Kolumne: Küche und Kerle– Werte im Wandel - Schrot und Korn

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Kolumne: Küche und Kerle– Werte im Wandel

Fred Grimm, Autor von „Shopping hilft die Welt verbessern“, schreibt hier über gute grüne Vorsätze – und das, was dazwischenkommt.

Fred GrimmEs gibt ja die Vermutung, dass Frauen deshalb so gerne Koch-Shows im Fernsehen anschauen, weil das die einzige Chance ist, einmal einen Mann beim Arbeiten in der Küche zu erleben. Das ist natürlich unfair. Männer demonstrieren seit Jahrzehnten ihre Qualitäten als Spiegelei-Brater oder Nudel-Abgießer. Doch das scheint ihnen nicht mehr zu genügen. Jedenfalls lassen sich gerade wundersame Wandlungen beobachten.

Klassische Currywurst-im-Stehen-Esser überraschen einen plötzlich mit Einladungen zu mehrgängigen, aufwendig dekorierten Menüs, die sie im „Kochkurs für Männer“ gelernt haben. Notorische Geizkragen, die ihre Frauen früher rüffelten, wenn diese im Bio-Laden einkauften statt bei Aldi, legen auf einmal Hunderte Euro für eine Kollektion von Sashimi-Messern an, weil man „bei so etwas nicht auf den Cent gucken“ dürfe. Und spätestens seit mir neulich ein alter Fußballfreund zum ChampionsLeague-Halbfinale „geschäumtes Rhabarbersorbet an Minzsalat“ servierte, ahne ich, dass es bald vorbei sein dürfte mit der Entfremdung zwischen Küche und Kerl.

Die Beherrschung möglichst komplizierter Rezepturen, angereichert mit Charakteristika ausgefallener Zutaten, gehört unter Männern, die etwas auf sich halten, mittlerweile zum guten Ton. Anfang des Jahres präsentierte das „Manager Magazin“ eine Reihe deutscher Wirtschaftsführer wie T-Systems-Chef Reinhard Clemens, den Deutsch-Banker Paul Achleitner oder Allianz-Vorstand Dieter Wemmer als Hobbyköche mit Stern-Qualitäten in ihren prächtigen 70-Quadratmeter-Küchen, welche allmählich die Dienstlimousinen als Statussymbole abzulösen scheinen.

Dazu passt der Erfolg der ersten Porsche-Küche, ein Joint-Venture der Sportwagen-Designabteilung mit den Experten von Poggenpohl, die sich mit gebürstetem Aluminium, den Granitplatten und dem satinierten Glas formschön in jede Männerbude schmiegt – von 139 000 Euro an aufwärts.

Leistungsschau mit Küchenschürze

Männer kochen für den Applaus, Frauen für ihre Gäste, heißt es, und tatsächlich hat der Trend zum maskulinen Freizeit-Gourmet immer auch etwas von einer Leistungsschau. Nicht umsonst gehört das „Hier kocht der Chef“-Motiv zu den meist verkauften Schürzen. Dass nur Zeitmangel sie von der völligen Entfaltung ihrer Fähigkeiten in der Küche abhält, steht für die meisten Männer ohnehin fest.

Schließlich werden ja auch 250 der 255 deutschen Sternerestaurants von ihresgleichen geführt. Doch wenn man die echten Profis fragt, ob Männer denn nun wirklich die besseren Köche sind, dann schütteln sie eigentlich alle den Kopf. „Vielleicht geben es nicht alle zu“, hat mir mal ein Küchenchef verraten, „aber wir alle wissen: Am besten kocht immer noch die Großmama.“

Erschienen in Ausgabe 07/2013
Rubrik: Leben&Umwelt

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