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Interview

Pheline Roggan: „Wir brauchen keinen Luxus“

Die Schauspielerin Pheline Roggan setzt sich für umweltfreundlicheres Filmdrehen ein. Menschen, die von „Fleischverbot“ sprechen, regen sie auf.

06.11.2021 vonManfred Loosen

Die Schauspielerin Pheline Roggan setzt sich für umweltfreundlicheres Filmdrehen ein. Menschen, die von „Fleischverbot“ sprechen, regen sie auf.

Pheline Roggan trägt zum Interview ein Sweatshirt mit der Aufschrift „There is no Planet B“. Klar, dass wir zuerst über die von ihr mitgegründete Initiative „Changemakers“ sprechen.

Ihr Kollege Moritz Vierboom sagte, ein richtig großer Film verursache so viel CO₂ wie elf Flüge zum Mond ...

Ja, in England gibt es schon Zahlen dafür, wie viel CO₂ bei einem Filmdreh ungefähr entsteht, wie viel Energie verbraucht wird. Für einen mittleren bis großen Film wird so viel geflogen, dass man elfmal zum Mond fliegen könnte. Und mit dem Strom, der beim Dreh verbraucht wird, könnte man ein paar Tage lang den Times Square beleuchten. Und es werden so viele Plastikflaschen weggeworfen, wie 168 Leute durchschnittlich in einem ganzen Jahr verbrauchen. Das sind die Relationen.

Über Pheline Roggan

Vor 40 Jahren wurde Pheline Roggan in Hamburg geboren – und da lebt sie mit ihrer Familie noch heute. Zunächst hat sie als Model gearbeitet, auch schon während ihrer Schulzeit. Nach dem Abitur besuchte sie drei Jahre lang die „Schule für Schauspiel Hamburg“. Bekannt wurde Pheline Roggan durch Filme wie „Kebab Connection“, „Chiko“ und – vor allem – „Soul Kitchen“ von Fatih Akin. Seit vier Jahren spielt Pheline Roggan eine der vier Hauptrollen in „Jerks“, der Serie von und mit Christian Ulmen, Fahri Yardim und Emily Cox; gerade ist die vierte Staffel auf Joyn angelaufen und im November kommt „Das schwarze Quadrat“ ins Kino. phelineroggan.com

Und da haben Sie sich mit Ihrer Kollegin Miriam Stein, dem Kollegen Moritz Vierboom und der Regisseurin Laura Fischer überlegt: Das darf nicht so weitergehen!

Ja, wir hatten schon im Februar 2019 auf der Berlinale – also der letzten vor Corona – zu viert ein Panel zum „Grünen Drehen“ veranstaltet, um sich mit der Branche über das Thema auszutauschen. Wir waren alle schon privat aktiv in der Klimagerechtigkeitsbewegung und haben uns gefragt, wie wir unseren Teil dazu beitragen können, die Filmbranche nachhaltiger werden zu lassen. Wenn Deutschland klimaneutral werden will, müssen alle Branchen ihre Produktionsprozesse umstellen. Darum wollten wir da ansetzen, wo wir uns auskennen, Arbeitsstrukturen und Menschen kennen.

Und dann kam Corona ...

Genau! Wir saßen plötzlich alle zu Hause und die Drehs waren gestoppt. Uns wurde von mehreren Seiten mitgeteilt, dass das Argument, warum Veränderungen nicht möglich seien, oft ist, dass wir Schauspielerinnen und Schauspieler so wahnsinnig auf Luxus und Status bestünden und deshalb keine Veränderungen möglich wären. Daraufhin haben wir gedacht: Gut, dann machen wir jetzt eine Selbstverpflichtung und darin listen wir alle Punkte auf, zu denen wir bereit sind oder was wir gerne ändern würden in einer Filmproduktion. Diese Selbstverpflichtung haben schon etwa 600 Leute aus der Branche unterschrieben.

Was ist denn genau grünes Drehen? Auf was wird da geachtet?

An einem Film sind ja wahnsinnig viele unterschiedliche Gewerke beteiligt: Szenenbild, Kostüm, Regie, Produktion … Beim „Grünen Drehen“ ist es wichtig, dass man schon im Vorfeld überlegt, was man tun kann, um so emissionsarm, energiearm und müllarm wie möglich zu arbeiten. Zum Beispiel: Öko-Strom benutzen; auch im Produktionsbüro. Was mir vorher nicht bewusst war, aber auch einen großen Umwelteinfluss hat: Nicht mehr in Hotels wohnen, sondern zu mehreren in Apartments. Oder wenn Hotel, dann in einem, das ein Umweltzertifikat hat. Weniger Reisen – und wenn, dann mit der Bahn. Beim Licht LEDs benutzen, weniger Plastik, möglichst gar keins! Man kann sehr viel vorab planen und es gibt auch einen Job dafür, einen Green Consultant, der genau dafür ausgebildet ist, die Produktion von Anfang an zu begleiten und zu beraten.

Da spielt ja auch das Catering eine Rolle. Können Sie das beeinflussen?

Alle werden vorab gefragt, was sie essen möchten, ob vegetarisch oder vegan. Und wir merken, dass sich da in den letzten Jahren sehr viel verändert hat: Der Anteil der Vegetarier und Veganer ist viel größer geworden. Wir haben mit den Caterern gesprochen. Die haben natürlich immer nur ein beschränktes Budget. Damit ist es nicht möglich, Fleisch mit Bio-Standard oder aus artgerechter Haltung zu kaufen. Vor allen Dingen nicht, wenn man es jeden Tag anbieten möchte. Es gibt immer öfter vegetarische Tage und eine große Bereitschaft dazu. Aber das wirklich flächendeckend durchzubringen, ist schwierig.

Wenn es einen Tag keine Nudeln gibt, dann gibt es ja auch kein „Nudelverbot“! Dann gibt es einfach keine Nudeln! Das mit irgendwelchen Freiheitsrechten zu belegen, finde ich bizarr.

Pheline Roggan

Was spricht denn gegen vegetarische Tage?

Das sind zum Teil wirklich unglaublich emotionale Diskussionen. Da wird zum Beispiel argumentiert, wenn es einen vegetarischen Tag gebe oder mehrere, dann sei das ein „Fleischverbot“. Das ist doch Quatsch: Wenn es einen Tag keine Nudeln gibt, dann gibt es ja auch kein „Nudelverbot“! Dann gibt es einfach keine Nudeln! Das mit irgendwelchen Freiheitsrechten zu belegen, finde ich bizarr. Es kann sich ja auch jeder was mitbringen oder abends privat essen, was er will. Wir initiieren jetzt eine groß angelegte Umfrage, um belegbare Zahlen zu erheben und die Diskussion von den gefühlten Wahrheiten wegzuholen.

Wenn Ihnen Umweltbewusstsein beim Dreh so wichtig ist, wird das zu Hause auch so sein. Wie und wo kaufen Sie ein?

Ich bin weder wirklich vegetarisch noch vegan, aber ich esse sehr wenig Fleisch und Fisch und wenn, dann nur, wenn ich genau weiß, wo sie herkommen. Ich bin Flexitarierin. Mir ist es sehr wichtig, wo das Essen herkommt. Ich kaufe, soweit möglich, alles im Bio-Laden ein und habe ein Bio-Gemüsekisten-Abo von einem Hof der Solidarischen Landwirtschaft, der biologisch bewirtschaftet wird.

Und was ist mit Mode?

Ich bin keine Hobby-Konsumentin, ich gehe nicht so gerne einkaufen. Also Essen schon, aber keine Kleidung; und wenn, dann secondhand. Außerdem ich bin in einer privilegierten Situation: Ich kaufe zum Beispiel relativ viel nach dem Dreh: und zwar Kleidung, die sowieso schon für meine Rolle gekauft wurde und ansonsten nach dem Dreh entsorgt würde. Bei Kinderkleidung kaufe ich fast nur secondhand – und gebe sie dann weiter. Die Kinder wachsen da ja so schnell raus. Es gibt so viele tolle Möglichkeiten, Vinted oder auch die Internetseite nebenan.de. Ich tausche lieber, als zu kaufen.

Nach Flugreisen muss ich dann gar nicht fragen?

Fliegen versuche ich privat komplett zu vermeiden. Ich habe vor der Corona-Pandemie als Patin für das Kinderhilfswerk „Plan International“ eine Reise gemacht. Da bin ich nach zwei Jahren mal wieder in ein Flugzeug gestiegen. Das war ein komisches Gefühl. Ich versuche, es einfach zu lassen, wo es geht. Ich fahre viel lieber Zug. Da kann ich ungestört arbeiten und lesen. Auch mit Kindern ist Zugfahren toll. Es ist so viel angenehmer, wenn die Kinder rumlaufen können. Auto fahre ich kaum. Ich wohne in der Stadt, bin viel mit dem Fahrrad unterwegs. So bewege ich mich am liebsten fort.

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