Gelebte Energiewende - Schrot und Korn

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Gelebte Energiewende

Die Öko-Dorfgemeinschaft aus Sieben Linden braucht Zweidrittel weniger Energie als der Bundesdurchschnitt. Ein Modell-Versuch, der ausstrahlen will. // Sylvia Meise

Mein Bio Siebenlinden Gemeinschaftliches Leben, Selbstversorgung in allen Bereichen – Energie, Wasser, Lebensmittel – zu möglichst 100 Prozent! Die Zielpunkte der 20-köpfigen Urprojektgruppe des heutigen Öko-Dorfs Sieben Linden sollten die radikale Alternative sein zum stromintensiven Klimakillerleben. 1993 starteten sie mit Bauwagen von Heidelberg Richtung Osten. Doch der erste Versuch scheiterte an den Nachbarn. Es gipfelte darin, dass eine Scheune abbrannte, erzählt Elektrotechnik-Ingenieur Martin Stengel, der drei Jahre später zur Projektgruppe stieß, die sich am heutigen Standort im Dreieck Hamburg, Berlin, Hannover niedergelassen hatte. Damals habe man überlegt: Was nun – aufgeben? Nein! Die Vision war stark, der Pioniergeist entbrannt und dieser Energieschub treibt offenbar bis heute.

Die Gruppe suchte jemanden wie ihn, mit energietechnischem Know-how und der Erfahrung, schon mal in einer Gemeinschaft gewohnt zu haben. Martin Stengel brachte beides aus seiner Berliner Studien- und Besetzer-WG-Zeit mit. Er selbst suchte nach einem Projekt, das wirklich etwas bewegen können sollte. Nicht zuletzt führte ihn auch die Liebe hin – die Mutter seiner mittlerweile einjährigen Tochter war damals schon im Öko-Dorf Sieben Linden.

Wenn Ideen anstecken sollen, müssen sie mainstreamfähig sein Mittlerweile ist die Gruppe angewachsen auf rund 130 Leute – doppelt so viele sollen es noch werden. Und die Schwerpunkte haben sich ein wenig verschoben. Denn: Wenn Ideen anstecken sollen, "müssen sie mainstreamfähig sein", bringt Stengel die neue Orientierung auf den Punkt. Sie wollen nicht beeindrucken, sondern Teil einer Bewegung werden – Erfahrungen sammeln und weitergeben. Intensive Öffentlichkeitsarbeit und wissenschaftliche Begleitung etwa durch die Uni Münster sind deshalb Teil des Konzepts.

Das Energiesparen im Öko-Dorf klappt wohl deshalb so gut, weil es das Anliegen aller ist. Für alle wird das Wasser für die gemeinsam genutzten Waschmaschinen und zum Kochen durch Solarenergie oder Brennholz vorgewärmt.Wie jemand kocht, ist jedem selbst überlassen.

Mein Bio SiebenlindenStarke Gemeinschaft Sieben Linden: beim Miteinander, beim Bauen, beim Energiegewinnen.
Mein Bio Siebenlinden

Wesentlicher Faktor: kurze Wege

Energieexperte Stengel nimmt vorausschauend schon morgens seinen Solarkocher in Betrieb, der mit seinen Parabolspiegeln etwas länger braucht, um auf Temperatur zu kommen. Man kann darin Gerichte ankochen, die dann bis zum Essen nachgaren – für drei Liter heißes Wasser benötigt der Kocher bei guten Bedingungen rund 25 Minuten. Andere nutzen Brennholz- und vor allem Gasherde. Die Umstellung zu energieeffizientem Kochen sei gar nicht so groß, meint Michael Würfel, der seit 2007 im Dorf lebt.

Der wesentliche Faktor, der das Energiesparen ganz leicht macht, sei die gute Infrastruktur, sagt Würfel. "Die Sonnenenergie gewinnen wir auf unseren Dächern. Zum Bauen verwenden wir Stroh, Lehm und Holz direkt aus unserer Bewirtschaftung oder aus der Umgebung. Das Gemüse fahren wir mit der Schubkarre nach Hause." Da zählen zum einen die kurzen Anfahrtswege und die Häuser entsprechen den neuesten Energiestandards.

Das Dorf ist auto- aber nicht spaßfrei. Es gibt Kino, Disco, Kindergarten und Hofladen. Aber keine konventionelle Kläranlage, keine Kanalisation und kein aufwendiges Entsorgungssystem. Das Wasser wird durch Pflanzklärbeete geleitet und kann anschließend für den Landbau genutzt werden. "Größte Umstellung dürften die Klos sein", gluckst Michael Würfel, der Experte für Komposttoiletten ist. Nicht, dass es riechen würde, es fehlt nur einfach der Knopf für die Wasserspülung.

Energieautarkie steht zwar immer noch auf der Agenda, doch das Weitergeben des nachhaltigen Wissens ist jetzt wichtiger, findet Martin Stengel: "Ich investiere nicht mehr das letzte bisschen Zeit, meinen ökologischen Fußabdruck perfekt klein zu halten. Lieber konzipiere ich Seminare, wo wir Menschen erreichen, die noch an einem anderen Punkt stehen, aber auch zu einer Ersparnis von 60-80 Prozent kommen wollen. Wir brauchen Lösungen für alle."

Für Interessierte geben er und andere Kurse wie "Fachgerechter Strohballenbau", "Permakultur und Selbstversorgung", "Gemeinschaftsbildung nach Scott Peck". Der Unterricht findet direkt im Dorf statt, so ist der Lerneffekt größer. Außerdem gibt's Mitarbeitswochen zum Kennenlernen und Anpacken. Bei der Arbeit im Wald oder beim Mirabellen-Einmachen freuen sich die Siebenlindener über interessierte Gäste. "Wir sind eine Art Echtzeit-Museum", kommentiert Stengel trocken. Die Dörfler wollen keine Insel der Glückseligen sein, sondern Kreise ziehen. "Das heißt nicht, dass jetzt jeder in mein Wohnzimmer kommen darf. Aber ich lebe damit, dass hier permanent Führungen stattfinden. Dass Menschen auf mein Haus zeigen und andere ihnen erklären, wie es gebaut ist. Manchmal fragt auch eine Gruppe: Dürfen wir reinkommen? Und ich mache die Tür auf."

www.siebenlinden.de

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