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Bargeld ade?

Wie das Smartphone unsere Geldbörse überflüssig macht und grüne Banken unsere Daten schützen.

Knapp 60 Prozent der Menschen in Deutschland zahlen ihre Einkäufe bar, vor allem kleinere Beträge, sagt der Bankenverband und verweist auf eine Studie des EHI Retail Instituts. Bei größeren Einkäufen greifen sie dann doch häufiger zu Karte oder Smartphone. Tanja Beller, Pressesprecherin des Bankenverbandes, ist sich sicher: „Der Trend bewegt sich weiter in Richtung bargeldloses Bezahlen, insbesondere digitale Bezahlvarianten werden weiter an Bedeutung gewinnen.“ Noch sind Lastschriften und Überweisungen die Klassiker. Das Geld wandert dabei von Konto zu Konto. Debit- und Kreditkarten erlauben auch im Ausland, bargeldlos zu zahlen. Formal gesehen ist Zahlen mit dem Mobiltelefon nichts anderes. Voraussetzung sind ein Smartphone und eine App, entweder von der eigenen Hausbank oder von einem externen Anbieter. Während die Bank-App auch direkt ans Konto gekoppelt sein kann, ist bei externen Anbietern eine Kredit- oder Debitkarte erforderlich. „Dabei wird eine virtuelle Geldbörse, ein Wallet, geschaffen“, erklärt Beller. Anders ausgedrückt: In den meisten Fällen ist Bezahlen mit dem Smartphone das Gleiche wie Bezahlen mit der Karte, nur, dass die Karte zu Hause bleiben kann.

Drei Szenarien: Wie wir in Zukunft bezahlen werden

Die Bundesbank hat im Januar eine Studie veröffentlicht, ob und wie die Deutschen Bargeld in der Zukunft nutzen werden. Drei Szenarien skizziert das Werk für das Jahr 2037: erstens, die „hyperdigitale Bezahlwelt“, in der Bargeld aus dem Alltag der meisten Menschen beinahe verschwunden ist; zweitens „die verschwindende hybride Bezahlwelt“, in der die Menschen Bargeld immer weniger nutzen; und drittens „die Bezahlwelt in der Bargeld-Renaissance“, in der sich die Menschen auf die Vorzüge von Scheinen und Münzen rückbesinnen.

Historische Währungen

  • Im Nahen Osten fanden Archäologen in Siedlungen aus dem neunten bis vierten Jahrtausend v. Chr. kleine Tonzylinder, -kugeln und -kegel und nannten sie Zählsteine.
  • Um 2000 v. Chr. zahlten Menschen im heutigen China und Indien mit Muschelschalen und Schneckenhäusern auf Fäden – noch heute ein gültiges Zahlungsmittel im Osten von Papua-Neuguinea.
  • Erste geprägte Metallmünzen stammen aus dem siebten Jahrhundert v. Chr. aus dem Königreich Lydien. Noch im Laufe des Jahrhunderts zogen Herrscher und Stadtstaaten im Mittelmeerraum nach.
  • Die Chinesen brachten bereits um das Jahr 1000 herum Papiergeld in Umlauf. In Europa setzte es sich ausgehend von der 1694 gegründeten Bank of England später durch. Erst im 20. Jahrhundert hatte die Bevölkerung in allen westeuropäischen Staaten ihre Skepsis verloren.

Warum Bargeld wichtig bleibt

Für Burkhard Balz, Mitglied im Vorstand der Bundesbank, bleibt Bargeld eine wichtige Komponente des täglichen Lebens. Er verweist unter anderem auf Stromausfälle und Fehler in der Software: „In solchen Fällen ist es das einzige noch nutzbare Zahlungsmittel.“ Am 16. Februar 2024 fand die Auftaktveranstaltung des Nationalen Bargeldforums in Berlin statt. In diesem Gremium erarbeiten Experten Vorschläge zur Verbesserung und Stabilisierung des Bargeldkreislaufs in Deutschland. Ein Blick in Länder wie Schweden und China zeigt Vor- und Nachteile des bargeldlosen Zahlens. Immer mehr Läden in Schweden nehmen Münzen und Scheine nicht mehr an. Vier von fünf Einwohner:innen nutzen Swish, eine App, mit der sie in Geschäften, im Restaurant oder etwa auf dem Flohmarkt bezahlen können. Mancherorts können Menschen ohne Smartphone nicht mehr einkaufen oder essen gehen. Kritik von Verbraucherverbänden hat nun dazu geführt, dass auch in entlegenen Regionen des Landes nach wie vor Geldautomaten stehen.

Bargeldlos bezahlen: Wer will das?

Beller von der Bundesbank sagt: „Weltweit ist der Trend zu beobachten, dass immer mehr Menschen bargeldlos bezahlen. Doch sicher macht es einen Unterschied, ob die Verbraucherinnen und Verbraucher oder die Staatspolitik wie beispielsweise in China über die Verwendung von Bargeld entscheiden. Für die deutschen Banken ist wichtig, dass die Bürgerinnen und Bürger jetzt und in Zukunft selbst in der Hand haben, wie sie bezahlen wollen.“

Was nachhaltige Banken beim digitalen Bezahlen anbieten

Banken in Deutschland bieten in der Regel eine eigene App für mobiles Bezahlen an oder ermöglichen es, einen der großen externen Dienstleister wie Apple Pay oder Google Pay zu nutzen. Das gilt auch für die nachhaltigen Banken, die Girokonten anbieten. Mit der App der Triodos Bank etwa können Kundinnen und Kunden nicht nur ihre Konten verwalten, sondern auch digital bezahlen, sagt Triodos-Sprecher Florian Koss. Wer ein Apple-Smartphone besitzt, kann auch Apple Pay nutzen.

Ähnlich ist das bei der GLS Bank. Allerdings will die Bank auch Google Pay ermöglichen. Einige Kundinnen und Kunden werden davon jedoch – wie bereits bei Apple Pay – ausgeschlossen: diejenigen mit einem Basiskonto. „Wir können Apple Pay aus technischen und Datenschutzschutzgründen nur in Verbindung mit einer Kreditkarte anbieten, und zum Basiskonto gehört nur eine Girokarte“, erklärt Damian Pilka aus der Abteilung Management und Angebotsentwicklung. Mit dem Datenschutz spricht er ein heikles Thema an.

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Wie aus unserem Einkaufsverhalten Nutzerprofile erstellt werden

Die Verbraucherzentrale Bundesverband teilt mit: „Wer mit seinem Smartphone via App bezahlt, teilt sein Kaufverhalten eventuell dem Anbieter der App mit.“ Die Verbraucherschützer warnen, je nachdem, ob man den Dienst eines Kreditinstituts, eines Zahlungsdienstleisters oder eines Handelsunternehmens nutze, könnten weitere Unternehmen von den Zahlungen erfahren wie Analyse-Firmen, die aus dem Einkaufsverhalten Nutzerprofile erstellen. Vollkommen anonym bleibe man nur beim Bezahlen mit Bargeld.

Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Ulrich Kelber forderte im Jahr 2019: „Aus Sicht des Datenschutzes ist es essenziell, dass das datenschutzrechtlich völlig risikofreie anonyme Bezahlen auch in der Zukunft weiterhin möglich bleibt.“ Mobiles Bezahlen müsse möglich sein, ohne dabei gleichzeitig auch alle persönlichen Daten offenzulegen. – Ein Punkt, der wegen seiner ethischen Komponente zu den nachhaltigen Aspekten des Bankwesens gehört.

„Allzu oft beobachte ich Gutgläubigkeit“

Michael Will, der Präsident des Bayerischen Landesamts für Datenschutzaufsicht, erklärt, was beim bargeldlosen Bezahlen mit unseren Daten geschehen kann.

Welche datenschutzrechtlichen Risiken gehen Menschen ein, wenn sie mit ihrem Smartphone zahlen?

Die derzeit verfügbaren Angebote haben unterschiedliche Rahmenbedingungen. Einzelne Anbieter gewährleisten, dass die Daten nur mit hochwirksamer Verschlüsselung und vor allem ohne Rückmeldung zu den Anbietern des Betriebssystems oder gar Dritten verarbeitet werden. Andere lassen sich umfangreiche Auswertungsmöglichkeiten zum Beispiel über Konsumgewohnheiten zusichern.

Ist das bei der physischen Giro- oder Kreditkarte anders?

Der grundsätzliche Unterschied ist, dass mit dem Anbieter des Smartphone-Betriebssystems oder einer Bezahl-App ein Dritter in den Bezahlvorgang eingebunden wird. Potenziell werden damit mehr Daten übertragen als beim Zahlen mit den üblichen Kartensystemen.

Besteht ein Unterschied zwischen dem Bezahlen mit App oder digitaler Karte der eigenen Bank und dem Bezahlen mit der App eines externen Anbieters?

Es ist wichtig, die Nutzungsbedingungen und die Datenschutzerklärung aufmerksam zu vergleichen. Ich gehe übrigens davon aus, dass durch die neuen europäischen Digitalrechtsakte schon in den nächsten Monaten die Zahl der Drittanbieter-Apps zunehmen wird.

Und wie sollten sich die Menschen jetzt im Alltag verhalten?

Datenschutz bedeutet nicht vorzuschreiben, dass Menschen etwas, das sie für sich als nützlich bewerten, nicht tun sollten. Sie sollten aber sorgfältig prüfen, wem sie Daten anvertrauen und zu welchen Bedingungen diese verarbeitet werden. Ich wünsche mir mündige Verbraucher:innen, die sich über ihr Handeln Klarheit verschaffen. Allzu oft beobachte ich Gutgläubigkeit, vielleicht sogar leider Naivität.

Der GNU Taler: Digital bezahlen, aber sicher!

Die GLS-Bank beteiligt sich am Projekt GNU Taler. Das in Entwicklung befindliche Bezahlsystem soll das schnelle und einfache Bezahlen mit Datenschutz und hoher technischer Sicherheit ermöglichen. „Das Smartphone funktioniert dabei wie eine digitale Prepaidkarte”, erläutert Leo Wittmann, Projektleiter bei der GLS Bank. Die Bank bekommt nur noch mit, wie viel Geld Kundinnen und Kunden auf ihr Smartphone laden. Wofür sie damit bezahlen, erfahren nur die jeweiligen Händler – ohne dass persönliche Daten offengelegt werden.

GNU Taler bleibt nicht nur GLS-Kundinnen und Kunden vorbehalten, sondern soll allen Menschen mit Konto in Deutschland zugänglich sein. Weiterer Vorteil: Eigentümerinnen eines Basiskontos sind nicht ausgeschlossen. Denn das ist ein ungelöstes Problem des mobilen Bezahlens: Kinder, Alte, Menschen ohne Konto oder solche mit Blindheit bleiben außen vor oder tun sich zumindest schwer ohne Scheine und Münzen.

Weshalb Bargeld unverzichtbar ist

Bundesbank-Vorstand Balz erklärt, mit Bargeld könnten auch Kinder, die in der Regel noch keinen Zugriff auf unbare Zahlungsmittel hätten, trotzdem selbstständig kleinere Einkäufe vornehmen. „Darüber hinaus kann ihnen aufgrund der physischen Beschaffenheit des Bargelds der Umgang mit Geld beigebracht und Verständnis für dessen Wert und Funktion geweckt werden.” Die einzigartige Kombination von Eigenschaften lasse Bargeld eine unverzichtbare Rolle in unserer Gesellschaft zukommen.

Allerdings kommt man damit auch nicht mehr überall hin, berichtet eine Kundin der Deutschen Bahn (Name der Red. bekannt). Sie hatte neulich ihr Portemonnaie zu Hause liegen lassen, inklusive Monatsticket und Debitkarte. Ein Kollege lieh ihr Bargeld für die Heimfahrt – das der Schaffner aber nicht annehmen wollte und ihr stattdessen den Zutritt zum Zug verwehrte.

Mehr Informationen übers digitale Bezahlen

Trend: Bezahlen mit dem Smartphone.

  • www.bundesbank.de Studie der Bundesbank über die Nutzung von Mobile Payments in Deutschland.
  • www.taler.net Infos über das datenschützende Bezahlsystem GNU Taler
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Kommentare

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Steuerboykott Unbekannt

"Ein Kollege lieh ihr Bargeld für die Heimfahrt – das der Schaffner aber nicht annehmen wollte und ihr stattdessen den Zutritt zum Zug verwehrte."
-- Bargeld ist gesetzliches Zahlungsmittel und die Deutsche Bahn AG ein mehrheitlich staatliches Unternehmen. Damit hätte die Kundin im Reisezentrum, am Schalter oder beim Automaten Bar zahlen können müssen. Soweit ich weiß, findet offiziell im Zug kein Ticketverkauf statt, insofern wird der Schaffner wohl im Recht gewesen sein.

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