Stadt, Land, kein Fluss - Schrot und Korn

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Stadt, Land, kein Fluss

Elbe (Foto: Uta Gensichen)
Dresden, 9. Juli 2015, der Pegelstand der Elbe liegt bei 63 Zentimetern. (Foto: Uta Gensichen)

NATURSCHUTZ In der Elbe wird zunehmend das Wasser knapp. Was zu tun ist, weiß Elbekenner und BUND-Experte Ernst Paul Dörfler.

Auf über 1000 Kilometer schlängelt sich die Elbe durch Tschechien und Deutschland. Noch ist sie einer der naturbelassensten Flüsse. Doch auf ihrer Reise vom Riesengebirge bis zur Nordsee muss sie sich vom Menschen einiges gefallen lassen. So sind die 1 000 Pflanzenarten und 5 000 Tierarten, die in und an der Elbe leben, durch Staustufen, Vertiefungen und Verschmutzung durch die industrielle Landwirtschaft in ständiger Gefahr. 

Wasserqualität leidet 

Der Konflikt beginnt bereits in Tschechien. An der deutsch-tschechischen Grenze bei Decin plant die tschechische Regierung derzeit den Bau einer Staustufe, um den Wasserstand anzuheben. Dadurch soll die Elbe ganzjährig befahrbar sein und so den einzigen Zugang des Landes zum Weltmeer optimaler ausnutzen. Der tschechische Teil der Elbe ist mit 24 Staustufen bereits fast vollständig kanalisiert. Nur auf den letzten 40 Kilometern fließt sie noch ungestaut durch das Nachbarland. Doch was nützt diese Staustufe, wenn auf den folgenden 600 Kilometern bis Lauenburg die Elbe Niedrigwasser führt und nicht im Entferntesten ganzjährig schiffbar ist? 

Umweltschützer beklagen die Vernichtung der Lebensräume für den Lachs, der gerade erst erfolgreich wieder angesiedelt wurde. Auch würde die Wasserqualität durch mehr Algenentwicklung in dem geplanten Stausee leiden. Nicht zuletzt kann eine zunehmende Kanalisierung das Hochwasserrisiko erhöhen. 

Doch selbst die deutsche Bundesregierung setzt den Plänen im Nachbarland nichts entgegen. Vielmehr noch erklärte die Bundeskanzlerin dem tschechischen Premier im Jahr 2011, die Befahrbarkeit der Elbe in Deutschland sicherzustellen. Doch wurden bei dieser Berechnung die Abflussmengen der 70er- und 80er-Jahre zugrunde gelegt. Damals führte die Elbe noch reichlich Wasser. Doch fehlt ihr mittlerweile fast ein halber Meter Wassertiefe. Denn durch die Stilllegung von
22 Braunkohletagebauen, die einst durch das Leerpumpen der Gruben für einen reichen Wassersegen sorgten, ist das Wasser im Fluss knapp geworden. Nicht zuletzt verstärkt auch der Klimawandel mit den höheren Temperaturen und der höheren Verdunstung den Mangel. Dieses fehlende Wasser könne weder „herbeigebaggert noch herbeigebaut“ werden, erklärte das zuständige Bundesverkehrsministerium auf der Elbekonferenz im März 2013. Allen Warnungen zum Trotz will die tschechische Regierung 2019 mit dem Bau der Staustufe beginnen – mit Hilfe von EU-Geldern. Kosten: mehr als 200 Millionen Euro.   

Umweltschützer klagen

Hinter der deutsch-tschechischen Grenze ist der Fluss ebenfalls zum Zankapfel geworden. Teile von Politik und Wirtschaft fordern eine leistungsfähige Wasserstraße, Bürgerinitiativen hingegen, wie Pro Elbe, Umweltverbände und Kirchen, wollen das international anerkannte Naturerbe erhalten. So erstreckt sich im Bereich der Mittelelbe das fast 280 000 Hektar große Unesco-Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe. Dort hat der Biber seinen Platz zurücker-obert, Weißstörche verbringen hier ihre Sommer und viele Brutvogelarten überwintern in der geschützten Naturlandschaft. Sorgen machen sich die Initiativen auch um das Unesco-Welterbegebiet Dessau-Wörlitzer Gartenreich.  Beide, Biosphärenreservat und Welterbelandschaft, sind bereits jetzt von der laufenden Vertiefung durch die Verschärfung der Sohlerosion bedroht. Die Landschaften trocknen aus.  

Dort, wo die Unterelbe zu fließen beginnt, also bei Hamburg, ist sie ganz besonders wirtschaftlichen Zwängen unterworfen. So soll sie vom Hamburger Hafen bis zu ihrer Mündung zum mittlerweile neunten Mal vertieft werden – bis auf 14,5 Meter. Dadurch soll vor allem großen Containerschiffen die Zufahrt erleichtert werden. Gegen dieses Vorhaben haben die Umweltverbände BUND, NABU und WWF vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig geklagt. Der Vorwurf: Die Ausbaggerung verstoße gegen europäische Richtlinien. Lebensräume für Fische würden vernichtet und der Sauerstoffhaushalt weiter verschlechtert. Dieses „Sauerstoffloch“ behindert den Umweltschützern zufolge die Wanderung der Flussfische in ihre Laichgebiete, wie etwa beim Lachs. Mit einer abschließenden Entscheidung der Leipziger Richter ist nicht vor dem Frühjahr 2016 zu rechnen. Dabei gibt es aus ökologischer und volkswirtschaftlicher Sicht bereits Alternativen zur erneuten Vertiefung. Denn in Wilhelmshaven steht seit 2012 mit dem Jade-Weser-Port ein Tiefwasserhafen für die größten Containerschiffe der Welt zur Verfügung – der bisher aber kaum genutzt wird. 

Gefahr für Brücken  

Dass die Elbe die Eingriffe des Menschen nicht immer gut wegsteckt, zeigte sich in den vergangenen, heißen Sommermonaten. So erreichte der Wasserpegel in Dresden im Juni beispielsweise einen Tiefstand von gerade mal 68 Zentimetern. Bereits 2014 brach der Güterverkehr wegen anhaltenden Niedrigwassers der Mittelelbe im Vergleich zum Vorjahr um 50 Prozent ein. In den vergangenen 100 Jahren ist der Verkehr auf der Elbe sogar um 98 Prozent zurückgegangen. „Die Schifffahrt kehrt der Elbe den Rücken“, konstatierte das Bundesamt für Güterverkehr 2007.   

Trotzdem fordern Sachsen und Sachsen-Anhalt den Ausbau zur ganzjährig befahrbaren Schifffahrtsstraße – trotz Niedrigwassers zwischen Dresden und Hamburg. Die Kammerunion Elbe/Oder, eine Vereinigung aus Industrie- und Handelskammern, fordert eine Mindestfahrrinnentiefe von 1,60 Meter. Doch in der Realität könne nur noch mit 1,20 Meter gerechnet werden, so das Bundesverkehrsministerium. Eine Verlängerung der Buhnen würde den Fluss beschleunigen und dazu führen, dass er sein Sandbett ausräumt. Die Folge: Tiefenerosion. Schon jetzt kämpfen die Unesco-Naturschutzgebiete mit starker Austrocknung. Und auch die Ufer- und Brückenbauwerke an der Elbe sind in Gefahr. Diese werden durch Unterspülung zunehmend instabil. Kritiker fordern daher eine grenzenübergreifende Gewässerpolitik und weniger menschliche Eingriffe in den Flusslauf.

Wasserqualität

Nicht ganz sauber

Die Elbe gehörte bis 1990 zu den dreckigsten Flüssen Westeuropas. Mit der Stilllegung vieler Industriezweige und dem Bau von Kläranlagen änderte sich das Bild aber grundlegend. Der Fluss wurde wieder, wie schon vor der Industrialisierung, als Badegewässer entdeckt. Doch die Freude über klares Wasser ist getrübt – nicht nur an der Elbe, sondern an den meisten deutschen Flüssen. Ausufernde Massentierhaltung und der vermehrte Einsatz stickstoffhaltiger Düngemittel auf den Ackerflächen konventioneller Landwirte führen zu wachsenden Belastungen der Gewässer, vor allem durch Nitrate. Die Folge: Algen entwickeln sich massenhaft, die „Überernährung“ der Gewässer wird immer offensichtlicher. Nicht zuletzt gelangen die gesundheitsschädlichen Nitrate ins Grundwasser und damit auch in unser Trinkwasser. 

Erschienen in Ausgabe 02/2016
Rubrik: Leben&Umwelt

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