Fernkurs Naturkost - Schrot und Korn

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Fernkurs Naturkost

Wissen schafft Selbstvertrauen

Seit 1993 gibt es ein bundesweit einmaliges Bildungsangebot: den Fernlehrgang Naturkost. Was viele schon immer über Quinoa und Co wissen wollten - hier darf es gefragt werden. 840 Frauen und Männer machten bisher davon Gebrauch, etwa die Hälfte aus privaten Gründen.

"Stop, nicht soviel Öl." Die Vollwertküche ist schließlich fettarm. Kein Problem, der Fehler läßt sich noch beheben. Und dann schmeckt die Tofu-Nuss-Creme den 15 Kursteilnehmern genauso gut wie die selbstgekochte Pastinakensuppe oder "Topinambur in Käsesauce mit Kartoffelplätzchen." So gut , daß sie vor lauter Appetit das Reden fast vergessen.

Nein, die Szene spielt nicht in einem gewöhnlichen Vollwertkochkurs einer x-beliebigen Volkshochschule. Die Frauen und (wenigen) Männer des Fernlehrgangs Naturkost, die aus ganz Deutschland und sogar aus Südtirol nach Berlin gereist sind, wollen mehr. Sie wollen Beratungsgespräche üben, das Neueste über sekundäre Pflanzenstoffe hören und vor allem: sie möchten sich austauschen, einander kennenlernen und reden über das, was sie sich daheim im stillen Kämmerlein angeeignet haben.

Wie der Name schon sagt, sind bei einem Fernlehrgang die kommunikativen Einheiten die Ausnahme. Meist studieren die derzeit 253 aktiven Teilnehmer die 26 Lehrbriefe für sich. Sie lesen, exzerpieren, beantworten Kontrollfragen und erledigen die "Hausaufgaben" nach ihrem individuellen Rhythmus: abends, am Wochenende oder an einem freien Vormittag. Das hat viele Vorteile. Denn sonst könnten die meisten die bundesweit einzigartige Ausbildung zur Naturkost-Fachkraft, die der Verein Forum Berufsbildung in Berlin geschaffen hat, gar nicht absolvieren. Zwei Drittel der Teilnehmer kommen aus dem Süddeutschen Raum, die Mehrzahl hat Kinder und arbeitet in einem Naturkostladen oder in einem anderen Beruf.

Meist geht somit das Lernen - acht bis zehn Stunden pro Woche sollte man ansetzen - auf Kosten der eh' schon knapp bemessenen Freizeit. Dennoch beweisen die Teilnehmer enormes Standvermögen. Von den 587 "Ehemaligen", die den Kurs seit 1993 belegten, warfen nur zehn Prozent das Handtuch. Die durchschnittliche Abbrecherquote, die man bei vergleichbaren Angeboten ansetzt, liegt bei 25 Prozent.

Die meisten zahlen aus eigener Tasche

Vielleicht hängt die Selbstdisziplin auch damit zusammen, daß die meisten die Gebühren aus eigener Tasche zahlen. Überhaupt setzen sich die Teilnehmer nicht so zusammen, wie das Forum Berufsbildung ursprünglich kalkuliert hatte. "Wir dachten, daß bei damals 1.500 Naturkostläden im Schnitt aus jedem Laden einer mitmachen würde", erzählt Lehrgangskoordinatorin Monika Schwarz, die eigens für den Aufbau des Fernkurses eingestellt wurde. Aber so weit ist die Qualifizierungsoffensive im Naturkosthandel noch lange nicht. Statt dessen interessierten sich überraschend viele aus privaten Gründen für die Ausbildung. Sei es, daß sie mit einem Berufswechsel, einem Wiedereinstieg oder einer Existenzgründung liebäugeln - etwa die Hälfte der Teilnehmer arbeitet nicht aktuell in einem Laden. Nur 40 Prozent sind Mitarbeiterinnen beziehungsweise Mitarbeiter im Fachhandel und zehn Prozent stehen als Inhaber hinter der Kasse.

"Eine Geschäftsführerin hat sich den Kurs sogar zum zehnjährigen Jubiläum ihres Ladens geschenkt", berichtet Monika Schwarz vom Mut, zu Wissenslücken zu stehen. Die systematische Ergänzung des "learning by doing" ist in ihren Augen nach wie vor ein Bedürfnis. "Die Kunden", so wird der Lehrgangskoordinatorin berichtet, "sind heute aufgeklärter", sie fragen mehr in die Tiefe."

Wer die jeweils 80 bis 100 Seiten umfassenden Lehrbriefe über Ernährung und Gesundheit, über Milchprodukte, Süßungsmittel und all die anderen Warengruppen bis hin zur Naturkosmetik studiert hat, braucht bei besonderen Kundenwünschen keine Bauchschmerzen mehr zu haben. Gewiß, man kann nicht jedes Detail behalten. Doch wer die Unterlagen einmal durchgearbeitet hat, wird sich in der Gliederung leicht orientieren - oder findet im Extremfall in den ergänzenden Literaturhinweisen Rat.

Apropos Lehrbriefe: Ihre didaktische Aufbereitung, optische Gestaltung und ständige Aktualisierung ist das A und O. Müßte man sich durch die Texte quälen, dauernd im Lexikon nachschauen oder sich mit Versagensängsten herumschlagen, so würde die Selbstdisziplin bei den meisten wohl schnell gegen Null tendieren. Denn die manchmal geäußerte Bitte "machen Sie mir Druck" kann Monika Schwarz beim besten Willen nicht erfüllen. Aber es gibt es ein ausgeklügeltes System, die Autoren zur ständigen Verbesserung der Lehrbriefe zu motivieren: Ein Teil des Honorars fließt nur dann aufs Konto, wenn sich der Schreiber alle Anmerkungen, Kritikpunkte und offenen Fragen ansieht, zu denen die Teilnehmer bei jedem Lehrbrief aufgefordert sind. Lehrgangsredakteurin Manuela Paelchen sorgt dann dafür, daß entsprechendend die Lehrbriefe nachgebessert werden.

Auf diese Weise zeigt sich schnell, wo etwas undeutlich formuliert ist, wo der Teilnehmer eine Passage wegen fehlender Voraussetzungen nicht verstehen kann oder wo sich der Autor zu sehr ins Detail verliebte. Daß darüber hinaus Sprachtalent und flotte Formulierungskünste zu finden sind, ist zwar keine unabdingbare Voraussetzung, aber willkommenes "Zuckerl". Schließlich zählen erfahrene Buchautoren wie Professor Claus Leitzmann oder Rolf Goetz zu den Autoren.

Wenn trotz attraktiver Briefe Motivationsprobleme aufkommen, helfen ein paar psychologische Tricks. Sehr bewährt hat sich etwa das Angebot, das Lernen über den offiziellen Abschluß des Kurses (19 Monate) hinaus zu verlängern. Der Teilnehmer zahlt dann zwar keine Gebühren mehr, gibt aber weiterhin seine Hausaufgaben zur Korrektur ab. "Wenn wir die Angst nehmen, nicht fertig zu werden, wirkt sich das positiv aus", hat Monika Schwarz festgestellt. Sogar nach drei oder vier Jahren schließen manche Pausierer den Kurs noch ab. Es geht allerdings auch anders. Der bislang schnellste Teilnehmer bewältigte das Pensum innerhalb von fünf Monaten. Allerdings hatte der "Überflieger" mehr Zeit als die meisten: Er war arbeitslos und nutzte die Gelegenheit zur Umschulung.

Einen weiteren Kniff verrät Teilnehmer Michael Heinemann. "Man muß ja nicht alle Briefe gleich intensiv bearbeiten". Was ihn interessierte, hat der ehemalige Sozialpädagoge eingehender studiert - und den Rest eher pragmatisch erledigt. Der heutige Mitarbeiter eines großen Hofladens ist übrigens ein Fernschüler der ersten Stunde. Ihm hat der erste Kurs, den er neben seinem früheren Beruf absolvierte, so gut gefallen, daß er derzeit den Aufbaulehrgang draufsetzt. Seine Erfahrung. "Wissen stärkt das Selbstvertrauen."

Wie Heinemann hatte auch Mechthild Cwojdzinski keine Gelegenheit, sich mit anderen zu einer Lerngruppe zusammenzuschließen. "Das kostet nochmal zusätzlich Zeit", befürchtet die Mutter dreier Kinder, die als Aushilfe in einem Naturkostgeschäft arbeitet. Fürs Alleinlernen finden sich jedoch immer ein paar Stündchen. Wobei sich die Motivation nicht zuletzt daraus speist, "daß ich die Kundenfragen mit immer mehr Fachkenntnis beantworten kann". Außerdem hat die Berlinerin Zukunftspläne. "Ich traue mir nach diesem Kurs eine Teilhaberschaft oder Geschäftsführertätigkeit zu."

Nicht nur für solche Ziele ist der Lehrgang gedacht. Wer ihn abschließt, hat auch als Umschüler oder Wiedereinsteiger gute Chancen. "Der Ladeninhaber weiß dann, daß er bestimmte Sachen nicht lang und breit erklären muß", sagt Monika Schwarz. Sogar ohne Abschlußprüfung hat der Kurs einen guten Ruf. Anders wäre es kaum zu erklären, daß sich 65 Prozent mit der Bescheinigung über die erfolgreiche Teilnahme begnügen und nur jeder dritte den Prüfungsstreß auf sich nimmt.

Schließlich soll das Ganze Spaß machen, wofür nicht zuletzt die drei Wochenendseminare stehen. Hier läßt das Forum bewußt viel Raum für persönliche Gespräche. Nicht selten entstehen Freundschaften, die länger halten Man besucht sich im Laden, tauscht Erfahrungen aus. Monika Schwarz: "Das ist ein richtiger Tourismus".

Peter Gutting

Spezialisten für Weiterbildung und Umschulung

Das Forum Berufsbildung e.V. bietet im Bereich Naturkost mehrere Fernlehrgänge an. Der Gesamtlehrgang dauert 19 Monate, die Teillehrgänge Fachkunde und Betriebswirtschaft sind auf 16 beziehungsweise acht Monate angelegt. Darüber hinaus wurden im Frühsommer 1998 drei neue Angebote eingerichtet: Die Module "Ernährung und Gesundheit" und "Naturwaren" (beide sechs Monate) sowie der Aufbaulehrgang Naturkost (sieben Monate). Auch auf anderen Berufsfeldern ist die Organisation aktiv: Es gibt Fernlehrgänge in den Bereichen Fahrrad-Fachwissen und Sozialmanagement sowie zahlreiche Umschulungen und Fortbildungen in den Bereich Betriebswirtschaft, Büro, Touristik und Soziales. Für den im Januar beginnenden 25. Fernlehrgang "Naturkost-Fachkraft" kann man sich noch bis zum 15. Januar 1999 anmelden.

Kontakt: Forum Berufsbildung e.V:, Charlottenstr. 2 10969 Berlin-Kreuzberg, Tel.: 030-259008-0, Fax: 030-2518722.

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