Sabine Kästner. Weleda verwendet einen Tigergras-Extrakt. „Der entscheidende Wirkstoff im Tigergras ist das Asiaticosid“, erklärt Dr. Meike Schmitt, Leiterin der Wirkstoffentwicklung für Naturkosmetik bei Weleda. „Das Asiaticosid steigert in den Fibroblasten die Synthese von Kollagen und unterstützt auch die Vernetzung und Verlinkung dieses sehr komplexen Proteins.“ Als Beleg schickt Schmitt dazu eine ganze Liste mit Forschungsarbeiten. „Die wundheilende Wirkung von Tigergras ist traditionell bekannt, und die Wissenschaft wollte sich diese zunutze machen und wissen, woher dieser Effekt kommt.“

Kollagen aus dem 3D-Drucker

Kollagen ist in der Medizin ein wichtiger Wirkstoff, der zur Wundheilung und Neubildung von Haut eingesetzt wird. Doch tierisches Kollagen hat ein allergisches Potenzial und wird von vielen Menschen aus ethischen Gründen nicht akzeptiert. Deshalb haben mehrere Unternehmen biotechnische Methoden entwickelt, um Kollagen im Fermenter zu erzeugen – mit Hilfe gentechnisch veränderter Mikroorganismen. Der deutsche Hersteller Evonik stellte 2020 eine solche biotechnologische Plattform für Kollagen vor. Dabei „wird die genetische Information einer spezifischen Kollagenstruktur in Mikroorganismen übertragen, die dann in einem Fermentationsprozess Kollagen herstellen“, beschreibt Evonik den Prozess. Das kalifornische Start-up Geltor bietet tierisches und menschliches Kollagen an, aus veganen Rohstoffen – im Fermenter erzeugt und von „programmierten Mikroben“, wie es auf der Webseite heißt. Die israelische Firma Collplant hat Tabakpflanzen gentechnisch so verändert, dass sie menschliches Kollagen produzieren. Ziel ist es, damit Gewebe im 3D-Drucker herzustellen.

Interview: „Sonnenschutz ist wichtig“

Prof. Dr. med. Christiane Bayerl ist Chefärztin und im Vorstand für Dermopharmazie.

Prof. Dr. Christiane Bayerl ist Chefärztin in der Klinik für Dermatologie und Allergologie der Helios Kliniken Wiesbaden. Sie arbeitet auch im Vorstand der Gesellschaft für Dermopharmazie mit, einer internationalen Fachgesellschaft, die sich mit medizinischen und kosmetischen Wirkstoffen für die Haut befasst.

Das Kollagengerüst hält unsere Haut straff und elastisch. Wann lässt diese Spannkraft nach?

Kollagen wird von Zellen, die Fibroblasten heißen, kontinuierlich erneuert. Mit dem Alter werden die Fibroblasten ein wenig lahm, die Erneuerung lässt nach. Diese natürliche Hautalterung wird bei Frauen mit dem Absinken des Östrogenspiegels in den Wechseljahren besonders deutlich. Der Lipidgehalt der Haut nimmt ab, sie wird trockener und die Neubildung und damit die Dichte von Kollagenfasern geht zurück; Fältchen werden sichtbar. Bei Männern laufen diese Hautalterungsprozesse langsamer und später ab.

Würde die Haut von zusätzlichem Östrogen profitieren?

Eine Hormonersatztherapie, die aus medizinischen Gründen durchgeführt wird, wirkt sich günstig auf die Haut aus. Ebenso östrogenhaltige Cremes. Doch das sind verschreibungspflichtige Arzneimittel. Es gibt auch Kosmetika mit Pflanzeninhaltsstoffen, die eine östrogenähnliche Wirkung haben sollen. Deren Effekte sind jedoch wissenschaftlich weniger gut untersucht.

Können wir den Fibroblasten in unserer Haut etwas Gutes tun?

Es gibt in unserer Haut ein Gleichgewicht von Enzymen, die Kollagen abbauen, und solchen, die am Aufbau von Kollagen beteiligt sind. Problematisch wird es, wenn Einflüsse von außen dieses Gleichgewicht durcheinander bringen, etwa die UV-Strahlung. Durch die Strahlung entstehen in der Unterhaut freie Sauerstoffradikale, die das Kollagen schädigen. Dann kommen die Fibroblasten mit dem Aufbau kaum noch hinterher. Deshalb ist der Sonnenschutz so wichtig. Aber auch durch Umweltschadstoffe oder Rauchen und Alkoholgenuss bilden sich freie Radikale.

Helfen dagegen Radikalenfänger in der Creme?

Solche Antioxidantien helfen. Sehr gut nachgewiesen ist das für Vitamin C. Bei vielen pflanzlichen Wirkstoffen wie Grüntee oder Traubenkernextrakt lässt sich eine solche Wirkung in Zellkulturen zeigen. Sollen diese Stoffe in der Dermis wirken, braucht die Creme eine Formulierung, die tief in die Haut einzieht. Auch ein Speiseplan mit vielen Antioxidantien lässt das Niveau an Radikalenfängern in der Haut ansteigen.

Hilft denn ein Kollagendrink?

Kollagendrinks enthalten Mikropeptide, also Kollagenbausteine. Im Tierversuch mit radioaktiv markierten Peptiden ließ sich zeigen, dass sie auch in die Haut gelangen. Bei Vorher-Nachher-Versuchen mit Menschen zeigten einige Studien messbare Effekte an der Haut. Doch dabei fehlte meist eine Kontrollgruppe. Auch war unklar, was die Teilnehmer sonst zu sich nahmen. Für wissenschaftlich präzise Aussagen bräuchte es eine standardisierte Diät über mehrere Wochen mit einer Kontrollgruppe mit der gleichen Ernährungsform.

Lassen sich die Fibroblasten anregen, mehr Kollagen zu produzieren?

Sehr gut untersucht ist das für das Vitamin A und seine Derivate. Sie binden im Zellkern an Rezeptoren und bewirken eine starke Kollagenanregung. Zudem regulieren sie die Menge der abbauenden Proteine herunter. Viele weitere pflanzliche Substanzen sind ebenfalls untersucht. Die Nachweise zur Wirkung stammen aus Versuchen in der Zellkulturschale oder aus Modellen mit Zellverbänden, die der menschlichen Haut nachgestaltet wurden.

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