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Interview: „Büttel der Industrie“

Interview © Hans Scherhaufer
Routine des Romancier: Oliver Bottini sitzt täglich ab neun Uhr am Schreibtisch. © Hans Scherhaufer

INTERVIEW: In seinem preisgekrönten Roman „Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens“ erzählt Oliver Bottini vom Mord an einer jungen Deutschen in Rumänien und vom globalisierten Kampf um fruchtbares Ackerland. Gabriele Augenstein

Seit Kurzem lebt der Schriftsteller Oliver Bottini im Frankfurter Gallusviertel. Dort fehle ein Bio-Laden, sagt er und fragt im Scherz: ob ich da nicht etwas machen könne. Wir treffen uns in der Bibliothek des Bio-Hotels Villa Orange. Danach will er seinen Sohn aus der Kita abholen. Zwischen hohen Bücherwänden sprechen wir über seinen Roman, der mit dem Deutschen Krimi-Preis ausgezeichnet wurde, und über Landraub in Europa. 

Herr Bottini, wie sind Sie auf das Thema Landraub gekommen?

Es begleitete mich schon eine ganze Weile, bis ich darauf stieß, dass Landraub nicht nur in Afrika ein Problem ist, sondern auch bei uns in Europa.

Sie schreiben, 40 Prozent der fruchtbaren Ackerflächen in Rumänien gehörten ausländischen Investoren.

So habe ich es von NGOs gehört,offiziell sind es zehn Prozent. Die Wahrheit wird irgendwo dazwischen liegen. Doch selbst wenn es nur 20 oder 25 Prozent sind, ist das gravierend. Das wäre ein Viertel oder ein Fünftel der Ackerflächen des Landes!

Warum verkaufen Bauern ihr Land?

Oft können sie es sich nicht leisten, es selbst zu bewirtschaften. Zwei, drei Hektar werfen häufig nicht genug ab. Oder die Äcker liegen verstreut. 2005 hat in Westrumänien ein Hektar Ackerland etwa 400 Euro gekostet. Heute kostet er das Zehnfache. Das können die Einheimischen nicht bezahlen. wohl aber die Großbetriebe, die ja auch viel leichter an Kredite kommen.

Würden Sie gerne wie Annett, die Umweltaktivistin in Ihrem Krimi, „den traurigen Lauf der Dinge aufhalten“?

Ich wünschte schon, ich als Autor hätte mehr Einfluss. Die Probleme sind ja gravierend. Nehmen wir nur die Monokulturen oder die Verödung der Dörfer. Die Großbetriebe kommen wegen ihrer riesigen Landmaschinen mit viel weniger Arbeitskräften aus. Sie lassen nicht in den Dörfern reparieren, essen nicht in den Dörfern, schlafen und wohnen nicht in den Dörfern, die entsprechend veröden.  Das gilt für Mecklenburg wie für Rumänien und viele andere Länder.

Ihr Krimi beginnt mit der Massenkarambolage 2011 auf der A19 in Mecklenburg, die durch einen
Sandsturm ausgelöst wurde. Sind solche Sandstürme eine Folge von Monokulturen?

Wenn es keine Wallhecken mehr gibt, keine trennenden Baumreihen, die den Wind abfangen könnten, sondern nur Riesenflächen, entstehen solche Sandstürme wie eben der 2011 mit acht Toten. Man kennt die Gefahren und schaut zu, wie immer weiter industrialisiert wird. Monokulturen, Insektenrückgang, Bienensterben – in Mecklenburg sind 40 Prozent der Bienenvölker nicht mehr aus dem Winterschlaf erwacht. Das sind Warnsignale. Die Politik müsste diese Signale ernst nehmen, tut es aber nicht. Das ist skandalös.

„es geht um den Erhalt der Böden und der Tierwelt“

Was sollten Politiker denn tun?

Es würde helfen, man würde in den Ministerien nach Kriterien der Nachhaltigkeit und der Vernunft handeln. Wenn keiner die Entwicklung steuert, gibt es gefährliche Auswüchse. Die deutsche Politik ist viel zu wirtschaftshörig. Ich erkenne ja an, dass es Sachzwänge gibt, aber was sich zum Beispiel der frühere Landwirtschaftsminister Christian Schmidt mit seiner Glyphosat-Entscheidung geleistet hat! – Ich verstehe nicht, dass der nicht am nächsten Tag entlassen wurde. Oder der Dieselskandal ... da agieren unsere Regierenden wie Büttel der Industrie. Das ist traurig.

Treiben Ärger und Empörung Sie zum Schreiben an?

Ja. Das ist in aller Regel die Ausgangsmotivation. Ich verstehe mich als politischer Autor, und die Umstände, wie sie sind, empören mich. Sie sind im höchsten Maße unmoralisch.

Wie nachhaltig leben Sie selbst?

Ich bin nicht konsequent in meinem Bemühen um Nachhaltigkeit, geißele mich aber auch nicht dafür. Lebensmittel – wenn möglich Bio – und alles andere, was ich kaufe, haben für mich einen Wert, entsprechend gehe ich pfleglich damit um.

Warum fällt es uns denn so schwer, unsere Umwelt pfleglich zu behandeln?

Der Weg zur Identifikation mit der Natur ist für Städter wie mich schon ein weiter. Wir sehen nicht, was im Laufe der Jahre mit den Böden oder den Tierpopulationen passiert. Es ist unbequem zu erkennen: Das ist trotzdem ein Teil von mir und ich bin ein Teil davon und deswegen muss ich dafür sorgen und kämpfen, dass es pfleglicher behandelt wird. Indem ich zum Beispiel bewusst kaufe. So können wir Konsumenten ja immer am meisten bewirken. Nehmen wir den Milchpreis: Ich lese, dass es vielen Bauern schlecht geht, weil der Milchpreis so gedrückt wird. Das ist nachvollziehbar – aber wenn man keinen Bauern kennt, ist der Bezug nicht so da. Und die Konsequenzen sind mir nicht so bewusst. Ich für meinen Teil möchte deshalb wieder öfter in die Natur gehen. Mit der Familie Urlaub auf dem Bauernhof machen oder so etwas. Auf der Terrasse selbst Gemüse „anbauen“.

Ist es Ihnen wichtig, wo Ihre Lebensmittel herkommen?

Ich weiß nicht, ob wir mit Bio-Landwirtschaft die Welt ernähren könnten, aber ich plädiere sehr dafür, es zu versuchen. Es geht um den Erhalt der Böden und der Tierwelt.

„Der Tod in den stillen Winkel des Lebens“ heißt Ihr Krimi. Mich beschlich beim Lesen die Ahnung, dass da ein stiller Krieg abläuft …

… ein stiller und unbemerkter Krieg.

Wie soll das denn weitergehen in zehn oder zwanzig Jahren?

Man kann manche Motive der Konzerne durchaus verstehen: Arabische Firmen etwa wollen die Ernährungssicherheit ihrer eigenen Bevölkerung gewährleisten – sie können in ihren Wüsten nun mal nur wenig anbauen. Aber wenn 40, 50 Prozent beispielsweise des rumänischen Ackerlandes ausländischen Konzernen gehören, gibt es eine Revolution. Man sieht die Auswirkungen bereits heute: Armut und Perspektivlosigkeit.

Dann sind es nicht mehr die
stillen Winkel, …

... dann wird es laut. 

Zur Person

ZUR PERSON

Oliver Bottini

1965 in Nürnberg geboren, aufgewachsen in München, wanderte Bottini nach Abitur und Zivildienst sechs Monate lang durch Neuseeland und Australien. Später studierte er Neuere Deutsche und Italienische Literatur, sowie Psychologie. 2001 folgte eine Ausbildung als Familien- und Wirtschaftsmediator. Seit 1995 arbeitet Bottini als Autor. In seinen Romanen thematisiert er menschliche Krisen und ihre oft gesellschaftlichen Ursachen. Bottinis bislang neun Kriminalromane wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem erhielt er fünfmal den Deutschen Krimi-Preis, zuletzt für den aktuellen Roman „Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens“. Bottini lebt in Frankfurt am Main.

© Hans Scherhauferl

 

Bottini, Oliver:
Der Tod in den stillen Winkeln des Lebens.
Dumont Verlag 2018,
414 Seiten, 22 Euro

Erschienen in Ausgabe 07/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

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