Ideen für gutes Klima - Schrot und Korn

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Ideen für gutes Klima

Klima© KungerKiezInitiative e.V.
Lastenrad: Mit Förder- geldern angeschafft, für die Nachbarn kostenlos zu leihen. © KungerKiezInitiative e.V.

GESELLSCHAFT Nachbarschaftsprojekte verbessern das Klima: unter Nachbarn und global. Dafür gibt es sogar staatliche FördergelderRebecca Sandbichler

Im Kungerkiez in Berlin lassen viele Nachbarn neuerdings das Auto stehen und nutzen eines der drei Lastenräder, die zum kostenlosen Ausleihen angeschafft wurden. Und für den neuen Gemeinschaftsgarten machten sich schon einige Bewohner des Viertels die Hände beim Einpflanzen von Gemüse schmutzig. Das Projekt „Gutes Klima. Unser Kungerkiez“ in Berlin arbeitet an einer neuen Stadt-Vision und probiert im Mikrokosmos eines Großstadtviertels verschiedene Klimaschutzmaßnahmen aus. Denn dort werden gerade alle Herausforderungen der weltweiten Urbanisierung spürbar. „Es gibt einen enormen Zuzug, immer mehr Freiflächen verschwinden und der Verkehr schwillt an“, sagt die Finanzverantwortliche der Initiative, Katrin Wegner.

Projekte zu unterstützen, die wie im Kungerkiez in ihrem direkten Umfeld etwas gegen die globale Erwärmung unternehmen wollen, war das Ziel des Förderaufrufs „Kurze Wege für den Klimaschutz“. Er sollte die Lücke zwischen dem schließen, was Bürger gerne für das Klima tun würden und dem, was sie dann tatsächlich im Alltag verändern. 

Mehr als zehn Millionen Euro aus dem Topf der Nationalen Klimaschutzinitiative vergab das Bundesumweltministerium (BMU) im Sommer 2017 darum an genau 112 nachbarschaftlich organisierte Klimaprojekte aus 14 Bundesländern. Noch bis Ende 2019 können die geförderten Vereine oder Kommunen ihre Konzepte mit Summen von rund 10 000 bis zu knapp 250 000 Euro umsetzen: sei es eine gemeinschaftliche Einmachküche für gerettetes Obst und Gemüse, ein hochtechnisches „Upcycling Futurelab“, die Ausbildung junger Klimabotschafter an Schulen oder eine kostenlose Mitfahr-App für Menschen auf dem Land.

„Der Klimawandel geht uns alle etwas an“, sagt Christine Krüger, Leiterin des Service- und Kompetenzzentrums: Kommunaler Klimaschutz (SK:KK), das im Auftrag des BMU am Deutschen Institut für Urbanistik eingerichtet wurde. „Die Angebote der Nachbarschaftsinitiativen erreichen Bürgerinnen und Bürger in ihrem direkten Lebensumfeld. Sie schaffen Bewusstsein und zeigen, wie wir unseren Lebensalltag klimafreundlich gestalten können.“ Krüger findet es wichtig, Klimaschutz nachhaltig in der Gesellschaft zu verankern und hierbei auf vielfältige Kooperationen zu setzen. „Kommunalverwaltungen, Unternehmen, Schulen, Vereine, Bürgerinnen und Bürger – alle sind im Klimaschutz gefordert.“

Beim großen Vernetzungstreffen des BMU für die „Kurze Wege für den Klimaschutz“-Projekte stellten viele aber auch die Frage: Wie geht es weiter, wenn nach zwei Jahren die Förderung ausgelaufen ist? Wer bezahlt die Arbeit an den Klimaprojekten danach? Das BMU rät allen Initiativen, sich schon frühzeitig um lokale Partner zur Sicherstellung der Finanzierung der weiteren Arbeit zu bemühen.

Bisher lief beim Verein Kabutze alles ehrenamtlich. „Damit hätten wir das Projekt „Klima flicken“ aber nicht stemmen können“, sagt Marlene Schmidt von der offenen Greifswalder Nähwerkstatt. Der Verein hat sein Fördergeld unter anderem in eine mobile Mini-Schneiderei investiert. Damit können die Besucher des nächsten Fusion Festivals in der Mecklenburgischen Seenplatte eine gerissene Jeans oder einen kaputten Schlafsackreißverschluss vor Ort reparieren statt sie wegzuwerfen. „Dafür müssen sie aber fleißig in die Pedale treten“, sagt Marlene Schmidt. Denn das Lastenrad mit eingebauter Nähmaschine, das die Mitglieder aus einem Dutzend ramponierter Räder zusammengeschweißt haben, wird nur mit Muskelkraft funktionieren. „Mit dem Rad wollen wir den Leuten den Zusammenhang zwischen unserem Modekonsum und dem Klimawandel begreiflich machen.“

links: Insektenhotels holen die Artenvielfalt zurück. rechts: Regionaler geht es nicht: Salat aus dem Gemeinschaftsbeet. © KungerKiezInitiative e.V.

Jede Idee zählt

Kaufverhalten, Mobilität, Wohnen, Ernährung oder Freizeitgestaltung sind die Stellschrauben, an denen wir laut dem staatlichen Kompetenzzentrum für Nachhaltigen Konsum jetzt drehen müssen. „In den Industrieländern haben sich heute überwiegend Lebensstile durchgesetzt, die mit einem hohen Bedarf an Energie und weiteren natürlichen Ressourcen einhergehen“, schreibt das Zentrum in seinem Nationalen Programm für nachhaltigen Konsum. 

Nachbarschaftsinitiativen wie Kabutze zeigen, mit welchen kleinen, täglichen Konsumentscheidungen man etwas bewirken kann: „Indem wir neue Stücke bei einer Kleidertauschparty ergattern oder auf Bio-Baumwolle setzen, sparen wir CO2-Emissionen ein“, erklärt Nele Kusserow, ebenfalls Mitarbeiterin der Greifswalder Nähwerkstatt. Manche Maßnahmen sparen sogar Zeit: „Ich zum Beispiel wasche jetzt seltener und lüfte meine Kleidung öfter nur aus.“ Durchschnittlich rund ein halbes Kilogramm CO2-Ausstoß verhindert sie so pro Waschgang.

Das klingt zunächst gar nicht viel. „Jede noch so kleine Einsparung von CO2-Emissionen ist aber wertvoll“, findet Malte Hentschke, Referent der Klima-Allianz Deutschland. „Wir sind jetzt an einem Punkt, wo es aufs Zehntelgrad ankommt.“ Sich im reichen Deutschland für den Klimaschutz einzusetzen, sei auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, findet Joachim Fünfgelt von der Organisation „Brot für die Welt.“ Der Experte für Energiepolitik hat selbst gesehen, wie verheerend die steigenden Temperaturen und Extremwetterereignisse schon jetzt für den globalen Süden sind – obwohl die Menschen dort vergleichsweise wenig zum Klimawandel beitragen. Etwa im bitterarmen Bangladesch: „Da leben auf derselben Fläche vier Mal so viele Leute wie bei uns. Gleichzeitig werden ihre Felder von Starkregen zerstört oder mit salzigem Meerwasser überflutet. Das ist lebensbedrohlich.“

Politisch und kulturell fürs Klima kämpfen

Seit dem vergangenen Dürresommer ist auch hierzulande „der Klimawandel wieder mehr in den Köpfen“, stellt Malte Hentschke von der Klima-Allianz fest. „Den Menschen ist das Thema wichtig.“ Als breites Bündnis verschiedener Gruppen bekommt seine Organisation solche Stimmungen schnell mit. „Leider hinkt die Politik seit Jahren den Überzeugungen der Bürger hinterher“, findet Hentschke. „Sie darf Klimaschutz-Entscheidungen nicht allein auf die Verbraucher abwälzen, sondern muss die nötigen Rahmenbedingungen schaffen.“ Wer den Klimaschutz ernst nehme, solle darum – wie zum Beispiel bei den Großdemonstrationen im Hambacher Forst – für den Kohleausstieg trommeln oder die
Politiker in seiner Region direkt auf eine CO2-Steuer ansprechen. 

Wie Kunst und Kultur die gesellschaftliche Debatte beeinflussen können, weiß die Geologin und Buchautorin Margret Boysen (s. Interview). Sie vermittelt am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung zwischen Wissenschaftlern und Künstlern, die etwas zum Klimawandel zu sagen haben. „Kunst kann für Irritation sorgen, die passive Menschen aus ihrer Komfortzone reißt“, sagt Boysen. „Aber Kunst kann auch diejenigen ermutigen, die eine Transformation der Gesellschaft herbeiführen wollen.“

Da viele Menschen tiefgreifende Veränderungen durch den Klimawandel fürchten, sollte man ihnen mit
positiven Bildern begegnen, findet Joachim Fünfgelt. „Schreckens-Szenarien lähmen doch eher.“ Wer sich auf das
Gedankenexperiment einlasse, wie unsere Städte auch aussehen könnten: grün, mit frischer Luft und ohne
geparktes Blech – „der würde vermutlich begeistert sein.“

So wie im Kungerkiez in Berlin: Neben dem Gärtnern in Gemeinschaft finden bei gutem Wetter auch Workshops unter freiem Himmel statt. „Ob es nun um nachhaltige Monatshygiene oder Ernährung geht, wir finden dafür fast immer Nachbarn als Experten“, sagt Katrin Wegner.

Den Höhepunkt dieses „langen, bunten Sommers“ bildete wohl das traditionelle Baumscheibenfest und die Frage: Welche Straße im Viertel gewinnt den goldenen Gartenzwerg für die am schönsten bepflanzte Baumscheibe? Ihre Bäume waren den Nachbarn nicht erst im vergangenen Jahr so wichtig: „Obwohl wir besonders viel gießen mussten in diesem Sommer“, sagt Wegner. „Und seit dem Klimaprojekt wird uns noch mal mehr bewusst, wofür wir das alles machen.“ 

Selbst aktiv werden

Das geht ab

Was kommt nach dem Erdöl? Mehr als 120 Transition-Town-Initiativen in ganz Deutschland suchen nach Antworten. www.transition-initiativen.de

Wo findet der nächste „Climathon“ statt, bei dem ich mir Gedanken zum Klimaschutz in meiner Nachbarschaft machen kann? Termine unter www.climate-kic.de

Ist meine Kommune gerüstet für den Klimawandel? Das Vorsorgeportal des Bundesumweltministeriums gibt viele Hinweise, was jetzt zu tun wäre. www.klivoportal.de

Welches Projekt findet in Ihrer Nähe statt? 10 Klimaschutzinitiativen im Kurzporträt.
www.schrotundkorn.de/klimaschutzprojekte

Mehr zum Thema

www.klimaschutz.de Website der Nationalen Klimaschutzinitiative 

www.diezukunftistbesseralsihrruf.at Ein Film über Menschen, die etwas bewegen. Als DVD und online

Die Öko-Challenge. Bewusster leben und konsumieren,
Komplett Media,
176 Seiten, 14,99 €

Erschienen in Ausgabe 01/2019
Rubrik: Leben&Umwelt

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