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Interview

Carola Rackete: „Gerechtigkeit zuerst“

Carola Rackete ist die prominenteste deutsche Seenotretterin. Über ihren Einsatz für Geflüchtete hinaus ist sie vor allem Klimaaktivistin – und ungeduldig. Warum ihr die Umweltbewegung nicht radikal genug ist.

09.06.2021 vonUta Gensichen

Zivil ungehorsam: Kapitänin Carola Rackete brachte trotz eines Verbots italienischer Behörden 40 Geflüchtete an Land.

Carola Rackete ist die prominenteste deutsche Seenotretterin. Über ihren Einsatz für Geflüchtete hinaus ist sie vor allem Klimaaktivistin – und ungeduldig. Warum ihr die Umweltbewegung nicht radikal genug ist.

Bevor ich mein Diktiergerät starte, habe ich vor allem eine Frage: Was tun gegen Seekrankheit? – „Warten“, sagt Carola Rackete und lacht. „Nach ein paar Tagen hört es von alleine auf.“

Frau Rackete, warum werden in Italien Seenotretter noch immer verhaftet?

Nach mir wurden keine Seenotretter mehr verhaftet. Es werden nur die Schiffe festgehalten. Mit Förderung der EU ist seit etwa 2016 die Strategie, die Grenze zu militarisieren und Seenotrettung zu kriminalisieren.

Haben Sie Kontakt zu Menschen, die Sie gerettet haben?

Nein, das möchte ich auch nicht. Schließlich trage ich in so einer Situation die Verantwortung für das gesamte Schiff. Es würde mich emotional sehr belasten, wenn ich wüsste, wer diese Menschen sind, die wir retten.

Zur Person Carola Rackete

Die 33-Jährige ist nautische Offizierin und hat einen Master in Naturschutzmanagement. Rackete war mehrmals in der Antarktis, arbeitete auf Kreuzfahrtschiffen und für Greenpeace. Bekannt wurde sie durch ihre Seenotrettungsaktion mit der Sea-Watch 3, als sie im Juni 2019 mit 40 Geflüchteten an Bord trotz eines Verbots Lampedusa anlief. Aktuell arbeitet sie für eine NGO in Australien, um einen riesigen, asphaltierten Flughafen in der Antarktis zu verhindern. Außerdem hilft sie bei einer Kampagne an der norwegischen Küste mit, den Plastikmüll der Fischerei aufzusammeln.

Was haben Sie auf See über Klima- und Naturschutz gelernt?

Auf meiner ersten Reise 2011 mit dem Forschungsschiff „Polarstern“ habe ich logistische Hilfestellung geleistet, damit Wissenschaftler am Nordpol ihre Proben nehmen können – Biologen, Ozeanografen und Meeresphysiker. Manche von ihnen berichten seit über 30 Jahren vergeblich, wie sich die Meere erwärmen. Das Problem ist nicht die Wissenschaft, sondern die Politik.

Warum passiert nicht genug?

Die fossilen Energiefirmen nehmen massiv Einfluss. In der Vergangenheit haben Kampagnen etwa von Shell und Exxon Zweifel an wissenschaftlichen Daten gestreut. Jetzt verzögern sie.

Wie sieht die Verzögerungstaktik aus?

Die Konzerne werfen etwa „negative Emissionstechnologien“ in den Raum zur Rückholung von Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre. Es soll noch 20 Jahre so weiter gehen, bevor wir die Emissionen herunterfahren.

Funktioniert das nicht?

Es gibt Studien, die zeigen, dass Technologien nicht weiterhelfen, weil sich unser Materialkonsum erhöht. – Das ist der Rebound-Effekt: Immer wenn Ressourcen frei werden, erfinden wir Dinge, die vorher niemand haben wollte.

Glauben Sie, die Klimakrise verursacht Flüchtlingsbewegungen?

Bewohnerinnen pazifischer Inseln wollen nicht unbedingt nach Neuseeland. Sie wollen lieber zu Hause bleiben. Aber mit dem steigenden Meeresspiegel gehen ihre Inseln unter. Wir müssen aufhören, Treibhausgase in die Luft zu blasen. Deutschland muss als historisch weltweit viertgrößter Verursacher da vorangehen.

Warum ausgerechnet Deutschland?

Wir haben hierzulande schon überkonsumiert im Ländervergleich. Kohleausstieg erst 2038 ist zu spät. Wir haben ökologische Schulden bei Ländern im globalen Süden.

Sie hören bestimmt sehr oft, dass Sie zu radikal sind.

Gerechtigkeit ist immer etwas Absolutes. Davon dürfen wir nicht abrücken. Ich denke vielmehr, dass vieles, was Bewegungen gerade fordern, überhaupt nicht radikal ist. Fridays for Future etwa fordern, dass die Bundesregierung ein Abkommen einhält, das sie selbst unterschrieben hat. Das ist die Radikalität von Fridays for Future.

Was wäre denn für Sie Radikalität?

Es bedeutet jedenfalls nicht, darauf zu bestehen, dass Abkommen und Gesetze, die Deutschland und die EU vor Jahren unterschrieben haben, eingehalten werden. Mir fehlt oft die Progressivität in den Bewegungen. Selbst bei den Grünen sehe ich sie nicht.

Müssten die Grünen Ihnen inhaltlich nicht sehr nahestehen?

Im Großen und Ganzen stimme ich mit den Grünen überein, aber sie verfolgen immer noch die Idee vom grünen Wachstum, obwohl es wissenschaftlich längst klar ist, dass man Wachstum nicht mit Klimaschutz zusammenbringen kann. Eine große Studie des Weltbiodiversitätsrats hat das 2019 eindrücklich gezeigt: Eine Million Arten sind bis 2050 vom Aussterben bedroht! Die Autoren des Berichts sagen, dass wir mit einem wachstumsbasierten Wirtschaftssystem unsere Ökosysteme zerstören. Und diese sind doch unsere Lebensgrundlage!

Die Zerstörung der Natur müsste eine Straftat sein.

Wie wollen Sie denn Gesellschaft und Politik wachrütteln?

Wir können zum Beispiel die Methode des zivilen Ungehorsams nutzen. Auch weil es wirklich schon sehr spät ist. Wir haben 30 Jahre lang nichts gemacht. Dabei gäbe es viele Möglichkeiten, radikale Ideen nach vorne zu bringen.

Welche radikalen Ideen zum Beispiel?

Dass wir der Natur selbst Rechte zugestehen. Bei indigenen Völkern haben etwa Flüsse ein Recht darauf, nicht verschmutzt zu werden. Oder aber ein Ökozidgesetz, das die Zerstörung von Natur zur Straftat erklärt.

Und im Agrarsektor?

Wir sollten Landwirte dafür bezahlen, dass sie auf Bio umstellen. Viele Bäuerinnen möchten auf Permakultur und Öko-Landbau umstellen, aber meist stehen strukturelle Förderungen dem entgegen. Dabei wäre ein ökologischer Umbau unserer Landwirtschaft extrem wichtig für den Naturschutz.

Bald wird der Bundestag gewählt. Haben Sie Hoffnung für den Klima- und Naturschutz?

Soziale Gerechtigkeit finde ich wichtiger als Klima. Klimaschutz kommt sowieso – selbst mit der AfD.

Mit der AfD?

Schauen Sie mal in andere europäische Länder wie Finnland, Ungarn oder Frankreich. Dort befürworten rechte Parteien bereits den Klimaschutz. Sie argumentieren dann: Klimaschutz ist wichtig, damit nicht so viele Migranten ins Land kommen. Aber wir betreiben bereits jetzt eine krasse Abschottungspolitik, um uns Geflüchtete vom Hals zu halten. So entsteht über kurz oder lang die grüne Festung Europa.

Sie plädieren für globale Solidarität?

Genau! Solidarität ist zentral. Wir müssen uns fragen: Sind wir in der Klimapolitik solidarisch mit anderen Ländern? Nützt eine Verkehrswende auch denen, die wenig Geld haben? Wie können wir die Wirtschaft so umbauen, dass auch Arbeiterinnen davon profitieren? – Es muss immer zuallererst um soziale Gerechtigkeit gehen. Die Notwendigkeit von Klimaschutz ergibt sich von alleine durch die sich verschlechternden ökologischen Bedingungen.

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