Eine Kuh Macht Muh... - Schrot und Korn

Anzeige

Anzeige

Eine Kuh Macht Muh...

Viele Kühe machen Mühe

Deutsche Bio-Bauern sind zunehmend enttäuscht. Für gesunde Lebensmittel gibt es immer weniger Geld. Denn auch bei „Bio“ zählt oft nur noch billig. Doch die Rechnung geht nicht auf. // Leo Frühschütz

„Falls das so weitergeht, muss ich Eintritt zahlen, wenn ich in meinen Stall gehe.“ Lorenz Huber schüttelt den Kopf, weil das so absurd klingt. Und doch beschreibt der Satz die Situation vieler Bio-Milch-Erzeuger treffend. Mittlerweile ist mit Bio-Milch nichts mehr zu verdienen.

Lorenz Huber ist Naturland-Bauer östlich von München. 14 Milchkühe hat er im Stall stehen, jedes Jahr liefert er 55.000 Liter Milch an die Molkerei. Im Herbst 2001 bekam er für jeden Liter noch 40 Cent, jetzt sind es knapp 31 Cent. Neun Cent weniger je Liter, das macht übers Jahr ein Minus von 5.000 Euro.

Lorenz Huber muss nicht viel rechnen, um die Misere darzustellen: Er bekommt für den Liter Milch 31 Cent, muss aber etwa den selben Betrag für Produktionskosten aufbringen – Tendenz steigend, weil vom Diesel für den Traktor bis zur Wartung der Melkmaschine alles teurer wird.

Dabei geht es den Hubers, wie sie sagen, im Vergleich zu vielen Kollegen noch relativ gut. Sie bauen das gesamte Futter für ihre Kühe selbst an, haben also keine zusätzlichen Futterkosten. Der Stall und

die anderen Investitionen, mit denen Familie Huber den Betrieb vor gut zehn Jahren erneuerte,sind be-reits abbezahlt.

Vor allem aber haben die Hubers mit der Gaststätte, die zum Hof gehört, und Lorenz Hubers zusätzlichem Job als Maschinenbauer noch zwei weitere wirtschaftliche Standbeine, auf die sie sich stellen können.

Plötzlich 20.000 Euro weniger

Viel schlimmer dran, so berichtet Huber, sind Kollegen, die als Vollerwerbslandwirte nur von der Milcherzeugung leben. 60 Kühe gelten als Mindestbestand für einen wirtschaftlichen Betrieb. Viele Bauern haben 100.000 oder 200.000 Euro in einen neuen Stall investiert, der den strengen Bio-Richtlinien entspricht. Sie müssen die Kredite zurückzahlen und haben plötzlich jedes Jahr 20.000 bis 30.000 Euro weniger Einnahmen.

So mancher Bio-Bauer hat den Kampf auch schon aufgegeben. Zwar gibt es keine offizielle Statistik, doch Fachleute schätzen, dass jedes Jahr zwei bis fünf Prozent der Bio-Betriebe ganz aus der Produktion ausscheiden. Betroffen sind vor allem Höfe, die bereits vor zehn oder 15 Jahren umstellten, die zu klein sind, um langfristig eine Familie zu ernähren und bei denen kein Nachfolger für den älter werdenden Bauern in Sicht ist. Oft vollzieht sich der Abschied schleichend. Flächen werden verpachtet, ein paar Tiere bleiben im Stall – auch aus steuerlichen Gründen. „Der hat dann den Stall als Hobby, so wie andere ein Segelboot haben“, meint Lorenz Huber.

Damit es bei ihm nie so weit kommt, hat Lorenz Huber den Kampf gegen Billigpreise aufgenommen. Er ist einer der Sprecher einer bundesweiten Aktionsgemeinschaft zu der sich inzwischen zwei Drittel aller Bio-Milchbauern zusammengeschlossen haben. Gemeinsam haben sie im September 2003 zwei Tage lang gestreikt und keine Milch geliefert.

Gegen das Milchüberangebot

Im Blickpunkt der Aktion standen zwei große Bio-Molkereien, die sich gegenseitig unterboten hatten, um mit ihren Produkten in den Bio-Regalen der Supermärkte gelistet zu werden. Zwar konnte der Streik den Preisverfall nur für ein paar Monate stoppen. Doch er hat zu einer großen Solidarität unter den Bauern geführt. „Bei uns gibt es das Sprichwort: Wenn du drei Bauern unter einen Hut bekommen willst, musst du zwei erschlagen“, erzählt Huber. „Doch jetzt ziehen alle an einem Strick.“ Gemeinsam arbeiten sie an einem Modell, mit dem sie das Überangebot an Bio-Milch in den Griff bekommen wollen.

Szenenwechsel: Von Bayern in die Südpfalz. Dort bauen Achim Bauer und Katja Besselmann auf 50 Hektar Bio-Gemüse an, das sie an mehrere Naturkost-Händler liefern. Als sie im Frühjahr den Lauch verkaufen wollten, der auf ihren Feldern überwintert hatte, machten sie eine völlig neue Erfahrung. „Wir haben für 250 Euro telefoniert, um den Lauch loszubringen“, erzählt Katja Besselmann. „Überall hieß es, wir haben neue Geschäftsbeziehungen nach Frankreich oder Italien geknüpft, die dürfen wir jetzt nicht enttäuschen.“

Tatsächlich gab es bei einigen Naturkost-Großhändlern den ganzen Winter über keinen deutschen Lauch. „Wir haben zum Schluss billiger angeboten als die Franzosen“, sagt Katja Besselmann. Genutzt hat es wenig. Die Hälfte des angebauten Lauchs konnten sie nicht verkaufen. Drei Hektar Lauch mit einem Marktwert von 80.000 Euro mussten die beiden vernichten. Achim Bauer fasst das Drama zusammen: „Du hast die Jungpflanzen gekauft, dreimal das Unkraut gehackt, bewässert, und dann das. Ich hätte vor Wut heulen können, als ich auf dem Schlepper saß und den Lauch weggefräst habe.“

Für Thomas Holz, Gartenbauberater bei Bioland, ist diese Geschichte kein Einzelfall. Natürlich sei Ware aus dem Süden klimabedingt früher auf dem Markt und oft auch günstiger. Doch bisher hätten die Händler wenigstens in der Saison auf deutsche Produkte zurückgegriffen.

Inzwischen beziehen manche Großhändler grundsätzlich einige Gemüsekulturen aus dem Ausland, obwohl heimische Ware schon auf dem Markt ist. Während also in Deutschland die ersten Freiland-Salate erntereif sind, gelangen weiterhin französische und ita-lienische Salate zu günstigeren Preisen in den Handel.

„Deutsches Bio-Gemüse ist noch nie so günstig an den Handel gegangen wie zurzeit. Bei gleichzeitig sinkenden Abnahmemengen und höheren Produktionskosten wird das etlichen Bio-Gemüsebaubetrieben die Existenz kosten“, sagt Thomas Holz und berichtet vom großen Frust vieler Bauern, die er betreut: „Die verdienen höchstens 10 Euro brutto die Stunde, rödeln 60 bis 70 Stunden die Woche auf dem Acker und müssen dann noch um jeden Cent für den Salatkopf feilschen.“

Gleichzeitig hofft er, dass die Verbraucher bei Bio-Lebensmitteln wieder stärker auf regionale Herkunft und auf die Logos der Anbauverbände achten. Denn deren Kriterien gehen deutlich über die Vorschriften der EU-Öko-Verordnung hinaus.

Bio-Obst mit Gift-Rückständen

Auch sind die Kontrollen bei deutscher Ware meist besser. Sehr deutlich zeigt sich das in den wenigen Fällen, in denen in Bio-Obst und -Gemüse Pestizid-Rückstände gefunden wurden. Fast immer stammte die Ware aus dem Ausland.

Es gibt auch Großhändler und Bio-Läden, die regionale Produkte verstärkt fördern. Ob sie damit Erfolg haben, hängt vor allem von ihren Kunden ab.

Von miesen Preisen und Hagel gebeutelt

Bauern leiden nicht nur unter den niedrigen Preisen für ihre Ware, wie eh und je sind sie auch den Launen der Natur ausgesetzt. Am 24. Juni 2004 breschte Sturmtief „Yasna“ durch den Bodenseeraum und hinterließ eine Schneise der Verwüstung – 36 Kilometer lang, sechs Kilometer breit. Tennisball-große Hagelkörner hackten Maisstauden in Stücke, zerschlugen Gewächshäuser, vernichteten komplette Ernten.

Schöne heile Bauernwelt? Der Vergleich durchschnittlicher Bruttomonatsverdienste und Arbeitszeiten von Arbeitern aus dem produzierenden Gewerbe, Bankangestellten und Bio-Bauern macht deutlich, dass bei den Landwirten Aufwand und finanzielle Entschädigung in einem mehr als ungünstigen Zusammenhang stehen.

Beispiel Bio-Molkerei: Regionales fördern

Ein beispielhaftes Projekt hat Anfang September die Upländer Bauernmolkerei in Hessen gestartet. Sie verkauft ihre Frischmilch um fünf Cent teurer an den regionalen Naturkosthandel. Dieser „Fair-Preis“-Aufschlag geht direkt an die Bauern und stärkt so die regionale Bio-Landwirt-schaft. Mit Aufklebern, Flugblättern und Plakaten informieren Molkerei und Handel gemeinsam über dieses Projekt.

Entwicklung Milch-Basispreise und Biozuschläge (2001-2003)

In den vergangenen drei Jahren sind die Milchpreise, die Bauern gezahlt wurden, fast stetig abgerutscht. Darüber hinaus ist der Aufschlag, der Bio-Landwirten gewährt wird, weil sie mehr Arbeitsaufwand haben, ebenfalls geschrumpft. Fazit: Biobauern bekommen heute für ihre Milch kaum mehr als konventionelle Bauern vor drei Jahren. Das reicht ihnen nicht, um zu überleben.

Add a comment

Kommentar­bild via Gravatar

incl. 'http://'