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Die Stadt stresst

Umwelt © plainpicutre/ Axel Killian
In den Straßen der Stadt sind Menschen permanent Reizen ausgesetzt. © plainpicutre/ Axel Killian

UMWELT Volle U-Bahnen, Rush-Hour und keine Ahnung, wie die Nachbarn heißen. Warum das Stadtleben krank machen kann und was aus der Stressfalle hilft. Uta Gensichen

Am Gehirn eines Menschen kann man ablesen, ob er auf dem Land oder in einer Metropole lebt. Denn das Leben in der Stadt hinterlässt Spuren. Nicht nur körperliche, etwa durch die Luftverschmutzung oder anhaltenden Lärm. Auch psychische Erkrankungen wie Depressionen, Ängste, Psychosen oder Suchterkrankungen gibt es häufiger unter Stadtbewohnern. 

Für den Psychiater und Chefarzt der Fliedner Klinik in Berlin, Mazda Adli, ist die Ursache dafür klar: Sozialer Stress. Dieser entstehe durch soziale Dichte einerseits und Isolation andererseits, schreibt Adli in seinem Buch „Stress and the City“. Zu sozialer Einsamkeit komme es, wenn stützende Kontakte zu anderen fehlen und die betreffende Person das Gefühl habe, im Leben allein zu sein. In einer wuseligen Stadt zu leben, sich in überfüllte U-Bahnen zu quetschen und trotzdem keinen der Nachbarn im Haus mit Vornamen zu kennen – das mache krank.

Dem Neurowissenschaftler Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim zufolge ist das Risiko eine Depression zu entwickeln in Städten um bis zu 40 Prozent erhöht. Schizophrenie komme bei Städtern sogar dreimal so häufig vor wie bei Menschen, die auf dem Land aufgewachsen sind. Also ab aufs Land? Dort kennt jeder jeden, es gibt keine U-Bahnen und die Luft ist auch viel besser. In einer Langzeitstudie untersuchten die Mannheimer Forscher eben diese Frage: Ist das Landleben gesünder als das Stadtleben? Die Ergebnisse stehen noch aus, werden aber wohl kaum etwas an der Tatsache ändern, dass weltweit immer mehr Menschen in Städten leben wollen und werden.

Forsa-Umfrage
Ein Viertel der Befragten im ländlichen Raum ist mit der Gesundheitsversorgung
unzufrieden.
In einer eher städtisch geprägten Region ist dieser Anteil nur halb so hoch.

Bereits jetzt lebt knapp die Hälfte aller Menschen in städtischen Ballungsräumen, 2050 sollen es 70 Prozent sein. Doch ist der Umzug aufs Land zumindest aus ökologischer Sicht auch nicht gerade ein guter Tipp für die Allgemeinheit. Denn gemeint ist damit hierzulande meist das eigene Häuschen. Dieses zu bauen, erfordert jedoch eine Menge Ressourcen. Und das tägliche Pendeln zur Arbeit – meist in der Stadt – wird allzuoft mit dem Auto bewältigt. Das alles bedeutet Stress. Für die Umwelt und die Häuslebauer. Zudem kann gerade für ältere Menschen oder Kranke die schwache medizinische Infrastruktur auf dem Land ein Risiko bedeuten. Einer Forsa-Umfrage vom Dezember 2017 zufolge sind ein Viertel der Menschen im ländlichen Raum mit der Gesundheitsversorgung vor Ort unzufrieden. Die Gründe: Das lange Warten auf Termine und die weiten Strecken. 

Stadt, Land, Leben

Es gilt in jedem Fall, Metropolen so zu gestalten, dass wir dort gesund leben können. Ein nachahmenswerter Ansatz ist zum Beispiel der „Tag des guten Lebens“, den es bereits seit fünf Jahren in Köln gibt. An diesem Tag wird ein ganzes Quartier mit bis zu 35 Straßen von Autos befreit. Das Besondere: Den frei werdenden Platz gestalten die Bewohner selbst – ganz im Sinne des guten Lebens. Initiator ist Davide Brocchi, Sozialwissenschaftler und Transformationsaktivist. „Jede Stadt hat das Potenzial, so schön zu werden, dass wir am liebsten darin unseren Urlaub verbringen“, sagt Brocchi. Dafür müssten wir unsere Einstellung ändern. „Wir sollten die Stadt nicht konsumieren, sondern selber machen – mit den Nachbarn gemeinsam.“ Vorbilder für ein gutes Leben seien Städte wie Amsterdam und Kopenhagen. Diese zeigten, dass eine menschengerechte Stadt deutlich gesünder als eine autogerechte ist. „Warum so viel Fläche als Parkplatz für nicht genutzte Fahrzeuge verschwenden, wenn sie viel sinnvoller genutzt werden kann?“, fragt sich Brocchi.   

Auch der Berliner Psychiater Adli rät in seinem Buch „Stress and the City“, dass wir uns in die Stadt einbringen und die Freiräume nutzen sollten, die sie uns bietet. Dazu sei es nützlich, eingetretene Pfade zu verlassen und auch mal Umwege zu gehen. „Raus aus dem Auto, rauf aufs Fahrrad oder gleich zu Fuß unterwegs und dabei die Stadt als Kulisse des eigenen Lebens zu betrachten.“ Die ideale Stadt, so Adli, sei eben keine Gated Community – also ein bewachter und umzäunter Wohnkomplex. Die Stadt, die uns gut tue, zwinge uns immer wieder dazu, den öffentlichen Raum mit anderen zu teilen. Das sei anstrengend, aber auch anregend. Hinter jeder Häuserecke könnte ein noch unentdecktes Geheimnis schlummern.

Isolation durch Unbehagen

Allerdings neigt sich die Zeit der unentdeckten Ecken in den Städten dem Ende zu. Brachflächen werden bebaut, kommunale Flächen privatisiert, kleine Geschäfte verschwinden aus den Innenstädten. Eine, die diese Entwicklung bereits früh kritisierte, war die US-amerikanische Urbanistin und Journalistin Jane Jacobs. Ihr zufolge entstehe Vertrauen im städtischen Alltag durch die vielen kleinen Begegnungen, die wir Tag für Tag auf den Gehwegen unseres Wohnviertels haben. „Menschen kapseln sich dann von anderen ab, wenn es in ihrem Quartier kein zwangloses öffentliches Leben gibt“, schrieb Jacobs 1961. Allzu durchgeplante Städte zerstören demnach die Spontaneität. Dort, wo Menschen sich nicht mehr unbeabsichtigt begegnen können, wächst auch das zwischenmenschliche Unbehagen und mit ihm die Isolation.

Als Jacobs 2006 mit 90 Jahren starb, erfanden ihre Anhänger spontan die Jane‘s Walks. Das sind kostenfreie Spaziergänge an spannende Plätze oder zu bestimmten Themen, die von Bürgern selbst geführt werden. Dabei entdecken die Bewohner gemeinsam ihre Stadt. In mittlerweile über 200 Städten weltweit finden immer am ersten Mai-Wochenende die Jane‘s Walks statt.

Seit einigen Jahren organisiert zum Beispiel Andreas Lindinger das Jane‘s Walk-Festival in Wien. Bei den Spaziergängen laufen jedes Jahr Hunderte Menschen mit. Das trage Lindinger zufolge sehr zum Wohlgefühl in der Stadt bei: „Es geht dabei um das Erkunden des Bekannten und Unbekannten zu Fuß, mit offenen Augen für lokale Geschichten und Gesichter, die eine Stadt und ihre vielfältigen Quartiere ausmachen“, sagt er. Hier kämen Menschen zusammen, die sich bis dahin völlig fremd waren. „Das fördert den Zusammenhalt in einer starken und vielfältigen Nachbarschaft.“ 

Neben sozialen Kontakten und Freiräumen ist Natur ein elementarer Faktor für unser seelisches Wohlbefinden. Unter Gesundheitswissenschaftlern ist es unumstritten: Stadtgrün und Stadtblau sind gut für uns. Mit Pflanzen oder Wasser in unserer Nähe sind wir motivierter, uns zu bewegen. Und auch gegen Ängste und Depressionen hilft es, regelmäßig in den Stadtpark zu gehen.

Schauen wir auf Bäume und lauschen dem sanften Gluckern eines Flusses, reduziert sich unser Stresspegel messbar. Nicht zuletzt kann man in Parks und an städtischen Seen wunderbar mit anderen zusammensitzen. Urbane Grünräume sind deshalb auch bedeutende soziale Begegnungsstätten für Menschen jeden Alters.

Wiener Bürger erkunden ihre Stadt © Mobilitätsagentur Wien/Christian Fürthner

Grün ist gesund

Anhand des Stresshormons Kortisol haben Forscher der Universität von Edinburgh untersucht, wie groß der Einfluss von Stadtgrün auf unsere Körperreaktionen ist. Ist der Kortisol-Wert dauerhaft erhöht, ist das ein Indiz für starken Stress. Alle Probanden kamen aus sozialen Brennpunkten und waren zum Zeitpunkt der Untersuchung arbeitslos. Allerdings stammte eine Gruppe aus einer Gegend mit öffentlichen Parks und Wäldchen. Die zweite Gruppe lebte in einem Quartier mit viel Beton. Mehrmals am Tag bestimmten die Forscher die Kortisol-Werte ihrer Probanden. Das Ergebnis: Eine grüne Umgebung half eindeutig dabei, den Stresslevel zu senken, was sich wiederum positiv auf die Gesundheit auswirkt.

Für Kommunen ergeben sich daraus ganz konkrete Planungsaufträge. Soll das Wohlgefühl in den Städten steigen, der Stresspegel sinken und psychischen Erkrankungen vorgebeugt werden, braucht es mehr Freiräume und Natur für alle Stadtbewohnerinnen und -bewohner. Erst dort, wo sich Menschen Tag und Nacht begegnen können, wo sie arbeiten, leben und ihre Freizeit verbringen – dort ist Leben. Dort also, wo man jeden Morgen zur gleichen Zeit die Postfrau auf ihrem Fahrrad grüßt. Und wo man jeden Tag noch Neues entdecken kann. Wo wir flirten, einkaufen, einfach auf einer Bank sitzen, dem Wind in den Bäumen lauschen und lesen, wo wir ein Schwätzchen halten und abends ein Bier trinken gehen.
Natürlich mit ausreichend Platz für Stadtgrün und Stadtblau, um dem menschlichen Bedürfnis nach Natur gerecht zu werden.

Um es mit dem Stress-Forscher Adli zu sagen: „Erst in der ‚unkontrollierten‘ Stadt können wir die besonderen Geschichten erleben, die das städtische Leben schreibt, nur dort hält die Stadt ihre Wunder für uns bereit“. 

App-Test zur Stadtnatur

Können Sie Bäume sehen?

Wissenschaftler vom Londoner Kings College wollten es genau wissen und ließen über 100 Teilnehmende eine Woche lang ihre Stadt testen.

Ausgestattet mit einer speziellen Software auf ihrem Smartphone sollten diese im Alltag immer wieder Fragen beantworten: Können Sie Bäume sehen? Zwitschern Vögel in Ihrer Nähe?

Fazit: Erlebnisse in der Natur haben einen positiven Langzeiteffekt auf das Wohlbefinden. Vor allem Menschen, die bereits ein erhöhtes Risiko für Suchterkrankungen und psychische Probleme haben, profitieren vom Effekt der Stadtnatur.

Stadtplanern raten die britischen Forscher deshalb, mehr grüne Inseln zwischen Gebäuden einzurichten. Das sei eine sehr simple, aber höchst effektive Methode, um das Wohlbefinden von Stadtbewohnerinnen und -bewohnern zu steigern.

www.urbanmind.info Link zur englischsprachigen App zum selber Testen

 

Unsere Autorin Uta Gensichen hat im Mai Dresdens erstes Jane‘s Walk-Festival organisiert. Ihr Lieblingsspaziergang: Mit Jung und Alt auf Schleichwegen die Elbe entlang.

 

Interview
„Die soziale Dichte stresst“

Macht das Stadtleben krank?

Soziale Dichte stresst, also volle Straßenbahnen, der Stau auf der Straße. Allerdings wird in vielen Ländern viel dichter gewohnt als bei uns und die Menschen dort sind weniger gestresst. Hierzulande gibt es – wie der Stressforscher Dr. Adli zeigt – zusätzlich das Problem Isolation: Man hört den lärmenden Nachbarn, aber kennt ihn eigentlich nicht. Das macht hilflos.

Die Menschen sind hierzulande also einsamer?

Es gibt bei uns immer mehr Single-Haushalte und durch die hohe Mobilität landen viele in Städten, wo sie niemanden kennen. Gleichzeitig werden die Menschen immer älter. Und England hat eine Einsamkeitsministerin!

Welche Rolle spielt der Verkehr?

Man lernt nicht unbedingt die Nachbarn auf dem Gehweg vor dem Haus kennen, aber es ist ein Unterschied, ob es ein Hochbeet gibt, das ich mit den Nachbarn gestalten kann oder nicht. Deshalb bestimmt auch die Breite des Gehwegs, was zwischen Menschen passiert.

Ist das Haus im Grünen die Lösung?

Von allen Verkehrsteilnehmern sind Autofahrer die gestresstesten. Und ein Haus auf dem Lande ist im Zweifel damit verbunden, dass sich jeder in der Familie mit dem Auto in den Stau stellt. Damit stresst man nicht nur sich selbst, sondern auch viele andere Menschen. Und die meisten wohnen dann nicht mal „im Grünen“, sondern in Einfamilienhaus-Buchten. Dort kann es durchaus noch einsamer sein.

Was können die Kommunen tun?

Da bin ich bei dem Architekten Jan Gehl: Die Unerträglichkeit des Autoverkehrs muss ein Ende haben! Neben dem Lärm und den Schadstoffen geht es auch um die enormen Flächen, die nur vom Autoverkehr beansprucht werden. Hier muss die Politik ran, beziehungsweise die Wählerinnen und Wähler, die über Politik entscheiden.

Luise Adrian ist Diplom-Geographin am Deutschen Institut für Urbanistik. Nur manchmal packt sie die Sehnsucht nach dem Bauernhof – im Grunde sei sie aber begeisterte Städterin. Adrian lebt mitten in Berlin.   

 

Mehr zum Thema

www.davidebrocchi.eu
Tipps wie man selbst einen „Tag des guten Lebens“ startet.   

www.janeswalk.org 
Gemeinsam mit anderen die Stadt entdecken. Der nächste Jane‘s Walk ist nur einen Klick entfernt.

www.nebenan.de
Hier können Sie sich mit Menschen in Ihrem Stadtteil vernetzen.

www.urbanophil.net
Blog des Berliner Vereins rund um Mobilität, Stadtplanung, Kultur und Grüne Städte.

Adli, Mazda:
Stress and the City.
C. Bertelsmann Verlag, 2017,
384 Seiten, 19,99 €

DVD:
Tomorrow – Die Welt ist voller Lösungen,
2016, 15,99 €

Erschienen in Ausgabe 07/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

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