Jung und erfinderisch - Schrot und Korn

Anzeige

Anzeige

Jung und erfinderisch

Junge Kreative (Foto: Palm & Dissen „Room in a box” GbR)
„Viele junge Kreative“: Berlin ist die deutsche Hauptstadt der grünen Gründerszene. (Foto: Palm & Dissen „Room in a box” GbR)

GRÜNE IDEEN Mit technischen Innovationen versuchen immer mehr kluge Köpfe, die Umwelt zu retten. Und der Markt dafür wächst. // Karin Kutter

Sie sind jung, kreativ – und sie versuchen, die Welt ein bisschen grüner zu machen: Immer mehr Öko-Start-ups treten mit innovativen Konzepten gegen Umweltverschmutzung und Klimawandel an. Während die einen Jungunternehmen einzelne Produkte entwerfen, setzen andere Ideen auf eine grüne Stadtentwicklung.

Zimmermöbel per Post geliefert bekommen und in Sekundenschnelle aufbauen? Diese kühne Vision will das Berliner Start-up „Room in a box“ verwirklichen. „Unsere Idee ist es, Möbel aus Wellpappe zu konstruieren, die ohne Werkzeug aufbaubar sind“, erklärt Gerald Dissen, der zusammen mit seinem ehemaligen Studienkollegen Lionel Palm „Room in a box“ gegründet hat. Seit 2013 entwickeln die beiden, unterstützt von Verpackungstechniker Christian Hilse, ihre innovativen Möbel. Dissen, Palm und Hilse sind die typischen deutschen Start-up-Gründer: jung, männlich und mit Hochschulabschluss. Auch dass „Room in a box“ im Team entstanden ist, ist typisch für diese Unternehmensform. Laut Deutschem Start-up-Monitor (DSM) werden hierzulande 77 Prozent der Start-ups von mehreren Personen gegründet. Was ein Start-up von einer normalen Unternehmensgründung unterscheidet, ist der Grad an Innovation und das Potenzial, schnell zu wachsen. 

„Möbel to go“

„Die Herausforderung war, ein relativ leichtes und flexibles Bett zu konstruieren, das mühelos auf- und abbaubar ist“, erklärt Dissen sein neuartiges Konzept. Entstanden ist ein Gestell aus Wellpappe, das sich wie eine Ziehharmonika auffächern lässt – leicht und umweltfreundlich. Dissen erklärt: „Das Bett ist zu 85 Prozent aus recycelten Papierfasern gefertigt, es wird komplett in Deutschland hergestellt und ist vollständig recycelbar sowie frei von Lösungsmitteln und Chemikalien.“ Im Moment tüfteln die drei an einem Regal nach gleichem Prinzip. Tisch und Stuhl sollen folgen, damit eine komplette Zimmergrundausstattung entsteht – verstaut in einer Box. Schnell verstaut und umweltfreundlich ist auch das Solartextil „Sola“ von „Mantis Greentech“. Dieses 40 mal 70 Zentimeter große Gewebe ist faltbar und mache Sonnenenergie für jeden unterwegs nutz- und speicherbar, versprechen die Gründerinnen Eva Hotz und Srijna Jha. Kombiniert mit einem UV-Wasserfilter, soll das Solartextil bei Katastropheneinsätzen oder Expeditionen zur Wasseraufbereitung dienen oder ermöglichen, mobile Geräte, wie Satellitentelefone, aufzuladen. 

Sola ist Eva Hotz’s Abschlussarbeit als Produktdesignerin an der Kunsthochschule Weißensee: Ausgestattet mit neun Solarzellen, lässt sich das 800 Gramm schwere Textil durch eine jus-tierbare Faltung optimal zur Sonne ausrichten. Mit ihrem Konzept stehen die Jungunternehmerinnen noch relativ am Anfang. Derzeit arbeiten sie an den Feldstudien für ihren Sola-Prototyp. Erst dann kann das Textil auf den Markt gebracht werden.

Ein ganzes Stück weiter in der Entwicklung von ähnlichen transportablen Solarladegeräten ist das Start-up „Sonnenrepublik“, dessen Produkte bereits im Laden erhältlich sind. Auch hier ist die Idee, die Energiewende im Kleinen anzustoßen. Das Berliner Start-up hat einen quadratischen Solarlader in der Größe eines Schlüsselanhängers erfunden, mit dem sich über einen USB-Anschluss beispielsweise Smartphones aufladen lassen. Wer den Ladevorgang beschleunigen möchte, kann weitere bunte Module wie bei einem Puzzle an allen vier Seiten des Laders anbringen. Neueste Idee ist ein Outdoor-Modul, das neben dem Ladegerät u.a. einen Luftmesser und Kompass integriert hat. „Um diesen Artikel auf den Markt zu bringen, suchen wir derzeit nach Inves-toren“, sagt Oliver Lang, einer der beiden Gründer von „Sonnenrepublik“.

Gründerstadt Berlin

Damit geht es ihm so wie vielen deutschen Start-up-Gründern. Genügend Wagniskapital – also Geld von risiko-freudigen Investoren – für Ideen und deren Umsetzung zu finden, ist weiterhin ein großes Problem in Deutschland. Und das, obwohl Berliner Jungunternehmer 2014 erstmals mehr Wagniskapital (2,2 Milliarden Dollar) sammelten als die Gründer in Europas Start-up-Hochburg London (1,5 Milliarden Dollar). Das klingt zunächst viel, doch laut dem Global Start-up Ecosystem Ranking von 2015 sind die privaten Investitionen sowie die Gewinne durch den Verkauf von Start-ups im Silicon Valley so hoch wie an allen 20 weltweit führenden Gründerstandorten zusammen. 

Trotzdem: Innerhalb der vergangenen drei Jahre ist Berlins Innovationspotenzial derart gestiegen, dass die Stadt mittlerweile zu den zehn wichtigsten Gründerstädten weltweit gehört. Bis 2020 könnten dadurch über 40 000 neue Jobs entstehen. Dass drei der hier vorgestellten Start-ups in Berlin ansässig sind, ist also kein Zufall. Gründer Dissen bestätigt dies: „Die Stadt ist hochdynamisch, es gibt viele junge Kreative.“ Zudem bietet Berlin eine hohe Lebensqualität, die Lebenshaltungskos-ten sind vergleichsweise gering und Politik und Wirtschaft unterstützen die Gründerszene. 

Doch nicht alle erfolgsversprechenden Ideen hierzulande müssen zwangsläufig aus Berlin kommen. Das Dresdner Start-up „Green City Solutions“ zum Beispiel wurde von der Wettbewerbs-Jury von „Deutschland – Land der Ideen“ zu einem der „100 ausgezeichneten Orte 2015“ ausgewählt. Das Team um Architekt Dénes Honus will die Luft in den Städten sauberer machen. Und das „smart und profitabel“, wie Honus über sein Konzept des „CityTrees“ sagt. Auf einer vertikalen Grünfläche haben Mooskulturen Platz, die Stickoxide und Feinstaub aus der Luft filtern und in eigene Biomasse umwandeln. 

Gleichzeitig fungiert der Stadtbaum als Werbeträger und WLAN-Hotspot, denn auf ihm lassen sich zum Beispiel Logos und QR-Codes anbringen. Und seine Leistung ist enorm: Ein einziger Stadtbaum vereint seinen Erfindern zufolge die Umweltleistung von ganzen 275 Bäumen. „Oben auf der Anlage sind Solarpanels sowie ein Regenwasserauffangbecken angebracht. Dadurch versorgt sich der „CityTree“ mit Wasser und Energie“, so Honus. 

Mit ihrem Konzept wollen die Gründer die sauberen Städte von morgen entwickeln – und das möglichst weltweit. Dass es nicht bei einer reinen Zukunftsvision bleibt, zeigen die vollen Auftragsbücher. Gerade erst ist Honus aus Hongkong zurückgekehrt. In der chinesischen Stadt, die bekanntlich unter ihrer Smog-Glocke fast erstickt, hat er „Green City Solutions“ potenziellen asiatischen Kooperationspartnern und Investoren vorgestellt.

Mehr zum Thema

‣ Green City Solutions: www.greencitysolutions.de

‣ Mantis Greentech: www.mantisgreentech.com

‣ Room in a box: www.roominabox.de

‣ Sonnenrepublik: www.sonnenrepublik.de

Erschienen in Ausgabe 02/2016
Rubrik: Leben&Umwelt

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'