Durst und Überfluss - Schrot und Korn

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Durst und Überfluss

Auf dem Klo, in der Küche sind wir Wassersparmeister. Unser Konsum lässt dennoch andere Regionen verdorren. // Ursula Quass

Szene aus dem Film „Über Wasser“. (Foto: Pool Filmverleih/lotus Film)
Ausgetrocknet, versteppt: der Grund des Aralsees. Szene aus dem Film „Über Wasser“. (Foto: Pool Filmverleih/lotus Film)

Mit monotonem Schritt trottet ein Kamel an einem Schiff vorbei, das irgendwo im endlos braunen Nichts vor sich hinrostet. Ein alter Mann klettert auf eines der Wracks und träumt: vom Blau des Aralsees, das hier einst Wellen schlug, vom Geschrei der Möwen und davon, dass die Menschen hier einmal Arbeit hatten. „Der war etwas Besonderes, dieser Aralsee“, sinniert er vor sich hin, „jetzt ist er 100 Kilometer weit weg.“

Der See ist verdunstet und hat seine Uferlinie wie eine Schlinge zugezogen. Szenenwechsel. Nun nimmt Udo Maurer die Zuschauer in seinem Film „Über Wasser“ mit nach Bangladesch. Den Bewohnern dort steht das Wasser buchstäblich bis zum Hals. „Der Fluss war früher eine Stunde weit entfernt“, erinnert sich ein Bauer, „jetzt spült er Land weg und damit Ackerland.“ Mit der Flut könnten die Menschen leben, sagt eine Frau leise, „dann stellen wir die Betten höher. Aber wenn der Fluss das Land frisst, dann leben wir im Schlamm“.

Äcker versalzen

Nairobi, Kiberia. 1,4 Millionen Menschen und damit die Hälfte der Einwohner Nairobis leben dort in einem einzigen, riesigen Slum. Wasser treibt die Menschen dort um. „Nicht jeder kann sich Wasser leisten, weil nicht jeder Arbeit hat“, bringt ein Wasserverkäufer die Not auf den Punkt. Wer Wasser stiehlt, wird in Kiberia schon einmal bei lebendigem Leib verbrannt.

Der Grund für die Katastrophe am Aralsee ist seit Jahrzehnten bekannt: Der verstärkte Baumwollanbau in der Region. Global gesehen fließen 70 Prozent des Frischwasserbedarfs in die Landwirtschaft. Und würden sich alle Menschen so anspruchsvoll ernähren wie Nordamerikaner und Europäer, stiege der Wasserbedarf der Landwirtschaft insgesamt um 75 Prozent. Will man den Wasserverbrauch zu Hause exakt berechnen, reicht es nicht, zu summieren, was durch Kloschüssel und Küchenausguss rinnt. Nicht nur die Tomate, die wir essen, muss bewässert werden, auch die Baumwolle für das T-Shirt, das wir tragen. Überhaupt wird bei fast jedem Produktionsprozess Wasser eingesetzt.

Rechnet man dieses „virtuelle Wasser“ mit ein, schnellt der durchschnittliche Wasserbedarf in Deutschlands Haushalten von rund 130 Litern pro Einwohner und Tag auf 4000 Liter nach oben - Tendenz steigend. Mit dem Kunstbegriff „virtuelles Wasser“ beschreiben Fachleute die Menge Wasser, die in einem Produkt enthalten ist beziehungsweise zu seiner Fertigung verbraucht oder verschmutzt wurde.

Virtuelles Wasser

Urheber des Begriffs ist der Brite John Anthony Allan, der ihn Mitte der 1990er-Jahre definierte. 2008 wurde er für seine Leistung mit dem Stockholmer Wasserpreis ausgezeichnet, der als eine Art Nobelpreis im Wasserschutzbereich gilt.

Doch was geht uns das an? Wasser löst schon heute inner- und zwischenstaatliche Konflikte aus. Als Wasserkonfliktregion Nummer 1 gilt der Nahe Osten, weil es die Region mit der höchsten Konzentration an Staaten ist, die schon heute unter akuter Wasserknappheit leiden. Versuche, Wasserknappheit mit Staudamm- und Bewässerungsprojekten zu lösen, führen oft zu weiteren Konflikten: Das Wasser, das an einer Stelle zurückgehalten wird, fehlt flussabwärts wiederum - auch über Staatsgrenzen hinweg. Das vernichtet die Existenz meist von Kleinbauern, die oft den einzigen Ausweg darin sehen, abzuwandern.

Allan schlägt vor, dass Gebiete, in denen Wassermangel herrscht, wasserintensive Produkte besser importieren sollten, anstatt diese selbst anzubauen. Beispiel Bananen: Bananen werden in Lateinamerika wesentlich wassereffizienter produziert als in Afrika. Auch wenn die EU nur 22 Prozent ihrer Bananen aus Afrika importiert, entspricht das 55 Prozent des virtuellen Wasserimports von Bananen, wie der österreichische Wasserexperte Roland Treitler berechnet hat. „Das heißt, dass die EU ein ineffizientes Produkt importiert.“ Ähnlich die Einschätzung der Forscher Arjen Hoekstra und Pham Q. Hung: „Nahrungsmittelimporte können knappe Wasserressourcen für produktivere Nutzungen, etwa in der Industrie, frei machen.“ Im Vergleich von konventioneller Landwirtschaft und Ökolandbau betont Dr. Johannes Kotschi von Agrecol e. V.: „Beim Wasserverbrauch ist eine generelle Überlegenheit des Ökolandbaus nicht auszumachen.“

Kotschi stellt jedoch heraus, dass die ökologische Landwirtschaft vorhandene Niederschlagsressourcen systematischer nutzt. Im Rahmen eines Dauerversuches seien zwei ökologische Fruchtfolgen mit einer konventionellen verglichen und die Auswirkungen auf den Ertrag von Mais und Soja gemessen worden. In vier von fünf Jahren mit saisonaler Trockenheit waren die ökologischen Varianten der konventionellen deutlich überlegen (bis zu 97 Prozent!). Landwirtschaftsexperte Kotschi erklärt diese Überlegenheit auf den Feldern des Ökolandbaus durch bessere Wasseraufnahme und ein besseres Wasserspeichervermögen des vor der Trockenheit gefallenen Niederschlags.

Kotschi: „Wir beobachten, dass ökologisch bewirtschaftete Flächen eine deutlich bessere Toleranz gegenüber Trockenheitsperioden aufweisen. Diese Erfahrung lässt sich in den Tropen immer wieder machen.“

Wasser sparen durch Essen

Nach Ansicht des Forschers Daniel Renault geht es bei der Frage nach der optimalen Produktion auch um das Timing: Perioden von Wasserknappheit lassen sich seiner Ansicht nach entweder durch Wasserspeicher überbrücken - oder eben dadurch, dass Wasser gespart und in seiner virtuellen Form gelagert wird, beispielsweise in Form von Nahrungsmittelvorräten.

Das könnte heißen, Produkte intensiviert auf Vorrat zu produzieren, solange Wasser zur Verfügung steht, und die Produktion zu drosseln, wenn sie aufgrund von Wasserknappheit unrentabel wird. Allerdings verbergen sich hinter dem Konzept des virtuellen Wassers zahlreiche ungelöste Fragen. Um nur eine zu nennen: Wer sollte beispielsweise befugt sein, Ländern mit Wassermangel vorzuschlagen oder gar vorzuschreiben, welche Produkte sie anbauen beziehungsweise herstellen sollten?

John Anthony Allan selbst antwortet in der Basler Zeitung auf die Frage, ob sich etwa Syrien von Weizenimporten aus den USA abhängig machen würde, nur um dadurch Wasser zu sparen: „Ehe sich ein Konzept durchsetzt, dauert es meist 25 Jahre, und wir sind erst auf dem halben Weg.“

„Esst weniger Fleisch!“

Allan gibt sich überzeugt, dass die politische und wirtschaftliche Entwicklung seiner Idee auch bei jenen Politikern zur Durchsetzung der von ihm angepeilten Trendwende verhelfen wird, die heute noch skeptisch sind.

Darauf brauche der Einzelne nicht zu warten: „Esst weniger Fleisch“, war sein Rat an die Delegierten auf der Stockholmer Wasserwoche. Ein einfacher Schritt mit durchschlagender Wirkung: Menschen, die sich vegetarisch ernähren, benötigen statt 4000 Liter virtuellem Wasser nur 2800 Liter „verstecktes Wasser“ am Tag.

Andreas Grohmann, ehemaliger Leiter der Trinkwasserkommission beim Umweltbundesamt, macht es noch deutlicher: Wer nur ein einziges Steak im Jahr weniger esse, spare dadurch mehr ein als durch Nutzung von gesammeltem Regenwasser im Haushalt.

Der Wasser-„Nobelpreis“

Wasser Nobelpreis-LogoDer Stockholmer Wasserpreis gilt als „Nobelpreis“ für Aktivitäten im Bereich Wasserschutz. Die Entscheidung, wer den mit 150000 US-Dollar dotierten Preis bekommt, trifft die Schwedische Akademie der Wissenschaften. Schirmherr ist König Carl Gustaf, der ihn jedes Jahr im Rahmen der Weltwasserwoche verleiht.

So viel virtuelles Wasser steckt drin

Ei (Stück) 200 l Rohrzucker (1 kg) 1500 l
Bier (1 l) 300 l Reis (1 kg) 3400 l
Apfel (1 kg) 700 l Hühnerfleisch (1 kg) 3900 l
Mais (1 kg) 900 l Kartoffelchips (1 kg) 4500 l
Wein (1 l) 960 l Schweinefleisch (1 kg) 4800 l
Milch (1 l) 1000 l Käse (1 kg) 5000 l
Weizen (1 kg) 1300 l Rindfleisch (1 kg) 15500 l
Durstige Spanier

Tomaten aus deutschen Gewächshäusern benötigen bis zur Reife 20 bis 30, südspanische Tomaten (Luftaufnahme: Tomaten unter Plastik in Almeria) über 40 Liter Wasser je Kilo. (Foto: Guido Schiefer)

Tomatenzucht in Spanien (Foto: Guido Schiefer)

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