Geht doch! - Schrot und Korn

Anzeige

Anzeige

Geht doch!

© Gettyimages/Westend61
Einfach mal das Auto stehen lassen und per Pedes unterwegs sein. © Gettyimages/Westend61

 

MOBILITÄT Die meisten Deutschen würden gerne mehr zu Fuß gehen – wäre es nicht so laut, umständlich und gefährlich. Uta Gensichen

Bertram Weisshaar ist Promenadologe. Also ein Spaziergangswissenschaftler. Das Gehen ist sein Thema und so ist Weisshaar auch an diesem Tag wieder zu Fuß unterwegs. Er wartet an der Fußgängerampel vor dem Leipziger Hauptbahnhof, Autos und Radfahrer brausen an ihm vorbei. Die Ampel schaltet auf Grün, Weisshaar geht mit zig anderen los. Nach einigen Metern hellt sich sein Gesicht auf. „Mitten auf der Straße traf ich eine Bekannte, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe. Wir gaben uns die Hand, wünschten uns einen schönen Tag und gingen dann weiter“, erzählt er später. Solche Begegnungen seien eigentlich nur zu Fuß möglich, sagt Weisshaar. „Zufußgehen ist einfach sozialer.“ 

Gehen macht unabhängig

Außerdem wären unsere Städte lebenswerter, gesünder und klimafreundlicher, wenn mehr Menschen zu Fuß gingen. Gehen, die einfachste aller Mobilitätsformen, könnte die Lösung sein für Probleme wie Dieselabgase, unnötigen Lärm und zugeparkte Wege. Außerdem macht Gehen unabhängig. Es kostet nichts, man muss dafür nicht tanken, Scheiben kratzen oder Versicherungen abschließen. Kein Warten an der Haltestelle, kein Luftaufpumpen – einfach losgehen. 

Doch wird es Fußgängern nicht gerade leicht gemacht. Das Risiko gehender Menschen, durch einen Verkehrsunfall in der Stadt ums Leben zu kommen, ist deutlich höher als das aller anderen Verkehrsteilnehmer: Fast täglich ereignet sich auf deutschen Straßen ein tödlicher Unfall, viele davon an Zebrastreifen oder Fußgängerfurten. Besonders gefährdet: Ältere und Kinder. 

Ein Sicherheitsrisiko sind dabei die immer größer werdenden Autos, die am Straßenrand parken und so die Sicht versperren. Waren von den im Jahr 2000 zugelassenen Neuwagen noch 2,9 Prozent Geländewagen, sind es mittlerweile 25 Prozent. Diese nehmen viel Platz auf den Rad- und Gehwegen weg. Obwohl sie da gar nicht stehen dürften. Und es gibt noch viele andere Hürden: Wer musste nicht schon einmal wegen Pollern oder Sperren umständliche Umwege laufen? Oder lange an einer Ampel stehen – um dann wiederum in der oft viel zu kurzen Grünphase schnell über die Straße zu hechten. 

Außerdem ist der Straßenverkehr laut und stinkt. Durch all diese Hindernisse haben wir die Lust am Zufußgehen verloren. In Deutschland sind die Menschen in den letzten Jahrzehnten immer seltener zu Fuß gegangen. Erst seit Anfang der 2000er-Jahre stabilisiert sich der Anteil wieder. Vor allem Kinder, Jugendliche und ältere Menschen sind die meiste Zeit des Tages im Schritttempo unterwegs.  

Mit dem Auto zum Bäcker

Was dagegen anhält, ist die Liebe zum Auto. Die Hälfte aller Autofahrten ist kürzer als fünf Kilometer, jede zehnte Fahrt ist sogar kürzer als einen Kilometer, hat das Institut für angewandte Sozialwissenschaft ermittelt. Statt zu Fuß zu gehen, fahren wir mit dem eigenen Pkw zum Bäcker oder zur Arbeit und selbst für den Weg ins Fitness-Studio setzen viele sich zuerst in den Wagen – um dann dort aufs Rad zu steigen. Laut einer Studie des Bundesumweltministeriums würden drei Viertel aller Autofahrerinnen und Autofahrer kurze Strecken gerne häufiger zu Fuß gehen, wenn die Rahmenbedingungen für den Fußverkehr besser wären.

Einen Plan, wie das gelingen kann, hat kürzlich das Umweltbundesamt aufgestellt. In seiner „Fußverkehrsstrategie“ stehen Maßnahmen, um das Zufußgehen wieder attraktiver und sicherer zu gestalten. So fordert die Behörde überall eine innerörtliche Regelgeschwindigkeit von Tempo 30. Außerdem brauche es breitere Gehwege sowie rutschfeste Oberflächen. Und Fußgänger sollten an Ampeln nicht mehr unnötig lange auf Grün warten müssen. Auch das Verweilen spielt eine Rolle. Damit mehr Menschen Lust bekommen, ihre Stadt per pedes zu entdecken, brauche es mehr Grün, verkehrsberuhigte Straßen, Geschäfte zum Bummeln, aber auch kostenfreie Toiletten  – und vor allem ausreichend Sitzgelegenheiten. „Wirkt eine Straße einladend auf zu Fuß gehende Menschen“, so schreibt das Umweltbundesamt, „entstehen Leben, Kommunikation und sozialer Austausch.“ 

Einige Bundesländer machen bereits vor, wie es geht. Zum Beispiel Baden-Württemberg: Das Land gibt den Kommunen gezielt Geld für die Förderung des Fußverkehrs und analysiert in sogenannten Fußverkehrschecks, wo und warum es mancherorts nicht so gut läuft. Das Verkehrsministerium will damit langfristig die Bedingungen für das Zufußgehen für alle Menschen im Land verbessern. Oder Leipzig: Die Stadt hat seit Anfang 2018 Deutschlands bisher einzigen, kommunalen Fußverkehrsbeauftragten. Er gibt Stellungnahmen zu allen Plänen ab, die den Fußverkehr betreffen. Also bei jeder Haltestelle und jeder Straßenbaumaßnahme. 

Aber ist die Idee des Zufußgehens auch auf dem Land möglich? Stefan Lieb vom Fachverband FUSS e.V. ist da ganz optimistisch. „Selbstverständlich kann es die Kultur des Zufußgehens auch in Dörfern geben! Allerdings sind die zurzeit oft noch autogerechter als Städte“, sagt Lieb. „Der Zustand der Dörfer in vielen Regionen ist mittlerweile erschreckend“. Das Dorfleben veröde zunehmend, weil öffentliche Räume fast nur noch mit dem Auto zu erreichen seien. Einkaufen, Ärzte, Kneipen – je weniger Infrastruktur in den Orten vorhanden ist, desto mehr Menschen fahren lieber in größere Zentren. Lieb weiß aber auch, wie der Fußverkehr und damit Leben in die Dörfer kommen könnte: „Es braucht beschilderte Schleichwege und einen deutlich langsameren Durchgangsverkehr“, sagt er. Und die Häuser müssten sich wieder mehr dem öffentlichen Raum zuwenden. Denn damit Nachbarn überhaupt stehen bleiben, um ein Schwätzchen zu halten, müssten sie erst einmal über den Gartenzaun gucken können. Sehen und gesehen werden – auch das gehört zum Fußverkehr. 

Ob nun auf dem Land oder in der Stadt – das Bedürfnis nach besseren Bedingungen für das Zufußgehen ist vielerorts riesig. Der politische Druck durch die Bürgerinnen und Bürger jedoch ist es nicht. „Wir können da viel vom Radverkehr lernen“, sagt der Promenadologe Weisshaar. Fahrraddemos, Radentscheide und eine gut organisierte Radlobby mit Tausenden Mitgliedern sorgen seit Jahren dafür, dass sich immer mehr Kommunen eine fahrradfreundliche Politik auf die Fahnen schreiben. Soll der Fußverkehr endlich ernst genommen werden, müssen Fußgänger also kreativer und kämpferischer sein als bisher. Los geht᾽s! 

Mehr zum Thema

www.fuss-ev.de Der Fachverband FUSS e.V. vertritt seit 1985 die Interessen von Fußgängern. 

www.fussgaenger-stadtplaene.de Der Pharus Plan-Verlag hat Fußgängerstadtpläne entwickelt.

www.autofrei.de Der Verein setzt sich seit 1998 für ein autofreies Leben ein und hat Regionalgruppen in einigen Großstädten.

www.umweltbundesamt.de Unter „Publikationen“ kann man die 55-seitige Fußverkehrsstrategie kostenlos downloaden.

Weisshaar, Bertram: Einfach losgehen – Vom Spazieren, Streunen, Wandern und vom Denkengehen. Eichborn Verlag, 2018, 288 Seiten, 20 Euro 

 

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'