Stadt der Zukunft - Schrot und Korn

Anzeige

Anzeige

Stadt der Zukunft

Stadt der Zukunft (Foto: picture alliance/dpa)
Wie sehen sie aus, die Städte von morgen? Die einen wollen mehr Natur, die anderen mehr Technik. (Foto: picture alliance/dpa)

VISIONEN Die Stadt der Gegenwart ist ein Auslaufmodell – zu laut, zu grau, zu dreckig. Doch wie könnten unsere Zentren von morgen aussehen? Eine Spurensuche. // Uta Gensichen

Fast die Hälfte aller Menschen wohnt in einer Stadt, 2050 sollen es sogar fast 70 Prozent der Weltbevölkerung sein, haben die Vereinten Nationen berechnet. Ob Hamburg, Boston, Peking oder Lagos – die meisten Großstädte haben die gleichen Probleme: Armeen von Autos verpesten die Luft, der Beton für die Straßen und Parkplätze versiegelt wertvollen Boden und wir verbrauchen Unmengen an Energie.

Der Weg in eine nachhaltigere Zukunft führt deshalb über die Städte. Wenn sie grüner werden, kann es auch dem Rest der Welt gelingen. Doch nicht aus ökologischen Gründen ist ein Wandel in den Ballungsgebieten notwendig. Es geht auch um das Wohlbefinden der Stadtmenschen. Kalte Bürotürme, autogerechte Stadtplanung und notorischer Lärm – in den Städten der Gegenwart scheint der Mensch immer weniger seinen Platz zu finden.

Es muss sich also etwas ändern. Doch wie sieht sie aus, die Stadt der Zukunft? Die einen hätten sie gerne grüner, die anderen auf dem neuesten technischen Stand und wieder andere >möchten am liebsten alles über Bord werfen und ganz neue Öko-Städte am Reißbrett entwerfen, in denen von Anfang an alles richtig gemacht wird.

Für Christine Wenzl, Expertin für kommunale Suffizienz beim BUND, sollten Städte vor allem eines haben: kurze Wege. „Wohnraumverdichtung und lebendiges Zentrum statt weiterer Gewerbebauten am Stadtrand. Ein gut ausgebautes Radwegenetz, Tram und Bus gratis“, lauten ihre Forderungen. Aber es brauche auch ökologische Stromspartarife bei den Stadtwerken sowie eine Markthalle für regionale Produkte, zählt Wenzl weiter auf. Noch was? „Ja, ein Werkstatthaus in der Nachbarschaft, wo alle die Räume und Geräte nutzen können.“ Die Menschen in der Vision des BUND sollen sich also wieder mehr begegnen – miteinander die Stadt erfahren und sie gestalten.  

Einer, der das unterstützen würde, ist Jan Gehl. Der renommierte dänische Architekt versucht bereits seit den 1970er-Jahren, Stadtplanung aus einer humanen Perspektive zu sehen, soll heißen: Architektur und Verkehrsplanung sollen sich wieder nach den Bedürfnissen der Menschen richten, nicht umgekehrt. Denn die Art, wie eine Stadt gestaltet sei, präge auch dessen Bewohner, schreibt Gehl in seinem aktuellen Buch „Städte für Menschen“. 

Das menschliche Maß

Der Däne hat seine Ideen über die Stadt der Zukunft schon vor über 30 Jahren entwickelt und setzt sie seitdem mit Erfolg um. Seine Ansichten über die lebenswerte Stadt sind mittlerweile Vorbild für immer mehr Stadtplaner auf der ganzen Welt. Ohne Gehl etwa wäre Kopenhagen mit Sicherheit nicht die Fahrradstadt, die sie heute ist. Vorschläge, wie Städte in der Zukunft lebenswerter werden könnten, hat er viele. Entscheidend dabei sei immer: das menschliche Maß, wie Gehl es nennt. Denn die Menschen seien es doch schließlich, die eine Stadt erst richtig lebenswert machen. 

Darum sollten sie vor ihrer Haustür und in ihrem Viertel auch wieder Plätze vorfinden, an denen sie gerne verweilen. Autos sollten nur noch dort fahren, wo es unbedingt notwendig ist und die Stadt sollte insgesamt mehr positive Sinneseindrücke besitzen – der Mensch, so könnte Gehls Ratschlag für die Stadtplaner der Zukunft lauten, sollte wieder dazu eingeladen werden, sich mit anderen gerne und viel im öffentlichen Raum aufzuhalten.

Die schlaue Stadt

Eines wird die Stadt von übermorgen auf jeden Fall sein: digital. Synonym für diese Entwicklung ist der Begriff „Smart City“. Ihr Grundstein wurde bereits mit der Erfindung des Internets >gelegt, doch die Baupfeiler der digitalen Stadt setzen wir heute. Jetzt entscheidet sich, ob wir als Bürger in 20, 30 Jahren von smarten Technologien profitieren – oder diese von uns. Denn Smartphones & Co. greifen bereits in die wichtigsten Bereiche städtischen Lebens ein: der Verkehr auf den Straßen, die Einzelhändler im Stadtteil, das Klima, Dienstleistungen jedweder Art und natürlich das Verhältnis zwischen einer Kommune und ihren Bürgern. 

Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hat vor Kurzem mehrere Forschungsprojekte angeschoben, in denen die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Stadtentwicklung untersucht werden sollen. Denn immer noch seien es vor allem Unternehmen, Technologie-Experten und IT-Spezialisten, die den Ton in der Smart City-Debatte angeben, heißt es in der Begründung des Forschungsclusters.

Ganz unbegründet ist diese Kritik nicht: Längst schon basteln Auto-, Technologie- und Rüstungsunternehmen an ausgeklügelten Produkten, um das Stadtleben der Zukunft ökologischer und effizienter zu machen – darunter selbst fahrende Autos oder Aufzüge, die so schnell wie ein Transrapid sind. Und in Hamburg hat die Stadt zusammen mit Industriepartnern Ende 2015 das „Apartimentum“ eröffnet, ein Haus, das sich merkt, welche Musik die Bewohner am liebsten hören, bei welcher Zimmertemperatur sie sich wohl fühlen und das selbstständig Lebensmittel bestellt, wenn der Kühlschrank leer ist. Technik, so scheint es, soll uns in Zukunft lästige Dinge des Alltags abnehmen, um mehr Zeit zu haben.  

Vom Konsumenten zum Handelnden werden

Anstatt uns den Alltag zu erleichtern, könnten smarte Technologien auch für gesamtgesellschaftliche Zwecke genutzt werden. Zum Beispiel in Abstimmungen und Diskussionen unter Bewohnern per Smartphone oder in Bürgerhaushalten im Internet, wo jedermann über die Finanzen seiner Stadt mitentscheidet. In der smarten Stadt der Zukunft gibt es aber auch offene Technikwerkstätten, in denen man zum Beispiel an 3D-Druckern kostengünstig ein Ersatzteil für das eigene  > Tablet produzieren kann – anstatt gleich das ganze Gerät neu zu kaufen. Die Bürger der digitalen Zukunft werden auf diese Weise von Konsumenten wieder zu Handelnden.

Und wo bleibt die Umwelt? Für die Visionäre des Konzepts Biotope City sind solche smarten Ideen nicht grün genug: Die Natur, fordern sie, müsse wieder zurückkehren in unsere Stadtteile und an unsere Häuser. Im Mittelpunkt ihrer Vision steht daher alles, was grünt und blüht. Die deutsch-niederländische Architektin Helga Fassbinder (Interview auf S. 66) ist Vorsitzende der Stiftung Biotope City. Sie will, dass die Städte der Zukunft durchwirkt und überzogen sind mit Pflanzen. 

Gründe dafür gibt es genug: Pflanzen sorgen für saubere Luft und ein angenehmes Stadtklima, sie schützen vor den schlimmsten Folgen von Hochwasser und sie sind gut für unsere Seele – ihr Anblick beruhigt unser Gemüt. Es gebe sogar Studien, die nachweisen konnten, dass Kranke in der Gegenwart von Pflanzen schneller gesunden – man spricht dabei vom Biophilia-Effekt. 

Fassbinder sagt, wie es gehen kann: „Gebäude bieten viel Oberfläche für Grünbewuchs, auf den Dächern, an den Fassaden, auf Balkonen, auf Fenstersimsen – die Architektur muss sich darauf einstellen, Möglichkeiten für Grünbewuchs anzubieten.“

Kurzum: Die Bäume und Sträucher, Blumen und Gräser, die wir in den vergangenen Jahrzehnten wegbetoniert oder auf eine begrenzte Fläche im akkurat konzipierten Park verbannt haben, werden in der Stadt der Zukunft wieder unsere ständigen Begleiter. In Wien zum Beispiel werden begrünte Dächer und Fassaden direkt finanziell gefördert. Vor fünf Jahren hat die Stadt sogar 20 000 Kletterpflanzen kostenlos an ihre Bewohner abgegeben. In Berlin müssen die Neubauten einen kleinen Teil ihrer Fläche dafür bereitstellen und in Basel sind Besitzer von Flachdachbauten dazu verpflichtet, diese nicht nur zu bepflanzen, sondern sie sogar mit regional angepasstem Substrat zu bestreuen, um so regionale Arten zu schützen. 

Beete in der Stadt

Und auch die Landwirtschaft könnte wieder Einzug halten in unsere urbanen Zentren. Noch aber ist die Vorstellung, dass wir wie selbstverständlich unser Obst und Gemüse aus dem nächstgelegenen Stadtgarten holen, sehr weit entfernt. Dabei war es noch für mittelalterliche Städte ganz normal, für den Fall einer Belagerung oder bei Missernten innerhalb der Stadtmauern ein Areal mit Gartenflächen zu besitzen. Landwirtschaftliche Projekte, die mitten im Stadtteil Obst und Gemüse züchten, gibt es mittlerweile in zwar fast jeder größeren Stadt. Oftmals sind es aber kleinere Initiativen, die das Säen, Grubbern und Ernten in Wohnortnähe salonfähig machen. Die große Stadt-Ackerwende ist deshalb, zumindest hierzulande, bislang ausgeblieben. 

Wie landwirtschaftlich geprägte Städte der Zukunft aussehen könnten, zeigt das Beispiel Havanna. Aus der wirtschaftlichen Not heraus fingen die Kubaner Mitte der 1990er-Jahre an, in und um die Hauptstadt herum Beete anzulegen. Laut der Welthungerhilfe, die die Stadtbauern vor Ort unterstützt, liefern diese zwei Drittel des in Havanna verzehrten Gemüses. Und weil sie sich den importierten, künstlichen Dünger nicht leisten können, stellen sie ihren Humus einfach selbst her – mit Regenwürmern und Kompost. Was in den Stadtgärten Havannas wächst, entspricht also allen Bio-Kriterien. Wie sähen die Städte der Welt wohl aus, wenn die Bodenflächen zwischen Häusern, Brücken und Straßen überall so genützt würden?

Betonfarbene Zukunft

Bislang kann die Sehnsucht nach mehr Grün gegen den Bauboom in vielen Großstädten aber kaum ankommen. Und so sieht die Zukunft in vielen Metropolen nicht grün, sondern betonfarben aus: Laut einem Zukunftsszenario des Umweltbundesamts wachsen nämlich vor allem dicht besiedelte Städte wie Hamburg, München, Berlin und das Rhein-Main-Gebiet bis 2030 enorm weiter. Gebaut werden vorwiegend Häuser und Straßen. Aber muss das eigentlich so sein? Müssen wir einfach immer weiter wachsen? 

Einer Wohnungsmarktprognose des BBSR zufolge wird im Jahr 2030 die Wohnfläche, die hierzulande jeder einzelne Bürger für sich beansprucht, 47 Quadratmeter betragen. Zwar ist dieser Trend abhängig davon, ob der Haushalt zur Miete ist oder Eigentum, ob er in Ost oder West steht – dennoch: Wir beanspruchen zukünftig mehr Platz als es noch unsere Großeltern getan haben. Klar, dass es da in vielen Städten gravierend an Wohnungen mangelt. Das BBSR hat errechnet, dass in Deutschland bis 2030 rund 230 000 Wohnungen neu gebaut werden müssten, um den Bedarf an Wohnungen zu decken – und das jedes Jahr!

Eine komplett entgegengesetzte Vision vertritt der Architekt Daniel Fuhrhop in seiner Streitschrift „Verbietet das Bauen!“. In dem Buch kritisiert er die Nachfrage nach Neubauten als völlig unökologisch. Deshalb sind Öko-Städte wie etwa die südkoreanische Retortenstadt Songdo oder das saudi-arabische Masdar (siehe Kasten)  für den Autor der falsche Weg in eine nachhaltige Zukunft. Auch unser wachsender Flächenbedarf ist für Fuhrhop Zeichen einer massiven Fehlentwicklung. Eine Person beanspruche im Schnitt dreimal mehr Wohnfläche als noch vor 60 Jahren. Jetzt aber wohnten in denselben Häusern nur noch ein Drittel so viele Personen. „Entsprechend weniger Menschen kaufen ein oder gehen aus, sodass allein deswegen die Bäcker, Obsthändler und Kneipen drum herum aufgeben und sich nach den Wohnungen auch die Straßen leeren“, kritisiert der Architekt. 

Beete in der Stadt (Foto: picture alliance/dpa)

Vorbild Havanna: Bald könnten auch bei uns Beete zum Stadtbild gehören. (Foto: picture alliance/dpa)

Nicht ewig wachsen

Die Bauwirtschaft indes lebt gut vom aktuellen Wohnungsmangel. Jedes Jahr werden alleine in Deutschland rund 550 Millionen Tonnen mineralische Naturstoffe wie Kies, Sand oder Ton abgebaut, um daraus Baustoffe herzustellen. Damit ist die Baustoffindustrie für fast 60 Prozent des gesamten Ressourcenverbrauchs verantwortlich. Und am Ende der Kette sieht es nicht viel besser aus: Bauabfälle machen mit rund 54 Prozent immer noch den weitaus größten Batzen am gesamten Abfallaufkommen aus.

Wenn es nach Daniel Fuhrhop ginge, würde er diese Bauwut, wie er das jährliche Anwachsen von Handelsfläche, Bürokomplexen und Wohnungen nennt, ganz stoppen. Sogar den Bau von ÖkoHäusern kritisiert er: „Auch deren Bau benötigt erst einmal viel Energie – und Raum“, schreibt er. Und dieser Raum könne nicht ewig wachsen. „Bauen“, stellt Fuhrhop provokant fest, „ist kein Grundrecht.“ Wie jetzt? Immer mehr Menschen strömen in hippe Großstädte wie Berlin, Frankfurt und Leipzig, und für all die solle man nun keine Wohnungen mehr bauen? Fuhrhops Vision: Altbauten sanieren statt abreißen, leerstehende Häuser erfassen und diese nutzen sowie weniger beliebte Regionen und schrumpfende Städte aufwerten. „Wenn wir zusammenrücken und unsere Häuser besser nutzen, beleben wir auch unsere Stadtviertel wieder! Zugleich fördern wir damit die lokale Wirtschaft“, sagt Fuhrhop.

Die Stadt der Zukunft wird also einen Weg finden müssen, smarte Technologien, die Natur und Bürgerinteressen miteinander zu vereinen. Wohin der Weg geht, ist noch ungewiss, aber schön wäre es doch, wenn unsere Zentren vor allem wieder eines werden: Städte für Menschen.

Sozial nachhaltig

Für Architekt Jan Gehl eine wichtige Dimension: die soziale Nachhaltigkeit. Alle Bürger sollten demnach ihren Zielort genauso leicht mit dem Rad, zu Fuß oder per ÖPNV erreichen wie mit dem Auto.

Freiräume

Flächen in Höhe von rund 165 000 Hektar liegen in deutschen Städten ungenutzt brach, etwa durch Baulücken. Trotzdem wachsen wir: Täglich verschwinden 74 Hektar Boden durch Neu- und Straßenbau – meist im Umland.

Zahlen und Fakten: Mensch, Auto, Klima

So leben wir 2050

‣ 70 Prozent der Weltbevölkerung wird 2050 in Städten leben. Derzeit sind es 50 Prozent. Vor allem in Asien und Afrika leben dann deutlich mehr Menschen in Städten als auf dem Land. 

‣ Öko-Strom: Deutschland will bis 2050 fast komplett auf Erneuerbare setzen (80 Prozent). Der Strom unserer Städte müsste dann also wesentlich grüner sein als jetzt. 

‣ Rund 16 Prozent aller Menschen sind 2050 über 65 Jahre alt. 2010 waren es noch etwa 8 Prozent. Stadtplaner sprechen deshalb von den „Silver Cities“ der Zukunft. 

‣ Die Städte in Deutschland werden wärmer: Hitzerekorde wie 2003 mit Temperaturen von über 40 Grad wird es laut Deutschem Wetterdienst dann jedes Jahr geben. Dagegen hilft: viel Grün in der Stadt zur Abkühlung.

‣ Fast 2,5 Milliarden Autos wird es 2050 laut einer Shell-Studie geben. 2013 waren es rund 900 Millionen Pkw. Der Zuwachs passiert v.a. in Schwellenländern.

Nachmachen

Stadt der Zukunft (© thinkstock/Medioimages/Photodisc)
(© thinkstock/Medioimages/Photodisc)

Projekte für mehr Stadtlust

  • Wie sich die Stadt ernährt und wie die Stadt zugleich ernähren kann – damit beschäftigt sich bereits seit 2009 der spannende Blog Speiseräume des Dortmunders Philipp Stierand. Zu finden unter: www.speiseraeume.de
  • Um den richtigen Baum für das passende Klima zu finden, hat die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Landbau 660 Stadtbäume in verschiedenen Kommunen des Landes gepflanzt. Unter den 30 Baumsorten sind auch nicht heimische Arten, wie etwa die Orientalische Platane. Getestet werden soll, welche Bäume besonders gut gegen Klimaschwankungen und Krankheiten gewappnet sind. 
  • 51 Städte haben sich 2015 am Wettbewerb Zukunftsstadt 2030 des Bundesforschungsministeriums beteiligt. Für viele wird es auch in den kommenden zwei Jahren mit Workshops und Foren weitergehen. Bürger, Stadtplaner und Politik suchen dabei nach Strategien für eine nachhaltige Stadt. www.wettbewerb-zukunftsstadt.de
  • ÖPNV-Ticket mit anderen teilen leicht gemacht: Einfach den Button Ticketteilen gut sichtbar anstecken und losfahren. Infos und Bestellmöglichkeiten unter: www.ticketteilen.org
  • Auf ihrem neuen Blog StadtLandGlück stellt die Umweltschutzorganisation BUND regelmäßig Initiativen und Projekte vor, die das Stadtleben 
  • lebenswerter und ökologischer machen. Stöbern oder einfach selbst Projekte vorschlagen unter: www.bund.net/StadtLandGlueck

Zukunftsszenario

Öko-Städte aus der Retorte 

‣ Songdo New City: Nur rund 40 Kilometer von der süd-koreanischen Hauptstadt Seoul gelegen, ist Songdo zwar umweltfreundlich und energiesparend gedacht, jedoch vor allem wegen ihres allumfassenden Systems der Überwachung bekannt. Denn unzählige Kameras und Sensoren liefern ständig Daten in die städtische Schaltzentrale. Außer Touristen zieht es deshalb bislang nur relativ wenige Menschen in die Planstadt Songdo New City.

‣ Masdar City: Das saudi-arabische Vorzeigeprojekt nahe der Hauptstadt Abu Dhabi setzt auf Erneuerbare Energien, strenges Recycling und die Verbannung von Autos. Weil die Arbeiten an dem 20 Milliarden Dollar teuren Projekt aber immer wieder ins Stocken geraten, kann die für 47 000 Einwohner ausgelegte Stadt wohl erst 2020 endgültig bezogen werden. Trotzdem hat die Internationale Energieagentur 2015 dort bereits ihren Hauptsitz eröffnet.    

Interview: „Grün hat keine wirtschaftlich gewichtige Lobby“

Helga Fassbinder (© Privat)
Helga Fassbinder: Die deutsch-niederländische
Stadtplanerin und Politikwissenschaftlerin
ist Vorsitzende der Stiftung „Biotope City“.
Ihr Ziel: Die Natur in die Stadt
zu integrieren. (© Privat)

Frau Fassbinder, was verstehen Sie unter Biotope City?

Wir als Menschen sind Teil eines umfassenden Systems, das sich in Milliarden von Jahren herausgebildet hat, also der Kosmos, Mikroben, Moleküle usw. Unsere Lebenswelt ist Teil dessen und dies sollte sich auch in der Stadt widerspiegeln. 

Warum brauchen die Menschen Grün in den Städten?

In einer immer hektischeren Welt ist Grün wichtiger denn je zuvor. Für die Gesundheit und die Psyche der gestressten Stadtbewohner, aber auch ganz technisch: zur Kühlung, zur Regenwasser-Rückhaltung und zur Reduktion der Feinstoffbelas-tung. Man kann sich also wundern, warum Grün nicht ein vorrangig wichtiges Element in unseren Städten ist. Die Erklärung ist einfach: In einer Stadt besteht ein unerbittlicher Konkurrenzkampf um Fläche. Der gut erschlossene städtische Boden ist teuer. Und Grün hat nun mal keine wirtschaftlich gewichtige Lobby. 

Wie sieht Ihre Stadt der Zukunft aus?

Meine Vision ist eine Stadt, die durchwirkt ist von Grün. Und das wird zur Folge haben, dass wir in einer Art urbaner Wildnis leben. Die Stadt wird sich nicht mehr abgrenzen von der Natur. Vögel, Schmetterlinge, Insekten, kleinere Säugetiere, selbst Füchse, Waschbären und Wildschweine, Bäume und Sträucher in den Straßen, Rasen zwischen den Straßenbahnschienen – all diese Elemente von Wildnis gibt es ja bereits. Aber es geht noch weiter: Gebäude bieten viel Oberfläche für Grünbewuchs, auf den Dächern, an den Fassaden, auf Balkonen, auf Fenstersimsen. Die Architektur muss sich darauf einstellen, Möglichkeiten für Grünbewuchs anzubieten.

Braucht es für Ihre Vision digitale Innovationen, Stichwort „Smart City“?

Ich halte es für verkehrt, einen Gegensatz zwischen Natur und smarten Technologien zu sehen. Wenn smarte Technologien nicht nur entwickelt werden, um an einem neuen Produkt zu verdienen – statt ein Problem zu lösen –, dann können sie eine willkommene Ergänzung zu natürlichen Lösungen darstellen. Doch sollten sie eingehend daraufhin geprüft werden, ob es nicht eine nachhaltigere Lösung des Problems gibt, für das sie eingesetzt werden. Schließlich kostet jede Technologie Ressourcen und Energie. Nachhaltig ist sie erst dann, wenn diese Kosten geringer sind als das, was eine natürliche Lösung erfordert.

Mehr zum Thema

www.zukunft-mobilitaet.net
Sehr umfangreicher Blog zu den Themen Verkehr und Mobilität. Blogger Martin Randelhoff wurde dafür mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. 

www.wettbewerb-zukunftsstadt.de
Wettbewerb des Bundesforschungsministeriums unter 51 Städten mit vielen spannenden Veranstaltungen vor Ort. Mitmachen ausdrücklich erwünscht.

www.biotopecity.net
Kostenfreies Online-Journal mit deutschen und englischen Artikeln rund um Stadtplanung, Architektur und die grüne Ausgestaltung unserer Städte.  

 

Gehl, Jan: Städte für Menschen

Gehl, Jan: Städte für Menschen. Jovis Verlag 2015, 304 Seiten, 32 Euro 

 

Oekom e.V.: Stadtlust – Die Quellen urbaner Lebensqualität.

Oekom e.V.: Stadtlust – Die Quellen urbaner Lebensqualität.
Oekom Verlag 2015, 144 Seiten, 17,95 Euro 

 

Erschienen in Ausgabe 02/2016
Rubrik: Leben&Umwelt

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'
Ulli

Danke für den aufschlussreichen Artikel!
Als Kinder haben wir uns schon immer sehr geärgert wenn wieder ein natürlicher "Spielplatz" für immer verschwand, da er verbaut wurde, unser Bach begradigt oder wenn ein alter Hohlweg sich in eine Teerwüste verwandelte. Wieso hört man nicht auf die Kinder dachte ich mir? Sie wissen genau wie schön die Welt ist wenn sie vielgestaltige Naturformen geheimnisse in hinterhöfen und Gärten mit Beeren beherbergt. Sie lieben es Tiere zu beobachten und den selbergebauten Schiffchen auf den Bächen hinterher zu sehen. Denn die Schönheit ist ein Massstab des lebenswerten und gesunden Lebens!

Jutta Römermann

02/16 Stadt der Zukunft? Grün, leise, smart? - So gar nicht smart.

Ehrlich gestanden, etwas enttäuscht war ich schon von dem Artikel. Städte für Menschen, ein menschliches Maß, da gehört für mich auch das Thema Strahlenbelastung dazu. In wirklichen Städten für Menschen und Tiere will ich nicht permanent Strahlungen ausgesetzt sein, die meine Gesundheit und körperliche Unversehrtheit gefährden. In dem Artikel war nur vom BBSR Institut die Rede.

Mir ist es heute schon nicht möglich dauerhaft in der Stadt zu leben. In Bussen und Bahn kann ich so gut wie gar nicht fahren, viel zu zuviel Strahlungen unterschiedlicher Art und Frequenzen. Umweltbewußtsein hin oder her, es geht einfach nicht. Ich gehöre zu den elektrosensiblen Menschen, die manchmal belächelt und auf die meistens etwas hilflos reagiert wird. Ich bin froh, dass ich mir einen Ort auf dem Lande schaffen konnte, an dem ich gut leben kann. Noch. Wenn ich an die smarten Zähler für den Stromanschluß denke, oder an andere verrückte Pläne, dann weiß ich wirklich nicht, wo ich im Alter leben kann.
Es gibt inzwischen schon eine Menge wissenschaftliche und medizinische Untersuchungen, die auf die Gefahren für uns Menschen und die Umwelt hinweisen und sie auch bewiesen haben. An entscheidender Stelle mag man darauf nur nicht hören.

Artikel 2 (2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.
Wir brauchen weiße Zonen in den Städten! (siehe Artikel 'Mobilfunkfreie Zonen' bei www.diagnose-funk.org/publikationen/artikel/detail?newsid=1051) und nicht nur grüne Wände (grüne Ideen S.78) mit einem WLAN - Hotspot in den Parks! (na toll, dann kann ich da auch nicht mehr hin) und wir brauchen die Einhaltung des Grundrechtes auf die Unverletzlichkeit von Körper und der Wohnung. Strahlung macht leider vor den Wänden und Fenstern nicht halt. Es gibt meines Wissens kein Gesetz, dass dies im Sinne des Artikel 13 genehmigt hat? Artikel 13 (1) Die Wohnung ist unverletzlich.

Ich brauche kein WLAN zuhause, und die Lehmwände schützen so einigermaßen vor dem WLAN des Nachbarn, aber der wohnt auch entfernt. In der Stadt ist das illusorisch. Ich wünsche mir Restaurants ohne Strahlungen und Hotels ohne, strahlungsfrei ähnlich wie rauchfrei.

Wir brauchen Mittel und Wege, die Technik an uns Menschen anzupassen und nicht umgekehrt. Elektrosensible Menschen brauchen Unterstützung und kein Lächerlich machen.

Als die Radioaktivität entdeckt und genutzt wurde, gab eine Zeit, in der mit dieser Energie sehr sorglos umgegangen wurde. Viele Menschen sind daran gestorben. Mir kommt es heute so vor, dass wir auch an diesem Punkt sind.

Wer sich mehr über die kritische Auseinandersetzung zu einer sinnvollen und geschützten Nutzung von Mobilfunk und Co. informieren möchte, kann dies bei Diagnose-Technik tun, eine Verbraucherorganisation. Webseite: www.diagnose-technik.org

Ich wünsche mir eine breite Aufklärung über die Gefahren von Mobilfunk, WLAN und allen anderen Be-Strahlungen. Wir Menschen und die Tiere in unserer Umwelt sind hoch komplexe organische Wesen, unser Organismus beruht auf feinster hormoneller aber auch elektrischer Aktivitäten. Elektrizität spielt im Leben die bedeutendste Rolle in allen biologischen Prozessen, von der Wundheilung bis zur Koordinierung aller Körper- und Gehirnfunktionen.
Wie können wir da annehmen oder darüber hinwegsehen, dass diese Strahlungen uns nicht beeinflussen und körperliche Reaktionen hervorrufen, die die Zellstrukturen verändern? Hochsensible Geräte werden geschützt, wir dagegen nicht.

Mit freundlichen Grüßen
Jutta Römermann