Jeden Tag eine gute Entscheidung. Für eine bessere Welt. Für uns alle.
Leben

Kundalini-Yoga

Kundalini-Yoga: Das klingt verheißungsvoll nach Ekstase, Meditation und spirituellem Durchblick. Aber auch irgendwie abgedreht oder zumindest ein bisschen weltfremd. Was ist dran, an diesem Yogi, der sogar Hollywood-Stars unterweist? // Text: Martin Fütterer, Fotos: Claudia Trunk
27.02.2006 vonMartin Fütterer

Hotel Maritim in Darmstadt wirkt bei allem Protz auf subtile Weise ungepflegt und abgenutzt. Flugpersonal aus Indien trifft sich in der Lounge auf eine Zigarette vor dem Rückflug. Sat Want Kaur, mit bürgerlichem Namen Hanka Schuldt, erwartet uns in indischer Kleidung und mit Turban. Sie macht die Öffentlichkeitsarbeit für die Firma Golden Temple (Yogi Tee) und für die indische Yoga-, Meditations- und Heilkunst Sat Nam Rasayan, auch als Kundalini-Yoga bekannt. Ihr Outfit ist Berufsbekleidung für beides – und vermutlich trägt sie sie auch privat. Für die Yoga-Lehrerin ist Beruf gleich Berufung, privates und berufliches Interesse deckungsgleich. Sat Want Kaur hat uns eingeladen, ihren Yoga-Meister Guru Dev Singh kennen zu lernen. Wir haben zwei Stunden Zeit für eine persönliche Heilbehandlung und ein Gespräch und nehmen danach an einem Workshop teil. Im sechsten Stock betreten wir die Suite 626. Die Luft ist schlecht, die Bahnlinie laut, die Suite kaum mehr als ein Schlafzimmer mit Vorraum. Guru Dev sieht unzweifelhaft indisch aus: dunkelhäutig, barfuß, weißgewandet, Rauschebart und Turban. Nichtsdestotrotz ist er Mexikaner, lebt in Rom und ist beständig zwischen allen Kontinenten unterwegs.

Was genau ist denn ein Guru? Er jedenfalls sei keiner, antwortet Guru Dev Singh. „Guru ist nur ein Teil meines spirituellen Namens und bedeutet: vom Dunklen ins Licht." Er bezeichnet sich als Yogi und Heiler. In der Tradition der indischen Sikhs sei man ganz von dem Titel Guru abgekommen. Der Titel habe Menschen zu oft verleitet, die Person zu verherrlichen, statt sich mit der Botschaft zu beschäftigen.

Versuch am eigenen Leib

„Ich fange mit ihr an“, erklärt Guru Dev Singh und zeigt auf Claudia, unsere Bildredakteurin, die mich als Fotografin begleitet. Das kommt unerwartet – aber das Mindeste, was man von einem solchen Mann erwarten kann, ist schließlich das Unerwartete. Claudia legt sich auf den Boden und Guru Dev berührt leicht ein Bein und einen Arm. „Die Energie der Gebärmutter ist gestaut“, erklärt er zu Claudias Überraschung. Aber ein leichter Druck auf ihren Bauch überzeugt sie von der Richtigkeit der Diagnose – es tut ganz schön weh. „Und die linke Niere ist etwas schwach.“ Das wiederum ist für Claudia eine bekannte Tatsache. „Du bist eine sehr kreative Persönlichkeit, aber diese Schwäche nimmt dir immer wieder die Energie.“ Guru Dev Singh vertieft sich in Meditation und auch Claudia versinkt irgendwo. Minuten verstreichen in Schweigen. Als beide die Augen aufschlagen, ist der Schmerz im Bauch deutlich geringer und Claudia fühlt sich bedeutend wohler. „Es passiert dir immer wieder, dass du in Verwirrung gerätst“, erklärt Guru Dev. Das sei zwar notwendig, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen, aber wer verwirrt ist, halte an alten Sicherheiten fest. „Das kostet dich viel Kraft. Du solltest lernen, die Verwirrung zu begrüßen und zu genießen. Sie wird dich weiterbringen.“

Auf solch allgemeine Ratschläge beschränkt sich der Lehrer nicht. Er zeigt Claudia zwei Übungen. Eine soll sie befähigen, im Alltag auch dann funktions- und entscheidungsfähig zu sein, wenn grundsätzlichere Themen sie in Verwirrung stürzen. Diese empfiehlt er für 90 bis 120 Tage. Die andere Übung ist eine Empfehlung fürs Leben. „Sie wird dir Kraft geben, dir helfen dich zu entwickeln. Das ist einfach „die” Übung für dich.“

Blockierte Energie kostet Kraft

Dann bin ich an der Reihe. Ich lege mich hin, schließe die Augen und lasse mich treiben. Eine ganze Weile tut sich nichts, aber dann wird es um mich hell und weit. „Puh, es hat sich ein bisschen was getan, aber dafür musste ich hart arbeiten!“, ächzt Guru Dev. „Du bist an sich sehr gesund, aber die Energie fließt nicht. Da sind Blockaden in der Brust und zurückgehaltene Gefühle. Du hast jede Menge Energie, aber sie darf sich nicht manifestieren. Das Zurückhalten kostet dich manchmal mehr Kraft als du hast.“ Auch ich bekomme zwei Yoga-Übungen, die ich täglich elf Minuten machen soll. Eine 40 Tage lang, die andere, bis es besser ist.

Anschließend geht es in die Innenstadt zum Workshop. Eine elfminütige Übung mit Mantra-Rezitation stellt meine Hüftbeuger auf eine harte Probe, da ich weder Schneider- noch Yoga-Sitz gewohnt bin und mir auf den Knien die Beine einschlafen. Die Yoga-Übungen des heutigen Tages bestehen im Wesentlichen darin, eine Haltung einzunehmen und darin entweder zu verharren oder relativ kleine Bewegungen auszuführen, zum Beispiel die Hände zu drehen. 11 bis 21 Minuten pro Übung sind ganz schön hart. Ich versuche, elf Minuten die Hände vor der Brust zu spreizen. Wer da nicht schwitzt, ist topfit. „Nicht das Leiden an sich ist das Problem“, sagt Guru Dev Singh, „sondern die Ablenkung, die es produzieren kann.” Leiden lenkt uns von unserer eigentlichen Aufgabe ab, die Welt zu entdecken und Erfahrungen zu machen. Heilen bedeutet demnach nicht, Leiden zu eliminieren, sondern die Ablenkung aufzulösen.

Zu schön, um wahr zu sein?

Doch halb im Ernst, halb im Scherz gibt Guru Dev Shing zu bedenken: „Alles, was man über Sat Nam Rasayan in Worte fasst, ist Unsinn. Je weniger man darüber redet, desto weniger Zeit verschwendet man.“ Er selbst hat Sat Nam Rasayan von dem indischen Yogi Bhajan ohne Worte gelernt. Zehn Jahre hat er dazu gebraucht. Als er selbst Meister wurde, stellte ihm Yogi Bhajan die Aufgabe, Sat Nam Rasayan für westliche Menschen mit Worten zu lehren. Ein schwieriger Auftrag, doch das Problem kennen alle spirituellen Lehrer: Worte sind nur eine Spur für die Suche nach der eigenen Erkenntnis.

Einfacher, aber umso bemerkenswerter erscheint die Praxis: Der Heiler berührt den Patienten mit den Händen. Er achtet auf die Empfindungen an sich selbst, zum Beispiel die Haut an beiden Armen. Wenn es sich unangenehm oder asymmetrisch anfühlt, gleicht er das am eigenen Körper aus. Das spürt der Patient als Erleichterung. Der Heiler richtet seine Aufmerksamkeit nacheinander auf verschiedene Körperregionen des Patienten, „scannt” ihn sozusagen und balanciert Ungleichgewicht am eigenen Körper aus. Diese Vorgehensweise bietet einen gewaltigen Unterschied gegenüber der Schulmedizin, aber auch vielen anderen Heilweisen, bei denen direkt am Patienten manipuliert wird. Und auch über den medizinischen Bereich hinaus, könnte diese Haltung so manche Beziehung heilen. Wäre das nicht wunderschön? Liebende, die sich nicht gegenseitig zu ändern suchen, sondern an ihrer eigenen Reaktion auf den anderen arbeiten. Zu schön, um wahr zu sein?

Kontemplation kann man üben

Voraussetzung für diese Heiltechnik ist ein meditativer Zustand, ein neutraler Bewusstseinsraum, in dem alle Empfindungen eingeschlossen sind und gleichzeitig Aufmerksamkeit bekommen – Kontemplation. Man kann sie nicht erzwingen, nur üben. Sie ist nicht zu verstehen, sondern zu erleben. Im Bild vielleicht so: Ein Auto verliert auf einer Eisfläche Bodenhaftung und driftet. Das Lenkrad des Verstandes wirkt nicht mehr wie gewohnt. Rallyefahrer kommen dennoch auf den Punkt genau dorthin, wohin sie wollen. Sie schleudern sogar auf trockener Straße. Der geübte Meditierende gibt die Haftung des Verstandes auf und driftet dennoch nicht in Träume oder Schlaf ab. Er landet nicht im Straßengraben. Auch die Gedanken kreisen nicht wie durchdrehende Räder auf Eis. Sie gleiten stattdessen elegant um die Kurven der spirituellen Erkenntnis.

Den Rest des Tages wird das geübt. Zunächst lernen die Schüler Geräusche zu kontemplieren, statt sich von ihnen aus der Meditation reißen zu lassen. Das funktioniert, und wenn es mit Geräuschen möglich ist, dann kann man fast jedes Erlebnis dazu benutzen, in einen anderen, gewünschten Zustand zu kommen. Vielleicht ist das geistiges Yoga, mir kommt es vor wie geistiges Judo: Die Energie der Störung, des Leides und des Schmerzes für die eigenen Ziele nutzen.

Die nächsten Tage sind wir damit beschäftigt, die Eindrücke zu sortieren. Guru Dev Singh war ein Erlebnis. Aber es bleiben auch Fragen offen. Die Intuition des Yogi ist zwar beeindruckend, sein Humor erfrischend und vieles, was er zu uns persönlich sagte, schien den Punkt gut zu treffen. Doch wenn man genau hinschaute, waren seine Aussagen und Antworten oft so allgemein formuliert, dass sie wie Projektionsflächen wirkten, auf die man bei gutem Willen seine eigene Bedeutung projezieren konnte. Aber spielt das wirklich eine Rolle? Ist es so wichtig, ob der Lehrer DIE Wahrheit verkündet oder jedem dazu verhilft, SEINE Wahrheit zu finden?

Das Geheimnis von Singh und Kaur

„Singh“ (Löwe) entspricht der Anrede „Herr“ im Deutschen. „Kaur“ (Prinzessin) ist die Anrede für Frauen. Lässt man Singh und Kaur weg, ist das wie der Übergang vom „Sie“ zum „Du“. Die Silben stammen aus der antiken vedischen Sprache Sanskrit, die noch heute die Sprache der ayurvedischen Ärzte und Yogis ist. Auch die Mantras sind in Sanskrit.

Was ist Kundalini-Yoga?

Sat Nam Rasayan steht in der Tradition des Kundalini-Yoga und ist auf die Zeitknappheit westlicher Menschen ausgerichtet. Es ist weniger gymnastisch als Hatha-Yoga und beeinflusst direkt den Bewusstseinszustand. Überliefert wurde es von Yogi Bhajan, dem Lehrer von Guru Dev Singh. Yoga wird von vielen Krankenkassen bezuschusst. Fragen Sie bei Ihrer Kasse nach einer Liste anerkannter Lehrer. Mehr über Guru Dev Singh und Yoga-Lehrer, die er ausgebildet hat unter www.worldofyoga.de.

Guru – so alltäglich wie der Psychotherapeut

In Indien sind Gurus in etwa so verbreitet wie bei uns Psychiater und Psychotherapeuten. Man findet sie in Großstädten ebenso wie auf dem Land als geistige Lehrer und Ratgeber in Lebensfragen. Die Homepage von Guru Dev Singh ist www.gurudevsnr.com/ oder www.sat-nam-rasayan.de

Übungen aus dem Kundalini-Yoga

Gedanken freilassen

Die Silben „wa-hey-guru“ sollen helfen, einen klaren Kopf zu bekommen.

  • Bei „wa“ die Aufmerksamkeit auf das rechte Auge lenken.
  • Bei „hey“ auf das linke Auge.
  • Bei „guru“ auf die Nasenspitze konzentrieren.
  • Einige Male wiederholen.

Wohlfühlmeditation

Steigert das Wohlbefinden.

  • Die Daumen jeder Hand auf den Nagel des kleinen Fingers legen.
  • Die drei mittleren Finger sind gestreckt, die Handflächen zeigen nach vorne.
  • Die Oberarme liegen am Körper an. Die Unterarme zeigen senkrecht nach oben.
  • Bewusst atmen. Acht Minuten halten.

„Ein neues Blatt aufschlagen"

Für innere Sammlung vor dem Neubeginn.

1. Die mittleren drei Finger der linken Hand schließen, kleinen Finger abspreizen.

2. Kleinen Finger mit der rechten Hand umfassen.

3. Die linke Daumenspitze knapp unter der Stirn an die Nasenwurzel setzen. Einige Minuten halten.

Kommentare

Das könnte Sie auch interessieren

Ähnliche Beiträge