Ene, mene, muh, raus bist du - Schrot und Korn

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Ene, mene, muh, raus bist du

© Westend61/gettyimages
Trübe Aussichten: In Deutschland schließen jedes Jahr rund 5000 Bauern ihren Hof. © Westend61/gettyimages

Landwirte Alle wollen regional. Trotzdem geben in Deutschland Tausende Bauern jedes Jahr ihren Betrieb auf. Warum tun sie das? Und was sind die Folgen? Leo Frühschütz

Bauern stehen auf der Roten Liste der bedrohten Arten. 270 000 von ihnen gab es bei der letzten Zählung 2017 noch in Deutschland. Halb so viele wie vor 25 Jahren. Jedes Jahr schließen weitere 5 000 Bauern ihre Stall- und Scheunentore.

WACHSEN ODER WEICHEN

Die Devise „Wachsen oder weichen“ bedeutet für viele Kleinbauern das Aus. Denn sie können oft nicht in größere Ställe und mehr Land investieren.

Dieses Höfesterben ist keine neue Entwicklung. Schon seit hundert Jahren sinkt die Zahl der Betriebe stetig. Der Grund dafür heißt Fortschritt. Moderne Maschinen und Ställe, die Anwendung von Pestiziden und Mineraldüngern sowie Zuchtfortschritte bei Pflanzen und Tieren haben dazu geführt, dass ein Landwirt mit seinen Erzeugnissen heute wesentlich mehr Menschen ernähren kann als vor 50 Jahren. Doch von dieser Entwicklung haben vor allem größere Betriebe profitiert. Sie konnten mehr investieren, dadurch effizienter wirtschaften, billiger produzieren und weiter wachsen. Kleinbauern, bei denen es nur für das Notwendigste reichte, konnten in diesem Wettbewerb nicht mithalten und blieben auf der Strecke. Dieser Strukturwandel hin zu einer industrialisierten Landwirtschaft war gewollt. „Wachsen oder weichen“ hieß die Devise.

Doch heute müssen selbst Landwirte aufhören, die vor Jahren noch als Großbauern galten. Nur bei Betrieben mit mehr als 100 Hektar Land, das entspricht in etwa 140 Fußballfeldern, verzeichnet die amtliche Statistik noch eine Zunahme. Diese Betriebe profitieren vom Ausscheiden der Kleineren, weil sie deren Land kaufen oder pachten und so wieder ein bisschen wachsen können und das eigene Überleben sichern – in einem Markt, der hauptsächlich auf günstige Lebensmittel setzt.

Zugenommen hat in den letzten Jahren auch die Zahl der Betriebe, die als GmbH oder Aktiengesellschaft organisiert sind und deren Kapital oft von landwirtschaftsfremden Investoren stammt. Zwar sind das nur zwei Prozent aller Betriebe, doch besitzen sie mehr als ein Sechstel aller landwirtschaftlichen Flächen. Vor allem im Osten Deutschlands sind sie stark vertreten.

Opfer des Systems „Hauptsache billig“

Die allermeisten Höfe gehören aber den Menschen, die sie bewirtschaften. Und diese Höfe stehen unter enormem Druck. „Die Preise sind katastrophal. 120 Euro bekommt mein konventioneller Nachbar für die Tonne Roggen, 140 Euro für den Weizen. Dazu steigen die Pachtpreise immer stärker und werden unbezahlbar“, erklärt Phillip Brändle, Vorstandsmitglied in der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL).

Im Schnitt der letzten drei Jahre haben Haupterwerbsbetriebe – das sind größere Höfe mit durchschnittlich 90 Hektar Land – inklusive aller Fördermittel ein Bruttomonatseinkommen von 4000 Euro erwirtschaftet. Das teilt sich statistisch gesehen durch 1,5 Arbeitskräfte, weil neben dem Bauern auch andere Familienmitglieder mitarbeiten. Von diesem Familieneinkommen gehen noch Steuern, Krankenkasse und Altersvorsorge weg sowie das Geld für Investitionen. Kein Wunder also, dass viele potenzielle
Hoferben abwinken und sich für eine Arbeit mit geregeltem Einkommen, 38,5-Stunden-Woche und Urlaub entscheiden. „Die meisten Betriebsaufgaben erfolgen, wenn der Landwirt in den Ruhestand geht und kein Hofnachfolger oder keine -nachfolgerin vorhanden ist“, weiß Professor Peter Weingarten, der am bundeseigenen Thünen-Institut über ländliche Räume forscht (siehe Interview Seite 24).

Wer nicht aufgibt, entscheidet sich häufig für Kooperationen, die Sicherheit versprechen, aber auch abängig machen. „Viele Betriebe, etwa in der Hähnchenmast, lassen sich durch Beratung und Politik in ein agrarindustrielles Korsett zwingen, das ihnen vom Bezug der Tiere über das Futter bis zum Schlachttermin alles vorgibt“, erzählt Phillip Brändle. Mit bäuerlicher Landwirtschaft habe das nichts mehr zu tun. Dazu gehören für Brändle „möglichst geschlossene Betriebskreisläufe, eigenständiges Handeln und Entscheiden der Bauern, ein respektvoller Umgang mit Boden, Pflanzen, Tieren.“

NEBENWIRKUNGEN

Die billige Produktion von Lebensmitteln hat Folgen für Mensch und Umwelt: Pestizide im Boden, Nitrat im Wasser, Antibiotika im Fleisch.

Wettbewerbsdruck schadet der Natur

Der Trend hin zu immer größeren und billiger produzierenden Betrieben hat Auswirkungen. Die Bauern gestalten die Landschaft, in der wir leben, sie arbeiten mit dem Boden, der uns ernährt und sie halten Tiere. Auf all das hat der Wettbewerbsdruck massive Folgen. Maria Krautzberger, die Präsidentin des Umweltbundesamtes (UBA) fasste im Juni 2018 die Umweltfolgen der konventionellen Landwirtschaft so zusammen: „Die Konzentration auf wenige Fruchtarten, der massive Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln auf dem Feld und von Arzneimitteln im Stall oder der Gülleüberschuss in Regionen mit intensiver Tierhaltung schaden der biologischen Vielfalt, verunreinigen Grundwasser und unsere Oberflächengewässer, belasten Böden und Luft und tragen zum Klimawandel bei.“ Und der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik (WBA) erklärte dem Bundeslandwirtschaftsministerium bereits 2015 in einem Gutachten, dass es bei der Nutztierhaltung erhebliche Defizite beim Tierschutz gebe. „Die derzeitigen Haltungsbedingungen eines Großteils der Nutztiere sind nicht zukunftsfähig“, schrieben die Wissenschaftler.

Auch Bio-Bauern haben zu kämpfen

Für die UBA-Präsidentin Krautzberger kommt dem ökologischen Landbau „eine Vorreiterrolle für die zukünftige, nachhaltige Landbewirtschaftung zu, die ressourcenschonend sowie umwelt- ­und tiergerechter ist.“ Dazu passt, dass die Zahl der Bio-Bauern in den letzten Jahren jeweils um sechs bis zehn Prozent zugenommen hat. Doch der Strukturwandel in der Landwirtschaft macht auch vor den Bio-Bauern nicht Halt. Das bundeseigene Thünen-Institut hat in einer Studie ermittelt, dass zwischen 2003 und 2010 jedes Jahr knapp 200 Bio-Bauern ihre Betriebe aufgaben – vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. „Überdurchschnittlich hohe Aufgaberaten gab es bei Nebenerwerbsbetrieben, bei flächenarmen Betrieben sowie bei Betriebsleitern ab 65 Jahren“, schrieben die Autoren. Anteilmäßig gaben damals mit 1,4 Prozent jährlich nur halb so viele Bio-Bauern auf wie konventionelle Kollegen. Neuere Zahlen gibt es keine, doch klar ist, dass auch heute immer wieder Bio-Bauern aufhören. Doch weil viel mehr Bauern auf Bio umstellen, ist die Bilanz unterm Strich positiv.

Der Idealtypus des Bio-Hofes ist der Mischbetrieb mit Tierhaltung und einer breiten Palette an Getreide und Feldfrüchten. Doch diesem „Idealtypus entsprechen immer weniger Betriebe des ökologischen Landbaus. Denn auch dort zwingt wirtschaftlicher Druck zu Rationalisierung und Intensivierung“, schreibt der Bio-Dachverband BÖLW. Zahlreiche Bio-Betriebe halten keine Tiere mehr, sondern haben sich spezialisiert, etwa auf den Anbau von Getreide oder Gemüse. Intensiver Anbau und Preisdruck können dazu führen, dass auch auf Bio-Betrieben Aspekte wie der Naturschutz nach hinten rücken. Auch stammt inzwischen jedes siebte Bio-Ei aus einem Betrieb mit mehr als 30 000 Legehennen.

Agrarsubventionen anders verteilen

Gegen diese Missstände engagiert sich ein seit Jahren wachsendes Bündnis aus Bauern, Natur- und Tierschützern. Zur achten „Wir-haben es-satt“-Demonstration kamen im Januar 33 000 Menschen nach Berlin. „Diese Demo ist quasi das Familientreffen einer vielfältigen Bewegung, die das ganze Jahr über aktiv ist“, sagt AbL-Vorstand Phillip Brändle, einer der Organisatoren. Für ihn sind die Agrarsubventionen der EU die wichtigste Stellschraube für eine Agrarwende. 58 Milliarden Euro werden jährlich in den Ländern der Europäischen Union verteilt, rund sechs Milliarden Euro davon gehen nach Deutschland.

Derzeit diskutieren die EU-Gremien, wie die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) nach 2020 aussehen soll. Die Kommission will nicht viel ändern, die Bundesregierung noch weniger. Weiterhin sollen über 70 Prozent der Gelder als sogenannte Direktzahlungen je Hektar an die Betriebe fließen (siehe Interview). Die Gelder für Agrarumweltmaßnahmen und ländliche Entwicklung will die EU-Kommission deutlich kürzen. „80 Prozent der Subventionen gehen an 20 Prozent der Betriebe und zwar an die größten und durchrationalisiertesten“, erklärt Brändle: „Wer hat, dem wird gegeben.“ Viel sinnvoller wäre es, mit diesen Geldern ökologisch orientierte Höfe zu fördern, die Tieren eine bessere Haltung garantieren und gegen das Artensterben angehen. Außerdem müssten mit den Zahlungen gezielt die kleineren und mittleren Betriebe gefördert werden. Zwar sagt auch Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner, es sei ihr wichtig, „gerade kleinere und mittlere Betriebe zu fördern". Doch von solchen Aussagen erwartet sich Phillip Brändle wenig. Zu groß sei der Einfluss der industrialisierten Agrarwirtschaft in Brüssel und Berlin. „Der Bauernverband ist im Landwirtschaftsministerium zu Hause“, kritisiert Brändle.

Hoffnung machen dem AbL-Vorstand die vielen Aktivitäten vor Ort: Der Widerstand der Anwohner gegen industrielle Tiermastanlagen, die Solidarischen Landwirtschaften, die rund um die Städte aus dem Boden sprießen oder Ernährungsräte, die sich für eine regionale Versorgung ihrer Städte mit Lebensmitteln engagieren sowie bäuerliche Erzeugergemeinschaften. Auch die ständig steigende Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln zählt dazu. Diese vielen kleinen Schritte von Bauern und Verbrauchern werden die Landwirtschaft langsam ändern und schließlich auch die Politik, ist Brändle überzeugt. „Diese Bewegung hat eine enorme Ausdauer – das macht mir am meisten Mut.“ 

 

Landwirtschaft in Zahlen

Bauern, Fläche, Tiere

  • 270 000 Bauern gab es 2017 in Deutschland. Im Schnitt bewirtschafteten sie 60 Hektar Land. Zusammen sind das 16,7 Millionen Hektar, das entspricht etwa der Hälfte der gesamten Fläche Deutschlands.
  • 70 Prozent der Höfe teilen sich 3,3 Millionen Hektar der Fläche, während 1,4 Prozent der Betriebe über mehr als 4,2 Millionen Hektar aller Äcker und Wiesen verfügen.
  • Rund zwei Drittel aller Bauernhöfe halten Tiere: 12 Millionen Rinder (davon ein Drittel Milchkühe), 27 Millionen Schweine, 174 Millionen Stück Geflügel. Die Hälfte der Rinder lebt in den elf Prozent der Ställe mit mehr als 200 Tieren. Bei den Milchkühen hält ein Sechstel der Betriebe die Hälfte aller Tiere. Ein Fünftel aller Mastschweine kommt aus gerade mal 500 Betrieben mit mehr als 5 000 Tieren. Beim Mastgeflügel produziert ein Fünftel der Betriebe 80 Prozent aller Hähnchen. Stallgröße: über 50 000 Tiere.

Mehr zum Thema

www.meine-landwirtschaft.de
50 Organisationen setzen sich gemeinsam für eine Agrarwende ein

www.kritischer-agrarbericht.de
Jahrbuch mit kritischen Beiträgen zur Agrarpolitik

www.agrarbuendnis.de
Umwelt- und Bio-Verbände engagieren sich gemeinsam für eine bessere Agrarpolitik

www.bmel-statistik.de
Die amtlichen Zahlen zur Landwirtschaft

www.bioboden.de,
www.biohoefe-stiftung.de,
www.bodenfruchtbarkeit.bio

Diese Organisationen sammeln Geld, um es in Bio-Flächen und Bio-Höfe zu investieren

www.abl-ev.de
Arbeitsgemeinschaft für eine bäuerliche Landwirtschaft

www.solidarische-landwirtschaft.org
Netzwerk für eine solidarische Landwirtschaft

www.hofsuchtbauer.de
Bringt Altbauern und Hofnachfolger zusammen

Schabus, Robert: Bauer Unser,
DVD, Dokumentarfilm.
Falter Verlag 2017, ca. 8 Euro

 

Stührwoldt, Matthias:
Wir Bauern sind anders,
AbL Bauernblatt 2018,
150 Seiten, 10 Euro

Erschienen in Ausgabe 10/2018
Rubrik: Leben&Umwelt

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HANS Bender

Die Welt ist nur zu retten und zu ernähren, wenn eine nachhaltige, ökologische, regionale Landwirtschaft gefördert wird – keine Flächensubventionen – nur bei ökologischem Wirtschaften.
Landwirtschaft im Kreislauf der Natur auf der eigenen Fläche (Regional-ökologisch). Keine Massentierhaltung und Monokulturen. Klimaschutz durch Überwindung der Abhängigkeit von Öl, Mineraldünger, Importeiweiß, Pflanzenschutzspritzmittel.
Die landwirtschaftlichen Flächen (18 Mio.qkm)unterliegen immer mehr der Spekulation, kein ökologischer Landwirt kann sich das mehr leisten – Kauf und Pacht. Abhilfe kann hier nur schaffen, daß bei jedem Verkauf das Vorkaufsrecht ausgeübt wird und zwar zu ortsüblichen Preisen. Das Landwirtschaftministerium/Bodenfonds wird verpflichtet, wenn kein Landwirt das Vorkaufsrecht ausübt, das Land zu erwerben und dann zu wirtschaftlichen Preisen zu verpachten. Ferner muß dem Bund/Bahn/Land/Kommunen/ Städte verboten werden landwirtschaftlichen Grund zu verkaufen, es kann nur an ökologische Landwirte verpachtet werden. Die Fläche, die bereits in Spekulationshand ist, muß eine höhere Grundsteuer zahlen und den evtl. Planungs-Nutzungsgewinn (Kies, Bauland, Monokulturen,Biogas usw.) sofort über Steuern abführen (höhere Grundsteuer – Spekulationsgewinn wird sofort besteuert – nicht erst bei Verkauf).