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Über den Ackerrand

Weltäcker © Zukunftsstiftung Landwirtschaft/Annika Huskamp
So viel Ackerfläche steht rechnerisch jedem weltweit zu. © Zukunftsstiftung Landwirtschaft/Annika Huskamp

WELTÄCKER Das Projekt „2000 m²“ der Zukunftsstiftung Landwirtschaft hat das Zeug, die Welt zu retten. In der Theorie gelingt es schon. Sylvia Meise

Das Beste vorweg: Auf der Weltackerfläche werden so viele Nahrungsmittel produziert, dass 12 Milliarden Menschen davon satt werden könnten. Dabei sind wir aktuell „nur“ siebeneinhalb. Es dürfte also dicke reichen. Allerdings nur – und da ist der Haken –, wenn der Bodenschatz, die fruchtbare Fläche, auf der unsere Lebensmittel wachsen, erhalten bleibt. Das ist eine der wesentlichen Zukunftsaufgaben der Menschheit. Nur: Kaum jemand weiß es. Um das zu ändern, startete die Zukunftsstiftung Landwirtschaft letztes Jahr zur Internationalen Gartenschau (IGA) in Berlin das Projekt Weltacker.

Jeder bekommt einen Acker

Die Idee ist so einfach wie genial: Teilt man die Fläche, die weltweit für Acker zur Verfügung steht, das sind 1,5 Milliarden Hektar, gleichmäßig unter allen Menschen, bekäme jeder 2000 m². Das entspricht einer Fläche von 40x50 Metern. Darauf hätten das Kanzleramt Platz oder 200 Autos. In Berlin legte ein Projektteam einen Acker in genau dieser Größe an. Gesät wurden die nach den Zahlen der Welternährungsorganisation FAO weltweit am häufigsten angebauten Nutzpflanzen. Weizen, Mais, Reis und Soja beanspruchen demnach schon mal die Hälfte der Fläche. Den nächstgroßen Happen teilen sich Ölpflanzen wie Sonnenblumen oder Raps und Erdfrüchte wie Kartoffeln. Es folgen Flächen für zum Beispiel Zucker, Tabak, Baumwolle für T-Shirts oder Raps für Bio-Diesel. So soll gezeigt werden, wie stark jede unserer Kaufentscheidungen den globalen Ackerbau beeinflusst. Und gleichzeitig verdeutlichen: Wenn wir mehr Fläche brauchen, als uns zusteht, nehmen wir anderen – meist ärmeren – Menschen Fläche weg.

Auf der IGA waren die Besucher eingeladen mitzumachen: Ernten, Kochen, Diskutieren ... Zum Beispiel mit Benny Haerlin von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft. Bei Führungen stellt er ungewöhnliche Fragen: „Was glauben Sie: Wie viel Quadratmeter hatten Sie zu Mittag?“ Und  rechnet anschließend vor: „Eine Spinatpizza braucht 0,7 Quadratmeter, eine Pizza Salami 1,5 und ein Schnitzel mit Bratkartoffeln schon zwei.“ Klar, dass das kaum jemand wusste. Aber ein Schüler hat Haerlin doch sehr verblüfft: „Der hörte zum ersten Mal, dass Kartoffeln unter der Erde wachsen und fand das ‚voll eklig‘.“ Das lässt auf weiteren Aufklärungsbedarf schließen. Gut, dass Berlin auch dieses Jahr einen Weltacker haben wird (im botanischen Volkspark).

Bislang gibt es weltweit neun Welt-äcker, fast alle in Europa (Deutschland, Frankreich, Schweiz, Schweden, Schottland) und meist wie in Berlin als Bildungsprojekt konzipiert. In Künsebeck etwa, im Landkreis Gütersloh, hatten das Landwirtpaar Christa und Hermann Künsemöller letztes Jahr einen Weltacker angelegt, um gegen die drohende Vernichtung von Ackerland zu protestieren. Das Land rund um ihren Acker sollte in ein Gewerbegebiet umgewandelt werden. Dieses Vorhaben ist zum Glück vorerst auf Eis gelegt.

Der Weltacker der Künsemöllers beherbergte nach dem Vorbild Berlins 50 verschiedene Pflanzen, darunter verschiedene Getreidesorten, Öl- und Faserpflanzen, Mais für Tierfutter und Energiegewinnung sowie Kartoffeln und Gemüse wie Kürbis. Christa Künsemöller betont: „Ganz schön aufwendig, weil Handarbeit“. Auch die Aufklärung erwies sich als aufwendig, weil selbst die Landbewohner weniger Ahnung von Nahrungsmitteln und deren Produktion hatten als gedacht. Fast wie in Berlin. Umso wichtiger, dass das Projekt fortgesetzt wird, findet Tochter Rieke. Nächstes Jahr, wenn sie ihre Studienabschlüsse in Sozialer Arbeit und Landwirtschaft in der Tasche hat, will sie das Öko-Feld wieder als Weltacker anlegen. Am liebsten mit Schulklassen. Diese Kinder werden später genau wissen, wo Kartoffeln wachsen, wie Raps aussieht und wie viel Fläche ihr Rosinenbrötchen kostet.

Andere Länder, andere Äcker

Neben der Bildungsarbeit will die Zukunftsstiftung Landwirtschaft ein globales Netzwerk von Weltäckern knüpfen. Wer Benny Haerlin zuhört, erfährt, wie viel Herzblut und anrührende Wachstumsgeschichten gerade in den globalen Weltäckern stecken. So wie im südchinesischen Kuongming. Dort wurden drei Landwirtinnen gewonnen, die traditionell ihre Familien komplett selbst versorgen: Mais, eine regionale Kartoffelsorte, Kohl und Rüben sowie Tabak findet sich auf ihren Feldern. Außerdem züchten sie Schweine und halten Hühner. Normalerweise bewirtschaftet jede Landwirtin eine Fläche von 1000 m². Für den Weltacker haben sie Teile davon zusammengelegt. Diese Ernte verkaufen sie gemeinsam auf dem Markt. Ein willkommener Nebenverdienst. Wenn sie in die farbenprächtige Tracht ihres Volksstamms gekleidet zum Markt gehen, haben sie die Haare zu einem besonderen Ringknoten gebunden. Darin tragen sie traditionell Samenkörner: eine Notration, mit der sich jede jederzeit eine neue Selbstversorgung aufbauen könnte.

Auch in Kenia ist der Weltacker ein Selbstversorgungsprojekt. Salome Wambui und ihr Mann Peter Maina leben und arbeiten mit ihrer Großfamilie auf dem Bauernhof, auf dem sie auch Tiere halten. Sie pflanzen vor allem Amaranth, Kürbis, Beinwell, Spinat, Tomaten, Koriander und Kohl. Dazu noch Süßkartoffeln, Mais, Bananen, Avocados, Hülsenfrüchte. Außerdem sorgen sie bei jeder Ernte auch für die eigene Zukunft. Denn als Saatgutvermehrer gehören sie dem regionalen Seed Savers Netzwerk an.

Der Boden soll fruchtbar bleiben

In Berlin rechnet Haerlin indes Erwachsenen vor, was Autofahren mit ihrem Feld macht: schon bei 3500 bis 4000 Kilometern im Jahr stünde dort das ganze Jahr über nur Raps, die Pflanze, aus der Biosprit gemacht wird. Für Lebensmittel wäre kein Platz mehr auf dem Feld. Könnte man nicht einfach mehr Dünger nehmen, um in kürzerer Zeit mehr Verschiedenes zu ernten? Haerlin verneint vehement: „Ein Maximum aus jedem Boden rauspressen zu wollen ist nicht sinnvoll! Es ist vielmehr wichtig, dass alle, die von diesem Boden leben – auch Würmer, Asseln, Springschwänze – sich wohlfühlen. Nur so erhalten wir Fruchtbarkeit und Vielfalt.“ Und damit die Lebensgrundlage für selbst 12 Milliarden Menschen. 

 

Mitmachen

Weltackern für alle

Europäische Weltäcker werden meist für Aufklärungszwecke angelegt: Wie viel steht mir zu? Wie viel Fläche braucht mein Mittagessen?

Die Weltäcker in China, Kenia oder Äthiopien dagegen tragen dazu bei, die Unabhängigkeit kleinbäuerlicher Betriebe zu sichern: Die Ernte dient der Selbstversorgung und Samenvermehrung, der Verkauf der Überschüsse ermöglicht ein Zusatzeinkommen. Lokale Nicht-Regierungs-Organisationen begleiten das Projekt vor Ort und vermitteln die Basics ökologischen Landbaus.

Mitmacher sind willkommen! Ackerpatenschaft, Praktikumsplätze, Spenden oder selbst einen Weltacker anlegen – alle Infos auf www.2000m2.eu/de

Erschienen in Ausgabe 06/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

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