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Interview

Sabine Gabrysch: „Die Lage ist ernst“

Die Professorin Sabine Gabrysch diagnostiziert unserer Welt einen äußerst kritischen Gesundheitszustand. Doch es ist nicht hoffnungslos.

06.02.2020 vonGabriele Augenstein

Die Professorin Sabine Gabrysch diagnostiziert unserer Welt einen äußerst kritischen Gesundheitszustand. Doch es ist nicht hoffnungslos.

Sabine Gabrysch hat es eilig. Ihre Sätze sprudeln. Sie will ein Forschungsprojekt in Bangladesch abschließen und nach Potsdam ziehen, wo sie ihre neue Stelle an der Charité und am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung angetreten hat. Wir treffen uns in ihrem Büro in Heidelberg. Draußen herrscht graues Novemberwetter, vielleicht ein, zwei Grad zu warm. Sonst ist vom Klimawandel nichts zu spüren.

Frau Gabrysch, wie beeinflusst der Klimawandel unsere Gesundheit?

Wir Menschen hängen davon ab, dass wir gesunde Nahrung haben, saubere Luft, sauberes Wasser, erträgliche Temperaturen usw. Wir sind ein Teil der Natur. Wenn sich das Klima immer stärker verändert, gefährdet das auch unsere Gesundheit fundamental.

Das bedeutet konkret?

In Deutschland haben wir vor allem mit Hitzewellen zu tun. Für Menschen, die gesundheitlich vorbelastet sind, etwa durch Herzprobleme, kann das lebensbedrohlich werden. Bei sehr heißen Temperaturen und hoher Luftfeuchte kann man nicht mehr draußen arbeiten, weil der Körper sich nicht mehr ausreichend runterkühlen kann. Krankheitserreger können sich in neue Gebiete ausbreiten, Malaria, Dengue, Chikungunya. 2019 hatten wir in Deutschland die ersten von Mücken übertragenen Fälle von West-Nil-Fieber.

Bedroht der Klimawandel unsere Ernährungssicherheit?

Wir hängen durch die Landwirtschaft von der Natur ab. Wenn der Regen ausbleibt, zu stark, zu spät oder zu früh einsetzt, wirkt sich das natürlich auf unsere Ernten aus. Der Mangel an Wasser und Nahrung kann bestehende gesellschaftliche Spannungen und Konflikte weiter verschärfen. Das sehen wir in vielen Gegenden dieser Welt bereits jetzt. Wenn der Stress noch größer wird, hat das extreme Auswirkungen auf die Gesundheit. Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen.

Wie meinen Sie das?

Zum Beispiel erzeugt die Landwirtschaft, so wie wir sie derzeit betreiben, etwa ein Viertel der Treibhausgase weltweit. Man sollte denken: Bauern produzieren aus Sonne, Luft und Erde Nahrung. Aber die industrielle Landwirtschaft verbraucht für die Produktion jeder Kalorie Nahrung mehrere Kalorien Erdöl. Mal ganz abgesehen vom Verlust der Artenvielfalt. Unsere Obst- und Gemüsesorten haben wir auf Transport- und Lagerfähigkeit optimiert, nicht auf Nährstoffgehalt. Und wir verlieren in dramatischem Ausmaß fruchtbare Ackerböden, die die Basis unserer Ernährung sind. Wir müssen beherzt die Wende einleiten.

Wir müssen unsere Lebensweise komplett umwandeln.

Sabine Gabrysch, Epidemiologin und Professorin für Klimawandel und Gesundheit

Und wenn wir nicht handeln?

Nichts zu tun bedeutet, dem Unglück seinen Lauf zu lassen. Aber wir können die Zukunft gestalten. Das Zwei-Grad-Ziel wurde beschlossen, weil man sich gesagt hat: Bis dahin könnten wir vielleicht die Folgen noch bewältigen, auch wenn sie dramatisch sind. Halten wir dieses Ziel nicht ein, könnten Prozesse im Erdsystem in Gang kommen, die wir nicht mehr kontrollieren können. Wenn in der Arktis das Eis wegschmilzt, wird dort die Sonneneinstrahlung nicht mehr so gut reflektiert, die Region wärmt sich stärker auf. Wenn die Permafrostböden auftauen, werden große Mengen Methan frei und heizen die Erwärmung weiter an. Das müssen wir unbedingt vermeiden. Eine Erwärmung um 1,5 Grad würde uns schon genug herausfordern. Bei 2 Grad sind fast alle Korallen tot. Was das für die Meere bedeutet, ist schwer auszumalen. Korallenriffe sind die Regenwälder der Meere, die Kinderstube der Fische.

Wie können wir die Erderwärmung stoppen?

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung „Globale Umweltveränderungen“ (WBGU) hat ein Gutachten herausgebracht „Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation“. Tatsächlich brauchen wir eine komplette Umgestaltung unserer Lebens- und Wirtschaftsweise. Ein guter Anfang wären ehrliche Preise, die Schäden einpreisen, die wir verursachen. Es darf nicht billiger sein, die Umwelt zu zerstören. Das Umweltbundesamt hat ausgerechnet, dass wir jedes Jahr mehr als 50 Milliarden umweltschädlicher Subventionen verteilen. Es wäre ein erster Schritt, diese nicht zu verteilen, Fleischexporte, Dienstwagen und Kohleförderung nicht zu subventionieren. Stattdessen das, womit wir eine CO₂-neutrale Gesellschaft erschaffen. Wir könnten viel tun: Radwege bauen, den öffentlichen Nahverkehr fördern, Solarzellen und Windräder aufstellen. Vieles wissen wir auch noch nicht, etwa wie klima-freundliches Reisen mit Flugzeug aussehen könnte. Wir haben einige Baustellen und viel Zeit bleibt uns nicht mehr, die Weichen zu stellen. Es gilt jetzt! Die nächsten Jahre sind extrem wichtig.

Das könnte schwierig werden.

Erst mal schon. Aber die gute Nachricht ist: Vieles, was wir tun müssen für den Klimaschutz, sollten wir ohnehin tun, weil es gut für die Gesundheit ist. Man sieht in Amsterdam oder Kopenhagen, wie viel schöner fahrrad- und fußgängerfreundliche Städte sind. Mehr Grünflächen, Urban Gardening, Kinder haben Platz zum Spielen, saubere Luft, die Menschen bewegen sich mehr. Die Umstellung wird nicht leicht, aber nachher ist das Leben besser als vorher. Viele Krankheiten entstehen ja gerade durch ungesunde Ernährung, fehlende Bewegung, Luftverschmutzung und Stress.

Zur Person Sabine Gabrysch

Prof. Dr. Dr. med. Sabine Gabrysch ist Medizinerin und Epidemiologin. Sie forscht zu globalen Aspekten der Bevölkerungsgesundheit. Im Juni 2019 wurde die Wissenschaftlerin auf die erste Universitätsprofessur für Klimawandel und Gesundheit berufen, eingerichtet von der Charité – Universitätsmedizin Berlin und dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). 2018 wurde Gabrysch für ihr Forschungsprojekt zur Bekämpfung von Mangelernährung in Bangladesch mit dem „Preis für mutige Wissenschaft“ ausgezeichnet.

Glauben Sie, wir schaffen das?

Wenn wir in die richtige Richtung marschieren, kommt ganz viel Schwung rein. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben. Die Klimakrise ist eine schwere Diagnose für unsere Gesellschaft. Wir können nun entscheiden, wie wir damit umgehen. Nichts tun und weitermachen wie bisher? Das heißt für unsere Kinder ein schlechteres Leben. Oder wir nehmen diese Diagnose zum Anlass, um neue Prioritäten zu setzen und die Dinge zum Besseren zu verändern. Noch ist das nicht passiert in der Gesellschaft. Bei vielen Menschen ist noch nicht angekommen, wie ernst die Lage ist und dass wir sofort handeln und bis Mitte des Jahrhunderts auf Null-Emissionen kommen müssen.

Wie schätzen Sie unsere Überlebenschancen auf diesem Planeten ein?

Wir Ärzte sind dazu verpflichtet, auch unangenehme Wahrheiten zu vermitteln, wenn die Situation es erfordert. Und dann gemeinsam über mögliche Lösungen und Chancen zu sprechen, über den Weg nach vorn. Selbst wenn die Überlebenschancen nicht 100 Prozent sind, wenn eine Therapie immerhin in der Hälfte der Fälle hilft, dann versucht man das doch! Ich glaube, dass unsere Zivilisation, wie wir sie heute kennen, auf eine sehr harte Probe gestellt werden wird. Aber gerade deswegen sollten wir es doch anpacken. Lasst uns die Chance nutzen! Es geht doch um die Zukunft und um unsere Kinder.

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