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Kolumne

Hängematte

Unser Kolumnist Fred Grimm fragt, wer sich in diesem Land auf Kosten der Allgemeinheit bereichert.

24.05.2020 vonFred Grimm

Unser Kolumnist Fred Grimm fragt, wer sich in diesem Land auf Kosten der Allgemeinheit bereichert.

Seit einigen Jahrzehnten hält sich in der politischen Debatte das hässliche Bild von der „sozialen Hängematte“. Darin machen es sich angeblich Horden von Faulenzern auf Kosten der Allgemeinheit bequem. Sie schwelgen in all dem Luxus, den einem die Hartz IV-Regelsätze in Höhe von monatlich 432 Euro förmlich aufdrängen. Eine verantwortungslose Bande von „Minderleistern“; übrigens bevorzugt von jenen attackiert, die ihre Vermögen unversteuerten Erbschaften sowie trickreichen Finanzberatern verdanken, erworben in jenem Dunkelfeld unserer „Marktwirtschaft“, in dem einige wenige Auserwählte jene Regeln setzen, von denen sie selbst am meisten profitieren.

Was hier vielleicht etwas abstrakt klingt, lässt sich Tag für Tag in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen besichtigen. Im Januar zum Beispiel konnte man dort lesen, dass das „hochmoderne“ Steinkohlekraftwerk Datteln 4 allen Klimaschutzerwägungen zum Trotz in diesem Sommer nun doch ans Netz gehen soll. Der Testbetrieb laufe bereits, alles andere hätte „Strafzahlungen in Milliardenhöhe“ an den Düsseldorfer Betreiber Uniper zur Folge gehabt, erklärte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Laschet. So sind nun mal die Regeln. Nach Berechnungen des BUND dürfen wir uns dank Datteln nun also bis zum „Kohleausstieg“ im Jahr 2038 auf jährlich vier Millionen Tonnen CO2-Emissionen mehr freuen. Und der Uniper-Konzern auf viele weitere Jahre „anstrengungslosen Wohlstand“, wie das ein früherer FDP-Vorsitzender einst genannt hat.

Wenn man mal erklären will, dass „soziale Hängematten“ eher in Vorstandsbüros geknüpft werden statt in der Hochhaussiedlung, gehört die deutsche Kohlepolitik zu den besten Beispielen. Die Energiewirtschaft, einst als unverzichtbare Daseinsvorsorge fest in staatlicher Hand, wurde 1998 privatisiert. Zum „Nutzen der deutschen Kunden“ natürlich – die dafür heute die höchsten Strompreise in ganz Europa zahlen. Im Gegenzug fungieren die Unternehmen der deutschen Energiewirtschaft seither als lukrative Ruhestätte für jene Politiker, die im Amt ihre schützende Hand über die Interessen ihrer späteren Arbeitgeber gehalten hatten – mit verheerenden Konsequenzen.

Es wird höchste Zeit, in diesem Land endlich die wahren „sozialen Hängematten“ abzuschneiden.

Fred Grimm

Seit mindestens dreißig Jahren weiß man, dass Kohlekraftwerke mit ihren hohen CO2-Emissionen ein aktiver, aggressiver Beitrag zur Klimakatastrophe sind. Zum Ausgleich dafür, dass sie bis spätestens 2038 vielleicht dann doch mal damit aufhören, werden an die Kohleindustrie jetzt weit mehr als vier Milliarden Euro aus der Staatskasse gezahlt. Nach all den Jahren voller überdimensionierter Gewinne gibt es jetzt also noch einmal Geld dazu: Zum Trost dafür, dass sie die Welt nicht weiter wissentlich zerstören. So ungefähr geht die Logik dahinter. Es wird höchste Zeit, in diesem Land endlich die wahren „sozialen Hängematten“ abzuschneiden.

Fred Grimm

Der Hamburger Fred Grimm schreibt seit 2009 auf der letzten Seite von Schrot&Korn seine Kolumne über gute grüne Vorsätze – und das, was dazwischenkommt. Als Kolumnist sucht er nach dem Schönen im Schlimmen und den besten Wegen hin zu einer besseren Welt. Er freut sich über die rege Resonanz der Leser und darüber, dass er als Stadtmensch auf ein Auto verzichten kann.

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