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Ecosia will Hambacher Forst kaufen – wie ernst ist das Angebot?

Foto: © Ecosia

"Die nachhaltige Suchmaschine Ecosia will RWE den Hambacher Forst abkaufen" – die Schlagzeile ging diese Woche durch alle Medien deutschlandweit, aber auch international. Was ist dran am Kaufangebot, hat RWE reagiert und wie geht es jetzt weiter? Wir haben mit Génica Schäfgen, Country Managerin von Ecosia, über die Ereignisse der letzten Tage gesprochen.

Den Hambacher Forst von RWE abkaufen – klingt erst mal nach einer ziemlich guten, aber auch leicht verrückten Idee. Wie kam es dazu?

Wir haben uns über unsere Plattformen schon länger für den Hambacher Forst und gegen den Braunkohleabbau eingesetzt. Bei einem Feierabend-Bier kam bei Überlegungen, wie man den Wald noch retten könne, der Vorschlag "Jemand, der den Forst schützen will, muss RWE die Fläche abkaufen". Zu dem Zeitpunkt stand kein solches Kaufangebot im Raum, wurde aber von den Grünen schonmal im März diesen Jahres angesprochen. Dann kam die Idee auf, dass Ecosia ein Kaufangebot macht.

Wie seid ihr auf den Preis gekommen, den ihr RWE jetzt geboten habt? 

Wir haben recherchiert und berechnet, was die verbliebenen bewaldeten Hektar auf Basis des ursprünglichen Kaufpreises von etwa 500.000 Euro heute wert seien. Nach einigem Hin und Her und durchrechnen unserer eigenen Finanzen, haben wir uns dazu entschlossen der RWE AG 1 Millionen Euro für die verbliebene Fläche zu bieten.

Und was ist der tatsächliche Wert des Waldes?

Über den Wert des Waldes gibt es verschiedene Stimmen. Unsere Stimme ist, dass RWE das Grundstück für einen Spottpreis bekommen hat und naheliegt, dass die Gemeinden dabei übervorteilt wurden. RWE zufolge ist die Fläche aufgrund des Braunkohleabbaus mehrere Millarden wert, aber danach wollen wir uns nicht richten. Die Braunkohle ist eine sterbende Industrie und Deutschland exportiert mehr Strom denn je, weil wir zu viel produzieren. Wir brauchen den Braunkohlestrom vom Hambacher Forst, sowie Braunkohle allgemein langfristig nicht. Den Wert dieses jahrtausende alten Ökosystems nach den Umsätzen durch den dortigen Braunkohleabbau zu beurteilen ist inakzeptabel. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Umfragen zufolge 75 Prozent der Deutschen und fast 80 Prozent der Menschen in NRW gegen die Rodung ist.

Wie ernst meint ihr das Angebot?

Wir meinen das Kaufangebot absolut ernst. Bisher hatte RWE nicht die Option, die Fläche zu verkaufen. Jetzt schon. Da wir für das Angebot unsere Rücklagen nutzen und es für uns auch nicht wenig Geld ist, käme es uns teuer zu stehen, es nicht ernst zu nehmen, wenn RWE annehmen sollte.

Hat RWE auf euer Angebot reagiert?

RWE hat auf Nachfrage unser Angebot abgelehnt und sich in einem Telefonat relativ selbst überzeugt und uneinsichtig gezeigt, wie wir finden. Bei Verhandlungen einigt man sich selten beim ersten Angebot, weshalb wir jetzt an einem zweiten Kaufangebot arbeiten.

Was ist eure Vision für den Hambacher Forst?

Der Hambacher Forst soll als öffentlich zugängliches Naturschutzgebiet und als Symbol für den Klimaschutz erhalten werden. Wie das genau aussehen wird, möchten wir nicht alleine festlegen. In den vergangenen Jahren haben sich viele Menschen und Organisationen für den Erhalt des Waldes eingesetzt: Die Aktivist*Innen von hambibleibt, Ende Gelände, Stop-Kohle, BUND, NABU, Greenpeace und viele mehr. Dass wir überhaupt in der Situation sind, dieses Kaufangebot zu machen und es Relevanz haben kann, verdanken wir dem jahrelangen Einsatz vieler. Wir haben alle ein gemeinsames Ziel und wie dieses nach Kauf der Fläche realisiert werden kann, muss auch gemeinsam gestaltet werden.

Ihr bekommt viel positive Rückmeldung im Netz. Was können Menschen darüber hinaus tun, um euch und den Hambacher Forst zu unterstützen?

Wenn sich eine Privatperson für den Hambacher Forst einsetzen und unser Anliegen unterstützen möchte: Wechselt zu einem echten Ökostromanbieter und überzeugt auch Freunde, Familie, Arbeitgeber oder Schule davon. Es ist ganz leicht zu machen, kostet oft nicht viel mehr und macht einen riesen Unterschied für die deutsche Klimapolitik und damit den Hambacher Forst. Es gibt 5 Anbieter, die wir für einwandfrei befinden: Greenpeace Energy, Lichtblick, EWS Schönau, Bürgerwerke und Naturstrom. Die wenigsten Verbraucher*Innen wissen, dass ihr Stromanbieter Braunkohlestrom (meist von RWE) bezieht. Kürzlich haben wir eine Aktion gestartet, wo wir 75 Bäume für jeden pflanzen, der zu Ökostrom wechselt. Wir verdienen daran nichts.

Was ist seit der Veröffentlichung des Angebotes passiert?

Unser Kaufangebot ging durch alle Medien und wir waren selbst davon überrascht, wie viel berichtet wurde. Die Resonanz bei unseren Nutzern und Nutzerinnen war gigantisch und das hat uns wirklich sehr gefreut. Es ging uns nicht darum Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen, sondern unsere Ressourcen zu nutzen, um Aufmerksamkeit auf den Missstand um den Hambacher Forst zu lenken. Dennoch freuen wir uns, dass uns jetzt mehr Menschen kennen und mehr Menschen sich entschlossen haben, Ecosia zu benutzen. Denn das bedeutet, dass wir noch mehr Bäume in unseren Baumpflanzprojekten finanzieren können.

Gab es auch negative Reaktionen? 

Als negativ empfinden wir die Reaktion von RWE. Der Wald und das Volksinteresse scheint denen wirklich egal zu sein und das hat uns trotz allem ein bisschen überrascht. Zumindest ein Fünkchen Einsicht hätten wir denen schon zugetraut.

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Interview: Johanna Emge

Veröffentlicht:
Rubrik: Leben&Umwelt

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