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Leben

Traditionelle chinesische Medizin

Wo die Schulmedizin nicht mehr weiter weiß, fangen manche Naturheilverfahren erst richtig an. Traditionelle Chinesische Medizin zum Beispiel. Nach China muss man deswegen nicht reisen
31.10.2006

Chinesisch auf Kasse

Wo die Schulmedizin nicht mehr weiter weiß, fangen manche Naturheilverfahren erst richtig an. Traditionelle Chinesische Medizin zum Beispiel. Nach China muss man deswegen nicht reisen. // Martin Fütterer

Peter Franzelt* (Name von der Redaktion geändert), 44, erlebt seine erste Zungen- und Pulsdiagnose. Professor Jisheng Zhang von der Universität für Traditionelle Chinesische Medizin in Peking fühlt den Puls an beiden Handgelenken und in verschiedenen Tiefen. Außerdem muss ihm Peter Franzelt mehrfach die Zunge herausstrecken. Sie ist belegt, an der Spitze rötlich, an den Rändern zeigt sie Zahnabdrücke und in der Mitte Risse. „Der Patient grübelt zu viel. Milz- und Herz-Yin-Mangel, Leberstagnation und aufsteigendes Leber-Yang. Der Puls ist schwach, zu wenig Blut“, lautet die Diagnose des Professors.

Herr Franzelt ist konsterniert. Grund seines Klinikaufenthaltes sind eigentlich Erschöpfungszustände, Schlafschwierigkeiten, Neurodermitis und Rückenpro-bleme. Nun also auch noch das Herz, die Milz und eine Blutarmut? Der deutsche Assistenzarzt Dr. Christoph Namislo beruhigt ihn: „Mit Milz bezeichnet man in der chinesischen Medizin das gesamte Verdauungssystem als Funktion. Hier wird das Qi aus der Nahrung in den Körper überführt. Wenn zu wenig Qi in der Nahrung ist oder die Nahrung schlecht verdaut wird, bekommt der Körper zu wenig Qi.“

Verdauungssystem und Geist hängen in der chinesischen Medizin eng zusammen. Wer Sorgen hat, verdaut schlecht. „Und wer sich schlecht ernährt, macht sich Sorgen, wo keine sind“, erklärt Dr. Namislo. Das sei auch die Erklärung für das Grübeln, vor allem vor dem Einschlafen.

Peter Franzelt befindet sich nicht etwa in China, sondern in der TCM-Klinik Bad Kötzting. Hier behandeln chinesische Ärzte nach den Methoden der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Dabei dreht sich alles um Lebensenergie, das Qi. Ist genug Qi vorhanden, ist es gestaut oder aus der Balance?

Heilpflanzen, Schröpfen und Tuina

Zur Therapie bekommt Herr Franzelt täglich eine Mischung chinesischer Heilpflanzen als Sud zu trinken. Chefarzt Dr. Stefan Hager erklärt: „Im Westen kennt man fast nur die Akupunktur als chinesische Medizin. In China hingegen stehen Heilpflanzen und Ernährung an erster Stelle. Akupunktur, Tuina-Massagen und Qigong sind auch wichtig, aber nicht so zentral.“ Peter Franzelt sieht das anders. Der Heiltee ist schnell getrunken. Akupunktur und Schröpfen hingegen erlebt er viel intensiver. Wenn Professorin Shuhui Ma die zehn gläsernen Schröpfköpfe auf seinem Rücken ansetzt, zieht es Herrn Franzelt die Haut um den ganzen Brustkorb zusammen. Nach fünfzehn bis zwanzig Minuten werden die Schröpfköpfe wieder abgenommen. Peter Franzelt fühlt sich gut durchmassiert und vor allem der Juckreiz seiner Neurodermitis hat nachgelassen, denn das Schröpfen zieht ihm die „Hitze“ aus dem Leib, neben „Wind“, „Nässe“ und „Trockenheit“ einer der Störungseinflüsse, mit denen die TCM arbeitet. Auch die Tuina-Massage bei Dr. Fu Wang tut ihm gut. Hierbei werden verschiedene Elemente der Bindegewebs- und Reflexzonenmassage, der Akupunktur und der Chirotherapie angewendet. Seine Rückenprobleme sind nach acht Anwendungen fast ganz verschwunden. Nur die Energie will nicht kommen.

Hausaufgaben – TCM nach dem Klinikaufenthalt

Für Dr. Hager ist das nicht außergewöhnlich: „Fast alle Patienten sind während der Behandlung erst einmal müde und passiv.“ Vielen fehle der Anreiz der täglichen Verantwortung in Beruf und Familie und der Körper hole sich erst mal die Ruhe, die er vielleicht schon lange braucht. „Die Therapie selbst gibt dem Organismus einen Reiz und die selbstheilende Reaktion darauf setzt oft erst nach fünf bis sechs Wochen ein.“ Herr Franzelt bekommt wie alle Patienten die Empfehlung, sich den chinesischen Heiltee noch zwei Monate zu Hause selbst zuzubereiten und mindestens einmal pro Woche eine Akupunktursitzung zu nehmen. Nach zwei Monaten wird die Rezeptur der Heilpflanzen überprüft. Insgesamt dauert eine solche Behandlung ohne Weiteres ein halbes Jahr und länger.

Aus einer wissenschaftlichen Begleituntersuchung weiß Chefarzt Dr. Hager, dass 75 Prozent der Patienten zumindest mit leichten Besserungen nach Hause gehen, der Hälfte davon geht es sogar gut bis sehr gut. Dieser Anteil erhöht sich noch in den sechs Monaten nach der Behandlung.

Bei Peter Franzelt kommt der Wendepunkt zwei Monate nach Behandlungsbeginn. Er kann wieder ohne Schlafmittel einschlafen und hat mehr Energie. Er hat an seinem Wohnort eine Heilpraktikerin gefunden, die die Heilpflanzenrezeptur überwacht und Akupunktur verabreicht.

Billig ist das nicht, denn die Heilpraktikerin muss Herr Franzelt privat bezahlen. Seinen Klinikaufenthalt hingegen übernahm die Krankenkasse. Das ist vielleicht das Exotischste an der TCM-Klinik in Bad Kötzting: Die Kasse zahlt.

Qi im Fluss

Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) ist eines der ältesten Heilungssysteme. Ähnlich alt und auch inhaltlich verwandt ist nur das indische Ayurveda. Ziel der TCM: Fehlende (Lebens-)Energie, das sogenannte Qi, zuführen, gestaute Energie in Fluss bringen und Energien unterschiedlicher Richtung ausbalancieren.

Kliniken, die sich auf TCM spzialisiert haben

TCM-Klinik, 93444 Bad Kötzting,
www.tcm.info. Die TCM-Ärzte sind Chinesen und werden von der Universität für TCM in Peking ausgeliehen, Stationsärzte sind deutsch. Bei den gesetzlichen Krankenkassen zugelassen, Hartnäckigkeit beim Antrag dennoch erforderlich, private Kassen zahlen in der Regel.

Klinik am Steigerwald, 97447 Gerolzhofen,
www.tcmklinik.de. Ärzte mit Zusatzausbildung TCM aus dem deutschsprachigen Raum. Verfolgt einen europäisierten Ansatz von TCM. Keine Kassenzulassung, Kostenübernahme klappt nur ausnahmsweise. Private Kassen übernehmen bei medizinischer Notwendigkeit. Beamten bekommen Beihilfe.

Weitere Kliniken:
http://tcm-germany.de/patient/framepat/kliniken.html


„TCM ist pragmatisch und wissenschaftlich“

Dr. Hager, ist TCM eine reine Erfahrungsmedizin?

TCM hat ein klares System von Ursache und Wirkung, in das die Einzelphänomene einsortiert sind. Man weiß, was wann warum und in welcher Richtung wirkt und hat eine eigene Sprache, um dieses System zu beschreiben. Insofern erfüllt TCM alle Anforderungen an Wissenschaftlichkeit: Man kann Wirkungen auch außerhalb des Erfahrungshorizontes prognostizieren und man kann sie reproduzieren.

Immer?

Keine Medizin der Welt funktioniert immer und bei jedem Menschen gleich. Aber vor der Schulmedizin braucht sich die TCM keinesfalls zu verstecken.

Was ist der Unterschied zwischen den verschiedenen Heilansätzen, etwa TCM, Homöopathie und der Schulmedizin?

Stellen Sie sich vor, die Krankheit sei ein Knäuel von einer oder mehreren Schnüren, die durcheinandergeraten sind. Homöopathie versucht, das eine Ende zu erwischen, an dem man zieht, damit der Knoten sich auflöst. Man kann sich leicht vorstellen, dass das viel Erfahrung, Präzision und Einfühlungsvermögen erfordert. In der TCM gibt es solche Puristen auch. Die versuchen mit einer einzigen Akupunkturnadel zu heilen. Im Allgemeinen jedoch zupft man an verschiedenen Seiten des Knotens herum, sodass sich dieser lockert und man schließlich die einzelnen Stränge der Krankheit erkennt und nacheinander oder parallel entwirren kann. Allopathie wiederum ist wie ein scharfes Schwert …

… sie haut den Knoten durch und dann hat man eine Menge loser Enden, die man nicht unbedingt alle wieder aneinanderbringt.

Genau. Im Vergleich ist TCM pragmatischer als Homöopathie, man muss kein Genie sein oder jahrelang Erfahrung sammeln. Und sie hat weniger Nebenwirkungen als die Schulmedizin.

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