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Kolumne

Die im Dunkeln sieht man nicht

Falls es mal so etwas wie einen Wettbewerb für besonders unspektakuläre Tiere geben sollte – der Regenwurm wäre kaum zu schlagen. Er schmückt keine Cover von Tiermagazinen. Kein Karel Gott besingt seine Qualitäten. Unser Kolumnist Fred Grimm findet, der unscheinbare Wurm sollte mehr Aufmerksamkeit bekommen.

01.01.2020 vonFred Grimm

Falls es mal so etwas wie einen Wettbewerb für besonders unspektakuläre Tiere geben sollte – der Regenwurm wäre kaum zu schlagen. Er schmückt keine Cover von Tiermagazinen. Kein Karel Gott besingt seine Qualitäten. Unser Kolumnist Fred Grimm findet, der unscheinbare Wurm sollte mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Falls es mal so etwas wie einen Wettbewerb für besonders unspektakuläre Tiere geben sollte – der Regenwurm wäre kaum zu schlagen. Er schmückt keine Cover von Tiermagazinen. Kein Karel Gott besingt seine Qualitäten. Im Karneval sieht man Menschen in Bienen- und Katzenkostümen, manche verkleiden sich sogar als Schildkröte. Als Regenwurm geht hingegen keiner.

Oder besser: kriecht. Denn der Regenwurm ist im Prinzip nichts anderes als ein von Haut und Muskeln umgebener, enorm beweglicher Fressschlauch. Er hat keine Augen, hört nix und stumm ist er sowieso. Und man sieht ihn auch eher selten, denn der Wurm hat zu tun. Unermüdlich holt er sich Blätter und andere Pflanzenreste in seine unterirdischen Wohnröhrenanlagen, zerkleinert, frisst, verdaut, wühlt sich wieder nach oben, holt neue Nahrung, zerkleinert, frisst, verdaut … Etwa die Hälfte seines Eigengewichts verschlingt so ein Regenwurm täglich und tut damit ein gutes Werk. Durch seine Arbeit lüftet er den Boden, vermengt seine Nahrung und die Pflanzen mit Mikroorganismen aus seinem Darm und produziert so den besten Dünger, den man sich nur denken kann. Auch als Bauherr sollte man ihn nicht unterschätzen. In Baden-Württemberg wurden schon völlig intakte, 100 000 Jahre alte Regenwurmbehausungen entdeckt.

Wenn man es recht betrachtet, ist der Regenwurm so etwas wie die fleißige Biene der Unterwelt.

Fred Grimm

Wenn man es recht betrachtet, ist der Regenwurm so etwas wie die fleißige Biene der Unterwelt. Ein unverzichtbarer Teil des komplizierten Kreislaufs aus Wachsen und Vergehen, aber einer, für den man keine Volksbegehren anstrengt. Dabei gelten von den knapp fünfzig Arten, die sich durch Deutschland graben, über die Hälfte als stark gefährdet: niedergewalzt und -gestreckt vom schweren Gerät, den Häckslern und Giften der modernen Aggro-Industrie, die sich „Landwirtschaft“ nennt.

Die Regenwürmer bringen das Leben in den Boden, aber vielleicht sind sie zu unscheinbar, als dass man begreift, was man an ihnen hat. Diese Einstellung erinnert mich daran, wie den vielen Menschen begegnet wird, deren Arbeit die Welt eigentlich am Laufen hält: Menschen, die nachts die Büros und Fabriken sauber machen, die in Güterzügen sitzen, Stromnetze überwachen, Busse und Bahnen reparieren. Menschen, die dafür sorgen, dass morgens die Regale gefüllt und nachts die Bettpfannen der Schwerkranken geleert werden. Das Wirken der Regenwürmer, die im Übrigen auch noch das 60-Fache ihres Körpergewichts wegdrücken können, männliche wie weibliche Geschlechtsorgane in sich tragen und zur Fortpflanzung stundenlang entspannt nebeneinander liegen, um sich gegenseitig zu befruchten, gehört zu den viel zu selten erzählten Geschichten der Natur. Die Geschichten jener Menschen, deren oft lächerlich schlecht bezahlte Arbeit den Alltag so vieler anderer trägt, werden ebenfalls viel zu selten gehört. Die im Dunkeln, heißt es, sieht man nicht.

Fred Grimm

Der Hamburger Fred Grimm schreibt seit 2009 auf der letzten Seite von Schrot&Korn seine Kolumne über gute grüne Vorsätze – und das, was dazwischenkommt. Als Kolumnist sucht er nach dem Schönen im Schlimmen und den besten Wegen hin zu einer besseren Welt. Er freut sich über die rege Resonanz der Leser und darüber, dass er als Stadtmensch auf ein Auto verzichten kann.

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