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„Eine Welt ohne Hunger ist möglich“

© Dogon Tellem/plainpicture
Die meisten Armen leben paradoxerweise ausgerechnet dort, wo Nahrung produziert wird: auf dem Land. © Dogon Tellem/plainpicture

Ernährung Noch immer leiden 821 Millionen Menschen an Hunger. Das ist alarmierend, sagt Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe. Ein Gastbeitrag.

Eine Welt ohne Hunger ist kein Traum, auch keine Vision. Es ist ein Menschenrecht. Und wir kommen global gesehen der Verwirklichung von diesem Recht näher. Die Entwicklungsländer konnten seit dem Jahr 2000 beträchtliche Erfolge bei der Reduzierung des Hungers erzielen. Der Welthunger-Index (WHI) 2018 zeigt, dass der Hungerwert in den Entwicklungsländern seither insgesamt um 28 Prozent gesunken ist. Die Kindersterblichkeit hat sich im Vergleich zum Jahr 2000 halbiert. Auch in anderen wichtigen Bereichen hat sich der Lebensalltag der Menschen weltweit verbessert: Armut hat sich in den letzten Jahrzehnten halbiert, in vielen Ländern kann mittlerweile die Mehrheit der Mädchen und Jungen lesen und schreiben.


Index für Hunger

Der Welthunger-Index dient dazu, die Fortschritte oder Rückschläge bei der Bekämpfung des Hungers zu bewerten. Er wird jährlich ermittelt.


Es gibt noch einen weiteren außerordentlichen Erfolg zu vermelden: „Große“ oder gar „katastrophale“ Hungersnöte mit mehr als einer Million Todesopfern gibt es so nicht mehr. Während allein in fünf Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts jeweils 15 Millionen Menschen an Hunger starben, beläuft sich die Zahl seit Beginn des 21. Jahrhunderts auf knapp 600 000 Menschen (Welthunger-Index 2015). Dies ist zwar erschreckend hoch, historisch gesehen aber sehr niedrig. Auch die aktuellen humanitären Krisen – seien sie verursacht durch Kriege, Dürren oder Überschwemmungen: Sie führen nicht mehr zu massiven Hungersnöten. Die humanitäre Hilfe rettet Menschen und die Mechanismen zum schnellen Eingreifen in Notsituationen greifen. Trotzdem sind die aktuellen Zahlen alarmierend: 821 Millionen Menschen leiden weltweit an chronischem Hunger. Woran liegt es also, dass wir keine schnelleren Erfolge erzielen?

An der Menge der Nahrungsmittel liegt es nicht. Weltweit wird genug produziert, um alle Menschen ernähren zu können. Waren 1961 lediglich 2193 Kilokalorien pro Tag und Mensch verfügbar, so waren es 2011 trotz starkem Bevölkerungswachstum 2868 Kilokalorien (FAO 2014). Als Schwellenwert für den Hunger gelten 1800 Kilokalorien pro Person täglich bei mäßiger Aktivität. Zum Vergleich: Jedem Deutschen stehen im Schnitt mehr als 3500 Kilokalorien täglich zur Verfügung. Global gesehen reicht es – für alle! Hunger ist in den meisten Fällen nicht ein Problem mangelnder Verfügbarkeit, sondern ein Problem mangelnden Zugangs. Das Einkommen und die Kaufkraft vieler Menschen sind zu niedrig. Ihnen fehlt schlichtweg das Geld, um Reis, Mais oder Bohnen kaufen zu können.

Armut, Krieg und Konflikte

Paradoxerweise leben die meisten Armen ausgerechnet dort, wo Nahrung produziert wird: auf dem Land. Es sind kleinbäuerliche Produzenten oder in der Landwirtschaft abhängig Beschäftigte. Die Fläche, die sie zur Verfügung haben, reicht nicht für eine eigene Versorgung aus. Die Erlöse aus dem Verkauf sind meist zu gering, um das Notwendige dazuzukaufen. Viele Kleinbauern haben keinen Besitztitel am Land und somit wenig Anreize für Investitionen. Gleichzeitig mangelt es an Zugang zu Krediten, verbessertem Saatgut, und außerhalb der Landwirtschaft stehen keine Verdienstmöglichkeiten zur Verfügung. Unter diesen Umständen wird eine Dürre oder ein Krankheitsfall zur Katastrophe für die ganze Familie. Ist kein Geld da, wird die Tochter aus der Schule genommen und der Arztbesuch verschoben. Dann wird die Zahl der Mahlzeiten reduziert, und männliche Familienmitglieder versuchen ihr Glück als Arbeitsmigranten in Städten oder Nachbarländern.


Risiko Klimawandel

Vielen Kleinbauern in Afrika fehlen die Ressourcen, um sich gegen die Folgen des
Klimawandels wie Dürren und Überschwemmungen zu wappnen.


Neben diesen strukturellen Ursachen sind Kriege und Konflikte noch immer die größten Hungertreiber. Wenn Bauern von ihren Feldern vertrieben werden, können sie nichts mehr anbauen. Infrastruktur wie Straßen oder Bewässerungssysteme werden zerstört und Märkte leiden. Damit steigen auch die Preise für Saatgut, Dünger und Treibstoff. Handel ist kaum noch möglich, und die Preise für Nahrungsmittel werden unerschwinglich. Allein der Krieg im Kongo führt dazu, dass 7,7 Millionen Menschen hungern. Oft ist aber kein Krieg nötig, sondern reichen Misswirtschaft und Korruption, um ein Land zu einem Armenhaus zu machen, in dem Mangelernährung herrscht.

Simbabwe galt noch in den 1980er-Jahren als Kornkammer Afrikas. Heute müssen fast alle Nahrungsmittel importiert werden, um die Bevölkerung zu ernähren. In vielen Entwicklungsländern fehlt es an einer politischen Verantwortung für das Gemeinwohl, werden Ethnien oder Ureinwohner ausgegrenzt und haben keine Teilhabe am politischen Dialog. Aber auch der Klimawandel verschärft in vielen Gebieten die Ernährungslage. Afrika ist davon besonders betroffen, denn 70 Prozent der Bevölkerung leben von der Landwirtschaft – einem Sektor, der wie kein anderer vom Wetter abhängig ist. Die Kleinbauern praktizieren zumeist Regenfeldanbau, können also nicht auf künstliche Bewässerungssysteme zurückgreifen und sind somit einer Klimaveränderung direkt ausgesetzt. Oftmals verfügen sie aber nicht über die Ressourcen, um Anpassungsmaßnahmen zu finanzieren. Jede Dürre, jede Überschwemmung kann ihre Existenzgrundlage zerstören.

Gleichzeitig steigt die internationale Nachfrage nach Agrargütern wie Mais, Soja oder Reis. Mit wachsendem Wohlstand auch in Schwellenländern können sich immer mehr Menschen ressourcenintensivere Produkte wie Fleisch und Käse leisten. Parallel dazu nimmt die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Erzeugnissen, die nicht als Nahrungsmittel verzehrt werden, zu. Zuckerrohr oder Palm-
öl werden zur Herstellung von Bio-Kraftstoffen genutzt, und Mais wird zu Biogas verwertet. Was die Agrarindus-
trie nicht in den eigenen Grenzen produzieren kann, importiert sie aus anderen Ländern. Deutschland etwa gehört zu den zehn weltweit größten „landimportierenden“ Staaten: Jährlich werden knapp 80 Millionen Hektar in anderen Ländern dafür genutzt, um den Bedarf an Agrarprodukten wie Viehfutter zu decken. Auch so spitzt sich Hunger zu.

Hunger ist überwindbar. Die Ursachen sind bekannt. Die Lösungswege auch. In unzähligen Konferenzen wurden in den letzten Jahrzehnten Deklarationen unterzeichnet, in denen eine gerechtere Weltpolitik und gezielte Maßnahmen gegen den Hunger angemahnt und beschlossen wurden. So auch 2015 in der Agenda 2030 der Vereinten Nationen: Ihre 17 Ziele für Nachhaltige Entwicklung (SDGs) sind „darauf gerichtet, die Menschenrechte für alle zu verwirklichen“. Dazu gehört auch, bis 2030 Hunger und Mangel-
ernährung gänzlich zu überwinden – und damit das Menschenrecht auf angemessene Ernährung zu verwirklichen.

Eine Schlüsselrolle in der Reduzierung von Hunger ist die Stärkung der Rolle der Frauen. Sie produzieren in Entwicklungsländern einen Großteil der Nahrung und sorgen dafür, dass ihre Kinder etwas zu essen bekommen. Dennoch ist das Gesicht des Hungers weiblich, denn Frauen haben in vielen Ländern nicht die gleichen Rechte wie Männer. Dort, wo Frauen besseren Zugang zu Bildung und Ressourcen erhalten und mitentscheiden, sind sie selbst besser ernährt und können ihre Familien besser versorgen.


Hunger ist weiblich 

Wer den Hunger erfolgreich bekämpfen will, muss die Frauen stärken. In Entwicklungsländern produzieren sie einen Großteil der Nahrung, haben aber kaum Rechte. Viele dürfen weder Land noch Tiere besitzen.


Der wichtigste Baustein zur Überwindung des globalen Hungers ist die Förderung der ländlichen Entwicklung. Nicht zuletzt deshalb fordert die Agenda 2030, verarmte kleinbäuerliche Betriebe besonders zu fördern. Ihr Einkommen muss gesteigert werden und sie müssen zur Ernährungssicherung beitragen. Im Mittelpunkt der ländlichen Entwicklung muss daher die Förderung von armen Kleinbauern hin zu modernen, ökologisch, wirtschaftlich und sozial nachhaltig wirtschaftenden bäuerlichen Landwirten stehen. Ziel muss es sein, dass sich die Landwirte von ihren Erträgen selbst ernähren können und darüber hinaus Überschüsse erwirtschaften. Denn mit Überschüssen können Einkommen und Arbeitsplätze gesichert werden.

© Welthungerhilfe/Soulas/Grossmann

Risiken abbauen, Arbeitsplätze schaffen

Weil schnelle Erfolge vor allem durch Maßnahmen zur Produktivitätssteigerung erreicht werden, beispielsweise durch besseres Saatgut, Bewässerung und Mechanisierung, steht vielfach der Anbau im Vordergrund von Entwicklungsprojekten. Ertragssteigerung muss aber Hand in Hand mit Diversifizierungsstrategien und der Weiterverarbeitung von Erzeugnissen gehen. In vielen Projekten lernen Kleinbauern deshalb, welche Gemüsesorten etwa unter Bananen wachsen. Dadurch werden nicht nur Risiken von Missernten und Nachernteverlusten gemindert, sondern auch Arbeitsplätze auf dem Land geschaffen.

Auch staatliche Sozialprogramme sollten den Gesundheits- und Bildungssektor verbessern und dem Arbeitsmarkt Impulse geben, von denen besonders arme Bevölkerungsgruppen profitieren. In Ghana werden Familien kostenlos krankenversichert, wenn sie die Geburten ihrer Kinder registrieren lassen und sie zur Schule schicken. Das staatliche Schulspeisungsprogramm erreicht 1,7 Millionen Kinder. Die Zutaten werden lokal produziert, verkauft und zubereitet, wodurch Kleinbauern Marktzugang erhalten. War in Ghana in den 90er-Jahren noch die Hälfte der Bevölkerung unterernährt, lag der Anteil 2014 bis 2016 bei unter fünf Prozent.

Die Regierungen der Entwicklungsländer stehen in der Pflicht, Hunger- und Armutsbekämpfung in den Mittelpunkt ihrer Politik zu rücken. Industrienationen können ihren Beitrag leisten, indem sie darauf achten, dass importierte Agrargüter so produziert wurden, dass das Menschenrecht auf Nahrung gewahrt bleibt. Außerdem muss die Verschwendung von Lebensmitteln verringert werden.

Eine Welt ohne Hunger ist möglich. Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und zivilgesellschaftliche Organisationen müssen ihr Zusammenspiel verbessern und ihre Strategien wie auch ihr Tun so gestalten, dass die Ziele der Agenda 2030 erreicht werden. 821 Millionen hungernde Menschen haben ein Recht darauf. 

Definitionen

Drei Arten von Hunger

Als akuten Hunger (Hungersnot) bezeichnet man Unterernährung in einem bestimmten Zeitraum. Er ist die extremste Form von Hunger und tritt häufig in Zusammenhang mit Krisen wie Dürren auf. Betroffen sind knapp acht Prozent der Hungernden.

Chronischer Hunger steht für dauerhafte Unterernährung. Der Körper bekommt weniger Nahrung als er braucht. Chronischer Hunger ist weltweit am weitesten verbreitet. Ursache ist meist Armut. 

Verborgener Hunger (hidden hunger) ist die Folge einseitiger Ernährung. Es fehlen wichtige Nährstoffe wie Eisen, Jod oder Vitamin A. Langfristig führt der Mangel zu schweren Krankheiten, Kinder können sich nicht richtig entwickeln. Weltweit leiden zwei Milliarden Menschen an chronischem Nährstoffmangel, auch in den Industrieländern.
Quelle: www.welthungerhilfe.de

INTERVIEW

„Kleinbauern brauchen Hilfe, die sie nicht abhängig macht“

Kleinbauern zu fördern gilt als wichtigste Maßnahme gegen den Hunger. Was brauchen Kleinbauern?

Kleinbauern brauchen Hilfe zur Selbsthilfe, die nicht abhängig macht. Zudem muss diese Hilfe in ein Handelssystem eingebettet sein, das Selbsthilfeaktivitäten nicht durch einen verkehrten Agrarhandel zunichte macht.

„Verkehrter Agrarhandel“?

Damit meine ich, dass Produkte unreguliert aus dem Norden in Ländern auf den Markt kommen, in denen Armut und Hunger herrschen, und dort die Preise und den Markt für Kleinbauern zerstören.

Welche Hilfe erhalten Kleinbauern tatsächlich?

Realität ist, dass außerhalb von Deutschland staatliche Gelder für Entwicklungshilfe eher zurückgefahren werden. Zudem wurden Initiativen mit viel Geld geschaffen, zum Beispiel The Alliance for a Green Revolution in Africa (AGRA), die auf das Falsche setzen, nämlich auf Systeme, die abhängig machen.

Durch was werden die Bauern abhängig?

AGRA setzt zum Beispiel auf Hybridsaatgut, chemische Düngemittel und Pestizide. Diese Dinge müssen von Kleinbauern gekauft werden und bringen sie in Abhängigkeit. Besser wäre es, das zu fördern und zu verbessern, was die Bauern vor Ort haben: ihr Wissen, ihre eigenen Anbausysteme, ihr eigenes Saatgut. Agrarökologische Maßnahmen sind dazu gut geeignet.

Was versteht man unter Agrarökologie?

Im Gegensatz zum Öko-Landbau ist Agrarökologie nicht zertifiziert und es gibt unterschiedliche Definitionen. Sie ist aber klar bäuerlich geprägt, regional ausgerichtet und setzt auf Methoden des Öko-Landbaus. Man versucht mit den Bauern das beste System für den jeweiligen Standort zu finden.

Ist den Bauern bewusst, dass sie durch chemischen Dünger und Pestizide abhängig werden?

Teilweise ja. Oft haben sie aber keine andere Wahl, da es nur das Angebot der Agrarindustrie gibt. Das ist die Folge falsch ausgerichteter und unterfinanzierter Agrarpolitiken vor Ort und fehlgeleiteter Entwicklungszusammenarbeit.

Versagt die staatliche Entwicklungshilfe?

Das nicht. Sie muss aber mehr Angebote schaffen. Selbst der Generalsekretär der Welternährungsorganisation FAO sagt, dass die Grüne Revolution nicht geholfen hat, den Hunger zu überwinden und dass wir uns ein solch ressourcenintensives System nicht mehr leisten können.

Was würden Sie als erstes tun, wenn Sie Entwicklungsminister wären?

Ich würde ganz klar die Kooperation mit AGRA beenden. Das ist kein Weg, der in die Zukunft führt. 

Mehr zum Thema

www.welthungerhilfe.de
„Hunger ist das größte lösbare Problem der Welt“, sagt die Hilfsorganisation Deutsche Welthungerhilfe

www.brot-fuer-die-welt.de
Das Entwicklungswerk der evangelischen Kirche informiert über Ernährung, Menschrechte, Kinderarbeit und vieles mehr

www.weltagrarbericht.de
Themen des Weltagrarberichts: Hunger, Fleisch, Weltmarkt, Boden, Klima, Agrarökologie ...

www.inkota.de
Im Webshop gibt es die Broschüre „Besser anders. Anders besser. Mit Agrarökologie die Ernährungswende gestalten“ (kostenlos)

Zu Löwenstein, Felix: Es ist genug da.
Für alle.
Knaur Verlag, 2015, 144 Seiten, 12,99 Euro

Von Grebmer, Klaus; Bernstein, Jill: Welthunger-Index 2017.
Download: www.globalhungerindex.org

Erschienen in Ausgabe 11/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

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Christina Stüwe

Ein wesentlicher Aspekt wird in dem Artikel leider nur zaghaft angedeutet: der Konsum tierischer Produkte. Für die Produktion von 1 kg Fleisch werden nach konservativen Schätzungen ca. 7 kg an Futtermitteln benötigt. Würde die gesamte Getreideernte zu Nahrungsmitteln verarbeitet und gar nichts mehr zu Futtermitteln für Rinder, Schweine oder Geflügel, dann könnten, so stellte die University of Minnesota 2013 fest, vier Milliarden Menschen mehr ernährt werden. Eine interessante, aktuelle Studie des Weizmann Institute of Science zeigt darüber hinaus, dass durch die Umstellung auf eine rein pflanzliche Ernährung in den USA 350 Millionen Menschen zusätzlich satt werden könnten. Wir haben es somit alle in der Hand, auf dem eigenen Teller einen wertvollen Beitrag gegen den Welthunger zu leisten.