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Interview

Thomas Henningsen: „In fünf Jahren knallt's!“

Der Greenpeace-Mann Thomas Henningsen zeichnet ein düsteres Bild unserer Zukunft – falls unsere Politikerinnen und Politiker weiterhin so verantwortungslos und feige handeln.

18.01.2021 vonGabriele Augenstein

Der Greenpeace-Mann Thomas Henningsen zeichnet ein düsteres Bild unserer Zukunft – falls unsere Politikerinnen und Politiker weiterhin so verantwortungslos und feige handeln.

Greenpeace feiert Geburtstag! Greenpeace International wird 50 Jahre alt, der deutsche Ableger 40 Jahre. 30 Jahre davon hat der promovierte Biologe aktiv miterlebt, anfangs als Campaigner für Delfine, dann als Global Team Leader und zuletzt als Kampagnenleiter in Europa und Russland. Welt retten ist seine Leidenschaft und Mission. Dafür sucht er Verbündete.

Thomas Henningsen, was war Ihr aufregendster Einsatz für Greenpeace?
Aufregende Einsätze gab es natürlich viele. Aber am schockierendsten war mein Besuch letztes Jahr in der Arktis.

Was war so schockierend?
Die Arktis hat sich so stark verändert. Grönland ist jetzt im Sommer über 20 °C warm, hat in einem Jahr mehr als 520 Gigatonnen Eis verloren. Das sind eine Million Tonnen pro Minute – das ganze Jahr durch! Das reicht, um Deutschland 1,50 Meter unter Wasser zu setzen. Gletscher, die vor ein paar Jahren noch 30 Meter hohe Wände hatten, sind komplett weg. Kleine Schmelzwasserbäche haben sich in riesige, reißende Flüsse verwandelt. Und im August hat die University of Ohio erklärt, das grönländische Eis hat den „point of no return“ erreicht. Egal, was wir machen, Grönland wird schmelzen. Wenn das Eis fehlt, wird es noch wärmer. Wenn es wärmer wird, brennen noch mehr Wälder, der Ruß setzt sich aufs Eis, das wird schwärzer, kann noch mehr Energie aufnehmen. Diese unheilvolle Spirale der selbstverstärkenden Effekte müssen wir dringend stoppen.

Zur Person: Thomas Henningsen

Der promovierte Biologe beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit Umweltthemen. Zum Schutz der Meere, Wälder, der Arktis und des Klimas ist er weltweit im Einsatz – seit 1991 bei Greenpeace. Er hat unzählige Kampagnen mitgemacht und koordiniert: zur Fischerei, zum Schutz der Wale in Japan, gegen die Zerstörung der letzten Urwälder dieser Erde oder zum alles bedrohenden Klimawandel. Sein Vortrag „Meere, Wälder, Klima – Wie sich die Welt verändert!“ macht deutlich, wie dramatisch die Lage tatsächlich ist. Künftig will er seine Expertise einsetzen, um starke Allianzen zu schmieden, damit uns dieser wunderschöne Planet als Lebensraum erhalten bleibt.

Hitzewellen, brennende Wälder, vermüllte Meere – gerät unsere Welt außer Kontrolle?

Evolutionär betrachtet, haben wir den Planeten mehr verändert als jedes andere Lebewesen und schaffen uns gerade selber wieder ab. Wenn wir diesen Wahnsinn aufhalten wollen, müssen wir es jetzt anpacken. Noch ist es nicht zu spät. Für diesen wunderschönen Planet lohnt es sich zu kämpfen! Kopf in den Sand stecken, ist keine Option.

Wenn Sie alle Hebel in der Hand hätten, was würden Sie tun?

Sofort raus aus der Kohle, raus aus Öl und Gas, Meere und Wälder schützen und endlich die Agrarwende anpacken! Wenn wir noch zehn Jahre so weitermachen, sind unsere Regenwälder und Korallenriffe verloren. Dann haben wir dort den „point of no return“ erreicht. Wir haben null Zeit, es ist eigentlich zwölf Uhr, wir müssten jetzt massiv etwas verändern – und zwar international. Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt, wir sind das stärkste, politische Land in der größten ökonomischen Zone der Erde, der EU. Wir müssen unseren Einfluss nutzen und die Konzepte, die wir haben – wir haben ja geile Konzepte und Lösungen!

Warum machen wir es dann nicht?

Ich behaupte, weil die Politik feige ist. Wir haben schlaue Leute, trotzdem machen sie das Verkehrte in einer Dimension, die unverantwortlich ist!

Wie meinen Sie das?

Es wird gerne gesagt, Politik sei, das Machbare umzusetzen. Aber das ist eine falsche Philosophie. Das Nötige muss umgesetzt werden! Man sieht jetzt in der Corona-Zeit, dass wir dazu in der Lage sind. Und im Klimabereich wäre es viel nötiger, solche strikten Vorgaben zu machen. Aber die Politik buckelt vor der Industrie.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Wirtschaftsminister Peter Altmaier lässt die Kohlekraftwerke bis 2038 noch Hunderte Millionen Tonnen CO₂ in die Luft blasen. Das ist ein Umweltverbrechen! Warum kuscht er vor den großen Energieversorgern, statt zu tun, was der klare Menschenverstand verlangt? Wir müssen raus aus der Kohle. Sieben der zehn größten CO₂-Emittenten in Europa sind deutsche Kohlekraftwerke. Wir sind das größte Umweltproblem in Europa, aber tun so, als wären wir wunderbar.

Mit einem sofortigen Kohleausstieg würde der Minister am Ast sägen, auf dem er parteipolitisch sitzt, oder?

Mit unserer derzeitigen Lebensweise sägen wir nicht bloß am Ast, wir stecken den ganzen Baum in Brand, den ganzen Wald! Das ist irre! Wenn wir das Rad noch umdrehen wollen, dann brauchen wir mutige Politikerinnen und Politiker, die in der Sache an einem Strang ziehen, egal welche parteipolitischen Interessen dahinterstehen, sonst fängt es in fünf Jahren an zu knallen. Drei der vier größten Waldbrände, die je gemessen wurden, brannten letztes Jahr. Die höchste Temperatur, die je auf dem Planeten gemessen wurde – letztes Jahr. Die meisten Hurrikans und Taifune aller Zeiten – auch im letzten Jahr. Wir können nicht mehr warten.

Denken Sie an eine Öko-Diktatur?
Die wird es nicht geben. Aber es wird eine Diktatur der Sachzwänge geben.

Es ist 12 Uhr. Wir können nicht warten. Fangen wir an!

Thomas Henningsen, Umweltschützer und Klima-Aktivist

Haben Sie weitere unbequeme Ideen?

Wir machen politisch nach wie vor einen Fehler, Russland zu isolieren. Man kann von der Politik dort halten, was man will, aber Russland beim Klimaschutz nicht an Bord zu holen, ist ein Riesenproblem. Die haben so viel Wald, wenn der verschwindet, können wir die Welt nicht mehr retten. Die haben so viel Permafrost, wenn der taut, können wir die Welt nicht mehr retten. Wenn die ihr gesamtes Öl und Gas weiter exportieren, können wir die Welt nicht mehr retten. Das Land ist 48 Mal größer als Deutschland! Da muss klimapolitisch etwas passieren.

Und was kann jeder selbst beitragen?

Wir alle haben mindestens vier wirksame Stellschrauben: Mobilität, Ernährung, Energie und Verpackungsmüll.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Immer mehr Firmen kommen auf uns zu und sagen: „Was können wir nachhaltiger machen?“ Viele Menschen wollen nur noch in Firmen arbeiten, die auch ein gewisses ökologisches Konzept haben. Und Kinder treten ihren Eltern in den Hintern und sagen: „Papa, Mama, was macht ihr eigentlich? Warum haben wir immer noch so ein Auto? Was produziert ihr eigentlich in eurer Firma?“ Einmal zeigte ich Vertretern der deutschen Papierindustrie in Kanada, wo für ihre Produkte Wald abgeholzt und fantastische Lebensräume von Tieren und Indigenen zerstört werden. Da sagte ein entscheidender Einkäufer: „Das ist schlimm! Wenn meine Tochter das mitbekommt, redet die nie wieder mit mir!“ Das sorgte dafür, dass am Ende wirklich diese ganzen Wälder geschützt wurden.

Danke Greenpeace!

Wir von Schrot&Korn sagen Danke Greenpeace, für eure Verdienste und Erfolge: darunter das Ende des kommerziellen Walfangs, das Dumpingverbot für radioaktiven und toxischen Müll in den Meeren, den Weltpark Antarktis und den FCKW-freien Kühlschrank. Ihr habt die Welt ein bisschen besser gemacht!

greenpeace.de

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