"Gemeinsam ökologisch handeln" - Schrot und Korn

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"Gemeinsam ökologisch handeln"

Modelle für Mitarbeiterbeteiligungen gibt es viele. Im bio verlag, der unter anderem Schrot&Korn und cosmia herausgibt, übernehmen die Mitarbeiter den Verlag komplett. Ein Gespräch mit der Geschäftsführerin Sabine Kauffmann.

Sabine Kauffmann

Ab Juli stehen dem bio verlag große Veränderungen ins Haus.

Ja, Ende Juni verlässt Ronald Steinmeyer den bio verlag. Ronald war Gründungsmitglied, Geschäftsführer und Hauptgesellschafter. Und wenn so jemand geht, ist das natürlich eine große Veränderung. Die zweite Veränderung ist sogar noch grundsätzlicher. Denn ab Juli liegen die Geschicke des Unternehmens in den Händen der Mitarbeiter.

In den Händen der Mitarbeiter, das heißt?

Im Prinzip wollten wir, dass die Mitarbeiter einzige Gesellschafter des Verlags werden. Das hat sich juristisch als zu schwierig herausgestellt. Deswegen gehen wir einen Umweg. Die Mitarbeiter legen das Kapital über eine Beteiligungs KG ein. Die KG bestellt das Kuratorium einer unternehmensnahen Stiftung. Und die Stiftung wird bestimmender Gesellschafter des bio verlags. So entscheiden die Mitarbeiter letztlich doch die Geschicke des Verlages.

Das klingt kompliziert. Gehört den Mitarbeitern nun der Verlag?

Ja und nein. Wir trennen künftig den Besitz am Verlag und das Lenken des Unternehmens. Die Mitarbeiter bestimmen, wie die Geschäfte laufen und stellen einen Teil des Kapitals. Der Großteil des Kapitals gehört jedoch einer gemeinnützigen Stiftung.

Entscheiden die Mitarbeiter künftig alles gemeinsam – vom Bleistiftkauf bis zur Einführung einer neuen Zeitschrift?

Gesellschafter bestimmen normalerweise die Grundzüge einer Firma, wer Geschäftsführer wird oder über Projekte wie eine neue Zeitschrift. Das Alltagsgeschäft wird vom Geschäftsführer und den Mitarbeitern im Rahmen ihrer Aufgaben geführt.

Haben alle Mitarbeiter die gleichen Stimmrechte?

Wir werden unsere drei Entscheidungszentren – Geschäfts- führer, Teamleiter, Mitarbeiter – beibehalten. Es gibt also eine Drittelung der Stimmrechte. Innerhalb dieser wird noch nach Wochenarbeitszeit unterteilt, weil wir davon ausgehen, dass jemand, der einen Fulltime-Job hat, stärker ins Unternehmen involviert ist als jemand mit weniger Stunden.

Nicht alle Mitarbeiter haben betriebswirtschafliches Wissen. Kann das funktionieren?

Nun ja, betriebswirtschaftliches Wissen allein genügt nicht, ein Unternehmen zu führen. Alle Mitarbeiter bringen notwendiges Wissen ein. Das war auch in der Vergangenheit schon so. In Zukunft wird das vielleicht noch verantwortlicher der Fall sein. Aber natürlich braucht es ökonomisches Wissen. Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, alle Mitarbeiter betriebswirtschaftlich zu qualifizieren. Anwendbar wird dieses Wissen dadurch, dass wir laufend über den betriebswirtschaftlichen Stand informieren und schon bisher gemeinsam darüber entscheiden.

Ronald Steinmeyer

Ronald Steinmeyer,
bio verlags-Geschäftsführer, geht nach über 30 Jahren im Mediengeschäft neue Wege. Warum er zu neuen Ufern aufbricht? "Mit 55 habe ich mir überlegt, was ich die nächsten zehn Jahre machen will. Im Verlag konnte ich viele Dinge verwirklichen, von denen ich geträumt habe. Und ich bin damals mit einer größeren Vision angetreten, nämlich Arbeit, Wohnen und Leben zu verbinden. Der Traum blieb und ist im Verlag nicht weit genug zu verwirklichen. Also ein neuer Anfang. Aber dadurch wird ein anderer Traum Realität: Ein Unternehmen aufzubauen, über das seine Mitarbeiter bestimmen."

Warum war es dir und Ronald so wichtig, dass die Mitarbeiter den Verlag übernehmen? Vorstellbar wäre auch gewesen, dass jemand von außen dazukommt.

Zwei Stichworte dazu: nachhaltig und partizipativ. Wir sind vor 30 Jahren angetreten, gemeinsam etwas Sinnvolles zu machen und dabei Ressourcen bestmöglich zu nutzen. Was das Unternehmen heute ist, haben wir alle gemeinsam erarbeitet. Daran sollten auch alle teilhaben. Und mit jemandem von außen hätten wir die nachhaltige Ausrichtung und Entwicklung aus der Hand gegeben. So sichern dies die Mitarbeiter zusammen mit der gemeinnützigen Stiftung als Ankergesellschafter.

Du hast vorhin von einer Drittelung der Stimmen gesprochen. Im Extremfall könnten die Mitarbeiter die Geschäftsführung überstimmen. Siehst du da ein Problem?

Nein!

Nein? Das sehen viele Unternehmer sicherlich anders.

Wir haben bisher schon die Mitarbeiter an Entscheidungen beteiligt und damit gute Erfahrungen gemacht. Genau hier liegt ja eine der Stärken von Mitbestimmung und -verantwortung: Alle bringen ihr Know-how ein. Und bisher haben die Mitarbeiter gerade bei den großen, unternehmerisch notwendigen und risikoreichen Entscheidungen immer für die Sicherung und Entwicklung des Verlages gestimmt und nicht für kurzfristige individuelle Interessen. Sollten die Mitarbeiter in ihrer überwiegenden Mehrheit eine Situation anders einschätzen als die Geschäftsführung, dann könnten sie ja recht haben. Dann muss eben eine bessere Lösung erarbeitet werden.

Was sind deine Ziele für dieses und nächstes Jahr?

Im Verlag wollen wir nach dem Jahr der Neustrukturierung wieder etwas Ruhe ins Boot bringen. Schrot&Korn und die anderen Zeitschriften des Verlags sollen weiterhin dazu betragen, dass unser Motto "Damit Naturkost alltäglich wird" realisiert wird. Dazu wollen wir möglichst viele Leser interessieren, gewinnen und neue Ideen entwickeln. Wichtig für uns bleibt das Thema Gentechnik. Und dass "Atomkraft – nein danke" plötzlich realisierbar ist, wird uns ebenfalls beschäftigen.

Und persönlich? Du bist jetzt alleinige Geschäftsführerin.

Ich will es natürlich gut machen. Ich betrachte Geschäftsführung auch als Dienstleistung – und insofern werde ich mich erst einmal darauf konzentrieren, dass wir den Übergang vernünftig schaffen und alle Mitarbeiter ihren Job möglichst optimal machen können.

Beim bio verlag arbeiten viele Frauen – auch in Führungspositionen. Wie kommt das?

Vielleicht liegt es daran, dass sie es können? Ironie beiseite: Dass es bei uns sogar eine Frauen-Mehrheit in Führungspositionen gibt, mag auch daran liegen, dass Teilzeit in jeder Position möglich ist. Das nutzen übrigens auch "unsere" Männer.

Der Verlag wurde gerade im Rahmen von "Sieger 2011 – gerechte Chancen in der Arbeitswelt" ausgezeichnet, einem Wettbewerb des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen.

Wir wurden zum Regionalsieger Unterfranken gewählt und haben uns damit für die Ausscheidung auf Bayernebene qualifiziert. Das freut uns natürlich sehr.

Hast du ein Motto für die Zukunft?

Mich leitet der Satz "gemeinsam ökologisch handeln". Das Motto haben wir für den Verlag schon länger, aber es passt auch zu mir persönlich. Ich sehe mich als Teamplayer und etwas gemeinsam sinnvoll zu bewegen, das ist mir wichtig.

Sabine Kauffmann und Barbara Gruber

Treffen im Grünen: bio verlags-Geschäftsführerin Sabine Kauffmann (re.) und Barbara Gruber, verantwortliche Redakteurin von Schrot&Korn.

Erschienen in Ausgabe 07/2011
Rubrik: Leben&Umwelt

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