Anzeige

Anzeige

Kolumne: Die Abrechnung des Monsieur Hulot

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Der Satz kam wie nebenbei, dann blieb es zwei Sekunden lang still. „Ab heute?“, fragte Nicolas Demorand, der verblüffte Moderator; „sind Sie sicher?“, seine Kollegin Léa Salamé. War er. Gerade hatte der französische Umweltminister Nicolas Hulot live im Radiointerview seinen Rücktritt bekannt gegeben. Nicht mal seinen Präsidenten Macron hatte er eingeweiht.

„Ich will mich nicht länger selbst belügen. Ich will mich nicht mehr der Illusion hingeben, dass meine Anwesenheit in der Regierung bedeutet, wir würden die Umweltpolitik in den Mittelpunkt stellen.“ Rumms.

Nicolas Hulot ist in Frankreich nicht
irgendein Politiker. Was Grzimek früher für den Tierfilm in Deutschland, leistete der gelernte Journalist Hulot in Frankreich für die Umwelt. Millionen Fernsehzuschauer erfuhren durch seine Reportagen von verschmutzten Flüssen, dem Niedergang der Artenvielfalt, dem Irrsinn der Atomkraftwerke, aber auch von der Schönheit dieser Welt. Es gab Zeiten, da hätte er laut Umfragen jeden anderen Präsidentschaftsbewerber schlagen können. Erst Macron war es gelungen, den Aktivisten in die Regierung zu locken. „Make our planet great again“, hatte der junge Präsident getönt und Monsieur Hulot nahm das ernst.

Ist Umweltpolitik nur Kosmetik für das gute Gewissen?

Ein Jahr später sortiert Hulot die „Anhäufung seiner Enttäuschungen“: „Haben wir angefangen, den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren? Haben wir angefangen, etwas gegen den Verfall der Artenvielfalt zu tun? Haben wir angefangen, etwas dafür zu tun, dass unsere Böden erhalten bleiben? Die Antwort ist nein.“ Vor allem aber stehe man dem Klimawandel, der „schlimmsten Herausforderung, die die Menschheit je gesehen hat“, beinahe tatenlos gegenüber. In dem knapp 40-minütigen Interview, das man auf YouTube sehen kann, beschreibt Nicolas Hulot eine Scheindemokratie, in der Lobbyisten und große Unternehmen der Regierung diktieren, was sie zu tun und zu lassen hat. „Umweltpolitik“ – das sei nicht mehr als Kosmetik für das gute Gewissen.

Seit diesem Interviewrücktritt warte ich eigentlich jeden Tag darauf, dass auch die deutschen UmweltministerInnen in Land und Bund den Mut fassen und ebenfalls geschlossen hinschmeißen, um dem albernen Schauspiel ein Ende zu machen. Oder ein Mal, ein einziges Mal, ehrlich sagen: „Jawohl, wir wollen weiter immer mehr Autos fahren lassen, egal, wie sie die Luft vergiften“ und: „jawohl, wir zahlen der industrialisierten Landwirtschaft weiter Millionen als Ausgleich für die Schäden, die sie selbst mit anrichtet“ und: „jawohl, wir wollen nicht wirklich was dagegen tun, dass im Jahr 2018 immer noch jahrhundertealte Eichenwälder für den Braunkohle(!)abbau gerodet werden“.

Dann könnte man wenigstens ihren Mut beklatschen. Den Mut, den Monsieur Hulot hatte, als er aufhörte, „sich vorzugaukeln, wir würden uns der Herausforderung wirklich stellen“. 

 

Erschienen in Ausgabe 11/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'