Wegwerfen? Reparieren! - Schrot und Korn

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Wegwerfen? Reparieren!

Repair Café (© Marcus Kaufhold)
Im Repair-Café bekommt auch der alte Plattenspieler noch
eine Chance. (© Marcus Kaufhold)

KONSUM Reparieren, tauschen, verschenken – engagierte Menschen tun sich zusammen, um gegen die Wegwerfmentalität unserer Gesellschaft zu revoltieren. // Inga Schörmann

Opas alter Plattenspieler gibt keinen Ton mehr von sich, obwohl er Svenja Branß über die letzten Jahre einen sehr guten Dienst erwiesen hat. Sie findet, dass Musik in Vinyl gepresst viel besser klingt als digitale. Also einen Neuen kaufen? Nicht mit Branß. Ihr wäre das nicht nur zu teuer, vor allem müsste sie dann den alten wegwerfen – und das sieht sie einerseits wegen des emotionalen Werts und andererseits der Umwelt zuliebe nicht ein.

„Bei uns landet sowieso schon so viel im Müll. Hier ein Billig-Kleid aus der letzten Saison und da das Handy, weil es jetzt ein neues, besseres gibt“, sagt sie, während sie den Plattenspieler auf einen Tisch im Darmstädter Forstmeisterhaus hievt. Hier sind einige Leute zum sogenannten Repair-Café zusammengekommen. Zwischen Schraubendrehern, Lötkolben, Klebepistolen und Laptops tummeln sich aufgeschraubte Toaster, Radios und Ersatzteile. In einer Ecke fädelt ein Mann im Strickpulli einen blauen Faden in eine Nähmaschine ein, daneben sucht eine gelockte Frau in einer Kiste nach dem richtigen Werkzeug für die Fahrradreparatur und eine graumelierte Gruppe hält bei Kaffee und Kuchen ein Schwätzchen.

Repair Café (Foto: Marcus Kaufhold)

Kaffee, Kuchen und Konsum-Kritik: Widerstand gegen die Wegwerfgesellschaft. (Foto: Marcus Kaufhold)

Hilfe zur Selbsthilfe

Seit 2009 gibt es Repair-Cafés wie dieses. Sie haben sich von Amsterdam aus in die Welt verbreitet. Ihr Prinzip lautet: Hilfe zur Selbsthilfe. Einfach ein defektes Gerät oder Lieblingsstück zur Veranstaltung mitbringen und ehrenamtliche Experten zeigen dir, wie man es wieder in Stand setzt. Die Idee stammt von Martine Postma. Die niederländische Journalistin wollte der westlichen Wegwerfmentalität etwas entgegenstellen und die Kinder dieser Gesellschaft wieder befähigen, kaputte Gegenstände selbst zu reparieren. Der Gedanke ist sechs Jahre später aktueller denn je: Werbung und Angebote vermitteln uns nach wie vor, dass wir ständig neue Sachen kaufen müssten – damit wir gesellschaftlich angesehen bleiben und die Wirtschaft floriert. Kaum ein Wort darüber, was all der Müll für unsere Umwelt bedeutet. Doch es gibt eine Trendwende. Zwar ist die nicht in Zahlen zu bemessen, denn die Statistiken der Gesellschaft für Konsumforschung verraten, dass die Deutschen konsumfreudiger denn je sind. Aber unser Konsum ist ein anderer, denn seit einigen Jahren wächst die Nachfrage nach besonders hochwertigen und ethisch vertretbaren Produkten. Und auch das Wachstum der Baumarktbranche belegt den Trend zum Selbermachen und -reparieren.Nicht nur Repair-Cafés, auch andere Alternativen zum Konsum finden sich vor allem im urbanen Umfeld überall.

Geben und Nehmen

In Darmstadt steht keine fünf Gehminuten vom Repair-Café entfernt auf einem gepflasterten Platz vor einer Kirche ein kleiner blau-gelb-rot gestrichener Schrank. Darauf ist in roten Lettern zu lesen: „Die offene Bibliothek“. Die Plexiglasscheiben in den Schranktüren machen den Blick frei auf unzählige, teilweise abgegriffene, teilweise wie neu wirkende Bücher. Literaturklassiker wie Robert Schneiders „Schlafes Bruder“ reihen sich an junge Verkaufsschlager wie „Die Analphabetin, die rechnen konnte“ von Jonas Jonasson ebenso wie an unbekannte Romane. Sogar ein Heimwerkerhandbuch ist darunter. Hier kann sich bedienen, wer immer möchte und wer im Gegenzug ein anderes Buch hineinstellt.

In den vergangenen Jahren poppen immer mehr solcher offenen Bücherschränke in den Städten auf, mittlerweile sind es deutschlandweit mehr als 450. „Das ist doch besser, als wenn in jedem Haus Hunderte Bücher ruhen und jedes von ihnen nur einmal gelesen wurde“, sagt Birte Frey, die den Schrank gemeinsam mit einem Freund vor sechs Jahren aufgestellt hat. Ganz einfach war das jedoch nicht; sie mussten allerlei Behördengänge tätigen. „Ein Formular für offene Bücherschränke gibt es nämlich leider noch nicht“, sagt sie und lacht. Noch heute überprüft Frey regelmäßig, ob der Schrank noch unbeschadet ist. Dabei nimmt sie nicht selten auch selbst einen ihr noch unbekannten Schmöker mit nach Hause und lässt einen anderen dort.

Gleichgesinnte tauschen überall auf der Welt neben Büchern auch andere Dinge. Manch einer lädt zur Kleidertauschparty, andere veranstalten allgemeine Tausch-Cafés. Der Wert der Tauschobjekte bemisst sich dabei nicht am Preis, schließlich kann dem Tauschenden ein schönes Kissen genauso viel wert sein wie ein gebrauchter Kinderstuhl, der seit Jahren im Keller steht.

Gemeinsam verändern

Wer nicht tauschen will, der verschenkt und/oder lässt sich beschenken. Etwa im Internet: Auf www.foodsharing.de zeigt manch einer sein übriges Essen  an, damit andere es sich abholen kommen. Oder in Umsonstläden. Sie funktionieren nach dem Prinzip der Gratis-Ökonomie: In ihren Regalen und Kästen liegt allerlei Nützliches, das dem Laden von Leuten unentgeltlich überlassen wird, die es nicht mehr brauchen. Wer davon etwas benötigt, nimmt es sich – ganz ohne zu bezahlen oder eine andere Gegenleistung zu erbringen.

Ähnlich funktioniert das Prinzip der Give-Box, also einer Verschenkbox. Ebenfalls nicht weit vom Repair-Café in Darmstadt steht eine solche begehbare Kiste. Sie wurde aus Pressspanplatten zusammengenagelt und von einer Ethik-Klasse einer anliegenden Schule bunt bemalt. Ahmet, Agatha, Franziska und Alex haben ihre Handabdrücke darauf hinterlassen. Heute finden sich darin unter anderem ein paar rosafarbene Kerzen, ein Wasserkocher, ein gemusterter Schal, ein Teddybär und ein paar Bücher. Geschenkt werden darf, was nicht verderblich und kein Müll ist. Eine Frau, die ihren Labrador Gassi führt, öffnet die Tür. Gezielt greift sie nach einem dicken, kurzen Stück Seil mit zwei Knoten an den Enden. „Ein Kollege hat mir erzählt, dass hier so ein Hundespielzeug drin liegt“, sagt sie. „Der schaut immer mal herein auf dem Weg zur Arbeit.“ Sie selbst habe erst kürzlich ein altes Teeservice vorbeigebracht. „Das war ruck, zuck weg.“

Zur gleichen Zeit beugt sich beim Repair-Café ein älterer Mann über Svenja Branß’ Plattenspieler. Behutsam tippt er den Tonarm an. „Der wackelt“, kommentiert er. Branß schaut ihn fragend an. „Das haben wir gleich“, sagt er und kramt in dem rot lackierten Werkzeugkoffer vor ihm nach dem richtigen Schraubendreher.

Satt Konsum: Selbst Alternativen schaffen

Repair-Café: In Ihrer Umgebung gibt es noch keins? Das sollten Sie dringend ändern. Nur wie? Die Macher des ersten Repair-Cafés in Amsterdam haben eine Schritt-für-Schritt-Anleitung herausgebracht, die man auf ihrer Website www.repaircafe.org gegen ein Entgelt von 45 Euro herunterladen kann. Im Preis inbegriffen ist auch die Nutzung des Namens, des Logos und einiger praktischer Designvorlagen. Tipps für die Reparaturen finden Sie unter www.ifixit.com.

Offener Bücherschrank: Hierfür brauchen Sie keine Lizenz, sondern lediglich einen möglichst einsehbaren Schrank, der wetterfest lackiert sein sollte, und Bücher zum Starten. Allerdings darf der nicht einfach ungefragt aufgestellt werden. Bei Privatgrundstücken unbedingt mit dem Besitzer sprechen, bei öffentlichen Plätzen mit der Gemeinde oder der Stadt – stellen Sie sich in diesem Fall darauf ein, dass es etwas länger dauern könnte.

Erschienen in Ausgabe 06/2015
Rubrik: Leben&Umwelt

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