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Vom Winde verweht

Mikroplastik © Raffi Alexander/gettyimages
Bilder sagen mehr als 1000 Worte? – Sarkastische Aufschrift einer Plastiktüte, denn die Natur hat sicher nichts zu danken. © Raffi Alexander/gettyimages

 

MIKROPLASTIK Mit jeder Mahlzeit essen wir über 100 winzig kleine Plastikteilchen. Ist das gefährlich? Und woher kommen diese Teilchen? Unser Autor hat nach Antworten gesucht. Leo Frühschütz

Mit Plastik ist es wie mit großen Felsen: Die verschwinden nicht einfach, sondern verwittern ganz langsam zu immer kleineren Kieseln und Sandkörnern. Zum Schluss bleibt nur noch feiner Staub, den der Wind übers Land bläst. Das Gleiche passiert mit einer Plastiktüte, die im Meer schwimmt oder am Straßenrand liegt. Wasser, Wind und Sonnenlicht bleichen sie aus, machen sie rissig und zerlegen sie im Laufe der Jahre in immer kleinere Fitzelchen. Schließlich ist die Tüte kaum mehr zu sehen – doch sie ist immer noch da – als Mikroplastik.

Mikroplastik stammt aus vielen Quellen

Mit dem Begriff Mikroplastik bezeichnen Wissenschaftler Plastikteilchen, die kleiner als fünf Millimeter sind. Dazu zählen noch sichtbare Fetzen ebenso wie mikroskopisch kleine Teilchen, die nur wenige Mikrometer groß sind. Zum Vergleich: Ein menschliches Haar ist etwa 50 bis 70 Mikrometer dick.

Mikroplastik entsteht aber nicht nur aus Verwitterung von Abfällen, sondern auch aus anderen Kunststoffprodukten, die sich mit der Zeit abnutzen, wie Rohre oder Lackierungen. Einen großen Anteil liefert der Abrieb von Autoreifen, weil sie neben Gummi noch andere Kunststoffe enthalten. Der Wind verweht die Teilchen mit dem Straßenstaub, der Regen spült sie in die Kanalisation.

Eine beachtliche Quelle sind zudem Textilien aus Kunststofffasern wie Fleecejacken oder Polyester-Shirts. Beim Waschen der Kleidungsstücke lösen sich Tausende winzig kleiner Fasern. Im Schnitt gibt jeder Deutsche über das Waschen seiner Kleidung täglich 85 000 synthetische Mikrofasern in die Umwelt ab, haben Wissenschaftler der Universität Osnabrück ermittelt. Diese Fasern bleiben nicht im Flusensieb hängen, sondern fließen mit dem Abwasser in die Kläranlage. Der größte Teil von ihnen lagert sich am Klärschlamm an, von dem in Deutschland immer noch ein Viertel auf die Felder ausgebracht wird. Die anderen Fasern fließen ungehindert durch die Kläranlage durch und gelangen so in die Gewässer.

Mikroplastik wird aber auch absichtlich hergestellt und freigesetzt. Zahlreiche Kosmetika, vom Peeling bis zum Shampoo, enthalten kleine Kunststoffteilchen, die Hautschuppen entfernen oder einen Film um die Haare legen. Plastikkügelchen reinigen auch Oberflächen wie die von antiken Möbeln oder dienen in Waschmitteln als Trägermaterial für Duftstoffe. Nach Gebrauch landen sie dann im Abwasser und in der Umwelt. Kein Wunder also, dass überall, wo Wissenschaftler sich auf die Suche begeben, ihre Filtermembranen voll mit Mikroplastik sind. Die Partikel finden sich im Magen von Fischen und Vögeln ebenso wie im Eis der Arktis, in der Luft, im Boden, im Hausstaub – und in unserem Essen.

 

© Paul’sLady/shutterstock; Guido Mieth, efetova/gettyimagesMikroplastik stammt aus vielen Quellen: aus sichtbarem Plastikmüll, aber auch von Kunststofffasern und Reifenabrieb. © Paul’sLady/shutterstock; Guido Mieth, efetova/gettyimages

Mit dem Salz in die Suppe

Mikroplastik nehmen wir zu uns, wenn wir Meerestiere als Ganzes verspeisen, also mit den Verdauungsorganen, in denen sich Plastikteilchen befinden können. Das ist bei Muscheln, Garnelen und kleinen Fischen wie Sardinen oder Sprotten der Fall. Die darin bisher festgestellten Mengen an Mikroplastik klingen verhältnismäßig gering. So fand etwa Professor Ted Henry von der Heriot-Watt Universität in Edinburgh in schottischen Zuchtmuscheln drei bis vier Plastikteilchen pro Tier. Chinesische Forscher meldeten von dortigen Muscheln etwas höhere Zahlen. Die New Yorker Chemikerin Sherry Mason fand Mikroplastik in Meersalz, im Schnitt gut 200 Partikel je Kilogramm. In 159 Leitungswasserproben aus allen Teilen der Welt zählte sie bis zu 61 Partikel je Liter, bei Bier waren es im Durchschnitt vier Teilchen je Liter. Deutlich mehr fand die niedersächsische Lebensmittelbehörde in Mineralwasser in PET-Mehrwegflaschen, darin schwammen bis zu 118 Partikel je Liter. Der Grund: Anders als bei Glasmehrweg nutzen sich die Flaschen beim Spülen ab.

Doch vermutlich ist das Mikroplastik direkt im Essen gar nicht das einzige Problem: Der schottische Professor Ted Henry stellte in Haushalten neben die Teller mit dem Essen Staubfänger. Sie hielten den gesamten Hausstaub fest, der sich während der Essenszeit darauf niederließ. In dem Staub fand er auch Mikroplastik, bezogen auf die Größe der Essteller waren es 114 Teilchen – pro Mahlzeit. Hochgerechnet auf ein Jahr nehmen wir also Zehntausende winziger Plastikteilchen zu uns, die sich auf unser Essen niederlassen. „Wir wissen nicht, woher diese Fasern kommen, wahrscheinlich stammen sie aus den Wohnungen und deren näherer Umgebung“, kommentierte Henry seine Ergebnisse. Fasern von Kunststoffteppichen, zerkratzte Plastikoberflächen oder der Staub draußen von der Straße könnten mögliche Quellen sein. Diese Teilchen essen wir nicht nur, wir atmen sie auch ein, genauso wie den Feinstaub aus Autoauspuffen und Kaminen.

Doch wie gefährlich ist das alles? Peter Hollman vom niederländischen Forschungsinstitut Rikilt hat an einer Risikoabschätzung für die EU-Lebensmittelbehörde EFSA mitgearbeitet. Er hält es für „eher unwahrscheinlich“, dass die bisher festgestellten Mengen an Mikroplastik im Essen schädlich für die Menschen sind. Selbst wenn es Zehntausende Teilchen sind, so summieren sie sich übers Jahr doch nur zu einigen Milligramm Plastik, die wir aufnehmen. Auch die Mengen an giftigen Schadstoffen wie Weichmacher oder polychlorierte Biphenyle (PCB), die sich gerne ans Mikroplastik anlagern, sind gering, verglichen mit dem, was wir an Chemikalien über andere Quellen zu uns nehmen, wie durch Pestizidrückstände im Essen oder Flammschutzmittel im Hausstaub.

Aus Versuchen mit Fischen oder Mäusen ist bekannt, dass Mikroplastik im Verdauungssystem entzündliche Reaktionen hervorrufen kann. „Doch solche Versuche wurden bisher meist mit sehr großen Mengen gemacht, wie sie in der Umwelt nicht vorkommen“, sagt Gunnar Gerdts, Mikroplastikforscher am Alfred Wegener Institut. Ihm macht etwas anderes Sorgen: „Aus den bisherigen Messungen wissen wir, dass es die ganz kleinen Teilchen sind, die die Masse des Mikroplastiks ausmachen.“ Doch je kleiner die Teile sind, desto schwieriger ist es, sie herauszufiltern und in der Masse der anderen Winzpartikel zu identifizieren. Oft werden sie deshalb gar nicht erfasst und mitgezählt, obwohl gerade sie problematisch werden könnten. „Wir wissen aus Versuchen, dass Teilchen mit einer Größe von 1 bis 10 Mikrometer vom Darm ins Gewebe übergehen können“. Deshalb untersucht Gerdts gerade, ob solche Partikel auch aus dem Darm von Zuchtfischen ins Filet wandern. Voraussichtlich im Herbst 2018, so hofft er, könnten erste Ergebnisse vorliegen.

Infografik

Aus Mikro- wird Nanoplastik

An der Freien Universität Berlin beschäftigt sich der Pflanzenökologe Matthias Rillig mit Mikroplastik im Boden. Über Ablagerung aus der Luft, über Klärschlamm und Kompost gelangen die Teilchen auf den Acker. Regenwürmer und andere Bodenlebewesen fressen sie und bringen sie mit ihrem Kot tiefer in den Boden. „Auf das Bodenleben hat sich das in unseren Untersuchungen bisher nicht negativ ausgewirkt“, sagt er. Auch könnten die Pflanzen die Mikroplastikteilchen nicht aufnehmen. Diese sind noch zu groß. „Doch die gleichen Prozesse, die aus Makroplastik Mikroplastik machen, können auch die kleinen Teilchen weiter zerkleinern zu Nanogröße.“ Das wären dann Partikel, die weniger als 0,1 Mikrometer groß sind, also noch kleiner als Bodenbakterien. „Nanopartikel können grundsätzlich biologische Membranen durchdringen und so theoretisch durch Agrarprodukte in unsere Nahrungskette gelangen“, erklärt Rillig. „Wir machen derzeit erste Versuche mit Nanoplastik und Salat. Es sieht so aus, als würde es an der Wurzel anhaften oder gar aufgenommen.“ Alarm will er deshalb bisher nicht schlagen, denn die Versuche fanden in Hydrokultur statt und die Teilchen wurden ins Wasser gegeben. Ob sich das auf den Anbau in Erde übertragen lasse, sei fraglich: „Es gibt viele Möglichkeiten, dass die Partikel an Bodenmaterial anhaften und damit für die Wurzeln gar nicht verfügbar sind.“ Im Boden könnten sie sich auf Pilz- und Bakterienlebensgemeinschaften auswirken und die Fruchtbarkeit der Böden beeinflussen. „Das kann negative oder positive Effekte haben, da wissen wir noch gar nichts.“ Deshalb wird Matthias Rillig weiterforschen, so wie viele seiner Kollegen, die sich derzeit mit Mikroplastik beschäftigen. Denn ihnen allen ist klar: Plastik ist extrem langlebig und die kleinen Teilchen werden mehr werden. 8,3 Milliarden Tonnen Plastik hat die Menscheit bisher produziert. Jedes Jahr kommen weitere 330 Millionen Tonnen hinzu. „Wir sind überall von Plastik umgeben“, sagt Gunnar Gerdts. „Und mit der Zeit zersetzt es sich.“ 

Nützliche Alltagstipps

Wie kann ich Plastik vermeiden?

10 000 000 Tonnen Kunststoffe verbrauchen wir Deutschen jedes Jahr, das sind 125 Kilogramm pro Kopf. Etwa die Hälfte davon fällt als Abfall an, vor allem in Form von Verpackungen, aber auch durch Haushaltsgegenstände, ausgedientes Plastikspielzeug oder die Plastikteile im ausrangierten Auto.

Gegen diese Plastikflut hilft nur: vermeiden, vermeiden, vermeiden. Mehrweg statt Plastikeinweg bei Getränken oder Coffee to go, Stoffbeutel statt Plastik-tüten, mitgebrachte Behälter an der Einkaufstheke statt Käsepapier und Kunststoffbecher; das alles sind kleine, aber wichtige Schritte zu einem plastikärmeren Einkauf.

Holz und andere Naturmaterialien können Kunststoffe ersetzen, beim Spielzeug ebenso wie bei Fensterrahmen oder Wärmedämmung. Wasserfeste Funktionskleidung und kuschelige Fleece-Jacken gibt es bei Naturtextilherstellern auch aus pflanzlichen Fasern. Für andere, bereits vorhandene Kleidungsstücke gibt es von Guppyfriend einen Waschbeutel, der das Mikroplastik filtert. Viele weitere Ratschläge für ein Leben mit möglichst wenig Plastik bieten die Blogs von Menschen, die das erfolgreich ausprobieren, etwa www.besser-leben-ohne-plastik.de oder www.plastikfreileben.de.

Wer einem Hersteller mitteilen will, dass er dessen Produkt lieber ohne Plastik hätte, kann dies mit der App Replace Plastic des Vereins Küste gegen Plastik machen. Barcode scannen und Protest abschicken: www.kueste-gegen-plastik.de.

Sehr leicht vermeiden lässt sich Mikroplastik in Kosmetik. Wer wissen will, ob Lieblingspeeling und Duschgel Plastikteilchen enthalten, kann dies mit den Barcode-Scanner-Apps von www.beatthemicrobead.org oder www.codecheck.info feststellen.Eine Offline-Einkaufshilfe bietet der BUND-Einkaufsratgeber „Mikroplastik – die unsichtbare Gefahr“. Die Alternative sind zertifizierte Naturkosmetika, wie es sie im Bio-Laden gibt. Unter ihren Inhaltsstoffen finden sich keine Kunststoffe.

Mehr zum Thema

www.bund.net/meere/mikroplastik
www.nabu.de/natur-und-landschaft/meere/muellkippe-meer 
www.greenpeace.de/themen/endlager-umwelt/plastikmuell

Hier informieren die großen Umweltorganisationen über Plastikmüll im Meer.

www.fishing-for-litter.de
Der Naturschutzbund NABU fischt in der Nord- und Ostsee nach Plastikmüll.

www.litterbase.awi.de
Die Webseite des Alfred-Wegener-Instituts über Abfall im Meer.

www.bundesverband-meeresmuell.de
Das Netzwerk aus Privatpersonen, Unternehmen und Verbänden engagiert sich gegen Meeresmüll.

www.mikroplastik.de
Der Verein Plasticontrol kämpft gegen Mikroplastik in der Umwelt.

www.projectbluesea.de
Müll im Meer ist einer der Arbeitsschwerpunkte dieses Vereins.

www.theoceancleanup.com
'Dieses Projekt will im großen Stil den Plastikmüll im Ozean einsammeln.

Buch

Schröder, Heike: 

Plastik im Blut – Wie wir uns und die Umwelt täglich vergiften.
Verlag VAK, 2017,
160 Seiten, 15,40 Euro

 

 

BuchBunk, Anneliese;
Schubert, Nadine:
Besser leben ohne
Plastik.

Oekom Verlag 2016,
112 Seiten, 13 Euro

 

 

Erschienen in Ausgabe 08/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

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Heiko Peter

Am gleichen Tag, wie ich mit der neusten Ausgabe der Schrot und Korn den Naturkostladen verliess, und als erstes den Artikel "Vom Winde verweht" las, erschien in einer der drei städtischen Gratis-Wochenzeitungen ebenso ein Bericht bezüglich des Thema Mikroplastik. Verbunden mit der Vorstellung des Buches "Plastik im Blut" der Baubiologin Heike Schröder erreicht es somit breite Teile der Bevölkerung und verdeutlicht die Brisanz des angesprochenen Themas. Gleichzeitig spüre ich eine Agonie in Bezug des Ausgangsartikels in Schrot und Korn. Im Naturkostladen einkaufend sind gefühlte 60% der Produkte verpackt. In Plastik: Kosmetik, Getreideprodukte, Getränke, Obst und Gemüse. Der Unterschied zum konventionellen Discounter ist fliessend, auch wenn dort kein "Bio" unter derVerpackung sich verbirgt, das Plastik ist dasselbe, einschliesslich seiner Auswirkungen. Vielleicht ist es im Naturkostladen dünner und manchmal etwas sparsamer verwendet, aber geht es hierbei doch mehr um die Tatsache an sich, als wie um Details. Doch geht auch anders. Dies zeigen die Läden, die Ware unverpackt zum selbst Abfüllen verkaufen. Sind Kunden aus dem Naturkostladen diesbezüglich wirklich achtsamer und mehr auf die Umwelt bedacht? In Bezug auf den Inhalt wohl schon.