Homöopathie für Flüchtlinge - Schrot und Korn

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Homöopathie für Flüchtlinge

Homöopathie im Flüchtlingsheim (© dpa picture alliance)
Die meisten Flüchtlinge werden in Massenunterkünften untergebracht. (Foto: dpa picture alliance)

FLÜCHTLINGSHILFE Der Verein Homöopathen ohne Grenzen hilft Menschen in Krisengebieten und Flüchtlingen in Deutschland. Einer der Akteure ist Michael Gracher vom GSE Vertrieb. Wie es dazu kam. // Gabriele Augenstein

Er wartet. Seit fünf Monaten in einer Turnhalle in Norddeutschland. Zusammen mit 50 anderen Männern aus verschiedenen Krisengebieten wartet der 26-jährige Simon (Name von der Redaktion geändert) auf seine Anhörung. Das Warten kann lang werden. Denn die Verantwortlichen in den Ankunftsländern sind vom Strom der Flüchtlinge oft überfordert. Doch Simon hat Glück. Er hat einen direkten Draht nach Deutschland: Michael Gracher aus Saarbrücken. Die beiden haben sich 2010 in Togo kennengelernt.Und sie haben eine weitere Verbindung: Michael Gracher ist Gründungsmitglied von Homöopathen ohne Grenzen (HOG). Der baut gerade sein erstes Projekt in Deutschland auf: In Zusammenarbeit mit Homöopathie in Aktion e.V. ermöglicht der Verein Flüchtlingen, sich kostenlos homöopathisch behandeln zu lassen.

Taten statt warten

Michael Gracher ist überzeugt, dass das Warten für viele geflüchtete Menschen eine weitere Traumatisierung darstellt. Als er Simon zum ersten Mal in der Turnhalle besucht hat, war er schockiert: Der offene Raum ohne Privatsphäre, die aufgeladene Stimmung unter den Männern, die Schlimmes erlebt hatten und in eine ungewisse Zukunft blicken. Er ist froh, dass er zumindest für Simon etwas tun kann, besucht ihn, geht mit ihm zum Anwalt, damit er im Asylverfahren rechtliche und sprachliche Unterstützung erhält und übernimmt die Kosten dafür.

Homöopathen ohne Grenzen

Flüchtlinge in Deutschland und Europa, das ist eines der derzeit drängendsten Themen. Die Bundesregierung rechnet bis Jahresende mit bis zu 800 000 Flüchtlingen. Gleichzeitig wächst die Hilfsbereitschaft im Land. Vom Angebot von Homöopathen ohne Grenzen sollen Flüchtlinge über berufliche oder ehrenamtliche Helfer erfahren. Das Angebot ist kostenlos. In einem ausführlichen Anamnesegespräch erfassen die ehrenamtlich tätigen Ärzte oder Heilpraktiker die Gesamtsituation des Geflüchteten. Bei Bedarf werden sie von Dolmetschern unterstützt. Alle Therapeuten bringen praktische Erfahrung in der Behandlung von Traumata mit. Denn meist bilden traumatisierende Erfahrungen auf der Flucht und rund um das Ankommen den Hintergrund für viele körperliche und seelische Beschwerden. Da es im Umgang mit traumatisierten Menschen bestimmte Regeln zu beachten gilt, bietet der Verein außerdem Fortbildungen für Homöopathen an, die sich im Projekt engagieren wollen. Michael Gracher hat an solch einer Schulung teilgenommen. Wichtigste Regel für ihn: Sicherheit geben. Physische Sicherheit in Form eines Zuhauses, Nahrung, Gewaltfreiheit und eines Aufenthaltsstatus. 

Die Familien von Michael Gracher und Simon hatten sich vor fünf Jahren in Togo kennengelernt. Dort lebte Grachers Tochter Rebecca ein Jahr lang, unterrichtete Deutsch und Englisch und wohnte bei Simons Familie. Diese war von Ruanda nach Togo geflohen, weil Simons Vater Hutu, Simons Mutter jedoch Tutsi ist. Ein Zurück nach Ruanda gab es nicht, in Togo bleiben war unmöglich. Heute leben Simons Eltern mit seinen Geschwistern als anerkannte Flüchtlinge in Italien. Simon, bereits volljährig, durfte nicht mit, musste sich alleine durchschlagen. Er hofft, dass sein Antrag auf Asyl ebenfalls anerkannt wird.

Ein Schlüsselerlebnis

Als junger Mann träumte Michael Gracher vom großen Fußball, kickte in jeder freien Minute auf dem Rasenplatz und studierte Sport. Bis er Bilanz zog: „Es reicht nicht. Mit Sport alleine werde ich nicht glücklich.“ Danach lebte er drei Jahre als freiwilliger Helfer in einer Gemeinschaft in Frankreich mit geistig Behinderten – eine intensive Phase seines Lebens. Zurück in Deutschland studierte er Psychologie und Theologie.

Der Rest war Zufall: Ein Nachbar drückte dem damals 27-Jährigen ein Lehrbuch für Homöopathen in die Hand. Zwei Tage und Nächte durch habe er gelesen. Fiebrig. Er habe intuitiv verstanden, was die Homöopathie will und warum sie heilt. Das war das Schlüsselerlebnis, mit dem vor 30 Jahren alles begann, seither habe ihn die Homöopathie nicht mehr losgelassen: Heilpraktiker-Ausbildung; Unterricht bei den großen homöopathischen Lehrern unserer Zeit wie George Vithoulkas, Ananda Zaren oder Catherine Coulter; Praxiseröffnung in Saarbrücken.

1994 hört Michael Gracher von Ananda Zaren von Grapefruit Kern Extrakt, der sich begleitend zur homöopathischen Behandlung bei Erkältungen einsetzen lässt. Er gründet die Firma GSE – die Initialen stehen für Grapefruit Seed Extract – und vertreibt das Mittel seither weltweit unter dem Namen Citro Plus.

Homöopathie für Flüchtlinge (Fotos: Homöopathen ohne Grenzen)

(oben links) Fassadenbeschriftung der homöopathischen Praxis und Schule in Lamu, Kenia (Oben rechts) Praxisunterricht: Wie homöopathische Mittel hergestellt werden (unten) Sehr interessiert an Homöopathie: Lamus Hebammen (Fotos: Homöopathen ohne Grenzen)

Projekt in Mostar, Bosnien

Ebenfalls Anfang der 90er-Jahre erhält in Jever die Homöopathin und Heilpraktikerin Elisabeth von Wedel eine Anfrage aus Bosnien: Ob sie eine homöopathische Praxis für Kriegsopfer in Mostar betreiben könne? Alleine kann sie nicht. Sie sucht Mitstreiter, startet einen bundesweiten Aufruf, wer ihrer Kollegen sich vorstellen könne, gemeinsam in Mostar eine Praxis zu betreiben. 30 klassische Homöopathen melden sich. Darunter Michael Gracher. In den folgenden Jahren geben sich Ärzte und Heilpraktiker alle zwei bei drei Wochen die Klinke in die Hand und behandeln im rollierenden System kostenlos Menschen, die Opfer des Bosnienkrieges geworden sind. Über Tausend Patienten werden im Laufe der Jahre behandelt sowie Ärzte, Apotheker und medizinische Laien in klassischer Homöopathie ausgebildet. Michael Gracher unterrichtete als erster Homöopathie-Lehrer in Mostar. Heute führen zwei ehemalige Schüler – frühere Soldaten – die Praxis. 

Das Projekt in Mostar bildete den Startpunkt des Vereins Homöopathen ohne Grenzen. Er zählt heute über 300 Mitglieder: Ärzte, Heilpraktiker und Hebammen und unterhält 13 Projekte weltweit. Alle Therapeuten arbeiten ehrenamtlich. Geld braucht es dennoch, etwa für Räume, Dolmetscher und Reisekosten. Hauptsponsor ist GSE Vertrieb, Michael Grachers Firma. Die hat sich so erfolgreich entwickelt, dass der Homöopath 2002 seine Praxis schloss. Heute hat GSE Vertrieb mehr als 20 biologische Nahrungsergänzungen im Sortiment von Algen bis Weizengras und seit Neuestem auch Komplexmittel, etwa das erste Eisenprodukt pflanzlichen und biologischen Ursprungs aus dem Curryblatt. Bis heute konnte GSE Vertrieb mehr als 200 000 Euro an Homöopathen ohne Grenzen spenden.

Kenia: Hebammenprojekt

Sehr erfolgreich ist auch das Hebammenprojekt auf der Halbinsel Lamu in Kenia. Es kam über eine deutsche Hebamme zustande, die dort lebt. (Einer  der Grundsätze des Vereins ist, dass er nur auf Anfrage tätig wird.) In Lamu lernen traditionelle Hebammen, die im Busch unter schwierigen hygienischen Bedingungen und mit wenig medizinischem Gerät Geburtshilfe leisten, wie sie mit homöopathischen Mitteln den Geburtsverlauf positiv beeinflussen können. Weil die Hebammen Analphabetinnen sind, haben die Lehrer ein Unterrichtskonzept entwickelt mit Symbolkarten, Musik, Tanz und Theater. Ein kenianischer Arzt, der das Projekt seit zehn Jahren mitbetreut, vermeldet einen signifikanten Rückgang der Sterblichkeit der Mütter rund um Schwangerschaft und Entbindung. Mittlerweile kommen drei Generationen Hebammen zum Unterricht, nehmen mehrstündige Fußmärsche in Kauf.

Bisher war der Verein Homöopathen ohne Grenzen viel in der Welt unterwegs. Mit dem neuen Projekt in Deutschland können Helfer sich nun für Menschen in Krisengebieten vor unserer Haustür engagieren.

Elisabeth von Wedel (Foto: Privat)Homöopathen ohne Grenzen

Elisabeth von Wedel ist die Gründerin von Homöopathen ohne Grenzen. Seit fast 20 Jahren engagiert sie sich dafür, dass Menschen in Krisengebieten weltweit umsonst homöopathisch behandelt werden. 

Mehr zu Projekten von Homöopathen ohne Grenzen finden Sie unter: 

‣ www.homoeopathenohnegrenzen.de

Michael Gracher mit Gastsohn Simon (Foto: privat)
Verwobene Wege: Michael Gracher unterstützt seinen
Gastsohn Simon im Asylverfahren. Grachers
Tochter Rebecca hatte 2010 bei Simons Familie
in Togo gelebt. (© privat)

Firmen-Steckbrief: Nahrungsergänzungen möglichst aus Bio-Anbau

1994 verkaufte der Heilpraktiker Michael Gracher seine erste Flasche Grapefruit Samen Extrakt an eine Kollegin. Damit war der GSE Vertrieb geboren. Seine Homöopathie-Lehrerin hatte Michael Gracher gebeten, das Mittel für die Kollegenschaft zu importieren, da es den Vorteil habe, homöopathische Mittel nicht zu stören, aber sehr wirksam bei Erkältungen sei. Heute bietet die Firma circa 20 Vollzeitarbeitsplätze. Mehr als die Hälfte der Mitarbeiter sind länger als zehn Jahre dabei. Seit 2014 sind Anja Binger und André Schön gemeinsam mit Michael Gracher Geschäftsführer; sie haben das Tagesgeschäft übernommen; Michael Grachers Hauptaugenmerk liegt auf der Entwicklung neuer Produkte, möglichst aus Bio-Anbau. So bringt GSE Vertrieb gerade das erste Eisen- und Folsäureprodukt auf den Markt, das sowohl pflanzlichen Ursprungs als auch aus biologischem Anbau ist. www.gse-vertrieb.de

Erschienen in Ausgabe 10/2015
Rubrik: Leben&Umwelt

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