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Kinder leiden für Kakao

Weil Konzerne Kleinbauern zu wenig Geld bezahlen, schuften 1,5 Millionen Kinder auf afrikanischen Kakaoplantagen, statt zur Schule zu gehen. Was es braucht, um das zu ändern.

09.09.2021 vonLeo Frühschütz

Kakaokonzerne verdienen Millionen, während Kleinbauern in Ghana und in der Elfenbeinküste ein sicheres Einkommen fehlt.

Weil Konzerne Kleinbauern zu wenig Geld bezahlen, schuften 1,5 Millionen Kinder auf afrikanischen Kakaoplantagen, statt zur Schule zu gehen. Was es braucht, um das zu ändern.

Am 19. September gibt es nichts zu feiern. An diesem Tag jährt sich zum 20. Mal das Versprechen der wichtigsten Vertreter der Schokoladenindustrie, Kinderarbeit beim Kakaoanbau bis 2005 zu beenden. Sie haben ihr im sogenannten „Harkin-Engel-Protokoll“ niedergeschriebenes Versprechen nicht gehalten, haben die Frist zuerst verschoben, auf 2008, dann auf 2010 und schließlich in Aussicht gestellt, bis 2020 die Kinderarbeit um 70 Prozent zu verringern. Auch das gelang den Schokoladenkonzernen nicht. Stattdessen hat die Kinderarbeit in Ghana und in der Elfenbeinküste, den beiden wichtigsten Kakao produzierenden Ländern, in den letzten Jahren wieder zugenommen. Das ermittelten Wissenschaftler der Universität Chicago letzten Oktober im Auftrag des US-Arbeitsministeriums.

Kinderarbeit: hart und gefährlich statt Lesen lernen

Nach ihren Angaben arbeiten derzeit 1,5 Millionen Kinder in den beiden Ländern zumeist auf den Feldern ihrer Eltern oder Verwandten, etwa 10.000 von ihnen als Opfer von Kinderhandel und Sklaverei fern ihrer Familien. Doch diese Mitarbeit zu Hause ist kein Mithelfen, wie das bei uns oft auf Bauernhöfen üblich ist. Vielmehr arbeiten die Kinder meist den ganzen Tag, sie tragen schwere Lasten, hantieren mit scharfen Macheten und versprühen Pestizide – ohne Schutzausrüstung.

Wie hoch ein existenzsicherndes Einkommen für Kakaobauern wäre

Gut zwei Drittel der in Deutschland verbrauchten Kakaobohnen stammen aus Ghana und der Elfenbeinküste. Kinderarbeit im Kakaoanbau ist der Normalfall, immer noch. Johannes Schorling vom entwicklungspolitischen Netzwerk Inkota erklärt: „Die Hauptursache für diese Kinderarbeit ist dieselbe wie vor 20 Jahren: Viele Kakaobäuerinnen und -bauern sind so arm, dass sie sich keine bezahlten Erntehelfer leisten können.“ Kakao wächst in Ghana und der Elfenbeinküste nicht auf großen Plantagen, sondern bei Kleinbauern, die nur zwei, drei Hektar Land besitzen. Sie bauen für sich selbst Getreide und Gemüse an und auf einem Hektar Kakaobäume, um etwas Geld zu verdienen. Doch das Geld, das sie für die rund 500 Kilogramm Kakaobohnen des einen Hektars bekommen, reicht hinten und vorne nicht. „Eine typische Kakaobauernfamilie in Ghana verdient 155 Euro im Monat“, sagt Schorling. „Das ist die Hälfte dessen, was sie für ein existenzsicherndes Einkommen bräuchten. Und in der Elfenbeinküste müsste sich das Einkommen entsprechend fast verdreifachen.“

Wie Armut bei Kakaobauern sofort bekämpft werden könnte und wer das verhindert

Dabei wird nur das unbedingt Notwendige angesetzt, um es zu berechnen: Essen, Gesundheitsfürsorge, Kleidung, Schulbildung für die Kinder, eine adäquate Unterkunft sowie Rücklagen für besondere Ereignisse, wie Hochzeiten oder Krankheiten. Die Armut der Kakaobauern könnte sofort wirkungsvoll bekämpft werden, wenn die Abnehmer faire Preise zahlen würden, heißt es im Kakaobarometer 2020, den ein internationales Bündnis entwicklungspolitischer Organisationen, darunter das Inkota-Netzwerk, herausgibt. Statt derzeit 1450 Euro je Tonne Bohnen müssten die Bauern 2500 Euro bekommen. Übrigens enthalten die 1450 Euro bereits einen Aufschlag von 325 Euro, den die Regierungen von Ghana und Elfenbeinküste im letzten Jahr beschlossen hatten. Sonst würden die Kakaokonzerne noch weniger bezahlen. Gerade mal eine Handvoll Konzerne kaufen weltweit 5,5 Millionen Kleinbauern Kakaobohnen ab. Drei dieser Konzerne, Barry Callebaut, Cargill und Olam, vermahlen zwei Drittel der weltweiten Kakaoernte zu Kakaomasse. Daraus stellen zahlreiche Firmen Schokolade her. Doch das Institut Südwind hat ermittelt, dass die sechs Konzerne Mars, Mondelez, Nestlé, Ferrero, Meiji und Hershey’s zusammen drei Viertel des weltweiten Schokoladenmarkts kontrollieren. Die meiste Schokolade in Deutschland wird von den vier großen Handelskonzernen Aldi, Lidl, Rewe und Edeka verkauft.

Wie Konzerne mit ihrer Marktmacht den Kleinbauern mitspielen

Diese Marktmacht entlang der Lieferkette hat dazu geführt, dass vom durchschnittlichen Preis einer Tafel Schokolade nur sechs Prozent an die Kakaobauern gehen. „Würde man ihnen doppelt so viel bezahlen, würde die Tafel selbst nur wenige Cent teurer“, rechnet Schorling vor. Das Kakaobarometer 2020 macht am Beispiel des Familienkonzerns Ferrero (Nutella) folgende Rechnung auf: Die Familie schüttete sich 2020 eine Dividende von 642 Millionen Euro aus. Um den geschätzt 90 000 Bauern, die den Kakao für sie anbauen, ein existenzsicherndes Einkommen zu bezahlen, müsste der Konzern 450 Millionen Euro mehr für den Rohstoff ausgeben. Es blieben immer noch 192 Millionen Euro Gewinn für Familie Ferrero übrig – und Nutella müsste nicht teurer werden. Doch die Konzerne weigern sich seit 20 Jahren, diesen Weg zu gehen. „Die Industrie hat lange darauf gesetzt, mit Schulungsprogrammen die Produktivität und damit das Einkommen der Bauern zu steigern“, sagt Schorling. Dadurch sei die Zahl der Kinder, die auf den Feldern mit Pestiziden hantieren, drastisch gestiegen. Gleichzeitig brauchten die Kosten für Pestizide und Dünger eventuelle Mehrerlöse häufig auf. Als wenig hilfreich erwiesen sich auch Zertifizierungen, auf die Konzerne lange setzten. Die Nachhaltigkeitssiegel UTZ und Rainforest Alliance schreiben keine Mindestpreise für Kakao vor. 2019 enthüllte die Washington Post, dass Kontrolleure von UTZ Bauern in der Elfenbeinküste trotz Kinderarbeit zertifiziert hätten.

Internationales Arbeitsrecht: Gegen Kinderarbeit

  • Die internationale Arbeitsorganisation ILO fördert im Auftrag der Vereinten Nationen soziale Gerechtigkeit und Arbeitsrechte.1999 definierte die ILO die schlimmsten Formen der Kinderarbeit und verpflichtete ihre Mitglieder dazu, diese unverzüglich zu beseitigen.
  • Zu den schlimmsten Formen zählen Sklaverei, Zwangsarbeit, Kinderhandel, Prostitution, illegale Aktivitäten sowie alle Arbeiten, die die mentale und physische Gesundheit der Kinder gefährden können. Gemeint ist damit, schwere Lasten tragen, mit Pestiziden und Chemikalien hantieren oder in Steinbrüchen und Minen malochen.
  • Generell gilt bei der ILO 15 Jahre als Einstiegsalter für Arbeit. Kinder zwischen 13 und 15 Jahren dürfen leichte Arbeiten verrichten, sofern diese sie nicht von Bildung fernhalten.

Wie Fairer Handel Kakaobauern hilft

Das Fairtrade-Siegel verbietet Kinderarbeit und schreibt einen Mindestpreis vor, doch der ist nach Ansicht der entwicklungspolitischen Organisationen zu niedrig. Mehrere Studien zeigen, dass die meisten Fairtrade-zertifizierten Kleinbauern ebenfalls weit unter der Armutsgrenze ihr Dasein fristen. Der Fairtrade-Mindestpreis für Kakao wurde 2019 auf knapp 2000 Euro je Tonne erhöht. Berechnet bei der Verladung im Hafen. Zieht man die Kosten für das Einsammeln, Lagern und Vermarkten ab, würden davon laut Fairtrade International 1700 bis 1800 Euro bei den Bauern ankommen. Weit entfernt also vom existenzsichernden Einkommen von 2500 Euro.

Was Konzerne zu Kinderarbeit sagen

Auf der Nestlé-Unternehmensseite heißt es zum Thema Kinderarbeit: „Kinderarbeit in der Landwirtschaft in Entwicklungsländern ist vor allem eine Folge von Armut und fehlendem Zugang zu Bildung.“ Von den Dumping-Preisen, die der Konzern für Kakao zahlt, steht dort kein Wort. Vorgestellt wird dagegen ein „Überwachungs- und Korrektursystem“, mit dem die von der Industrie finanzierte International Cocoa Initiative (ICI) Kinderarbeit bekämpfen will. Ziel sei es, „ein stärkeres Bewusstsein für Kinderarbeit in der ganzen Lieferkette zu schaffen und gefährdete Kinder oder nicht akzeptable Arbeitsbedingungen zu identifizieren, um dann entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen“.

Johannes Schorling lobt an dem Ansatz, dass er die örtlichen Gemeinschaften einbeziehe und die Kakaobauern nicht bestrafe, sondern versuche, Lösungen zu finden. Allerdings habe sich damit die Kinderarbeit in den in Studien ausgewerteten Gebieten nur um bis zu 50 Prozent reduzieren lassen. Außerdem erfasse das Monitoring nur ein Viertel der Bauern der Kakao-Lieferketten in Westafrika, meist die besser organisierten. „Die [Mitarbeiter der Konzerne, Anm. d. Red.] gehen selten da hin, wo es wehtut, wo die Probleme am größten sind.“

Warum Bio-Kakao meist aus Süd- und Mittelamerika stammt

Bio-Kakaoanbieter haben bisher um Westafrika einen großen Bogen geschlagen und ihre Kakaobohnen von Kooperativen aus Süd- und Mittelamerika bezogen. Dort wachsen edlere und aromatischere Kakaosorten, während Westafrika für die günstige Massenware steht. „In Lateinamerika gibt es keine flächendeckende Kinderarbeit im Kakaosektor, höchstens Einzelfälle“, erklärt Schorling. Ob die dort gezahlten Kakaopreise jedoch dazu führen, dass die Kleinbauern ein existenzsicherndes Einkommen erwirtschaften können, bleibt offen. Mehrere Studien berechneten solche Einkommen für ländliche Gegenden in Peru, Ecuador oder der Dominikanischen Republik. Es zeigte sich, dass auch dort Bauern meistens weniger verdienen, als sie bräuchten. Auswertungen speziell für Kakaobauern, egal ob konventionell oder bio, gibt es jedoch nicht.

Welche Bio-Hersteller sich in Afrika engagieren

„Wir wünschen uns viele Bio-Hersteller, die sich in Westafrika für eine Transformation des Kakaosektors engagieren“, sagt Johannes Schorling. Pioniere gibt es: Das Fairhandelshaus Gepa bezieht seit Jahren Bio-Kakao aus Kamerun und Sao Tomé und gibt an, mindestens 2900 Euro für die Tonne zu zahlen. In der Elfenbeinküste produziert die Kooperative SCEB seit Jahren Bio-Kakao, mit dem belgischen Fairtrade-Hersteller Ethiquable als Abnehmer. Das Projekt Serendipalm von Dr. Bronners liefert inzwischen aus Ghana neben Bio-Palmöl auch Bio-Kakao. Größter Leuchtturm ist sicherlich Fairafric: Das deutsch-ghanaische Unternehmen verarbeitet in Ghana die Kakaobohnen von 1400 Bio-Bauern und exportiert die fertigen Schokoladentafeln nach Europa. So bleibt weitaus mehr Wertschöpfung in Ghana. Eine zweite Fabrik ist bereits in Bau und ein Bio-Schokoladen-Experte an Bord: Die Ludwig Weinrich GmbH, der auch die Hälfte der Bio-Schokoladenmarke Vivani gehört.<

Folgende Kampagnen oder Organisationen engagieren sich gegen Kinderarbeit bei Kakao und freuen sich über Unterstützung:

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