Kolumne: Auf der Suche nach der Greta in uns - Schrot und Korn

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Kolumne: Auf der Suche nach der Greta in uns

Fred Grimm (© Rebecca Hoppe)
Fred Grimm schreibt hier
über gute grüne Vorsätze – und das,
was dazwischenkommt.
(© Rebecca Hoppe)

Vor einigen Jahren erschien die Magazinbeilage der britischen Sonntagszeitung „Observer“ mit einem provokanten Titelbild. Zu sehen war ein Kuchenteller, auf dem sich ein paar Restkrümel verloren: „Sorry kids, we ate it all“ – „Tschuldigung Kinder, wir haben alles aufgegessen“. Eine Geschichte darüber, wie die Alten der Jugend die Zukunft versauen. Die Staatshaushalte überschuldet, die Umwelt zerstört, die Infrastruktur verschlissen, die Schulen vergammelt, die Arten ausgerottet. Danke für nichts. Natürlich gab es wütende Leserpost. Betagte Damen und Herren schrieben, ihnen ging es doch selber auch nicht besonders gut oder sie hätten sich aufgrund ihrer „Lebensleistung“ ja wohl einen angenehmen Ruhestand verdient. Beiden Schreibergruppen fehlte jedes Bewusstsein dafür, welche Verantwortung sie für den Zustand der Welt tragen, die sie den nachfolgenden Generationen überlassen.

Ich muss in diesen Tagen oft an das Bild vom aufgegessenen Kuchen denken. Seit Greta Thunberg, eine 16-jährige Schwedin, mit ihrem „Schulstreik für das Klima“ weltweit Zehntausende junge Nachahmerinnen und Nachahmer gefunden hat, zeigt sich in den Reaktionen vieler Älterer wieder diese beleidigte Mischung aus Arroganz und Unverstand. Die sollten lieber fleißig lernen, um endlich technische Lösungen für die Umweltprobleme zu finden statt Schule zu schwänzen, hieß es. Die hätten ja keine Ahnung und überhaupt sei ja auch der Nationalsozialismus mal eine Jugendbewegung gewesen, las man in der „Welt am Sonntag“. Von „Panikmache“ war die Rede, als ob nicht jedes Kind mittlerweile verstanden haben müsste, was auf dem Spiel steht. Unter den Wissenschaftlern dieser Welt ist die Klimakatastrophe so unbestritten wie die Abfolge von Tag und Nacht. Die prognostizierten Folgen – dramatische Erderwärmung, Extremwetterlagen, Zunahme von Überflutungen einerseits und Dürren andererseits – zeigen sich bereits heute überdeutlich.

„Radikale Maßnahmen“ sind unausweichlich, schreibt der Weltklimarat. Mit „radikalen Maßnahmen“ ist nicht gemeint, dass 2023 zehn Elektroautos mehr durch München rollen oder wir irgendwann mal ein Braunkohlekraftwerk abschalten. „Radikal“ heißt: heute, jetzt. Und radikal heißt auch – warum streiken wir Eltern und Großeltern nicht einfach jeden Freitag mit?


„Ein herzlicher „Fuck You“-Gruß an die Zukunft“


Wir haben wie die Kleinkinder jahrelang die Decke über den Kopf gezogen und gehofft, all das werde schon irgendwie vorübergehen. Und die Zerstörer einfach weitermachen lassen. Jeder dritte Neuwagen wird heute von einem Senioren gekauft. Am beliebtesten sind übrigens SUVs, die fetten Luftverpester. Ein herzlicher „Fuck You“-Gruß an die Zukunft. Irgendwann werden die Alten, die den Kuchen aufgegessen haben, die Jungen beschimpfen, weil nichts mehr da ist. Ich wünsche den Gretas dieser Welt starke Nerven und mehr Mut, als wir ihn hatten. 

Erschienen in Ausgabe 05/2019
Rubrik: Leben&Umwelt

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wolfgang link

woher nimmt der autor diesen systemimmanenten optimismus - oder ist sein buchtitel 'shopping hilft die welt verbessern' etwa ironisch gemeint?
egal, ob alt oder jung: solange der markt die alles dominierende Instanz bleibt, wird die wachstumsorientierte Gläubigkeit weiterhin die aufgezählten Nebenwirkungen hervorbringen.
radikal sein heißt für mich, den Blick vor allem auf die globale verteilung des kapitals und die damit einhergehenden machtstrukturen zu lenken - und entsprechende alternativen dazu auszuprobieren. solange die herrschenden doktrinen - beispielsweise ganz vorne die heilige kuh des privatbesitzes und wachstumsideologie - nicht radikal hinterfragt werden, werden sich die gretas und ihre groß- und eltern weiterhin selbst gegenseitig mit vorwürfen überschütten, ohne grundsätzlich erforderliche änderungen in der verteilung der lebenschancen der menschen zu erreichen - aber die hoffnung stirbt ja bekanntlich zu letzt.

Andrea Witthohn

Sehr sehr wahre und eindrückliche Worte, lieber Herr Grimm! Die sollten wir uns alle zu Herzen nehmen!