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Kolumne: Der Preis des Lebens

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Vor ein paar Jahren hat die amerikanische Zeitschrift „Wired“ mal ausrechnen lassen, wie viel der Mensch eigentlich wert ist. Damit war nicht der symbolische Wert gemeint. Der liegt – je nach Person – wohl irgendwo zwischen unendlich und 1,12 Euro. Nein, dabei ging es allein um den Körper, unseren Materialwert sozusagen.

Wie viel Geld würde man für unsere Haut bekommen, wie viel für die Organe? Wie hoch sind die Marktpreise für die unfassbare Vielfalt unserer Körperflüssigkeiten? Wie viel gäbe es für körpereigene Chemikalien wie Phosphor oder Kalium?

Am Ende kam Wired auf die erstaunliche Summe von 46 Millionen Dollar, die zumindest mir einen Moment lang ein deutlich besseres Körpergefühl beschert hat. Allein die zwölf Gramm des Hirn-Hormons Thyrotropin sind demnach 654000 Dollar wert. Wenn ich nur wüsste, wie ich das Zeug aus meinem Schädel kriege!

Seit geraumer Zeit versuchen Wissenschaftler auch für die Natur eine Art Preis zu errechnen, damit wir endlich ihren wahren Wert erkennen. Die Luft, die wir verpesten, muss niemand bezahlen. Ebensowenig die Wildbiene, die wir gerade ausrotten, oder den Regenwurm, der fleißig unsere Böden lüftet.

Brauchen wir einen Preis für die Natur, um endlich ihren Wert zu erkennen?

Der längst verstorbene Biochemiker und Kybernetiker Frederic Vester gehörte zu den Ersten, die auf dieses Grundproblem unseres Wirtschaftssystems hingewiesen haben. In seinem 1983 erschienenen Buch „Der Wert eines Vogels“ versucht er sich an einer Kalkulation für all das, was beispielsweise ein Blaukehlchen als ökologischer und emotionaler Partner des Menschen leistet. Seine jährliche Arbeitsleistung beziffert Vester auf 154,09 Euro. Das Blaukehlchen vernichtet Schädlinge und erfreut unsere Herzen. Sein beruhigender Gesang entspricht dem Gegenwert einer täglichen Valiumtablette, meint Vester. Ihm zufolge verdient eine Buche für ihre Lebensleistung sogar eine Viertelmillion. Sie reinigt die Luft, spendet Schatten und Schönheit und gewährt ein Heim für zahllose Kleintiere, ohne die der Wald zusammenbrechen würde.

Nun wünscht sich niemand, dem an der Natur etwas liegt, dass diese auch noch über Preise als handelbare Ware in den Kapitalismus integriert wird. Andererseits belohnen ihre Gratis-Dienstleistungen die rücksichtslose Ausbeutung. Keine der 20 größten Wirtschaftsbranchen würde profitabel arbeiten, müssten die Unternehmen die Vernichtung unserer natürlichen Ressourcen und Lebensgrundlagen auch bezahlen.

Vielleicht sollten wir dem Wind, den Blaukehlchen und Schmetterlingen, dem Meer und den Bäumen tatsächlich mal eine
Weile lang ein imaginäres Preisschild anheften, um endlich zu begreifen, welchen Reichtum wir da täglich vernichten lassen. Vielleicht werden wir ja dadurch zu genau den Menschen, die wirklich 46 Millionen Dollar wert sein könnten. 

 

 

Erschienen in Ausgabe 09/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

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incl. 'http://'

Das ist genau das, was unserem modernen und (meist) nur wirtschaftlichem System zugrunde liegt. Es muss alles in irgendeinem Wert kalkuliert werden. Die eigentliche und damit psychosoziale Freude wird gar nicht mit einbezogen. Vielen Dank für solche Artikel. Sollte mehr davon geben.

udo124

Das wäre sicher auch mal einen Versuch wert. Dann würde vielleicht wenigstens einigen Menschen klar, daß sich unser gegenwärtiger Lebensstil auf lange Sicht überhaupt nicht rechnet.

Michelle

Das ist das erste was ich in Schrot und Korn lese: Ihre Kolumne:-)
Immer auf liebe Weise, einem Aufmerksam machen. Das ist es was ich schätze.
Vielen Dank.
Herzlich

Fred Grimm

Liebe Anja K., vielen Dank, das ist sehr nett von Ihnen! Herzliche Grüße, Fred Grimm

Anja K.

Lieber Fred Grimm, Ihre Kolumne ist ja sowieso immer sehr lesenswert, aber das ist mal ein ganz brillanter Wurf. Danke dafür, und hoffentlich lesen das auch mal die richtigen Leute. Anja K.