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Perchlorat in Bio-Tomaten

Das Verbrauchermagazin Ökotest hat in niederländischen Demeter-Tomaten relevante Mengen der ansonsten in Feuerwerkskörpern oder als Medikament eingesetzten Chemikalie Perchlorat gefunden. Damit ist klar, dass dieser Schadstoff auch die Bio-Branche betrifft
04.08.2013
Das Verbrauchermagazin Ökotest hat in niederländischen Demeter-Tomaten relevante Mengen der ansonsten in Feuerwerkskörpern oder als Medikament eingesetzten Chemikalie Perchlorat gefunden. Damit ist klar, dass dieser Schadstoff auch die Bio-Branche betrifft

Das Verbrauchermagazin Ökotest hat in niederländischen Demeter-Tomaten relevante Mengen der ansonsten in Feuerwerkskörpern oder als Medikament eingesetzten Chemikalie Perchlorat gefunden. Damit ist klar, dass dieser Schadstoff auch die Bio-Branche betrifft.Herkunft von PerchloratFür den konventionellen Bereich gelten Stickstoffdünger aus Chilesalpeter und bestimmte Kaliumdünger aus US-Lagerstätten als wahrscheinliche Quellen des Perchlorats. Für den Ökolandbau nennt der Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN) in seiner Stellungnahme mehrere mögliche Eintragswege:

  • Vinasse-Dünger (aus der konventionellen Zuckerherstellung),
  • andere Düngemittel (wobei andere Quellen Seetang oder Guano als Beispiel nennen),
  • chloriertes Bewässerungs- oder Prozesswasser
  • und natürliche Vorkommen.

Nach der Information von Branchenteilnehmern durch den BNN wurden Lieferanten auf die Problematik aufmerksam gemacht und Bio-Produkte zur Analyse ins Labor geschickt. Im Rahmen des BNN-Monitorings seien Proben auf Perchlorat analysiert worden, schrieb der BNN in einer Stellungnahme an Ökotest. „Vereinzelt wurden Gehalte oberhalb der Signalwerte nach der Berechnungsmethode des BfR festgestellt.“ Die in diesen Fällen gestartete Ursachensuche sei sehr aufwändig, „da kaum bekannt ist, ab welchem Gehalt Perchlorat-Funde in Dünger, Wasser oder Böden zu Signalwertüberschreitungen in Lebensmitteln führen.“ Auch das Chemische Untersuchungsamt Baden-Württemberg (CVUA) fand vereinzelt Signalwertüberschreitungen in Bio-Produkten, aber nur etwa halb so häufig wie in konventionellen Produkten.Im Falle der von Alnatura aus dem Verkauf genommenen Tomaten war nach Angaben des Unternehmens ein mit Perchlorat belasteter organischer Dünger die Quelle. Dieser sei von der niederländischen Kontrollstelle SKAL mehrere Wochen vor Bekanntgabe der Ökotest-Ergebnisse von der Liste der zugelassenen Betriebsmittel gestrichen worden. Genauere Angaben zum Dünger macht Alnatura nicht. Er soll laut anderen Quellen von einem US-Anbieter stammen, nicht auf der Betriebsmittelliste des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau (FiBL) stehen und auch kein Vinasse-Dünger sein. Laut Alnatura hatte Ökotest in den Tomaten eine Belastung von 0,22 mg/kg festgestellt. Die Perchloratkonzentrationen in Dünger und Boden wurden bisher nicht veröffentlicht.Vinasse- Dünger im Focus„In der ökologischen Landwirtschaft wurde beispielsweise ein sehr hoher Einsatz von einigen Vinasse-haltigen Düngern als eine mögliche Ursache identifiziert“, schreibt der BNN. Vinasse stammt aus der konventionellen Zuckerherstellung. Die dabei entstehende Melasse dient als Rohstoff für die Herstellung von Alkohol oder Hefen. Bei diesen Prozessen fällt eine dünne Schlempe an, die bis auf 65 Prozent Trockensubstanz eingedickt wird, die Vinasse. Als organischer Dünger ist sie für den Ökolandbau zugelassen und wird vor allem im Frühjahr ausgebracht. „Bei der Vinasse ist es nicht klar, was die genaue Quelle des Perchlorats ist. Die Hersteller dieser Dünger sind am Recherchieren“, sagt Rolf Mäder vom FiBL. Möglich wäre, dass das Perchlorat von den Zuckerrüben aus dem Boden aufgenommen wird und sich in der Melasse und Vinasse zu messbaren Spuren aufkonzentriert. Hersteller verweisen darauf, dass Perchlorat ubiquitär vorkommt und in Spuren auch im Regen oder in Staub nachzuweisen sei. Auch könnten Kompostsubstrate eine Eintragsquelle sein. Ein Vinasse-Anbieter teilte mit: „Wir haben alle Vinassen, die wir in den Bio-Bereich liefern, untersuchen lassen. Die Gehalte lagen zwischen 0,03 und 0,09 Milligramm je Kilogramm.“ Rolf Mäder nennt für bisher bekannte Vinasse-Belastungen den Bereich von 0,0 bis 0,2 mg/kg.Bisher gibt es keine Perchlorat-Grenzwerte für Düngemittel. Auch ist wenig darüber bekannt, wie sich die Verunreinigung im Boden und den Pflanzen verhält. „Mir ist nicht klar, wie bei den bekannten Gehalten im Düngemittel die bei manchen Pflanzen gemessene hohe Belastung zustande kommt. Dazu müsste die Pflanze das Perchlorat anreichern,“ sagt FiBL-Wissenschaftler Rolf Mäder. Untersucht wurden solche Effekte bisher nur in wenigen Studien, insbesondere bei der Bewässerung von Salat oder Spinat mit perchlorathaltigem Wasser.Tomaten-Fall weiter aufarbeitenMessen, nachforschen, Daten zusammentragen und auswerten. Das ist das, was die Bio-Branche derzeit tun kann und tut. Nötig wäre es auch, Fälle mit relevanten Gehalten wie den der Alnatura-Tomaten für eine weitere Aufklärung zu nutzen. Nachdem Alnatura Mitte Juni von Ökotest über das Messergebnis informiert wurde, fragte es beim beliefernden Großhändler nach: „Von unserem Bio-Großhändler bekamen wir rasch Auskunft zum Herkunftsbetrieb und den Ursachenhintergründen, die wir Ökotest mitgeteilt haben. Mit diesen Auskünften, dem sofortigen Stopp der betroffenen Ware sowie der raschen Vorlage von Untersuchungszeugnissen zur neuen Ware sowie zu den aktuell vom Landwirt verwendeten Betriebsmitteln (Dünger) stellte sich uns das Thema als erkannt und im konkreten Fall gelöst dar“, schreibt Manon Haccius, die Leiterin der Qualitätssicherung bei Alnatura. Soweit war die Reaktion durchaus vorbildlich.Offen bleibt allerdings, inwieweit die beteiligten Unternehmen und Kontrollstellen die Informationen über den Vorgang in das Öko-Kontrollsystem eingespeist haben und weiteren möglichen Belastungen nachgegangen wurde. Aufzuklären wäre spätestens jetzt,

  • ob der belastete Dünger an weitere Bio-Betriebe ging,
  • ob damit gedüngte Erzeugnisse noch im Handel sind,
  • ob und wie stark die Böden und die Erzeugnisse mit Perchlorat belastet sind.

Offensichtlich nicht geklappt hat in diesem Fall die Kommunikation mit Demeter. Der Verband wurde von dem Ökotest-Bericht kalt erwischt.EU-weiter vorläufiger GrenzwertInzwischen hat die EU eine Übergangsregelung für Perchlorat-Befunde im innergemeinschaftlichen Handel festgelegt. Für Blattgemüse (außer Spinat), frische Kräuter und Sellerie aus Gewächshaus- oder Tunnelanbau lieg der Grenzwert bei 1,0 mg/kg. Für Zitrusfrüchte, Kernobst, Wurzel- und Knollengemüse, Tafeltrauben, Spinat, Melonen und Wassermelonen beträgt er 0,2 mg/kg und für alle anderen Lebensmittel 0,5 mg/kg. Bis Dezember soll die EU-Lebensmittelbehörde zu Perchlorat in Lebensmitteln Stellung beziehen. Auf dieser Grundlage will die EU dann endgültige Werte festlegen.Perchlorat kann bereits in geringen Mengen die Aufnahme von Jod in die Schilddrüse behindern – und wird wegen dieser Wirkung auch als Medikament genutzt. Der Effekt ist reversibel, verschwindet also, wenn kein weiteres Perchlorat aufgenommen wird. Die Weltgesundheitsorganisation nennt eine tolerierbare tägliche Höchstmenge von zehn Mikrogramm je Kilogramm Körpergewicht. Auf diesen Wert bezieht sich auch das Bundesinstitut für Risikobewertung.

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