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Umwelt

Kinder begreifen ihre Umwelt und sich selbst im Spiel. Spielzeug kann ihnen dabei helfen. Doch: Nicht immer haben Erwachsene bei der Auswahl das richtige Händchen. Altersgerecht soll es sein und ungefährlich im Gebrauch. Auf gute Verarbeitung, h

Spiel ohne Grenzen? Kinder begreifen ihre Umwelt und sich selbst im Spiel. Spielzeug kann ihnen dabei helfen. Doch: Nicht immer haben Erwachsene bei der Auswahl das richtige Händchen
30.11.1998

Spiel ohne Grenzen?

Kinder begreifen ihre Umwelt und sich selbst im Spiel.Spielzeug kann ihnen dabei helfen. Doch: Nicht immer haben Erwachsene beider Auswahl das richtige Händchen. Altersgerecht soll es sein und ungefährlichim Gebrauch. Auf gute Verarbeitung, hohen Spielwert und ungiftige Materialiensollten umweltbewußte Eltern deshalb besonderen Wert legen.

"Mir ist so langweilig": ein aus tiefster Brust gestöhnterKinder-Satz, der Eltern zur Verzweiflung bringt. Oft wissen gerade die Kinder,deren Zimmer an ein gutsortiertes Spielwarengeschäft erinnert, am wenigstenmit sich selbst anzufangen. Der Zeitgeist verlangt nach Abwechslung undimmer neuen Reizen. Allein 350.000 Artikel aus aller Welt werden jährlichauf der größten Ausstellung, der Nürnberger Spielwarenmesse,vorgestellt.
Im Naturwarenhandel gehört Spielzeug meist nicht zum Standardprogramm.Gerade in der Vorweihnachtszeit findet man die Geschenkartikel jedoch etwashäufiger. Im Vordergrund stehen Langlebigkeit, natürliche Materialienund Spielsachen, die die Kreativität anregen und die Phantasie beflügelnsollen. Alles Kriterien, die der nachwachsende Rohstoff Holz erfüllt.Er hat angenehme Oberflächeneigenschaften und ist ungiftig. Bei derHerstellung entstehen keine umweltbelastenden Emissionen oder Nebenprodukte;die Entsorgung ist unproblematisch. Ein Nachteil: Bei naturbelasser Oberflächekönnen Bakterien eindringen und sich breit machen. Deshalb sollte manHolz-Spielzeug ab und an waschen und auf der Heizung gründlich durchtrocknen.

Wie zu Großmutters Zeiten
Babys im ersten Lebensjahr erfahren ihre unmittelbare Umgebung durch Betasten,Ablutschen, Anschauen, Bewegen, Greifen, Beißen und Hören. Einigewenige Spielsachen genügen schon, um diese Erkundungslust anzuregen.Für die Jüngsten sind Greifringe, Rasseln, Beißringe undKlangspiele interessant.
Die Firma Trado beispielsweise läßt ihre Greif- und Beißspielzeugeim Erzgebirge in Familienbetrieben von Hand schnitzen. "Viele von ihnensind Großmutters Zeiten nachempfunden," erzählt JoachimFrost von Trado. Die Verwendung heimischer Hölzer sowie unbedenklicherund speichelfester Farben, Lacke und Kleber sei für die Firma eineSelbstverständlichkeit.
Schon in diesem Alter ist es ganz wichtig, daß den Kindern nicht nureine einzige Möglichkeit der Beschäftigung geboten wird. Geradebei den alternativen Naturwarenherstellern findet man kreative Lösungen,die dem Kind beim selben Spielzeug mehrere Betätigungen ermöglichen.
Mit einem halben Jahr begeistern sich die Kleinen in der Badewanne fürSchwimmentchen, Boote und andere Wasser-Spielsachen. Das größteAngebot hierzu gibt es aus Plastik. Denn in diesem Falle bietet das MaterialVorteile gegenüber Holz. Es läßt sich in jede beliebigeForm bringen, ist leicht und ermöglicht damit viele kreative Spiel-Variationenfür die noch grobe Motorik. Wer Plastik-Spielzeug kauft, sollte unbedingtdarauf achten, daß kein PVC enthalten ist (siehe Kasten).
Wichtig sind auch Kuscheltiere. Sie helfen beim Einschlafen, sind Vertrauteund Spielgefährten. Teddy & Co. werden in den Mund gesteckt, besabbertund abgeleckt, liegen Haut an Stoff im Kinderbett und gehen sogar manchmalmit in die Wanne. Der intensive Kontakt stellt an Textilien und Füllstoffehohe Ansprüche. Vor zwei Jahren ergab ein Test der Zeitschrift Öko-Testmit Stoffpuppen und -tieren allerdings Bedenkliches: Von 31 Modellen enthieltenacht krebserregende Amine, gefunden wurden außerdem gesundheits- undumweltschädliche halogenorganische Verbindungen, Formaldehyd sowieverschiedene Schwermetalle. Wer solche Gifte meiden will, bekommt im Naturwarenhandelund in Geschäften, die auf Holzspielzeug spezialisiert sind, jede MengeAlternativen. Diese Läden sind auch gern bereit, ausführlich Auskunftüber alle Inhaltsstoffe zu geben.
Paradox: Während für Bekleidung inzwischen die als krebserzeugendeingestuften Azo-Farben per Gesetz verboten sind, gilt das für Stoffpuppenund -tiere nicht.
Bleibt der Rat, auf allzu Buntes zu verzichten und genau hinzuschauen. InDeutschland Gefertigtes ist dabei der Importware vorzuziehen. Doch der Blickaufs Etikett hilft nicht immer. Steht dort "Reine Baumwolle",sagt das noch nichts über die chemische Behandlung und Ausrüstungder Texilien aus. Konventionelle Baumwolle kann zudem anbaubedingte Pestizidrückständeenthalten. Noch bevor solche Stofffreunde in Kinder-Armen ins Land der Träumeschlummern, sollten sie auf jeden Fall vorsichtshalber ihre Runden in derWaschmaschine drehen.

Schadstoff-freie Stoffe
Aber es geht auch anders: Einige Hersteller tun sehr viel für die Stoffqualität.Orientieren kann sich der Verbraucher unter anderem an den Vorschriftendes Arbeitskreises Naturtextil (AKN). Azofarben, chemische Ausrüstungenund Appreturen, optische Aufheller, Schwermetalle, Chlorbleiche, Formaldehydsowie andere kritische Substanzen oder Verfahren sind hier tabu.

Beliebt: Aufstellfiguren
Werden aus Babys Kinder, ändern sich ihre Spiele. Zwei- bis Dreijährigeinteressieren sich mehr und mehr für das, was um sie herum passiert.Sie beginnen mit Rollenspielen, bauen Höhlen und Verstecke und fragenihren Eltern Löcher in den Bauch. Jetzt ist die richtige Zeit fürAufstellfiguren, zum Beispiel von Ostheimer oder den Buntspechten.Die handgestalteten Figuren aus heimischen Hölzern wie Ahorn, Esche,Erle, Birke und Linde lassen sich zu verschiedenen Erlebniswelten aufstellen:Bauernhof, Dorf, Zirkus, Savanne oder Arktis. Bereits 1959 entstand dieerste Ostheimer-Kollektion aus Haustieren und Krippefiguren. Heutewerden fast drei Millionen Figuren jährlich in Spielzeuglädennach Westeuropa, USA und Japan versandt.
Das Angebot der rund 450 Kreationen versteht sich laut Firmenprospekt als"Kontrastprogramm zu Plastik, Blech und Plüsch". Charakteristischsind die runden, harmonischen Formen aller Figuren und die mit wenigen Strichenangedeuteten Gesichtszüge. Lasierende Farben lassen immer auch dieStruktur des Holzes erkennen. Die Figuren wirken unfertig und das mit Absicht:"Sie lassen der Phantasie freien Lauf" erzählt Wolfgang Schülevon Ostheimer.
Diese Wirkung bestätigt die Kinder- und Jugendpsychologin Gudrun Sahlender-Wulf.Aufstellfiguren, die sie vor vielen Jahren aus dem Kinderzimmer des Sohnesfür ihre Arbeit mit psychisch Kranken entliehen hatte, sind heute festerBestandteil ihrer Therapie mit magersüchtigen Jugendlichen. "Siehelfen, das sogenannte Unbewußte deutlich werden zu lassen."Die scheinbar kindlichen Holzfiguren erleichtern den Kranken den Sprungzurück in die Bilderwelt der Kindheit, berichtet die Therapeutin. Auchdie jüngeren Kinder beschäftigen sich in der Praxis der Therapeutingerne mit den Figuren: "Während dieses Spiels tauchen sie tiefin eine andere Welt ein, es ist schön, mit anzusehen, wie sich ihrGesicht dabei entspannt, wenn sie sich selbst begegnen." Eine Erfahrung,die auch im ganz normalen Kinderalltag dafür bürgt, daßgelingendes Spiel etwas anderes bedeutet als Reizüberflutung und Zeitvertreib.
Astrid Wahrenberg


Weichmacher stehen unter Krebsverdacht
Seit Anfang des Jahres geht es immer wieder durch die Presse: Babyspielzeug wie Beißringe, Quietsche-Enten oder Plastikbausteine aus PVC können beim intensiven Kontakt, zum Beispiel beim Nuckeln und daran Lutschen, chemische Weichmacher freisetzen. Diese Stoffe können innere Organe schädigen und stehen unter dem Verdacht, krebserregend zu sein.
Im Handel ist dieses Spielzeug allerdings noch immer. Die EU-Kommission zögert mit einem Verbot. Indes hat eine Reihe von Herstellern und Händlern bereits reagiert: Die deutschen Unternehmen Helly, Continua, Mapa (NUK) und Novatex garantieren, daß ihr Sortiment kein PVC mehr enthält. Erkennen kann man diese Ware am Aufkleber "PVC-frei". Auch verschiedene Kaufhausketten haben PVC-haltiges Babyspielzeug freiwillig aus den Regalen genommen. Frei von dem Gift ist darüber hinaus Spielzeug mit dem spiel-gut-Siegel.
Die Forderung der EU-Verbraucher-Kommissarin Emma Bonino nach einem völligen Verbot stieß auf helle Empörung der Industrie. Bis zu 40 Prozent des Kinderspielzeugs müßte dann aus dem Verkehr gezogen werden, hieß es.
Nach den jüngsten wissenschaftlichen Untersuchungen müßte allerdings genau dies geschehen Gutachten aus Wien und den Niederlanden gingen der Frage nach, welche Mengen beim Nuckeln an den Spielsachen freigesetzt werden. Ergebnis: Von dem Phthalat DINP, einem der giftigsten Weichmacher, gelangt die Hälfte der von der EU für tolerierbar gehaltenen Menge in den Mund. Addiert man dazu die über Nahrung, Luft und Wasser aufgenommenen Mengen an Weichmachern, wird der Grenzwert deutlich überschritten.
In Dänemark und Österreich hat man schon gehandelt - und PVC-Spielzeug verboten. Bislang wird in Europa jedes Jahr PVC-Spielzeug im Wert von 80 Millionen Mark verkauft.
Roter Punkt steht für Qualität
Der Arbeitsausschuß Kinderspiel + Spielzeug ist ein industrieunabhängiger eingetragener Verein mit ehrenamtlichen Mitgliedern aus den Bereichen Pädagogik, Psychologie, Soziologie, Medizin Kunst, Architektur, Design, Elektrotechnik, Elektronik und Chemie. Seit 1955 bewertet die Institution jährlich aus dem Spielzeugangebot mehrere hundert ausgewählte Spielsachen. Kriterien für die Bewertung sind: Spielwert, Funktion, Material, Verarbeitung, Gestaltung, Umweltverträglichkeit und Sicherheit. Fällt die Prüfung positiv aus, darf das Spielzeug den roten spiel gut-Punkt tragen. Alle zwei Jahre erscheint ein Verzeichnis, in dem sämtliche Spielsachen enthalten sind, die seit 1955 ausgezeichnet sind und noch produziert werden. Das aktuelle Verzeichnis enthält 2000 geprüfte Spielzeuge und Materialien für jedes Alter.
Das 22. spiel gut-Verzeichnis kann man schriftlich oder telefonisch bestellen beim Arbeitsausschuß Kinderspiel + Spielzeug e.V., Neue Straße 77, 89073 Ulm. Kosten: DM 14,80 plus 3 DM Versandkosten. Tel.: 0731-65653

"Weniger ist oft mehr"
Über die Kriterien für gutes Spielzeug unterhielt sich unsere Mitarbeiterin Astrid Wahrenberg mit der Pädagogin Ingetraud Palm-Walter vom Ausschuß spiel gut.

S&K: Warum brauchen Kinder Spielzeug?

Palm-Walter: Eigentlich brauchen Kinder gar kein Spielzeug, wenn sie eine anregende Umwelt haben. Kinder sind von der Erwachsenenwelt weitgehend ausgeschlossen (z.B. was und wo der Vater arbeitet bekommen die Kinder selten zu sehen) und brauchen deshalb Spielzeug als "Miniatur- beziehungsweise Ersatzwelt".

S&K: Was bedeutet Spielen für Babys und Kleinkinder unter drei Jahren?

Palm-Walter: Das Kind erobert sich spielerisch seine Umwelt. Es lernt Dinge, Situationen und Zusammenhänge erkennen. Spielen ist die dem Kind gemäße Form zu handeln und die Welt zu erkunden. Es ist ihre Art, sich mit dem Unbekannten in kreativer Weise vertraut zu machen, alle nur möglichen Sicht- und Handlungsweisen auszuprobieren. Ein Kind muß also spielen können beziehungsweise dürfen, um sich weiterentwickeln zu können.

S&K: Welche Sinne sollen bei Kindern in diesem Alter angesprochen werden?

Palm-Walter: Alle Sinne sollen angesprochen werden. Durch die Verbindung von Schmacks-, Tast-, Geruchs-, Seh- und Höreindrücken bilden sich die "Vorstellungen" von den Dingen. Das Kind bekommt ein Bild von der Welt und von Zusammenhängen.

S&K: Kleine Kinder beschäftigen sich noch nicht so lange mit Spielsachen. Viele Eltern neigen deshalb dazu, für Abwechslung zu sorgen. Wie beurteilen Sie das aus pädagogischer Sicht?

Palm-Walter: Eltern sollten für Abwechslung sorgen, damit die Kinder möglichst viele verschiedene Dinge kennenlernen können. Zum Beispiel beim Babyspielzeug: es soll nicht nur aus Holz oder Kunststoff sein, sondern auch aus Stoff, Leder, Metall und so weiter. So lernen die Kinder die verschiedenen Eigenschaften kennen: hart - weich, glatt - rauh, laut - leise, rund - eckig. Wichtig dabei ist, nicht alles auf einmal anzubieten. Für ein Baby immer nur ein bis zwei Teile, so daß es genügend Zeit und Gelegenheit hat, ein Spielzeug genau kennenzulernen. Mehrere Dinge gleichzeitig würden es nur ablenken.

S&K: Kann Spielzeug das Spiel mit den Eltern/Erwachsenen ersetzen?

Palm-Walter: Nein. Wenn Eltern sich mit den Kindern beschäftigen, spüren diese, daß sie wichtig sind und ernst genommen werden. Man darf diese Zuwendung aber nicht nur für Lernspiele und zum "Vormachen" mißbrauchen, sondern sollte sich auf die Befürnisse und das Spiel der Kinder und ihre Ideen einlassen.

S&K: Was unterscheidet "gutes" Spielzeug von "schlechtem"? Gibt es Entscheidungshilfen?

Palm-Walter: Ja. Das Spielzeug sollte die Phantasie der Kinder anregen und nicht einengen. Je vielfältiger die Spielmöglichkeiten sind, desto anregender ist das Spielzeug und desto länger bleibt es interessant. Das Spielzeug sollte außerdem einen Bezug zur Erlebniswelt des Kindes haben. Darüber hinaus ist auf eine Größe zu achten, die dem Spielzweck angemessen ist: Kleine Kinder bauen besser mit großen Bausteinen, aber ein riesiger Teddybär eignet sich nicht zum Freund, der das Kind überallhin begleitet. Auch die Menge muß stimmen: mehr Bausteine fördern das Bauen, mehr Schienen machen die Eisenbahn interessanter - aber eine Puppe mit Zubehör ist besser als viele Puppen ohne Zubehör. Zudem ist Umweltschutz ein Thema: Langlebiges Spielzeug wird nicht zu Müll, sondern "vererbt". Oder man tauscht, kauft beziehungsweise verkauft es auf dem Flohmarkt. Deshalb sollte man kein "Wegwerfspielzeug" kaufen und unnötig große Verpackungen zurückweisen. Der Preis des Spielzeugs sollte immer im Verhältnis zu den Spielmöglichkeiten und zur Lebensdauer beurteilt werden. Lieber weniger und besseres Spielzeug kaufen. Eine gute Lösung: Wertvolles Spielzeug gemeinsam kaufen.

S&K: Haben Kinder früher "besser" gespielt als heute?

Palm-Walter: Das kann man so nicht sagen. Kinder spielen heute anders, weil sich ihre Umwelt verändert hat, das heißt aber nicht, daß sie "schlechter" oder weniger spielen.

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