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Fridays for Future: „Wir wollen Taten sehen“

INTVERVIEW Sie gehen jeden Freitag zu Tausenden auf die Straße, um für Klimaschutz zu demonstrieren: Fridays for Future. Mitorganisator Jesko Treiber spricht über die Herausforderungen einer rasant wachsenden Bewegung.
22.05.2019
Demonstrieren, bis die Regierung Ernst macht beim Klimaschutz. © Privat

INTERVIEW Sie gehen jeden Freitag zu Tausenden auf die Straße, um für Klimaschutz zu demonstrieren: Fridays for Future. Mitorganisator Jesko Treiber spricht über die Herausforderungen einer rasant wachsenden Bewegung. Oliver Scheiner

Fridays for Future bekommen viel Aufmerksamkeit und Unterstützung. Das hat aber auch Schattenseiten. Im Gespräch verrät uns der Freiburger Jesko Treiber, was die Schülerinnen und Schüler tun, um nicht instrumentalisiert zu werden.

In der ganzen Welt redet man über die Bewegung Fridays for Future. Auf Ihrer Webseite sagen Sie: Wir streiken, bis ihr handelt. Wen genau meinen Sie damit?

Wir meinen damit vor allem die Bundesregierung. Die macht immer noch nicht genug, um die selbst gesteckten Klimaschutzziele auch wirklich zu erreichen. Es muss sich auf allen Ebenen etwas tun – politisch auf kommunaler und Landesebene und auch auf Seiten der EU. Wir müssen jetzt etwas tun, damit wir noch eine Zukunft haben. Darum streiken wir.

Wie sieht es mit der Verantwortung des Einzelnen aus?

Niemand kann sich beim Thema Klimaschutz aus der Verantwortung ziehen. Jeder Einzelne muss seinen Teil dazu beitragen, zum Beispiel weniger Fleisch essen, fair gehandelte Kleidung kaufen, weniger fliegen. Um solche Veränderungen anzustoßen, haben wir in Freiburg zum Beispiel Flyer mit Tipps verteilt, wie jeder etwas zum Klimaschutz beitragen kann.

Viele Gruppen, darunter auch Verbände wie Demeter und Bioland, solidarisieren sich mit Fridays for Future. Wie finden Sie das?

Ich finde es gut, dass sich so viele Gruppen mit uns solidarisieren. Das pusht uns nochmal, gerade der Zuspruch von Scientists for Future. Das sind die viel zitierten Profis. Und die sagen, dass es richtig ist, was wir fordern. Gleichzeitig müssen wir natürlich aufpassen, dass uns keiner instrumentalisiert.

Wie stellen Sie das sicher?

Wir achten darauf, dass nicht immer die gleichen Personen in den Medien stehen und sich damit die Pressearbeit auf viele Köpfe verteilt. Das ist nicht immer ganz einfach, weil die Medien ja gerade nach Gesichtern suchen. Aber wir verteilen die Aufgaben untereinander bisher ganz gut.

Sie haben vor ein paar Wochen einen offiziellen Forderungskatalog vorgelegt. Wie kam es dazu?

Mittlerweile sind wir ganz gut organisiert, jede Stadt hat ihre Arbeitsgruppen. In diesen Gremien haben wir die Forderungen erarbeitet und basisdemokratisch darüber abgestimmt, etwa dass Deutschland bis 2035 klimaneutral sein soll und dass wir bis 2030 aus der Kohle aussteigen müssen.

Der Kompromiss, den die Politik nun vorgestellt hat, sieht den Ausstieg aber erst 2038 vor. Fühlen Sie sich überhaupt ernst genommen?

Gerade beim Kohlekompromiss gar nicht. Dieser Kompromiss ist in meinen Augen ein Witz. Ich meine: Wir haben inzwischen 25 000 Wissenschaftler, die uns unterstützen, und um das 1,5 Grad-Ziel noch zu erreichen, müssen wir deutlich vor 2038 aus der Kohleenergie aussteigen. Da verstehe ich nicht, warum man unsere Forderungen nicht ernst nimmt.

Und trotzdem erhalten Sie von den meisten Politikern viele lobende Worte für Ihr Engagement.

Lob bekommen wir ganz viel, auch von der Kanzlerin. Aber das reicht uns nicht. Wir wollen nicht über den Kopf gestreichelt werden. Wir wollen Taten sehen. Der Kohleausstieg 2030 ist für uns nicht verhandelbar! Unsere Klimaziele sind unsere Lebensversicherung.

Hat Fridays for Future schon Ideen, wie über Demonstrationen hinaus der Druck auf Politik und Wirtschaft erhöht werden kann?

Wir vernetzen uns und planen auch Projekte außerhalb unserer Streiks und machen Aktionen wie beispielsweise eine Critical Mass. Wir haben auch schon einen Clean-up-Day veranstaltet, bei dem wir durch die Stadt gegangen sind und Müll aufgesammelt haben. Als nächstes wollen wir in Freiburg den Klimanotstand ausrufen. Damit versuchen wir, den Druck auf kommunaler Ebene zu erhöhen.

Können Sie erläutern, was es bedeutet, wenn eine Stadt den Klimanotstand ausruft?

Das wird über eine Resolution gemacht, in der drinsteht, dass die Lage sehr ernst ist und dass wir jetzt echte Maßnahmen ergreifen müssen. Das ist vor Kurzem in Basel passiert. Es darf natürlich nicht beim bloßen Bekenntnis bleiben. Deswegen erarbeiten wir mittlerweile anhand des 1,5 Grad-Ziels Forderungen, die Freiburg umsetzen soll. Die Politik muss jetzt auf allen Ebenen die entsprechenden Rahmenbedingungen liefern.

Wie könnten konkrete politische Rahmenbedingungen denn Ihrer Meinung nach aussehen?

Den Kohleausstieg habe ich ja schon erwähnt. Daneben ist der Verkehr ein erheblicher Klimatreiber. Wenn man von Frankfurt nach Berlin will, sind Flüge oftmals billiger als Zugfahrten. Die Einführung einer Kerosinsteuer könnte da schon einiges verändern. Aber mal ganz grundsätzlich: Keiner kann allen Ernstes von uns verlangen, die Lösungen zu liefern, die die Klimakatastrophe verhindern. Wir haben ganz klare Forderungen vorgelegt und haben die Unterstützung von einer so enormen Zahl von Wissenschaftlern, die uns dabei sehr geholfen haben. Jetzt ist die Politik am Zug: Wir verlangen, dass die richtigen Maßnahmen ergriffen werden.

Hat Fridays for Future auch zu anderen Themen als Klimaschutz eine Meinung?

Wir konzentrieren uns auf den Klimaschutz. Daneben gibt es natürlich viele Themen, für die wir uns einsetzen, zum Beispiel
unsere klare Position gegen Rassismus und Sexismus. Oder nehmen wir den ökologischen Landbau. Bio-Lebensmittel sind einfach noch zu teuer. Die sollen aber nicht billiger produziert, sondern besser von der Politik subventioniert werden. Da brauchen wir einen Hebel, der nicht zu Lasten der Bio-Bauern geht und der einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz leistet. Dabei finde ich es wichtig, nicht alles über Verbote zu regeln, sondern dass man ökologische Angebote, einen ökologischen Lebensstil attraktiver macht.

Johanna Emge, Privat

Zur Person

Jesko Treiber ...

... ist 19 Jahre alt, Schüler und steht kurz vor dem Abitur. Trotzdem geht er freitags demonstrieren, denn der Klimaschutz ist ihm wichtig. In Freiburg, wo er lebt und zur Schule geht, organisiert er bei Fridays for Future mit und engagiert sich auch beim Bündnis „Eine Schule für alle“. Dort ist er Mitglied im Vorstand. Daneben bekleidet er das Amt des Vorsitzenden im Schülerrat Freiburg e.V., ist Sachverständiger im Ausschuss für Schulen und Weiterbildung und kandidiert für Bündnis 90/DieGrünen bei den kommenden Stadtratswahlen in Freiburg.

www.fridaysforfuture.de

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