Klimawandel: Kunst kann ermutigen - Schrot und Korn

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Klimawandel: Kunst kann ermutigen

Margret Boysen ist eine beharrliche Vermittlerin am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Sie vernetzt dort Kulturschaffende mit Wissenschaftlern. Künstler hätten zur Klimadebatte viel beizutragen, sagt sie im Interview. Solange sie sich nicht vor den falschen Dingen fürchten.

Frau Boysen, inwiefern brauchen wir die Kunst im Ringen um den Klimaschutz?
Man kann mit Kunst nie eine ganze Gesellschaft ansprechen. Aber Kunst kann diejenigen ermutigen, die eine Transformation dieser Gesellschaft herbeiführen wollen. Denn man braucht vermutlich nur eine kritische Masse von Menschen, um Veränderungen anzustoßen. Und Kunst kann neue Ausdrucksformen für eine politische Bewegung bereitstellen.

Haben Sie ein Beispiel?

Berühmt ist das Emblem des Keramikherstellers und Künstlers Josiah Wedgwood für die Abschaffung der Sklaverei. Darauf sieht man einen schwarzen Mann in Ketten mit dem Spruchband: "Am I not a man and a brother?". Dieses Emblem gab der Bewegung ein Bild. Kunst kann neben Ermutigung und Trost aber auch für Irritation sorgen, die passive Menschen aus ihrer Komfortzone reißt.

Welche Kulturschaffenden tun das heute in Bezug auf den Klimawandel?

Die Stargeigern Patricia Kopatschinskaja verfolgt dieses Anliegen. Von ihr hören sie nicht unbedingt Mozarts Kleine Nachtmusik – jedenfalls nicht so, wie sie es gewohnt sind. Sie empfindet das Hinnehmen und Leugnen des Klimawandels als Skandal und ist genauso radikal in ihrer Interpretation alter Werke wie in ihren Aussagen zum Weltgeschehen. Dabei hat sie sich beim Potsdam-Institut rückversichert, dass das, was sie in der Öffentlichkeit äußert, mit den Fakten der Wissenschaft einhergeht.

Kommt das öfter vor?

Ja, viele Künstler, wie zum Beispiel vom Jungen Staatstheater Berlin „Parkaue“, kommen mit diesem Anliegen zu uns. Ihnen ging es um das Stück „Der Schimmelreiter“. Die Künstler hatten das Gefühl, man kann es nicht neu interpretieren, ohne den Klimawandel mitzudenken.

Das PIK bietet auch ein so genanntes „Artist in Residence“-Programm an. Was haben Künstler davon?

Ich bin, auch außerhalb unseres Gastkünstlerprogramms, beratend für die Künstler da und organisiere den Austausch von Perspektiven zwischen ihnen und unseren Wissenschaftlern. Das Buch „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“ von Philipp Weiß war im Herbst in aller Feuilletons Munde; er hat bei uns Expertise dazu eingeholt. Und auch die Idee zu „Solar“ von Ian McEvan ist bei uns entstanden. Ich erinnere mich, dass John Schellnhuber dem Autor weitere Recherchetüren geöffnet hat.

Nicht jeder geht ins Theater oder liest die Feuilletons. Welche Zielgruppen wurden bisher vielleicht übersehen?
Menschen, die keine Nachrichten hören oder lesen, liegen naturgemäß außerhalb unserer Reichweite, da wir unsere Forschungserkenntnisse für die Medien aufbereiten. Selbst für Schulen sind wir aktiv, außerdem für Politik und Wirtschaft, einschließlich der Landwirtschaft. Je höher das Bildungsniveau, desto einfacher ist es, den Klimawandel zu verstehen. Das liegt nicht an uns, sondern an der Sache. Ich finde es aber wichtig, dass Menschen sich durch Wissensvermittlung nicht gelangweilt fühlen. Und natürlich muss man sie da an der Hand nehmen, wo sich die meisten Fragezeichen tummeln. Man kommt ziemlich schnell darauf, dass viele fremde Fragezeichen mit den eigenen übereinstimmen.

Sie sagen, die Möglichkeit zur Vereinfachung ist nicht grenzenlos: Richten demzufolge Klima-Katastrophenfilme wie „The Day After Tomorrowwomöglich mehr Schaden als Nutzen an?

Ich persönlich glaube nicht, dass so ein Film Schaden anrichtet, denn niemand konnte diesen Hollywood-Katastrophenfilm mit einer Dokumentation verwechseln. Er hat aber sicher bei vielen Menschen Interesse an der Frage geweckt, was mit dem Golfstromsystem wirklich passiert. Ähnlich hat ja „Jurassic Park“ auch echtes Interesse an Dinosauriern geweckt. Übrigens haben neue Studien in unserem Institut ergeben, dass der Golfstrom sich tatsächlich bereits abschwächt, so wie die Klimamodelle es vorhergesagt haben.

Welche Geschichten um den Klimawandel könnten uns denn sonst noch aufrütteln?

Es gibt zum Beispiel das Narrativ der „Kippelemente“, das am Potsdam-Institut seine wissenschaftliche Geburtsstunde hatte. Es ist ein Konzept, das die für den Planeten lebenswichtigen Systeme identifiziert, die durch einen Temperaturanstieg in einen qualitativ anderen Zustand gekippt werden – und so zu einem gefährlichen Klimawandel führen. Ein Beispiel ist das Antarktische Eisschild. Dieses wissenschaftliche Narrativ ist von einer Kunstszene in Großbritannien aufgegriffen worden, die gleich ihre ganze Künstlerinitiative „Tipping Points“ nannte.

Klingt für die meisten wohl immer noch weit weg.

Ist es nicht: Physikalisch gesehen bringen wir manche Systeme bereits unwiderruflich zum Kippen, wie zum Beispiel die tropischen Korallenriffe und Teile des Westantarktischen Eisschildes. Wenn man nicht weiß, dass diese Systeme Teil einer Kette sind, die nicht zerrissen werden darf, hört sich das natürlich gar nicht so schlimm an. Schließlich benötigen wir weder das Eis der Antarktis noch die tropischen Korallen für unser tägliches Leben. Denkt man zunächst.

Aber?
Die Folgen der globalen Erderwärmung sind zwar sehr komplex. Jedoch sehen wir bereits die Auswirkungen einer um ein Grad (Mitteltemperatur) erwärmten Erdatmosphäre durch die Zunahme regionaler Katastrophen, wie zum Beispiel im Jahr 2018: Dürresommer, Waldbrände in Kalifornien, Unwetter in ganz Italien, sogar Sturzfluten auf Mallorca und in Südwestfrankreich – die Menschen haben das Gefühl, dass es jetzt tatsächlich ernst wird. Auch Umfragen zufolge ist das Thema in Deutschland bei der Mehrheit der Menschen angekommen. Dieser Mehrheit hinkt nun die Politik hinterher.

Wie groß ist denn das Klimabewusstsein in der Kulturszene?

Es gibt tatsächlich Nischen in allen gesellschaftlichen Bereichen, auch in der Kulturszene, in die das Thema nicht vordringt. Warum kann ich nicht erklären. Manche sind zu beschäftigt mit anderen wichtigen Aufgaben, andere leben dem Anschein nach in ihrer eigenen Blase oder Echokammer. Egal, ob Arzt, ob Künstler oder Scheidungsrichter. Und dann gibt es noch die halbwegs Informierten, die aber denken, sie werden nicht betroffen sein. Sei es, weil sie die fossilen Brennstoff-Schäfchen ins Trockene bringen können, kein Mitgefühl empfinden, oder einfach die Portion moralischer Unbeschwertheit aufbringen, die sie das Leben besser genießen lässt. Wer weiß das schon genau.

Brauchen also auch Künstler einen persönlichen „tipping point“, um den Klimawandel ernst zu nehmen?

Es braucht meiner Meinung nach keinen Kipp-Punkt mehr in der Kulturszene. Totgeschrieben ist der Klimawandel auch nicht. Die Künstler sollten nur vor den richtigen Dingen Angst haben. Sie brauchen sich deswegen ja nicht den Schneid’ abkaufen zu lassen. Für mich instrumentalisiert sich jeder ein Stück weit, der die Aufmerksamkeit anderer möchte. Als Künstler angesichts der Bedrohung durch den Klimawandel noch Angst davor zu haben, dass man sein Werk unter Ideologieverdacht stellen könnte, empfinde ich darum mittlerweile als lächerlichen Luxus. Da kann ich wahrscheinlich nicht mehr aus meiner Haut. 

Margret Boysen

Die Geologin und Autorin ist die künstlerische Leiterin am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und vermittelt zwischen Wissenschaftlern und Kulturschaffenden. Die Sprache der Forscher versteht sie sehr gut, immerhin arbeitet sie seit vielen Jahren eng mit einem der weltweit führenden Klimawandel-Experten, dem PIK-Gründungsdirektor Hans Joachim Schellnhuber zusammen. Ihr Buch „Alice, der Klimawandel und die Katze Zeta“ erzählt den abenteuerlichen Ausflug eines Mädchens in die Klimaforschung.

Veröffentlicht:
Rubrik: Leben&Umwelt

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