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Aus allen Nähten

Altkleidercontainer quellen über
Eine Folge von Fast Fashion: Wohin mit der ganzen Kleidung? © Johannes Simon/dpa/SZ Photo

MODE Container quellen über, Klamotten türmen sich zu Bergen. Der neuste Modetrend: Hosen und Pullis werden verbrannt. Rebecca Sandbichler

Die hübsche schwarze Strickjacke hat einen fein gearbeiteten Saum und ist mit kleinen Perlen bestickt. Komplett verzogen, urteilt Sonja Egger nach einem kurzen Blick darauf. „Und schauen Sie mal, die Fussel.“ Tatsächlich, auf den zweiten Blick sieht die Jacke doch nicht mehr so gut aus. Die ehrenamtliche Leiterin der Kleiderausgabe „Textil“ vom Innsbrucker Roten Kreuz legt sie auf den „Wegwerfen“-Stapel, denn es nimmt sie ihr wohl auch geschenkt niemand mehr ab. Sie hat sich daran gewöhnen müssen, Kleider in einen Müllsack zu stopfen: T-Shirts mit Rändern unter den Achseln, löchrige Strumpfhosen, Hemden mit vergilbten Kragen oder zu kurze Pullover. All die gut gemeinten, aber nutzlosen Spenden gibt sie weiter an ein Abfallunternehmen, das daraus noch irgendetwas macht – seien es Putztücher, Baustoffe oder Innenverkleidungen für Autos. 

Kleidung wird Abfall

Etwa 38 Prozent der deutschlandweit gespendeten Kleidung werden auf diese Weise verarbeitet. Und immer öfter landen textile Reste aus Mangel an Alternativen in der Verbrennung. „So bringen sie zwar noch Energie, aber schade ist es trotzdem darum“, sagt Andreas Voget. Er ist Geschäftsführer des deutschen Verbands Fairwertung, der sich seit mehr als zwanzig Jahren für soziale und ökologische Standards bei der Verwendung von Altkleidern einsetzt, die im deutschsprachigen Raum von vielen Organisationen befolgt werden. Neben dem Roten Kreuz sind Diakonien, Sozialunternehmen und manche Kommune unter den rund 130 Mitgliedern. Vor Kurzem schlug der Verband Alarm: Das System der Altkleidersammlung drohe zu kippen. „Die Mengen werden immer größer, machen extrem viel Arbeit und verursachen Kosten“, erklärt Voget. Ein weiteres Problem sei der steigende Anteil von Altkleidern mit einer schlechten Qualität.

Rund eine Million Tonnen an Textilien geben die Deutschen laut Fairwertung im Jahr weiter, acht von zehn Menschen spenden gelegentlich alte Kleidungsstücke. Voget sagt, es habe sich eine „Ex-und-Hopp-Mentalität“ entwickelt, die es früher so nicht gab. „Kleidung ist billiger als je zuvor und dadurch zu einem echten Wegwerfprodukt geworden.“ Probleme mache auch der steigende Anteil von Kunst- und Mischfasern – sechzig Prozent der weltweit gefertigten Kleidung enthalten diese schon. Doch die Textilforschung sei noch lange nicht an dem Punkt, dass solche Stücke sinnvoll weiter verwertet werden könnten.

Nicht mehr tragbar 

All die billigen, schnell produzierten Textilien haben den Anteil von tragbarer Kleidung in Altkleidersammlungen auf unter 50 Prozent gesenkt. Vom einst umkämpften Markt, in dem zum Teil hohe Standgebühren für Container gezahlt wurden, hätten sich einige kleinere Sammler schon zurückgezogen, sagt Voget. Und: „Einige Kommunen haben gar niemanden mehr gefunden, der noch Kleider sammeln möchte. Nicht mal rein gewerbliche Anbieter.“

Was also tun, damit private Schränke nicht platzen und ganze Kleiderberge in der Verbrennungsanlage landen? Voget hat klare Empfehlungen: Erstens sollten die Menschen weniger einkaufen: „Ich trage meine Hemden so lange, bis mich meine Frau damit nicht mehr vor die Tür lässt.“ Zweitens sollte jeder nur Textilien einwerfen, die er oder sie in diesem Zustand auch selbst noch tragen würde. Drittens könne man aus saugfähigen Materialen immer noch etwas machen. Der Tipp des Experten: „Alte Baumwollsachen schneiden wir bei uns zu Hause zu Putzlappen.“ Und zu guter Letzt wünscht er sich, dass Modehersteller Verantwortung dafür übernehmen, was am Ende der Kette mit ihren Produkten passiert.

Damit hat Reinhard Maas kein Problem, obwohl er unsicher ist, wie eine gesetzliche Regelung dafür aussehen würde. Sein Modeunternehmen Maas Natur vertrete genau das Gegenteil von Wegwerfmode. „Ich könnte mir vorstellen, für unsere Kunden künftig sogar Reparaturworkshops in den Läden einzuführen“, sagt Maas. „Wie kürzt man eine Hose, wie stopft man ein Loch? Das verlängert das Leben der Kleidung.“ Ungewöhnlich für ein Unternehmen, das mit dem Verkauf von Kleidung sein Geld verdient. Doch der Naturmodehersteller aus Gütersloh denkt anders und produziert bewusst nur zwei Kollektionen im Jahr. Während Fast-Fashion-Ketten die Kunden dazu treiben, alle zwei Wochen einen neuen Look zu kaufen, setzt Maas lieber auf Treue. „Ganze Familien kleiden sich bei uns ein.“ Das sei dann auch ein wirtschaftlicher Erfolg, sagt er. Abgesehen davon: „Das Wegwerf-Konzept könnte ich mit mir gar nicht vereinbaren.“

Qualität statt Billigware

Ähnlich denkt Claudia Lanius, deren gleichnamiges Label ebenfalls unter öko-fairen Bedingungen Kleidung aus Naturfasern produziert. Sie glaubt, dass unser Konsumverhalten sich rasch ändern würde, wenn jeder einmal alle Schritte bis zu einem einfachen T-Shirt selbst erleben würde.

Ihre Produkte sollen möglichst lange genutzt werden, wünscht sich Lanius. Ihr Unternehmen kooperiert darum zum Beispiel mit Stay Awhile: Über diesen Anbieter kann man innerhalb eines Monatsabos einige Teile der Kollektionen leihen statt kaufen, was insgesamt die Tragedauer jedes einzelnen Stücks erhöhen soll. Auch Upcycling ist dem Kölner Atelier nicht fremd: Aus alten Messeplakaten fertigte Lanius Kulturtaschen oder Beutel, recyceltes Nylon steckt in Mänteln und Taschen der aktuellen Herbst- und Winter-Kollektion.

Ungleich schwerer sei es jedoch, alte Kleidungsstücke direkt wieder für neue Kleidung zu verwenden – auch da sind sich Maas und Lanius einig. Kunststoff würde Maas zum Beispiel gar nicht verwerten wollen, aus Sorge vor Mikroplastik in der Umwelt. Lanius bezweifelt, dass recycelte Naturfasern dieselbe Qualität erreichen würden wie neue Ware. Selbst Stücke aus natürlichen Materialen seien kaum in ihre einzelnen Bestandteile zerlegbar. „Für Menschen mit Allergien könnte das ein Problem darstellen“, befürchtet sie. 

Für die Modemacherin ist es nicht nur eine Frage der Qualität, die zu einem langen Leben eines T-Shirts oder einer Hose und somit zu geringeren Altkleidermengen führt. Entscheidend seien auch ein tolles Tragegefühl und dauerhaft gutes Design: „Wir versuchen, echte Lieblingsteile zu kreieren, die der Trägerin im wahrsten Sinne des Wortes ans Herz wachsen.“ 

Jene unbekannte Frau, die ein rotes Baumwollkleid in den Container vom Roten Kreuz geworfen hat, war mit ihrem Kleidungsstück offenbar niemals auf solche Weise verbunden. Sonja Egger zieht einen Zettel aus dem Kragen: Das Preisschild hängt noch dran. <

 

Es geht auch anders

Gegentrend: Slow Fashion

Mehr als 100 Milliarden Kleidungsstücke werden weltweit pro Jahr hergestellt, in bis zu 24 Kollektionen – Menschen, Umwelt und die Qualität der Kleidung leiden darunter. Slow Fashion heißt der Gegentrend zu dieser Entwicklung, nach dem Motto der britischen Stardesignerin Vivienne Westwood: „Buy less, choose well, make it last.“ Also: Kaufen Sie weniger, wählen Sie gut aus und erhalten Sie es lange. Jeder zweite Deutsche kauft immerhin schon in Secondhand-Modeläden ein. Auch Kleidertauschpartys sind eine Alternative, jedoch haben mehr als achtzig Prozent der Deutschen noch nie Kleidung getauscht.

Mehr zum Thema:

Im Kalender anstreichen: Am 29. November, jährt sich der „Kauf-Nix-Tag“, der einen Gegenpol zum Shopping-Wahn am „black friday“ bildet und schon in 60 Ländern organisiert wird.

Der Film „Der Preis der Mode“ erzählt von den Opfern, die andere für ein 5-Euro-T-Shirt bringen müssen: www.grandfilm.de/the-true-cost-der-preis-der-mode

Die Dokumentation „Fairtraders“ porträtiert unter anderem Modemacher, die schon früh auf öko-faire Produktion gesetzt haben: www.fairtraders.ch

Die Initiative „Fashion Changers“ informiert über öko-faire Mode und engagiert sich für einen Wandel der Textilindustrie:
www.fashionchangers.de

Erschienen in Ausgabe 10/2019
Rubrik: Leben&Umwelt

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anonym

Die Situation, das Menschen ihre alten Kleider einwerfen spiegelt für mich dies:

Es ist ein Bewusstsein da, ab-fallendes zu trennen.
Es ist ein Bewusstsein da, das man selbst (zu)viel besitzt. Man will das gerne teilen und / oder wünscht sich weitere sinnvolle Nutzung.

Zusätzlich vermute ich ein "schlechtes Gewissen" und oder Scham ggü einem oder mehrerer dieser Umstände.

Sollen wir daher dieses Verhalten jetzt verurteilen oder gar diskriminieren und somit wieder abtrainieren? Oder wäre es sinnvoll den Sammlern einen weiteren (neuen) Arbeitsauftrag zu erteilen.... früher kam der Lumpensammler.