Alles bio im Bio-Laden? - Schrot und Korn

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Alles bio im Bio-Laden?

Im Bio-Laden ist fast alles bio. Nur bei wenigen Produkten stammen die Zutaten nicht aus Öko-Landbau. Wir erklären, warum. // Leo Frühschütz

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      „Wir verwenden möglichst Zutaten Aus natürlicher Quelle“
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      „Die Manufakturen haben Qualitätsbewusstsein“

Einkaufen im Bio-Laden hat einen großen Vorteil. Anders als im konventionellen Supermarkt muss man nicht ständig auf der Verpackung nach dem Bio-Siegel oder sonstigen „Bio“-Aufdrucken suchen. Niemand greift aus Versehen zu den falschen, weil gespritzten Äpfeln.

Im Bio-Laden ist alles „bio“ – zumindest fast alles. Doch das war nicht immer so. In den 80er-Jahren steckte der Öko-Landbau in den Kinderschuhen. Viele Zutaten gab es damals nicht in Bio- Qualität. Erst mussten die Bio-Pioniere Anbauprojekte initiieren und Bauern von der Umstellung überzeugen. Heute gibt es wohl an die 10 000 Lebensmittel in Bio-Qualität. Ein paar Ausnahmen, die jedoch nur wenige Prozent ausmachen, sind geblieben.

Ausnahmen: Arzneimittel und Nahrungsergänzung

Für manche Produkte im Bio-Sortiment gilt die EU-Öko-Verordnung schlichtweg nicht. Denn diese regelt nur pflanzliche und tierische Lebensmittel. Arzneimittel etwa fallen nicht darunter und dürfen deshalb kein Bio-Siegel tragen. Selbst dann nicht, wenn die Zutaten für einen Hustentee etwa komplett aus ökologischem Anbau stammen.

Im Bio-Ladensortiment der Nahrungsergänzungsmittel sind recht viele Präparate ohne Bio-Siegel. Diese Pillen und Pulver gelten zwar nicht als Arznei, sondern als Lebensmittel, und wären insofern bio-fähig. Dennoch erfüllen sie mit ihren Zutaten oft nicht die Vor­aussetzungen der EU-Öko-Verordnung. Magnesiumoxid zum Beispiel mag gut sein, um Muskelkrämpfen beim Sport vorzubeugen. Aber es gehört nicht zu den rund 50 Zusatzstoffen, die für Bio-Lebensmittel erlaubt sind. Dasselbe gilt für andere Wirkstoffe und für die Kapseln, in die sie oft gepackt werden. (Weitere Informationen bietet das „Spezial Nahrungsergänzung" nachzulesen unter www.schrotundkorn.de/links.)

Allerdings gibt es manche Anbieter, die konventionelle Zutaten einsetzen, obwohl längst Alternativen in Bio-Qualität zur Verfügung stünden. Es macht also Sinn, etwa bei Hustenbonbons nachzusehen, ob der Rohrzucker oder Glukosesirup aus ökologischem Anbau stammen. Auch die Zutaten des 7x7 Kräutertees der Firma Jentschura stammen nur teilweise aus Bio-Anbau.

Naturkosmetik

Für Naturkosmetik gibt es ebenfalls keine Bio-Vorschriften. Deshalb kann hier das Bio-Siegel nicht vergeben werden. Hier garantieren andere Siegel dem Verbraucher, dass es sich tatsächlich um Naturkosmetik handelt. (Siehe hierzu auch der Hintergrundartikel: „Wie bio ist Naturkosmetik?“, nachzulesen im Internet unter www.schrotundkorn.de/links.)

Mineralwasser, Salz und Backtriebmittel

Für Mineralwasser, die Backtriebmittel Weinstein und Hirschhornsalz sowie reines Salz gilt die EU-Öko-Verordnung ebenfalls nicht. Wurden allerdings die Kräuter in einem Kräutersalz nach EU-Öko-Verordnung angebaut und verarbeitet, dann darf das Salz sich Bio-Kräutersalz nennen, obwohl die Kräuter oft nur einen Anteil von 15 Prozent ausmachen. (Weitere Informationen hierzu bietet die „Warenkunde Salz: Urige Prise“. Sie finden den Beitrag im Internet unter www.schrotundkorn.de/links.)

Jagd und Fischerei

Ebenfalls außen vor lassen die Bio- Regeln Produkte aus Jagd und Fischerei. Rehfleisch und Forellen stammen zwar aus freier, meist unbelasteter Wildbahn, sind aber nicht „Bio“. Dasselbe gilt für Thunfisch in Dosen, Hering in Tomatensoße oder Seelachs in Fischstäbchen. Dennoch dürfen sich solche verarbeiteten Lebensmittel mit Wildfisch dann „Bio“ nennen, wenn die anderen Zutaten wie Öl, Tomaten oder Panade aus ökologischem Anbau stammen.

Streuobstwiesenapfelsaft

Ein weiteres Beispiel für Produkte ohne Bio-Siegel, die es im Bio-Laden geben kann, ist der Apfelsaft von Streuobstwiesen. Hier bemühen sich Naturschützer zusammen mit den Besitzern um den Erhalt der alten Obstwiesen mit ihren hochstämmigen Bäumen. Die Kelterei entsaftet die Äpfel.

Verkauft wird der Saft über örtliche Fachgeschäfte. Die vielen Obstbaumbesitzer zu zertifizieren wäre aufwendig, zumal die Arbeit sich ohnehin finanziell nicht rechnet. Trotzdem ist nur das wirklich bio, was zertifiziert ist. Da jedoch die Bio-Läden möglichst ausschließlich Bio-Produkte anbieten wollen, diskutieren sie derzeit auf Verbandsebene, ob sie den Streuobstwiesensaft aus dem Sortiment nehmen.

Ähnlich sieht es mit anderen Produkten regionaler Kleinbauern aus. So ist etwa der Honig des örtlichen Hobby-Imkers womöglich nach biologischen Kriterien geerntet und verarbeitet, jedoch nicht zertifiziert. Auch mancher Nebenerwerbslandwirt wirtschaftet unter Umständen nach ökologischen Gesichtspunkten, ohne zertifiziert zu sein. Wenn aber der Bio-Laden-Besitzer regionalen Honig, Schafskäse oder Rindfleisch verkauft, kennt er den Produzenten meist persönlich, vertraut ihm und würde seine Hand für ihn ins Feuer legen. Dennoch sind all diese Produkte nicht bio-zertifiziert.

Makrobiotisches

Einige makrobiotische Spezialitäten sind ebenfalls nicht bio. Seit den 80er-Jahren sind diese traditionell japanischen Lebensmittel, die in kleinen Manufakturen hergestellt werden, in Bio-Läden heimisch. Gängige Produkte wie Sojasoße und Miso stammen längst aus Bio-Soja und -Getreide.

Doch einige exotische Zutaten sind noch konventionell, etwa Daikon-Rettich, Wasabi-Meerrettich oder die Würzsoße Ume Su. Manchmal liegt es daran, dass die Zertifizierung angesichts kleiner Mengen zu aufwendig wäre. Manchmal gibt es die Zutaten einfach noch nicht in „Bio“.

Der Anspruch: 100 % Bio

Die aufgeführten Beispiele machen nur einen Bruchteil des Sortiments aus. Immerhin hat ein Bio-Laden je nach Größe leicht 2 000 bis 4 000 Produkte im Angebot. In großen Bio-Märkten können es 10 000 sein. Die sind zu 99 Prozent „Bio“. Um das restliche Prozent kümmern sich die Läden ebenfalls.

Derzeit arbeiten drei Bio-Laden-Verbände, der BNN Einzelhandel, Naturkost Südbayern und der Verband der Bio-Supermärkte, an gemeinsamen Sortimentsrichtlinien. Sie sollen die Basis für eine Kontrolle und Zertifizierung der Läden sein. Denn die staatliche Öko-Kontrolle hat den Einzelhandel weitgehend ausgespart. Auch würde sie nur überprüfen, ob Bio drin ist, wo Bio drauf steht. Den Bio-Laden-Verbänden aber geht es darum, den Anspruch, 100 Prozent Bio zu bieten, möglichst glaubwürdig und nachprüfbar umzusetzen. Für die wenigen Ausnahmen soll es Regeln für die Kennzeichnung im Laden geben, aber auch für die Produktqualität.

Vorbild dafür ist die Sortimentsrichtlinie des BNN Einzelhandels. Der kontrolliert das Angebot seiner über 200 Mitglieder schon seit zwei Jahrzehnten und hat viel dazu beigetragen, dass immer mehr „Bio“ in die Regale kam. Wie schwierig es ist, das letzte Prozent an Produkten vernünftig zu regeln, zeigt das Beispiel Wildfisch. Klar ist, dass die Tiere nur aus nachhaltiger Fischerei stammen sollten. Doch was zählt als nachhaltig? Nur das MSC-Logo? Fische aus Island, weil dort der Staat die Fischerei stark überwacht? Oder auch kleine Küstenfischereien ohne Zertifikat? (Weitere Informationen hierzu im „Spezial: Fische in Not. Bio – ein Rettungsanker“, nachzulesen unter www.schrotundkorn.de/links.)

Bio-Siegel für Wasser

Bio-Siegel für WasserQualitätsgemeinschaft Bio-Mineralwasser heißt ein Verein, der besonders umweltverträgliches und gesundes Mineralwasser als „Bio-Mineralwasser“ zertifizieren will.

Grenzwerte strenger als für Trinkwasser

Ihre Argumente: Die für alle Mineral- und Quellwasser geltende Verordnung enthält großzügige Schadstoffgrenzwerte. So dürfen in Mineralwasser etwa 0,5 Milligramm Mangan je Liter enthalten sein.

Das ist zehn Mal mehr als im Trinkwasser erlaubt ist. Und der Gehalt an Fluorid darf drei Mal höher sein. Weit strenger ist der Kriterienkatalog, den die Qualitätsgemeinschaft, initiiert von der Bio-Brauerei Neumarkter Lammsbräu, erarbeitet hat.

Die Grenzwerte liegen weit unter der Mineralwasserverordnung und sind zum Teil strenger als die Regelungen für Trinkwasser. Vorgegeben ist etwa ein hohes Redoxpotenzial, um freie Radikale im Körper abfangen zu können.

Ozonierung macht Wasser „unnatürlich“

Erlaubt ist bei konventionellem Mineralwasser ein in der Trinkwasseraufbereitung angewandtes Verfahren, die Ozonierung. Es entfernt Inhaltsstoffe wie Eisen oder Arsen und macht das Wasser keimfrei. Nach Ansicht der Kritiker ist ein solches Wasser aber nicht mehr „natürlich“.

Ganzheitlicher Qualitätsnachweis

Vor allem stellt die Mineralwasserverordnung keine weitergehenden Ansprüche an das abgefüllte Wasser. Für Bio-Mineralwasser soll mindestens ein „ganzheitlicher Qualitätsnachweis“ vorliegen, etwa eine Kristalltropfbild- oder Biophotonenanalyse.

Derzeit werden die Standards mit den im Bio-Laden vertretenen Wasserabfüllern diskutiert. Ein Knackpunkt ist die Regionalität. Denn viele Mineralwasser, die im Bio-Laden verkauft werden, haben einen langen Weg hinter sich.

Erschienen in Ausgabe 09/2009
Rubrik: Leben&Umwelt

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Nadine
Also ich persönlich finde es nicht sooo dramatisch, wenn der Erzeuger es sich (derzeit) nicht leisten kann, seinen Hof untersuchen zu lassen.

Das mit dem Schadstoffvergleich von Mineralwasser und Trinkwasser ist mir so leicht bekannt (meine Mutter meinte mal, dass "Leitungswasser" höheren Kontrollen unterliegt)... Ich bin dennoch entsetzt, dass es tatsächlich so ist und auch bei den Mengen kriegt man Stirnfalten. Da nimmt man doch vielleicht lieber Wasser aus der Leitung und sprudelt sich die selber.